Aufgaben und Herausforderungen

Maßnahmen des Kulturerhalts, der Vermittlung, der Ausbildung und Weiterqualifizierung sowie der touristischen Erschließung haben neben den wissenschaftlichen Fragen eine neue Wertigkeit und rechtliche Verbindlichkeit durch die international gültigen rechtlichen Grundlagen moderner archäologischer Forschung erhalten. Diesen international gesetzten Standards ist das DAI in seiner Arbeit verpflichtet und setzt mit eigenen Entscheidungen und Leitfäden selbst Richtmaße.

Aufgrund des aktuellen Rechtsrahmens ist bereits bei der Planung einer Grabung der Umgang mit dem Grabungsplatz und den Denkmälern nach der Grabung mitzudenken. Die Regelung impliziert also ein umfassendes Site Management. Die hierfür erforderlichen unterschiedlichen Aufgaben und Arbeitsschritte erfordern aber immer zunächst die wissenschaftlich fundierte Erforschung und Dokumentation des Denkmals. Sie sind die Voraussetzung nicht nur für konservatorische und restauratorische Maßnahmen, sondern auch für die Entwicklung von tragfähigen und nachhaltigen Präsentationskonzepten der jeweiligen Grabungsplätze.

1. Prospektion

Jede Grabung beginnt heute mit ausführlichen Prospektionen. Unter der Erde liegende Strukturen können über Luftbilder, Satellitenbilder, über das Scannen des Geländes (z. B. Airborn Laserscanning) oder über geophysikalische Prospektionsmethoden erkennbar gemacht werden. Ziel ist es, die unter der Erde liegenden Strukturen in ihrem größeren Zusammenhang sichtbar zu machen und die Grabungen auf gezielte Grabungsschnitte zu beschränken. 

2. Bauaufnahme

Grundlage jeder wissenschaftlichen Dokumentation ist die exakte, verformungsgetreue Dokumentation des Bauwerkes, d. h. die Bauaufnahme des Istzustands. Die Methoden sind hierbei unabhängig vom Alter der Anlagen und werden ebenso für 10.000 Jahre alte Steinkreise auf dem Göbekli Tepe, Pyramiden in Ägypten, griechische Tempel, römische Stadttore oder gar neuzeitliche, noch heute bewohnte Häuser angewendet. Die Bauaufnahmen sind zum einen die Grundlage dafür, die Geschichte eines Bauwerks zu verstehen, seine bautechnischen Eigenarten zu studieren und sein ursprüngliches Erscheinungsbild rekonstruieren zu können. Zum anderen dienen sie vorbereitenden Maßnahmen für die Konservierung bzw. Restaurierung wie zum Beispiel Material- und Schadenskartierungen, sowie zur verantwortungsvollen Planung denkmalpflegerischer Maßnahmen, die in der Regel nicht nur den Erhalt der originalen Bausubstanz, sondern auch der Spuren der Nutzungsgeschichte eine Bauwerkes beinhalten sollte. Nur auf dieser Grundlage können Planungen für notwendige Ergänzungen, Wiederaufbauten oder statische Ertüchtigungen durchgeführt werden. Die rasante Entwicklung im Vermessungswesen hat dabei den Bauforschern die Nutzung vielfältiger neuer Dokumentationsmethoden wie digitale Photogrammetrie oder Laserscanning ermöglicht, die auch die Visualisierung geplanter Restaurierungs- und Schutzmaßnahmen in der topographischen Umgebung vereinfachen.

3. Survey

Bei einem Survey wird ein größerer räumlicher Zusammenhang in den Blick genommen, d. h. es werden die Denkmäler ganzer Landschaften untersucht. Hier geht es darum, durch Kartierungen, über Satellitenbilder und vor allem auch systematische Begehungen eine Kulturlandschaft mit allen ihren Denkmälern zu dokumentieren und in ihrer historischen Entwicklung zu verstehen. Surveys bilden die Grundlage, um eine Kulturlandschaft zu schützen oder sie zumindest im Vorfeld notwendiger Infrastrukturmaßnahmen (beispielsweise vor dem Bau einer neuen Autobahn) zu dokumentieren.

4. Dokumentation und Archivierung

Herzstück aller Maßnahmen ist die sorgfältige Dokumentation. Ausgrabungen können immer nur einmal durchgeführt werden, da auf dem Weg von den jungen Schichten an der Oberfläche zu den tief in der Erde liegenden Phasen der Vergangenheit die Schichten weitgehend abgetragen werden. Der Vorgang des Ausgrabens ist somit irreversibel, weshalb der Grabungsdokumentation eine besondere Bedeutung zukommt. Damit sind besondere Herausforderungen an den Umgang mit den Archiven gestellt. Es sind insbesondere Wege zu finden, die heute zunehmend digital erhobenen Daten langfristig zu sichern. Das Deutsche Archäologische Institut entwickelt daher zusammen mit vielen deutschen Partnern das Forschungsdatenzentrum für Archäologie und Altertumswissenschaften IANUS.

5. Digitale Denkmalregister

Bereits 1815 hat Friedrich Schinkel in einem Memorandum das Erstellen von Denkmalregistern gefordert, um wichtige Baudenkmäler zu erfassen und als erhaltenswürdig zu schützen. Heute verfügen in Deutschland die meisten Bundesländer über digitale Denkmalregister, die auch archäologische Denkmäler (sog. Bodendenkmäler) enthalten. In vielen Ländern dieser Welt fehlen solche Denkmalregister jedoch, so dass auch in Planungsprozessen bei Infrastrukturmaßnahmen oder im Vorfeld des Abbaus von Bodenschätzen keine Informationen zur Verfügung stehen, um eventuell Denkmäler zu schützen oder zumindest vor ihrer Zerstörung zu dokumentieren. Das DAI hat daher nicht nur ein leicht zu bedienendes Schnellerfassungssystem für Denkmäler (iDAI.search) aufgebaut, sondern auch seine digitale Umgebung (iDAI.welt) so ausgerichtet, dass die Daten zum Aufbau von Denkmalregistern in den Gast- und Partnerländern zur Verfügung gestellt werden können.

6. Maßnahmen der Baudenkmalpflege

Einmal durch Grabungen ans Tageslicht geholt, bedürfen archäologische Baudenkmäler unweigerlich der kontinuierlichen Pflege und Konservierungsmaßnahmen. Was freigelegt wurde, ist zumeist in einem ruinösen Zustand mit der Tendenz, sich weiter aufzulösen. Oftmals sind ausgegrabene Mauern, Säulen, Pfeiler usw. nicht standsicher, da sie nicht mehr in ihrem ehemaligen statischen Gefüge stehen. Besonders Bruchsteinmauern und Lehmmauerwerk zerfallen ungesichert in relativ kurzer Zeit. Fußböden, Mosaiken, Wandmalereien sind ohne erheblichen restauratorischen Aufwand kaum zu retten, wenn sie ungeschützt dem Einfluss von Regen, Sonne, Frost und Wind ausgesetzt sind. Ein verantwortungsvoller Umgang mit archäologischen Stätten bedarf daher einer intensiven Baudenkmalpflege. Auf der einen Seite hat dabei der Schutz der Ruine oberste Priorität, auf der anderen Seite soll die archäologische Stätte durch geeignete Maßnahmen aber auch verstehbar sein, wodurch sie zu einem Tourismusmagnet werden kann. Dies erhöht den Aufwand, mit dem die Ruine vor Zerstörung geschützt und denkmalverträglich erschlossen werden kann. Es sind jeweils individuelle Einzelentscheidungen, die auf die jeweiligen Erhaltungsbedingungen, aber auch auf die topographischen und politischen Gegebenheiten und Möglichkeiten eingehen müssen. Sie reichen daher von der Sicherung von Mauerkronen und Mauerfugen, dem Aufstellen einer Architekturprobe, aufwendigen Bausicherungen bis zu Schutzbauten oder gar einem Teilwiederaufbau. Die einzelnen Maßnahmen werden dabei nach der wissenschaftlichen Erforschung kompetent geplant und betreut und sowohl handwerklich als auch technisch auf höchstem Niveau ausgeführt.

7. Touristische Erschließung

Bildungstourismus ist ein nicht geringer Bestandteil des Bruttosozialproduktes (BSP). Eine Studie der Fraunhofer-Gesellschaft (J. Leissner) zeigt die Bedeutung des Sektors für Europa auf: Der Bildungstourismus macht in Malta 20 %, in Zypern 25 %, in Frankreich 7 %, und in Deutschland 8 % des BSP aus. In vielen Ländern stehen dabei archäologische Stätten im Mittelpunkt. Dementsprechend groß ist die Bedeutung, die der touristischen Erschließung und Vermittlung beigemessen wird. Dies setzt Forschung voraus, durch die überhaupt erst die Inhalte generiert werden, die vermittelt werden sollen. Gleichzeitig ist Forschung für eine optimale Vermittlung notwendig. Das Deutsche Archäologische Institut unterstützt durch seine Forschungstätigkeit die Partnerländer bei der touristischen Erschließung der antiken Stätten.

8. Nutzungskonzepte

Eine besondere Fragestellung des Umgangs mit Denkmälern stellt sich besonders, wenn diese in Städten liegen. Hier stehen die touristische Erschließung und der Erhalt eines Denkmals vor großen Herausforderungen. Es stellt sich vielfach die Frage, wie Denkmäler in die urbanen Funktionsbereiche und Notwendigkeiten eingebunden und genutzt werden können. 

9. UNESCO-Weltkulturerbe

1972 wurde in Paris das "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verabschiedet, das 1975 in Kraft trat. 190 Staaten sind diesem Übereinkommen beigetreten und haben sich verpflichtet, das auf ihrem Gebiet befindliche Welterbe selbst zu erfassen, zu schützen und zu erhalten. Gleichzeitig sichern sie sich internationale Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe zu, um diese Aufgaben zu erfüllen. Dies ist auch für das Deutsche Archäologische Institut verpflichtend, das weltweit durch seine Arbeit an archäologisch bedeutenden Stätten Nominierungsverfahren unterstützt – wie jüngst in Pergamon und auf dem Göbekli Tepe – oder beispielsweise durch seine Forschungen in der Zitadelle in Erbil (Föderale Region Kurdistan – Irak) indirekt die Nominierung befördert. 

10. Awareness Raising

Zentral für den Erhalt des kulturellen Erbes ist es jedoch nicht allein, den Schutz archäologischer Stätten und Museen allein staatlichen Organen als Aufgabe zu überlassen. Diese Aufgabe muss aus dem Willen der Gesellschaft insgesamt erwachsen. Der Schlüssel zu einer solchen gesellschaftlichen Willensbildung sind Wissen um die Existenz und den Charakter des archäologischen Kulturerbes sowie das Verstehen der Bedeutung, die dieses kulturelle Erbe für die eigene Gegenwart hat. Eine solche Grundlage an Wissen und Verstehen kann nachhaltig nur dann gelegt werden, wenn es auf unterschiedlichen Ebenen geschieht. So hat das DAI z. B. für Schulen in Ägypten Materialien erarbeitet, ein solches Wissen und Verstehen im Unterricht zu vermitteln. Informationsmaterial und Schulungen der lokalen Bevölkerung gehören ebenso dazu wie das Ziel Informationen auf anderen Wegen (beispielsweise über Smartphone-Apps) zur Verfügung zu stellen.

11. Bauhütten

Das DAI verfügt über eine lange Tradition des Transfers der Forschung in die Praxis, die dann automatisch in Erkenntnisse über die Bauten zurückwirkt. Gemeint ist die lange Tradition der Ausbildung von Bauhütten und in Bauhütten. Im Kern geht es darum für eine nachhaltigen Schutz der Denkmäler Handwerker, Restauratoren und Steinmetze auszubilden. Damit werden nachhaltig Kapazitäten aufgebaut. Die Bauhütte, die in den Jahren von 1979–1994 bei den Arbeiten am Trajaneum in Pergamon aufgebaut wurde, wirkt bis heute in der Türkei nach. In Resafa in Syrien, in Yeha in Äthiopien, an vielen Plätzen in Ägypten und auch anderen Orten der Türkei, wie Hattusa wurden und werden entsprechende Bauhütten aufgebaut.

12. Ausbildung

Fachwissenschaftliche Kurse, Summerschools, die Lehre an Universitäten und die Aus- und Weiterbildung im archäologisch-praktischen Bereich sind neben der Ausbildung in Restaurierung, in entsprechenden Handwerken und in der Steinhauerei wichtige Bestandteile der Kooperation und der Nachwuchsförderung. Hier geht es darum, über solche Angebote Kapazitäten in einer Wechselwirkung zwischen den Gast- und Partnerländern und Deutschland aufzubauen.

13. Kulturgüterschutz und der Kampf gegen den illegalen Kunsthandel

Weltweit bedrohen Raubgrabungen bekannte und noch unbekannte archäologische Stätten. Ziel ist immer, verkaufbare Antiken für den illegalen Kunstmarkt aus dem Boden zu wühlen. Architektur und archäologische Schichten werden dabei irreversibel zerstört und die Gegenstände ihres Kontexts beraubt. Das DAI unterstützt daher die lokalen Antikenverwaltungen im Kampf gegen diese Zerstörung und beteiligt sich sowohl an internationalen Maßnahmen als auch in der Anpassung der deutschen Gesetze zum Schutz des Kulturerbes.
Im Mai 2007 trat das "Gesetz zur Ausführung des UNESCO-Übereinkommens vom 14. November 1970 über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut" sowie eine Aktualisierung des "Gesetzes zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" in Kraft. Eine Berichtigung des Gesetzes wurde im November 2007 bekanntgegeben, die notwendige Verordnung zur Führung eines Verzeichnisses wertvollen Kulturguts am 15. Oktober 2008. Nach Hinterlegung der Ratifizierungsurkunde des UNESCO-Übereinkommens bei der UNESCO am 30. November 2007 trat das Gesetz am 29. Februar 2008 in Deutschland in Kraft (Bundesgesetzblatt Jahrgang 2008 Teil II Nr. 7, ausgegeben zu Bonn am 8. April 2008). Das Gesetz fokussiert auf das nationale, herausragende Kulturgut. Es muss in Listen erfasst sein, die in Deutschland bekannt gegeben werden müssen. Archäologische Funde aus Raubgrabungen sind damit in der Regel nicht zu erfassen, da sie zunächst unbekannt und daher nicht in Listen aufgenommen sind. Die vorgesehene Möglichkeit der Nachmeldung hat, der Intention des UNESCO-Übereinkommens folgend, das herausragende Kulturgut im Blick. Der katastrophalen Zerstörung der archäologischen Orte und ihrer Architektur kann damit nicht Einhalt geboten werden.
Für die 18. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages ist daher im Koalitionsvertrag eine Novellierung des Gesetzes vereinbart worden, mit der auch die kürzlich neugefasste EU-Gesetzgebung in deutsches Recht umgesetzt werden soll.