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Forschungsplan und Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Cluster 2: Innovationen: technisch, sozial

Das Forschungscluster Innovationen: technisch, sozial bündelt die am Deutschen Archäologischen Institut existierenden Forschungsprojekte, die in besonderer Weise Innovationen in den Vordergrund rücken. Den Schwerpunkt bilden dabei komplexe Gesellschaften; den spezifischen Fragen und Problemen, die mit der 'neolithischen Revolution' verbunden sind, ist ein eigenes Cluster gewidmet.

Verantwortliche

R. Eichmann, S. Hansen, C. Schuler

Einleitung

Die Erfahrung von Wandel prägt die moderne Lebenswelt in allen Bereichen. Nicht nur allmähliche Veränderungen, sondern der Zwang zu Reformen und die ständige Suche nach Innovationen in einem globalen Wettbewerb bestimmen das Bewußtsein von Politik und Gesellschaft. Innovationen werden als unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewältigung der Zukunft, die Bewahrung von Lebensstandards und die Stabilität der Gesellschaftsordnung betrachtet und deshalb gezielt und in hohem Tempo angestrebt. Dabei werden Innovationen heute vor allem als technische verstanden, und die noch vor kurzem stärker akzentuierte Kritik an naiver Technikgläubigkeit hat einer differenzierteren Sicht Platz gemacht, in der die Lösung drängender Probleme wieder vor allem von neuen, 'intelligenten' Techniken erhofft wird. Auf der anderen Seite stehen Verunsicherung und Zukunftsängste breiter Bevölkerungskreise angesichts des Veränderungsdrucks auf bis dahin selbstverständlich tragende Strukturen. Diese Beobachtungen verweisen auf die Einbettung von Technik und Innovationen in ihren gesellschaftlichen Kontext und die Abhängigkeit ihrer Akzeptanz von der herrschenden Mentalität.

In starkem Kontrast zur heutigen Situation wirken vormoderne Kulturen in ihrem Entwicklungsgang langsam oder geradezu statisch. Vielfach blieben die konkreten Lebensumstände innerhalb einzelner Generationen nahezu unverändert. Dabei ist Statik nicht mit Stabilität zu verwechseln: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erlaubte oft nicht mehr als ein labiles Gleichgewicht mit geringer Krisentoleranz, so daß Kriege oder Naturkatastrophen schwere Rückschläge bewirken konnten. Über Generationen langsam erarbeitete Fortschritte konnten auf diese Weise fast mit einem Schlag wieder zunichte gemacht werden.

Dennoch spielen auch und gerade in vormodernen Gesellschaften Entwicklungsimpulse und Neuerungen aller Art eine zentrale Rolle. Sie sind aufgrund ihres selteneren Vorkommens sogar ein besonders interessantes Phänomen. Denn gerade vor dem Hintergrund eines grundsätzlich langsamen Entwicklungstempos drängt sich umso mehr die Frage nach den Bedingungen der Entstehung und Ausbreitung von Innovationen auf.

Innovationen haben in der frühen Menschheitsgeschichte zweifellos eine wichtige Rolle gespielt. Das Bündel von neuen Techniken, das Gordon Childe mit der griffigen Formel der "Neolithischen Revolution" belegte, veränderte grundlegend die Wirtschafts- und Lebensweise des Menschen. Die Erfindung des Rades im 4. Jahrtausend empfinden wir als so elementar, daß sie in Form von Redewendungen in unsere Sprache eingegangen ist. Die 'Erfindung' der Demokratie im klassischen Athen ist festes Traditionselement der europäischen Geschichte. Die Entstehung des Christentums in der frühen römischen Kaiserzeit markiert den Beginn eines langen Konflikts mit den traditionellen Kulten, der schließlich zu einem tiefgreifenden Wandel aller Ebenen der antiken Welt beitrug. Obwohl also die Bedeutung von Innovationen für die Herausbildung sozialer und politischer Organisation unbestritten ist, ist dieser Zusammenhang bislang im Rahmen der modernen archäologischen und altertumswissenschaftlichen Forschung noch kaum untersucht worden. Für die dafür erforderliche Langzeitperspektive bieten sich die Archäologien und Altertumswissenschaften an, um im Kulturvergleich neue komparative Einsichten in die Verschiedenheit innovativer Prozesse zu gewinnen.

Dabei geht es nicht um eine traditionelle Fortschrittsgeschichte der technischen Erfindungen, sondern um die Bedeutung von Techniken verschiedenster Art in kulturellen Systemen. Der Begriff der 'Innovation' steht deshalb im folgenden nicht nur für technische Neuerungen im engeren Sinn, sondern auch für neue Erscheinungen in anderen kulturellen Bereichen. Das Aufkommen neuer religiöser Kulte gehört dazu ebenso wie die Entwicklung von Gebäudetypen oder die Einführung neuer öffentlicher Ämter. In einer kulturgeschichtlich orientierten Betrachtung sollen technische und andere Innovationen nicht in erster Linie als funktionale Problemlösungen, sondern im Hinblick auf ihre soziale und symbolische Dimension betrachtet werden. Gesellschaftliche Strukturen und Innovationen bedingen sich gegenseitig. Die Möglichkeit und konkrete Entfaltung von Innovationen ist abhängig von den Strukturen einer Gesellschaft, und ihre Durchsetzung und Ausbreitung hat wiederum Auswirkungen auf das soziale Gefüge. Ein prinzipielles Positivurteil im Sinne eines linearen Fortschrittsdenkens ist dabei zu vermeiden. Was als 'Fortschritt' bewertet wird, ist vielmehr Ausdruck zeitgebundener Werturteile sowohl im Kontext des untersuchten Zeitraums wie in der Perspektive des Forschenden und deshalb einer kritischen Reflexion zu unterwerfen. Das schließt auch und gerade eine Perspektive auf die Verweigerung von Innovation und den Widerstand gegen sie ein. Neben der Bedeutung von Innovationen als Motor sozialen Wandels ist deshalb die starke Traditionsorientierung vieler vormoderner Gesellschaften in den Blick zu nehmen.

 

Für den konkreten Arbeitsprozeß ist es sinnvoll, zwei Schwerpunkte zu bilden.

TECHNISCHE INNOVATIONEN

In diesem Block sollen in engerem Sinne technikgeschichtliche Untersuchungen ihren Platz finden. Die Konzentration auf zwei zentrale natürliche Ressourcen und ihre Nutzung durch den Menschen bietet sich im Sinne einer Bündelung innerhalb des DAI vorhandener Forschungsschwerpunkte an. Es ist klar, daß die Archäologie hierfür an aktuelle Diskussionen über die Kulturgeschichte der Technik bzw. von Techniken in anderen Kulturwissenschaften anknüpfen muß.

a) Ressource Wasser

Dem Umgang mit Wasser als einer Grundbedingung des Lebens ist für die Herausbildung sozialer Formationen immer große Bedeutung beigemessen worden, wie etwa die anhaltende Diskussion über die Rolle der Bewässerungswirtschaft für die Staatsentstehung in Mesopotamien zeigt. Die Mechanismen und Techniken, die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen antiken Wassermanagements sind in den Zivilisationszentren der großen alluvialen Flußtäler (z. B. Nil, Euphrat/Tigris, Indus, Yangtse usw.) und der bedeutenden Oasen archäologisch-baugeschichtlich und/oder aus schriftlicher Überlieferung meist gut bekannt. Folgenreich für Natur und Mensch waren vor allem wasserbautechnische Innovationen in ariden Regionen Ägyptens und Mesopotamiens ohne ganzjährig verfügbare Wasserressourcen. Die frühen Hochkulturen, die dort entstanden, waren von Bewässerungstechniken abhängig, entsprechende Befunde werden aber häufig nicht identifiziert oder in ihrer Bedeutung für die Kulturentwicklung unterschätzt.

Innerhalb des DAI spielen wasserwirtschaftliche Projekte vor allem in der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen und der Orient-Abteilung eine wichtige Rolle. Mehrere laufende Projekte behandeln im Hinblick auf unterschiedliche Kulturen ähnliche Fragestellungen zur Wasserwirtschaft und können von einer vergleichenden Perspektive profitieren. Besonders lohnend erscheint eine geographisch übergreifende, vergleichende Untersuchung zur Adaption menschlichen Verhaltens an konkrete Umweltbedingungen. In einer erweiterten Perspektive wäre zu prüfen, inwieweit das Wissen über antike Wasserbautechniken für die Lösung gegenwärtiger wasserwirtschaftlicher Probleme herangezogen werden könnte.

b) Ressource Metall

Metalle spielten in der Prähistorie und der Antike eine bedeutende Rolle für die Verbesserung von Geräten und Waffen und als Darstellungsmittel sozialen Rangs. Die Epochenbenennung in der Prähistorischen Archäologie ist seit dem 19. Jh. an die jeweils charakteristische Verwendung einzelner Metalle angelehnt (Kupfer-, Bronze-, Eisenzeit).

Technische Innovationen in der Metallurgie und infolge metallurgischer Fortschritte sind mehrfach von entscheidender Bedeutung gewesen. Die Bedeutung der Metalle für die grundlegende Umgestaltung der neolithischen Ökonomie und die Herausbildung politischer Macht wird bereits seit langem diskutiert. Aber auch in späteren Epochen spielen die Kontrolle über Rohstoffvorkommen, die Gewinnung von Metallen und die Methoden ihrer Verarbeitung und Verwendung eine zentrale Rolle. Hier können verschiedene Projekte in einen unmittelbaren Diskussionszusammenhang eintreten und gemeinsam untersuchen, in welchem Ausmaß Innovationen auf dem Gebiet der Metallurgie das gesellschaftliche Leben veränderten. Insbesondere in der Eurasien-Abteilung und in der Abteilung Madrid bestehen zu diesem Thema bereits eigene Forschungsschwerpunkte.

Soziale Innovationen

Innerhalb dieses besonders weiten Feldes empfiehlt sich eine Konzentration auf zwei zentrale Bereiche, wobei die Interdependenz von technisch-funktionaler Innovation und sozioökonomischer Entwicklung im Mittelpunkt steht.

a) Gesellschaftliche und politische Institutionen

Das Aufkommen von institutionalisierten Häuptlingen war in neolithischen akephalen Gesellschaften eine Innovation, die für die Organisation des Bergbaus bzw. die Mobilisierung von Arbeitskraft entscheidend gewesen sein dürfte. Die Entwicklung oder Übernahme der Schrift ist als einschneidender Entwicklungsschritt früher Gesellschaften von besonderer Bedeutung. Der Staat oder besondere Formen des Gemeinwesens wie die griechische Polis waren innovative Organisationsformen mit nachhaltigen Folgen für die weitere kulturelle Entwicklung. Diese Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, unterstreichen die Bedeutung institutioneller Neuerungen quer durch die Epochen. Mehrere Projekte innerhalb des DAI beschäftigen sich mit Einzelaspekten innovativer Prozesse dieser Art und können von einem verstärkten Austausch profitieren.

b) Mobilität und Wissenstransfer

Innovationen sind teils die Folge echter Erfindungen im Sinne bewußter kreativer Akte bestimmter Personen, teils entstehen sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums als Summe vieler kleiner Schritte, deren Ergebnis sich schließlich als deutlicher Entwicklungsschritt bemerkbar macht. Innovationen der zweiten Kategorie sind als kollektive Entwicklungen von Anfang an gesellschaftlich breit verankert, sie entstehen aus der Praxis und fließen unmittelbar in die Praxis ein. Dagegen sind Erfindungen oft Produkte einzelner Köpfe oder einer intellektuellen Avantgarde, die für eine breite Wirkung einer bewußten Förderung und des Werbens um Akzeptanz bedürfen. Teilweise sind ihre Urheber aber auch gar nicht an einer praktischen Anwendung interessiert. Aus moderner Sicht erscheint es paradox, daß antike Wissenschaftler wiederholt wichtige Erkenntnisse und Erfindungen erreichten, zu deren praktischer Umsetzung es niemals kam. Das Beispiel illustriert, daß die Ausbreitung von Innovationen nicht nur durch Mißtrauen oder Widerstand gegen Neuerungen gehemmt werden kann, sondern auch durch schlichtes Desinteresse. Warum manche Innovationen bereitwillig aufgenommen wurden und andere nicht, ist ein interessanter Aspekt der Mentalitätsgeschichte. Bei der Verbreitung von Innovationen können sowohl Medien der Mobilität, wie das Rad oder das domestizierte Pferd, als auch institutionelle Formen von Mobilität eine Rolle spielen. Mit Mobilität verbunden sind Wissenstransfers auf verschiedenen Ebenen, von technischen über soziale Innovationen bis hin zu sakralem Wissen. Dabei ist andererseits die Möglichkeit paralleler Entwicklung an verschiedenen Orten nicht aus dem Blick zu verlieren.

Arbeitsprogramm

Das Forschungscluster wird sich Anfang März mit einem von den Sprechern diskutierten Programmentwurf an die Abteilungen und die Einzelprojekte mit der Aufforderung zur Mitarbeit wenden. Im Laufe des Jahres 2006 soll an einer ausführlicheren theoretischen Fundierung von "Innovationen: technisch, sozial" gearbeitet werden.

a) Ressource Wasser

Dem Umgang mit Wasser als einer Grundbedingung des Lebens ist für die Herausbildung sozialer Formationen immer große Bedeutung beigemessen worden, wie etwa die anhaltende Diskussion über die Rolle der Bewässerungswirtschaft für die Staatsentstehung in Mesopotamien zeigt. Die Mechanismen und Techniken, die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen antiken Wassermanagements sind in den Zivilisationszentren der großen alluvialen Flußtäler (z. B. Nil, Euphrat/Tigris, Indus, Yangtse usw.) und der bedeutenden Oasen archäologisch-baugeschichtlich und/oder aus schriftlicher Überlieferung meist gut bekannt. Folgenreich für Natur und Mensch waren vor allem wasserbautechnische Innovationen in ariden Regionen Ägyptens und Mesopotamiens ohne ganzjährig verfügbare Wasserressourcen. Die frühen Hochkulturen, die dort entstanden, waren von Bewässerungstechniken abhängig, entsprechende Befunde werden aber häufig nicht identifiziert oder in ihrer Bedeutung für die Kulturentwicklung unterschätzt.

Innerhalb des DAI spielen wasserwirtschaftliche Projekte vor allem in der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen und der Orient-Abteilung eine wichtige Rolle. Mehrere laufende Projekte behandeln im Hinblick auf unterschiedliche Kulturen ähnliche Fragestellungen zur Wasserwirtschaft und können von einer vergleichenden Perspektive profitieren. Besonders lohnend erscheint eine geographisch übergreifende, vergleichende Untersuchung zur Adaption menschlichen Verhaltens an konkrete Umweltbedingungen. In einer erweiterten Perspektive wäre zu prüfen, inwieweit das Wissen über antike Wasserbautechniken für die Lösung gegenwärtiger wasserwirtschaftlicher Probleme herangezogen werden könnte.

b) Ressource Metall

Metalle spielten in der Prähistorie und der Antike eine bedeutende Rolle für die Verbesserung von Geräten und Waffen und als Darstellungsmittel sozialen Rangs. Die Epochenbenennung in der Prähistorischen Archäologie ist seit dem 19. Jh. an die jeweils charakteristische Verwendung einzelner Metalle angelehnt (Kupfer-, Bronze-, Eisenzeit).

Technische Innovationen in der Metallurgie und infolge metallurgischer Fortschritte sind mehrfach von entscheidender Bedeutung gewesen. Die Bedeutung der Metalle für die grundlegende Umgestaltung der neolithischen Ökonomie und die Herausbildung politischer Macht wird bereits seit langem diskutiert. Aber auch in späteren Epochen spielen die Kontrolle über Rohstoffvorkommen, die Gewinnung von Metallen und die Methoden ihrer Verarbeitung und Verwendung eine zentrale Rolle. Hier können verschiedene Projekte in einen unmittelbaren Diskussionszusammenhang eintreten und gemeinsam untersuchen, in welchem Ausmaß Innovationen auf dem Gebiet der Metallurgie das gesellschaftliche Leben veränderten. Insbesondere in der Eurasien-Abteilung und in der Abteilung Madrid bestehen zu diesem Thema bereits eigene Forschungsschwerpunkte.

a) Gesellschaftliche und politische Institutionen

Das Aufkommen von institutionalisierten Häuptlingen war in neolithischen akephalen Gesellschaften eine Innovation, die für die Organisation des Bergbaus bzw. die Mobilisierung von Arbeitskraft entscheidend gewesen sein dürfte. Die Entwicklung oder Übernahme der Schrift ist als einschneidender Entwicklungsschritt früher Gesellschaften von besonderer Bedeutung. Der Staat oder besondere Formen des Gemeinwesens wie die griechische Polis waren innovative Organisationsformen mit nachhaltigen Folgen für die weitere kulturelle Entwicklung. Diese Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, unterstreichen die Bedeutung institutioneller Neuerungen quer durch die Epochen. Mehrere Projekte innerhalb des DAI beschäftigen sich mit Einzelaspekten innovativer Prozesse dieser Art und können von einem verstärkten Austausch profitieren.

Forschungsprojekte

Griechische Kolonien in archaischer und klassischer Zeit

Die griechischen Kolonien spielten eine wichtige Rolle als Experimentierfelder, die zur institutionellen Entwicklung der Polis und zur Erfindung neuer Stadtformen bedeutende Beiträge leisteten. Die Kolonien waren zugleich Kontaktzonen, in denen Kulturgüter und Ideen zwischen Griechen und Einheimischen sowie über den Handel zwischen Griechenland und den Nachbarkulturen im Westen und Osten vermittelt wurden. Dieser Austausch führte zu vielfältigen Anregungen für alle Beteiligten. Die von mehreren Abteilungen des DAI betriebenen Forschungen zu griechischen Kolonien in Unteritalien und auf Sizilien sowie im Schwarzmeergebiet sind aus verschiedenen Blickwinkeln für die Frage relevant, inwieweit die Städtegründungen als Innovationsträger gelten können.

b) Mobilität und Wissenstransfer

Innovationen sind teils die Folge echter Erfindungen im Sinne bewußter kreativer Akte bestimmter Personen, teils entstehen sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums als Summe vieler kleiner Schritte, deren Ergebnis sich schließlich als deutlicher Entwicklungsschritt bemerkbar macht. Innovationen der zweiten Kategorie sind als kollektive Entwicklungen von Anfang an gesellschaftlich breit verankert, sie entstehen aus der Praxis und fließen unmittelbar in die Praxis ein. Dagegen sind Erfindungen oft Produkte einzelner Köpfe oder einer intellektuellen Avantgarde, die für eine breite Wirkung einer bewußten Förderung und des Werbens um Akzeptanz bedürfen. Teilweise sind ihre Urheber aber auch gar nicht an einer praktischen Anwendung interessiert. Aus moderner Sicht erscheint es paradox, daß antike Wissenschaftler wiederholt wichtige Erkenntnisse und Erfindungen erreichten, zu deren praktischer Umsetzung es niemals kam. Das Beispiel illustriert, daß die Ausbreitung von Innovationen nicht nur durch Mißtrauen oder Widerstand gegen Neuerungen gehemmt werden kann, sondern auch durch schlichtes Desinteresse. Warum manche Innovationen bereitwillig aufgenommen wurden und andere nicht, ist ein interessanter Aspekt der Mentalitätsgeschichte. Bei der Verbreitung von Innovationen können sowohl Medien der Mobilität, wie das Rad oder das domestizierte Pferd, als auch institutionelle Formen von Mobilität eine Rolle spielen. Mit Mobilität verbunden sind Wissenstransfers auf verschiedenen Ebenen, von technischen über soziale Innovationen bis hin zu sakralem Wissen. Dabei ist andererseits die Möglichkeit paralleler Entwicklung an verschiedenen Orten nicht aus dem Blick zu verlieren.