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Forschungsplan und Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Cluster 3: Politische Räume

Verantwortliche

R. Haensch (Stellvertreterin: U. Wulf-Rheidt)

Einleitung

Das Deutsche Archäologische Institut betreibt und fördert Forschungen zur Deutung und zum Verständnis menschlichen Verhaltens in der Vergangenheit. Dieses Ziel impliziert die Beschäftigung mit den Kategorien Zeit und Raum als konstitutiven Grundlagen von Geschichte überhaupt. Nachdem der Zeit im neuzeitlichen Denken lange eine Vorrangstellung eingeräumt worden war, deutet sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Verschiebung der Interessen an. Fragen nach Räumen und ihrer Funktion als Träger sozialer Praxis gewinnen an Gewicht, so dass mittlerweile gar von einem "spatial turn" (D. Cosgrove) in den Kulturwissenschaften die Rede ist.

Trotz der Aktualität des Themas ist die Diskussion nicht neu: In der derzeitigen Debatte werden Theoreme weiterentwickelt, die erstmalig um die Wende vom 19. zum 20. Jh. formuliert worden sind. Im damals geführten soziologischen und kulturphilosophischen Diskurs wurde Raum nicht mehr als statische Größe wahrgenommen, sondern als die Art und Weise, wie Räume gestaltet werden. Damit war die Beschreibung von Räumen als Produkte sozialer Interaktion möglich geworden, deren kulturelle Formung erst durch ihre Nutzer und deren Wahrnehmung stattfindet.

Diese Positionen werden momentan wieder aufgegriffen, nachdem Forschungen zu Raumfragen seit der Nachkriegszeit kaum weiterentwickelt worden sind. Eine Ursache dafür war die Bedeutung der Kategorie Raum in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Expansionspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Hinzu kam die Verabsolutierung des Raumbegriffes z.B. in der Kunstwissenschaft der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die den künstlerischen Raum als Strukturmerkmal von Kunstkreisen ansah und ihn infolgedessen zum Ausdruck des `Volkscharakters´ einzelner Ethnien stilisierte. Dieser politisch wie erkenntnistheoretisch gleichermaßen problematischen Verwendung des Raumbegriffs ist es zuzuschreiben, daß die Beschäftigung mit dem Phänomen Raum bis in die 1970er Jahre hinein als ausgesprochen reaktionär angesehen wurde.

Das neue Interesse am Raum in den visuellen und materialorientierten Disziplinen der Kulturwissenschaften, d.h. vor allem in der Kunstgeschichte und der Archäologie, ist ausgesprochen kontextbezogen und strebt insofern nicht nach der Definition struktureller Homologien über Epochengrenzen hinweg. Demgegenüber steht die Frage im Mittelpunkt des Interesses, welchen Beitrag die Kategorie Raum zur Konstruktion sozialer und politischer Wirklichkeit in unterschiedlichen historischen Kontexten leistete. Der methodische Fortschritt gegenüber der bisher üblichen Auseinandersetzung mit räumlichen Gebilden in der archäologischen Forschung liegt darin, daß `Räume´ nicht mehr bloß als materielle Hülsen für menschliches Verhalten angesehen werden (essentialistischer Raumbegriff). Vielmehr wird vorausgesetzt, daß sich Räume erst im Zusammenspiel gebauter Grenzen, festen und beweglichen Inventars, der Nutzung durch Lebewesen und in der Rezeption durch Betrachter konstituieren (dynamischer Raumbegriff). Unter dieser Prämisse, die eine Verbindung des `ästhetischen Raums´ (E. Cassirer) und der Vorstellung von Räumen als Produkten sozialer Interaktion (G. Simmel) darstellt, können Räume als Strukturen analysiert und interpretiert werden, durch die soziale und politische Verhältnisse produziert und reproduziert werden (C. Jöchner mit Bezug auf D. Gregory und J. Ury). In zahlreichen Projekten des DAI, die sich mit Architektur und der Gestaltung von Lebensräumen beschäftigen, kann der dynamische Raum-Begriff zur Anwendung kommen. Innerhalb dieses breiten Spektrums konzentriert sich das Forschungscluster 3 auf solche Projekte, die sich mit politischen Räumen beschäftigen. Darunter werden Räume verstanden, die im Rahmen der Organisation von Gemeinschaften und Gemeinwesen konkrete Funktionen übernehmen. Diese Definition entspricht am ehesten der von H. Arendt entwickelten Vorstellung vom politischen Raum als Handlungssphäre der "vita activa", wobei das politische Handeln auf eine "freie Gestaltung und Veränderung des Gemeinwesens abzielt" (W. Köster). Aus Sicht der archäologischen Forschung können Lagerplätze steinzeitlicher Jägergemeinschaften ebenso als politische Räume gelten wie die Agorai griechischer Poleis. Gemeinsame Fragestellung ist, wie Räume zu Trägern politischer Organisation wurden. Letztere umfaßt den Zugriff auf Ressourcen und die Hierarchisierung von Gesellschaften ebenso wie die Ausprägung und Exekution politischer Macht und den Umgang mit symbolischen Formen.

Die Hauptaufgabe der einzelnen Projekte besteht zunächst in der Rekonstruktion der Räume im oben definierten Sinn, wobei sich je nach Epoche und Überlieferungssituation eine sehr unterschiedliche Detailliertheit der Rekonstruktion möglich ist. Während unter idealen Bedingungen, wie z.B. in den Vesuvstädten, die Chance besteht, anhand des archäologischen Befundes den Prozeß der Ausprägung politischer Räume nachzuvollziehen, ihre Ausstattung in die Interpretation mit einzubeziehen und durch die Verteilung beweglichen Inventars oder in Gestalt von Selbstzeugnissen (Wandinschriften u.ä.) sogar die Benutzer faßbar werden, stehen andernorts zunächst nur die Raumhülsen selbst zur Verfügung. Um trotz dieser sehr heterogenen Basis einen vergleichbaren Querschnitt zu erhalten, bietet es sich an, in einem ersten Schritt nach den konstituierenden Elementen der zu analysierenden Räume zu fragen. Ausgehend von der Prämisse, daß vor der Verbreitung der wissenschaftlichen Geographie und der allgemeinen Zugänglichkeit maßstabsgerechter Karten seit der frühen Neuzeit eine natürliche, d.h. lineare und prinzipiell eindimensionale (=hodologische) Orientierung vorherrschte, gilt es nach den markanten Punkten und Strecken zu fragen, anhand derer man sich orientierte und die zugleich die Räume konstituierten. Erst im Anschluß an die Rekonstruktion der jeweiligen hodologischen Schemata kann der Beitrag analysiert werden, den die so gestalteten Räume und Territorien zur Ausprägung politischer Strukturen leisteten.

In einem ersten Workshop im Dezember 2006 wurde die methodische und inhaltliche Ausrichtung des Clusters diskutiert und die Terminologie präzisiert. Weiterhin konnten vier Forschungsfelder definiert werden, denen sich die einzelnen Projekte des Forschungsclusters zugeordnet haben. Dabei können einzelne Projekte in mehreren Forschungsfeldern vertreten sein. Die Forschungsfelder sind folgendermaßen gegliedert:

Ergebnisse

Rundbrief

Über aktuelle Entwicklungen und Aktivitäten des Clusters 3 informiert halbjährlich der allgemeine Rundbrief. Folgende Ausgaben liegen zum Download vor:

Cluster3 Rundbrief 1/2010 (PDF, 368KB)
Cluster3 Rundbrief 2/2010 (PDF, 240KB)

Literatur

Eine Literaturliste zum politischen Raum in vormodernen Gesellschaften liegt zum Download vor:

Cluster3 Literaturliste (PDF, 352KB)

Kontakt

Bei Fragen oder für weitere Informationen zum Cluster 3 wenden Sie sich bitte an:

Mag. phil. Roland Färber
Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik
des Deutschen Archäologischen Instituts
Amalienstraße 73 b
80799 München
Deutschland
Tel: +49 89 28676774
Fax: + 49 89 28676780
E-Mail: faerber@aek.dainst.de

Forschungsfeld 1: Erschließung und Nutzung

Die im Forschungsfeld «Erschließung und Nutzung von Räumen» vertretenen Projekte kennzeichnet eine beträchtliche geographische Spannweite. Sie reicht von Mitteleuropa, über Italien, Griechenland, Kleinasien, das nördliche Schwarzmeergebiet, Kaukasien, die arabische Halbinsel, Ägypten bis nach Marokko. Dem entsprechend unterschiedlich stellen sich auch Qualität und Struktur der archäologischen Daten dar, wie z. B. das Verhältnis von Siedlungsfunden zu Grabfunden einschließlich ihrer Auswertung und Veröffentlichung. Zu berücksichtigen ist ferner, dass die Sozialstrukturen in den jeweiligen Untersuchungsgebieten unterschiedlich differenziert sind. Vor diesem Hintergrund ist die Variabilität der sich in archäologischen Daten spiegelnden Vorgänge von Erschließung und Nutzung keine Überraschung. Die Vielfalt eröffnet Möglichkeiten für vergleichende Untersuchungen. Im Zentrum des Interesses steht die Frage, wie stark die verschiedenen Faktoren (Naturraum, Wirtschaftsweise, Land- und Wasserwege, Rohstoffvorkommen, Politische Organisation, Religion) wirken und welche Wechselwirkungen bestanden.

Die meisten Vorhaben betrachten die archäologischen Daten nicht isoliert, sondern aus einer landschaftsarchäologischen Perspektive. Der übereinstimmende Ansatz bietet zudem gute Voraussetzungen für die Diskussion der eingesetzten Methoden. Deren Entwicklung ist in Archäologie und Naturwissenschaften ohne Austausch und Diskussion in wissenschaftlichen Netzwerken nicht zu verfolgen; der im Forschungsfeld 1 begonnene Erfahrungsaustausch markiert einen hoffnungsvollen Auftakt.

Verantwortliche

Dieter Vieweger (Stellvertreter: Knut Rassmann)

Forschungsprojekte

Architektonische Ausgestaltung von Prozessionswegen ägyptischer Tempel

Die Untersuchung basiert auf der Frage, wie sich Veränderungen im Kultbetrieb als Resultat gewandelter machtpolitischer Situationen in der Nutzung und Ausgestaltung von politischen Räumen widerspiegeln können und inwieweit sich in den Zutrittsregelungen zu Räumen gesellschaftliche Hierarchien manifestierten. In diesem Zusammenhang steht auch die Auseinandersetzung mit Ein- und Durchgangsbereichen als Öffnung gebende und zugleich Grenzen schaffende Bestandteile der Architektur, die nicht unbedeutend zur religiösen oder politischen Konnotation eines Raumes beitragen. Es sind gerade jene Bereiche eines Tempels, durch welche eine Differenzierung von "Außen" und "Innen", von "Hier" und "Dort" und somit eine Scheidung von profanum und fanum ermöglicht wird; die Signifikanz von Schwellenbereichen sollte demnach direkt proportional zu den Werten, die sich dahinter befinden, gesehen werden.

In Ägypten bildeten Feste seit jeher einen äußerst wichtigen Bestandteil des kollektiven, religiösen Geschehens. Aus der starken Abgrenzung zwischen der weltlichen Ebene und der Sphäre des Sakralen resultierte ein streng reglementierter Zugang zu den Heiligtümern. Die einzige Kontaktaufnahme der Bevölkerung mit der Gottheit erfolgte anlässlich des periodischen Auszugs der sichtbaren Manifestation des Gottes - dem Götterbild - aus dem Tempel im Rahmen hoher Feiertage. Für das Volk fand die Religion somit an den Festen statt, im Verlauf derer es entlang der Prozessionsstraßen und vor den monumentalen Tempeltoren auf das Erscheinen der Gottheit wartete, um diese auf ihren Wegen während der Prozession zu begleiten. Die ägyptische Sakralarchitektur spiegelt das Festgeschehen mit einer Fülle an verschiedenen Konstruktionstypen wider, die in den meisten Epochen der ägyptischen Geschichte anzutreffen sind. Eine erstaunliche Emphase des Festkultes kann jedoch in der ägyptischen Spätzeit beobachtet werden, wie eine in diesen Epochen gesteigerte Hinwendung zur Wahl bestimmter, explizit mit dem Prozessionsgeschehen verbundener Architekturformen zeigt.

Das Projekt (Promotionsvorhaben) widmet sich der Untersuchung jener in der späten ägyptischen Zeit verstärkt erbauten Konstruktionstypen, im Besonderen der Ein- und Durchgangsbereiche ägyptischer Heiligtümer, die als architektonische Reflektion eines gewandelten Kultbetriebes - bedingt durch die sich nun veränderte Stellung des Herrschers - gewertet werden sollen.

Der Ursprung dieses Wandels im Kultgeschehen mag in der Regierungszeit jener Könige von Kusch (Nubien) zu suchen sein, die als kuschitische oder 25. Dynastie im ausgehenden 8. und beginnenden 7. Jh. v. Chr. Ägypten regierten. Die Bauaktivität dieser Epoche, die sich in einer außerordentlichen Dominanz von Belegen aus Theben manifestiert, ist entgegen früherer Zeiten charakterisiert durch eine ausschließliche Fokussierung auf architektonische Konstruktionstypen, wie beispielsweise Kiosken oder Kolonnaden, die in der ägyptischen Sakralarchitektur primär mit dem Festgeschehen verbunden waren. Neben den genannten Bauwerken zeigten die Pharaonen der kuschitischen Zeit zudem eine bemerkenswerte Affinität zu Neu- und Umgestaltungen von Tempelpylonen und -toren an den vorderen Räumen der Heiligtümer und entlang der Prozessionsstraßen. Während die restliche Bautätigkeit durchgängig als Festarchitektur im Rahmen einer Reorganisierung thebanischer Tempelfeste nach den Wirren der vorangegangenen Dynastien gedeutet wird, beschränkte sich die klassische Forschungsmeinung darauf, die Baumaßnahmen an den Ein- und Durchgangsbereichen der Heiligtümer lediglich als unsystematische Reparaturen von Zerstörungen der ferneren oder nächsten Vergangenheit zu interpretieren, wodurch eine tiefere Beleuchtung dieses in der Spätzeit Ägyptens zu beobachtenden Phänomens verwehrt wurde. In einer vorhergehenden Untersuchung konnte eine solche Deutung nicht nur widerlegt, sondern vielmehr eine Interpretation der in der 25. Dynastie realisierten Arbeiten an den Toren und Pylonen als ein wichtiger Bestandteil des auf den Festkult ausgerichteten Bauprogrammes der Herrscher verifiziert werden. Die Signifikanz der liminalen Bereiche als Scheidegrenze zwischen der profanen und sakralen Sphäre und ihre daraus resultierende Bedeutung als markierende und gliedernde Elemente von Prozessionswegen wurde aufgezeigt. Dieser Sinngehalt war den Kuschiten deutlich bewusst und wurde, wie es scheint, auch in den nachfolgenden Dynastien und der griechisch-römischen Zeit mit Übergangsbereichen verbunden. Die Beobachtung, dass die Verlagerung der Bauaktivität auf die publikumswirksameren Festprozessionen keine alleinige Erscheinung der kuschitischen Zeit darstellte, sondern nach Ende dieser Dynastie eine Fortführung fand, ist Gegenstand der gegenwärtigen Untersuchung. Anhand einer Beleuchtung der bevorzugt gewählten Architekturformen und der favorisiert gefeierten Feste der nachfolgenden Zeiten, soll in diesem Projekt aufgezeigt werden, dass sich die seit der 25. Dynastie erkennbare Bedeutung des Festes als äußerst wichtiges, wenn nicht sogar primäres Mittel zur Ausübung liturgischer Vorgänge und religiöser Riten in den nachfolgenden Dynastien und dem ptolemäerzeitlichen Ägypten fortsetzte, wie die Tendenz einer besonderen Akzentuierung der vorderen Tempelbereiche und Prozessionswege - im Besonderen durch die Errichtung und Bearbeitung von Tempelein- und -durchgängen - in diesen Epochen zeigt.

Der Hintergrund dieser Fokussierung auf das Fest ist nicht zuletzt in der sich nun ändernden Stellung der häufigen Fremdherrscher der späten ägyptischen Zeit zu suchen, die den Festkult als wichtiges Medium der königlichen Repräsentation aber auch der religiösen Legitimation instrumentalisierten. Aus der Verlagerung des religiösen Geschehens auf die vorderen Tempelbereiche und der Lockerung der Zutrittsbestimmungen zu den Heiligtümern resultierte eine stärkere Einbindung der Bevölkerung in die liturgischen Vorgänge. Durch deren Ausübung konnte der Pharao seine Fähigkeit, als authentischer ägyptischer Pharao zu agieren, zeigen, sich aber auch gleichzeitig neben der weltlichen auf religiöser Ebene legitimieren. Die Idee auf das Medium des Festes zurückzugreifen, um ein derartiges religiös-politisches Programm umzusetzen, war ein faszinierender Schachzug der Herrscher. Architektonisch realisiert wurde dies durch die Festarchitektur, wobei die Durchgangsbereiche der Tempel, wie es scheint, eine nicht unbedeutende Rolle einnahmen.

Sarno-Becken: Rekonstruktion der antiken Kulturlandschaften

Ein multidisziplinäres Kooperationsprojekt mit Partnern aus Altertumswissenschaften und Geowissenschaften in Italien, Deutschland und England

Die Ebene des Sarno in Kampanien bildet eine uralte Kulturlandschaft, die wegen ihrer besonderen naturräumlichen Vorzüge (geographische Lage, Wasserreichtum, äußerste Fruchtbarkeit des Bodens, günstige Klimabedingungen) spätestens seit der Bronzezeit von Menschen verschiedener Kulturen intensiv und kontinuierlich besiedelt wurde. Die Landschaft ist durch das häufige Auftreten von Naturereignissen (Vulkantätigkeit, Erdbebentätigkeit, Bradyseismus, hohe Sedimentierung) einem starken Transformationsprozess unterworfen, der durch anthropogene Einwirkungen (Abholzung, Trockenlegung, Landnutzung) noch potenziert wurde, und der zuletzt durch die moderne Urbanisierung der Ebene in dramatischer Weise beschleunigt wird. Die Lebensbedingungen in der Region sind also in besonderer Weise durch den Überfluss an natürlichen Ressourcen einerseits und die andauernde Bedrohung durch die Naturkatastrophen andererseits geprägt. Das Forschungsvorhaben nimmt sich vor, die Lebensverhältnisse des Menschen in der Antike in der Sarno-Ebene unter diesen ambivalenten Umweltbedingungen zu untersuchen und nach dem jeweiligen Siedlungsverhalten der sozialen Gemeinschaften im landschaftlichen Großraum über verschiedene Epochen hin zu fragen. Unter diesen umweltarchäologischen Aspekten werden die verschiedenen Siedlungsaktivitäten großräumlich klassifiziert, die Wechselbeziehungen der Siedlungen untereinander und in ihrer Abhängigkeit von den naturräumlichen Gegebenheiten analysiert. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Fragen der paläoökologischen Genese der Landschaft des Sarno-Beckens, der Siedlungsdynamik , der Nutzung und Verteilung der natürlichen Ressourcen, der ökonomischen Grundlagen, der Bewirtschaftung, der räumlichen Erschließung über Nah- und Fern-Verbindungswege und Wasserwege, der territorialen Abgrenzung, der sozialen und politischen Organisation, der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, der Lage und Beziehung der heiligen Orte zu Siedlungsräumen . Pompeji mit seinem immensen Informationsgehalt an Daten und Fakten der historischen Perioden und die neu ausgegrabene bronze- bis eisenzeitliche Fluss-Niederlassung Longola-Poggiomarino bilden zwar selbstverständlich Schwerpunkte im Rahmen der Untersuchung, doch werden genauso alle übrigen Siedlungsplätze und menschlichen Niederlassungen im Sarno-Becken berücksichtigt.

Diese komplexen fach- und epochenübergreifenden Fragen sind nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen und unter Beteiligung von Wissenschaftlern archäologischer, historisch-philologischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen zu bearbeiten. Die multidisziplinäre Vernetzung des Projekts ist immanent, da die Bearbeitung der geo- und naturwissenschaftlichen Faktoren der naturräumlichen Veränderungen vielfach erst die Voraussetzung für die Auswertung der archäologisch-historischen Fragen bildet. Aufgrund der ständigen Überformung der Landschaft stellen sich hier zudem besondere technisch-methodische Herausforderungen an die geoarchäologischen Untersuchungen. In der Regel liegen die antiken Kulturhorizonte unter meterhohen Tephra-Auflagerungen und Sedimenten verborgen und verlangen den Einsatz spezieller naturwissenschaftlicher Prospektions- und Analyseverfahren, um "sichtbar" gemacht zu werden. Der Entwicklung und Anwendung geeigneter technischer Untersuchungsmethoden gilt daher ein besonderes Interesse innerhalb des Projekts.

Das Forschungsprojekt, das formell aus Kooperationen mit verschiedenen Institutionen und Wissenschaftlern in Deutschland und Italien besteht, hat das Ziel, die komplexen naturräumlichen und anthropogenen Veränderungsprozesse der Kulturlandschaften in der Sarno-Ebene auf der Grundlage geoarchäologischer Methoden zu untersuchen, die genetischen Vorgänge nach Epochen und Räumen zu beschreiben und die Ergebnisse in digitalen Rekonstruktionen von interpretierten Landschaftsmodellen darzustellen. Im Rahmen des Clusters "Politische Räume" ergeben sich vielfältige Schnittstellen mit verwandten Projekten, zunächst wird jedoch von einer Mitarbeit im Forschungsfeld "Erschließung und Nutzung" ein wissenschaftlicher Mehrwert erwartet.

Taganrog und sein Umland

Dem Vorhaben zugrunde liegt die Annahme, dass ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Handeln und der Ausgestaltung von Räumen durch gebaute Grenzen besteht. Der gebaute Raum ist ein Resultat sozialer Interaktion; als solcher spiegelt er nicht nur soziale, sondern auch politische Entwicklungen wider. Im Rahmen des Projekts soll anhand von Taganrog und seiner Umgebung (Südrussland) der Zusammenhang zwischen politischen und sozialen Raumveränderungen in einer diachronen Perspektive verfolgt werden.

Als die griechische Kolonisation des Schwarzmeerraumes in der 2. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr einsetzte, gelangten griechische Siedler von der kleinasiatischen Mittelmeerküste auch an die Mündung des Don. Spuren einer frühen griechischen Siedlung haben sich bei Taganrog ca. 10 km westlich der heutigen Mündung des Flusses in das Asovsche Meer erhalten. Die Siedlung dürfte nach Ausweis der bislang bekannten Keramik gemeinsam mit oder kurz vor den Siedlungen von Berezan in der heutigen Ukraine und Histria im heutigen Rumänien noch im 7. Jh. v. Chr. gegründet worden sein. Sie ist in jedem Fall älter als die ersten griechischen Siedlungen und Kolonien am kimmerischen Bosporus, die um 580-60 v. Chr. gegründet worden sind. Die seit 2004 laufenden Bohrungen und Grabungen haben deutlich gemacht, dass die Siedlung mindestens bis zum späten 4./frühen 3. Jh. v. Chr. Bestand hatte. Angesichts der Ausgangslage - die griechischen Kulturschichten liegen 3-5 Meter unter dem heutigen Bodenniveau und z. T. unter dem Sandboden des Asovschen Meeres in der Bucht von Taganrog begraben - ist es nur möglich, wesentliche topographische Eckpunkte der Siedlung zu ermitteln und Aussagen zu der Dauer ihrer Existenz und ihren wirtschaftlichen Grundlagen zu treffen. Aus diesem Grund ist geplant, die Untersuchungen auszudehnen und die Arbeiten in Taganrog in einen größeren Kontext zu stellen.

Zum Zeitpunkt der Gründung von Taganrog waren die angrenzenden Steppengebiete und das Dondelta schon existente Lebens- und Wirtschaftsräume. Bereits in der späten Bronzezeit hatte sich ein System aus Siedlungen, die möglicherweise von halbsesshaften Nomaden nur temporär genutzt worden sind, gebildet. Grabhügel (Kurgane), die im Dondelta bereits seit der frühen bis mittleren Bronzezeit zu beobachten sind, haben das Bild der Landschaft geprägt. In der späten Bronzezeit kam es jedoch zu signifikanten Veränderungen: Parallel zu der Anlage von Siedlungsplätzen wurden größere Grabhügel als sichtbare Exponenten einer neuartigen sozialen Stratifizierung errichtet. Die Kurgane lagen nicht mehr wie noch in der mittleren Bronzezeit unmittelbar in den Flussniederungen, sondern auf Terrassen oberhalb der Flüsse Don und Myus. Zum Zeitpunkt der griechischen Gründung scheinen die meisten der bronzezeitlichen Siedlungsplätze verlassen gewesen zu sein, erst in der Folgezeit, d. h. im 5.-4. Jh. v. Chr., kommt es offenbar zur Neugründung von Siedlungen auf der westlich von Taganrog gelegenen Halbinsel am Myus Liman und im Dondelta selber. Viele, aber offenbar nicht alle bronzezeitlichen Kurgane wurden verstärkt seit dem 5. Jh. v. Chr. für Sekundärbestattungen genutzt.

Die skizzierten Veränderungen sind Zeugnisse für unterschiedliche soziale Gruppen und sich wandelnde politische Verhältnisse. Im Rahmen des Projekts soll aufgrund von Untersuchungen in Taganrog und seiner Chora verfolgt werden, wie unterschiedliche Siedlungsräume demarkiert worden sind. Wie werden sie gegenüber der Steppe be- oder entgrenzt vor und nach der Gründung von Taganrog? Wie wird durch die Kurgane das Umland von Taganrog symbolisch markiert? Welche Kurgane wurden gezielt für Sekundärbestattungen genutzt? Welche Veränderungen lassen sich bei der Anlage der deutlich sichtbaren Grabhügel in Zusammenhang mit den sich ändernden Siedlungsaktivitäten am Myus Liman von der Spätbronzezeit an bis zum 4. Jh. v. Chr. beobachten? Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Zusammenhag nicht nur den Gräbern und Siedlungsplätzen, sondern auch den Verkehrswegen.

zum Projekt Taganrog

Forschungsfeld 2: Grenzen politischer Räume

Räume als Träger der politischen Organisation menschlicher Gesellschaften formen Grenzen. Vor dem Hintergrund allgemeiner und abstrakter Bestimmungsmöglichkeiten von Grenzen mit den semantischen Feldern Begrenzung, Entgrenzung und Grenzüberschreitung in den heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften werden im Forschungsfeld 2 speziellere Verwendungen des Begriffs Grenze als geschichtswissenschaftliche Kategorie diskutiert mit dem Ziel, hinreichend plastische Vorstellungen von kulturellen Grenzen zu entwickeln. Hierzu sind Verbindungen zwischen den konkreten und sichtbaren Interaktionssträngen zu der Metaphorik von kultureller Differenz, Fremdheit und Anderssein aufzuzeigen.

Im ersten Arbeitstreffen ergab sich für die im Forschungsfeld vertretenen Projekte eine Untergliederung in solche, die sich mit Grenzen zwischen ähnlichen, und jenen, die sich mit Grenzen zwischen unterschiedlichen politischen Räumen befassen.

Verantwortliche

Claus-Michael Hüssen (Stellvertreter: Andreas Victor Walser)

Forschungsprojekte

Die antike Siedlungstopographie Triphyliens

Triphylien liegt an der Westküste der Peloponnes und wird von den Landschaften Elis, Arkadien und Messenien umrahmt. Mehrere Poleis und Heiligtümer unterschiedlicher Größe und Bedeutung sind von der antiken Siedlungsstruktur erhalten und bieten eine gute Grundlage, Fragen zur Siedlungsdichte sowie zur Form und Ausstattung der Städte zu untersuchen. In der antiken Literatur über Triphylien ist im 4. und 3. Jh. v. Chr. ein entscheidender Wandel von abhängigen Perioikenstädten hin zu selbständigen Poleis zu belegen, der sich in einem neuen Selbstbewusstsein der Bürger und im Ausbau der Städte widerzuspiegeln scheint. Mit archäologischen und bauhistorischen Methoden soll diese Veränderung nachgewiesen und deren raumbildende Konsequenzen innerhalb der Städte und des Städtebundes diskutiert werden. Das Projekt zur antiken Siedlungstopographie Triphyliens ist mit diesem Ansatz im Schwerpunktprogramm der DFG zur Erforschung der hellenistischen Polis als Lebensform vertreten. Das Schwerpunktprogramm hat sich zum Ziel gesteckt, die Polisentwicklung im Hellenismus nicht wie bisher als Niedergang, sondern als Neubeginn zu verstehen. Schon etwas früher als im beginnenden Hellenismus, nämlich unmittelbar nach dem elisch-spartanischen Krieg (402-400 v. Chr.), sind in Triphylien politische Veränderungen nachzuweisen, die die im Cluster 3 formulierten Themen zu territorialen Grenzen, Hierarchien und zur Identitätsfindung hervorragend treffen.

Nachdem die triphylischen Städte mehr als ein Jahrhundert in einem Perioikenverhältnis zur übermächtigen Polis Elis standen, konnten sie nach der Niederlage von Elis im elisch-spartanischen Krieg diese Abhängigkeit mit Hilfe der Spartaner abschütteln. Nicht nur ein wirtschaftlicher Aufschwung, der sich in zahlreichen Um- und Neubauten ausdrückt, war die Folge. Die Städte legten sich eine neue Identität unter mythistorischen, kulturellen und architektonischen Aspekten zu, um einem erneuten Anspruch und Zugriff des allmählich wieder erstarkenden Elis vorzubeugen. Vor 400 v. Chr. waren die Städte weitgehend voneinander isoliert und von Elis unterjocht. Die Landschaftsbezeichnung Triphylien gab es nicht. Die Eleer hatten ihr Herrschaftsgebiet von ihrem Kernland am Peneios aus zunächst auf die Pisatis mit Olympia, dann über den Alpheios hinaus weiter nach Süden auf die triphylischen Städte ausgedehnt. Daher zählen in den literarischen Quellen die Poleis südlich des Alpheios in dieser Zeit zu den von Elis abhängigen Städten, die elischen Inschriften sprechen von Symmachien. Nach 400 v. Chr. jedoch schlossen sich die nun unabhängigen Poleis zu einem Bund zusammen und führten ihre Herkunft auf Triphylos, den Sohn des Arkas und Stammvater der Arkadier, zurück. Damit wurde die Zugehörigkeit zu Arkadien, dem Nachbarn im Osten, manifestiert. Arkadien war nach der Niederlage und dem vollkommenen Machtverlust der Spartaner nach der Schlacht bei Leuktra im Jahre 371 v. Chr. der einzige militärisch potente Nachbar, der Elis die Stirn bieten konnte und so den Triphyliern die Unabhängigkeit garantierte.

Als Grenze zu Elis diente der Alpheios, an dessen nördlichem Ufer das von Elis verwaltete Zeusheiligtum von Olympia lag. Unmittelbar gegenüber von Olympia wurde bereits in triphylischem Gebiet auf dem höchsten Hügel ein nach Norden weithin sichtbares Gebäude, vermutlich ein Tempel errichtet, von dem Überreste während der Kampagne im Sommer 2006 entdeckt wurden. Dieser Tempel liegt in der Chora der Polis Makistos und sollte von den Eleern als herrschafts-repräsentierendes Monument des triphylischen Bundes gesehen und verstanden werden. Gleichzeitig wurden einige Poleis mit Stadtmauern umgeben, deren Dimensionen weit über den eigentlichen poliorketischen Zweck hinausgehen. Mit ihrem stark repräsentativen Charakter sind sie auf Fernwirkung angelegt und dienen der Demonstration von wirtschaftlicher und politischer Macht und neuer Identität. Es zeichnet sich ab, dass gerade im Grenzgebiet zu den umgebenden Landschaften (Platiana und Vrestos) sowie an wichtigen Verkehrswegen (Lepreon und Samikon) solche auf Repräsentation angelegten Mauern entstanden.

Die einzelnen Städte weisen große Unterschiede in ihren Strukturen und der Anordnung der öffentlichen und privaten Bauten auf, was zeigt, dass es sich um gewachsene Städte mit eigener Geschichte und Identität handelt. Es stellt sich bei den Untersuchungen die Frage, inwieweit die politischen Machtverhältnisse des 4. Jh. v. Chr. - nachdem der Städtebund geschlossen war - zusammen mit der neu geschaffenen intentionalen Mythistorie ihren sichtbaren Ausdruck im neuen politischen Raum der Triphylier findet. Als Beispiel sei das Bundesheiligtum der Triphylier genannt. Dieses Poseidonheiligtum lag nah der Küste bei der Stadt Samikon, wurde aber von der weit im Osten liegenden Polis Makistos verwaltet.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Bauforschung, zusätzlich unterstützt durch geophysikalische Prospektionen, will Fragen zur Raumgestaltung auf drei Ebenen beantworten, die sich vom Mikrokosmos der einzelnen Polis bis zur hellenistischen Staatenwelt weiten.

  • Wie verändern sich die einzelnen Poleis und ihr Umland?
  • Wie wird das Territorium des triphylischen Städtebundes gestaltet und wie grenzt sich der Bund architektonisch sichtbar gegen die Nachbarstaaten ab?
  • Können charakteristische Elemente politischer Raumgestaltung, wie wir sie aus den bedeutenden Zentren der hellenistischen Welt kennen, in den kleinen provinziellen Poleis Triphyliens, den Vertretern des "Dritten Griechenlands" wiedergefunden werden?

Kontakt: Dr. Joachim Heiden (E-Mail: heiden@athen.dainst.org), Prof. Dipl.-Ing. Corinna Rohn (E-Mail: rohn@fab.fh-wiesbaden.de)

zum Projekt: Die antike Siedlungstopographie Triphyliens

Die Stadtmauer von Tayma

Nach Vorarbeiten im Jahr 2005 beschäftigt sich das von der Thyssen-Stiftung unterstützte Projekt "Die Mauern von Tayma" seit 2006 als Kooperationsprojekt von BTU Cottbus und DAI im Rahmen des DFG-Projekts Tayma, das an der Orient-Abteilung des DFG angesiedelt ist, mit den Mauern der Oasenstadt Tayma. Vorrangiges Ziel des Projekts ist es, mit einem bauforscherischen Ansatz die Mauerverläufe zu klären, die zeitliche Entwicklung der Maueranlage nachzuvollziehen, Aufbau und konstruktive Besonderheiten zu erklären und schließlich Hinweise auf die funktionale Bedeutung der Anlage zu gewinnen. Die Oasenstadt Tayma liegt im Nordwesten der Arabischen Halbinsel am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen. Archäologisch belegt ist eine Besiedlung der Oase seit der Späten Bronzezeit. Spätestens zum Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends war der Ort auch von einer Stadtmaueranlage geschützt, die nicht allein den zentralen Siedlungskern im Süden, sondern mit einer Gesamtlänge von gut 15 km auch die gesamte Oase und mehr noch einen Teil des nördlich anschließenden Binnengewässers (Sebkha) mit umfasste. Über weitere Mauerzüge sind zusätzliche Areale angeschlossen. In Tayma beschränkt sich so die Maueranlage nicht auf die Umwallung des Siedlungskerns, sie greift vielmehr auf den Maßstab des Umlandes aus. Mit Blick auf die vorgefundene Situation wird deutlich, wie über eine bislang ungeklärte militärische Funktion hinaus die Organisation der gesamten Oase mit ihrem zentralen Siedlungsbereich, den bewirtschafteten Feldern, dem inzwischen ausgetrockneten See im Norden und dem Palmenwald von dem Mauersystem strukturiert wird. Militärische Erfordernisse allein können die Gestalt der Anlage nicht erklären: die Mauerzüge erscheinen viel zu lang für eine ausreichende Besatzung und zu schwach angesichts ihres konstruktiven Aufbaus, in dem Hohlräume, Nischen und Schlitze ein häufiges Muster bilden. Die Bestimmung der unterschiedlichen Funktionen der Maueranlage ist ein grundlegendes Interesse des Projekts: Eine wesentliche Bedeutung wird die Kontrolle des Zugangs zum Wasser gespielt haben. Auch die Möglichkeit, sich von Seiten der Oasenbewohner gegenüber den anlaufenden Karawanen und gegenüber Fremden abschotten zu können, kann als ein Beweggrund für den Mauerbau erwogen werden. Die heute bekannten vormodernen Wasserquellen von Tayma befinden sich innerhalb der Maueranlage. Im Kontext des ariden Klimas ist neben dem Schutz vor menschlicher Aggression oder der Zugangskontrolle vor allem aber auch der Schutz vor Wind, Flugsand und Wasser als lebensnotwendige Anforderung zu berücksichtigen, wenn der vorislamische Dichter Imru ´l-K.ais schreibt: "Nicht lässt er (der Regensturm) einen Palmenstamm in Taima übrig und keine Burg, wenn sie nicht aus Steinen gebaut ist." (zit. nach Fr. Buhl, EI X, S. 674 "TAIMA_´"). Die Maueranlage im Kontext der Oase erweist sich vor dem Hintergrund einer prekären Umweltsituation als multifunktionale Membran, gleichsam als Haut, als lebenswichtiges Organ.

Auf vergleichbare Weise wie die Oase Tayma sind im Nordwesten der arabischen Halbinsel auch die Oasensiedlungen Khuraybah, das antike Dedan (heute in der Oase al-Ula gelegen), und Qurayyah (nordwestlich von Tabuk gelegen) strukturiert: Quraya besitzt ebenfalls ein ähnlich umfassendes und differenziertes Mauersystem, in Khuraybah ergänzen einzelne Landschaftsmauern den natürlichen Ring von Bergrücken, die den eigentlichen Siedlungskern umschließen. Für die gesamten Oase al-Ula, in der weitere antike Siedlungen inmitten des breiten, felsgesäumten Tals mindestens zu finden sind, kann der Literatur eine Reihe von Landschaftsmauern entnommen werden. Die Schutzsysteme dieser beiden Siedlungen sind im Zusammenhang zu berücksichtigen.

Kontakt: Dr. Peter I. Schneider (E-Mail: ps@dainst.de)

zum Projekt: Die Mauern von Tayma

Lissos: Stadtmauern und Umland

Die Stadtmauer von Lissos war ein konstituierendes Element bei der Ausprägung sowohl des intramuralen als auch des extramuralen Raumes dieser Polis in Illyrien. Denn in der nordwestalbanischen Küstenebene war sie weithin sichtbar und unterstrich damit auch symbolisch die Bedeutung der Stadt, welche wohl vornehmlich durch die Kontrolle der Hauptverbindungsstraße entlang der Küste sowie der Straße nach Kosovo und durch die beiden Häfen begründet war.

Die Stadtmauer von Lissos stellt einen wichtigen Schwerpunkt des deutsch-albanischen Projekts " Lissos. Urbanistik und sozio-ökonomische Strukturen einer hellenistischen Polis in Illyrien" dar (siehe 3. Forschungsfeld: Urbane Räume), das von der DFG im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1209 ("Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel") gefördert wird. Einer detaillierten Baubeschreibung sollen in der nächsten Kampagne mehrere Sondagen folgen, um die Bauphasen chronologisch einordnen zu können. Insbesondere stellt sich die Frage, ob das die Oberstadt gliedernde Diateichisma erst in die späte caesarische Erneuerungsphase gehört. Von einer Mitarbeit in diesem Forschungsfeld sind durch den Austausch mit den anderen Stadtmauer-Projekten wichtige Impulse für die Arbeiten in Lissos zu erwarten.

Die Frage, welche Bedeutung die Stadtmauer von Lissos für den extramuralen Raum besaß, versucht ein Survey zu antworten, der die bislang weitgehend unbekannten Orte und Festungen im Umland systematisch erfasst. Die relativ kleine nordalbanische Küstenebene zwischen der Maat-Mündung im Süden und der montenegrinischen Grenze im Norden, die von der Adria im Westen und hohen Bergen im Osten eingeschlossen und gleichzeitig von mehreren Hügelrücken durchzogen wird, bietet sich in besonderer Weise für eine exemplarische multidisziplinäre Untersuchung eines Siedlungsraumes an.

Um die naturräumlichen Bedingungen des Umlands von Lissos besser kennen zu lernen, wurden 2006 durch das Geographische Institut der Universität Marburg (Prof. Dr. Helmut Brückner) Bohrungen im Küstenbereich der modernen Stadt Lezha durchgeführt, die bereits erste wichtige Ergebnisse zum Verlauf der antiken Küstenlinie, des Flusses Drin und vor allem zur Lage des vermuteten Seehafens in der Antike erbrachten. Sie sollen 2007 im Rahmen eines eigenen Projekts fortgeführt werden.

Die gerade erst begonnenen mulitdisziplinären Forschungen lassen wichtige Erkenntnisse zur Organisation des extramuralen Raums der Polis Lissos erwarten.

Kooperationspartner:
Archäologisches Institut der Akademie der Wissenschaften Albaniens, Tirana

Kontakt: Dr. Andreas Oettel (E-Mail: ao@dainst.de)
Dipl.-Ing. Hans-Christof Haas (E-Mail: hans-christof_haas@gmx.de)
Prof. as. Dr. Gëzim Hoxha (E-Mail: ghoxha@albmail.com)

zum Projekt: Lissos

Die frühbyzantinische Siedlung von Tall Dġērat-Süd/Nord-Ost-Syrien

Das Forschungsvorhaben ist entstanden aus dem Projekt "Rettungsgrabung Tall Dġērat-Süd/Nord-Ost-Syrien", das - gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung - in den Jahren 2000 bis 2004 in Kooperation zwischen der Zentrale des DAI und dem Institut für Vorderasiatische Altertumskunde der FU Berlin (Prof. Dr. Hartmut Kühne) durchgeführt wurde. Die Arbeiten in Syrien konnten mit einer letzten Aufarbeitungskampagne im Museum von Dēir az-Zor im Jahre 2004 abgeschlossen werden (siehe Forschungsplan). Die wissenschaftliche Auswertung erfolgt zur Zeit.

Die Grabung galt einem durch ein Stauseeprojekt akut gefährdeten und mittlerweile zerstörten Kastell des frühen 4. Jhs. n. Chr. am Fluss Habūr. Römische Kastelle waren hier bislang nur aus schriftlichen Quellen bekannt. Wahrscheinlich handelt es sich um den Standort der Ala prima nova Diocletiana, inter Thannurin et Horobam", der in der Notitia Dignitatum (Or 35, 31.) erwähnt wird.

Der Nachweis einer repräsentativen Um- und Neubebauung des Kastellgeländes noch in frühbyzantinischer Zeit war ein überraschendes Ergebnis. Der bisherige Stand der Auswertung erhärtet die Arbeitsthese, dass in Tall Dġērat-Süd aus dem spätrömischen Kastell ein frühchristliches Kloster mit Kirche zu einer Zeit entstand, als die Grenzverteidigung in dieser Region des frühbyzantinischen Reiches in den Händen der Ġassaniden, eines christlichen Araberstammes, lag. Die symbolische Bedeutung der christlichen Anlage in dem nun zur Siedlung geöffneten Kastellgelände dürfte sowohl im intramuralen wie extramuralen Raum enorm gewesen sein. Der befestigte Ort als Ganzes blieb davon unabhängig sicher weiterhin ein wichtiger Faktor der Grenzsicherung: möglicherweise ein Beispiel für die Transformation politischen Raumes bei konstanter Funktion.

Die Umgebung von Tall Dġērat-Süd bietet sich daher in besonderer Weise zur Untersuchung von Strategien räumlicher Organisation an, zudem wurde sie bereits im Zusammenhang mit dem Tal des unteren Habūr unter naturräumlichen Aspekten untersucht. Vor allem haben Surveys eine gute Materialgrundlage geschaffen, um die Siedlungsverteilung in dieser Periode genauer betrachten zu können. Die Voraussetzungen für die Erforschung der Transformationsprozesse dieses spätantiken Grenzpostens im Vorfeld der islamischen Eroberung sind im Hinblick auf die Phänomene "Ressourcennutzung" und "Grenzen" daher sehr gut.

Die methodische Diskussion von "Strategien räumlicher Organisation beim Zugriff auf Ressourcen" unter besonderer Berücksichtigung der Grenzsituation, insbesondere aber auch der symbolischen Bedeutung von weithin sichtbarer Architektur verspricht für die Interpretation der Befunde wertvolle Anregungen. Damit scheint Tall Dġērat-Süd sehr gut geeignet, einen Beitrag zum erweiterten Verständnis des Begriffs "politischer Raum" zu leisten.

Kooperationspartner:
Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Hartmut Kühne)

Kontakt: Dr. Andreas Oettel (E-Mail: ao@dainst.de)

Die hellenistischen Stadtbefestigungen von Pergamon

Als Teil des neuen Forschungsprogramms der Pergamongrabung zum Städtebau und zum Gesamtorganismus der hellenistischen Stadt befasst sich das Projekt mit den zwei Mauerringen, durch welche die Stadt in hellenistischer Zeit neu befestigt bzw. beträchtlich vergrößert worden ist. Sie werden Philetairos (281-263 v. Chr.), dem Begründer der Attaliden-Dynastie und. Eumenes II. (197-159 v. Chr.), in dessen Regierungszeit das Herrschaftsgebiet seine größte Ausdehnung erreichte, zugeschrieben. Stratigrafisch sind sie bisher jedoch nicht datiert.

Wie schon W. Raeck formuliert hatte, ist die Kenntnis über die Entwicklung der antiken Wehrarchitektur in den vergangenen Jahrzehnten fortgeschritten, weshalb sich der bauarchäologische Befund nicht mehr ohne weiteres mit der Zuweisung zu den beiden genannten Herrschern in Übereinstimmung bringen lässt. Für die Beurteilung, wann und wie sich Stadträume verändert haben, spielt die genaue Untersuchung und womöglich Datierung der beiden Stadtmauern jedoch eine entscheidende Rolle.

Darüber hinaus kann die Untersuchung der Wehranlagen einer Polis zu verschiedenen Teilbereichen des hellenistischen Stadtorganismus Aussagen liefern, denn neben strategisch-taktischen Aspekten müssen bei deren Errichtung auch ökonomische, politische, soziale und ästhetische Gesichtspunkte eine wichtige Rolle gespielt haben. In erster Linie handelt es sich jedoch um einen Wehrbau, der die Sicherheit der Bürger und des Herrschers sicherzustellen hatte. Als öffentliches Bauwerk wurden die Wehranlagen vom Herrscher und/oder der Polis finanziert und mussten als Element der antiken Stadt mit deren Infrastruktur abgestimmt werden (z. B. Wasserver- und Entsorgung). Wie jedes andere städtische Bauwerk dienten die Befestigungen zudem der Repräsentation und Darstellung von Potenz und Größe der Polis und ihrer Herrscher, denn für den Ankommenden muss das Bild der Stadt schon von weitem maßgeblich von deren Befestigung bestimmt gewesen sein.

Ein wichtiger Arbeitsschritt ist es daher, die bisherigen punktuellen Forschungen zusammenzuführen und zu verdichten, um damit ein vollständigeres Bild von den hellenistischen Befestigungen zeichnen zu können, als das bisher möglich war.

Befestigungen bilden die baulichen Grenzen zwischen unterschiedlichen politischen Räumen. In Pergamon handelt es sich bei diesen Räumen um die Basileia, den Sitz des Königs, um die Wohnstadt, deren räumliche Entwicklung in hellenistischer Zeit in zwei Ausbauphasen stattgefunden hatte, sowie die Chora und das Umland der Stadt, die durch den Burgberg mit seinen Befestigungen visuell dominiert wurden.

Akropolis - Wohnstadt: Das in der Hellenismusforschung derzeit viel diskutierte Verhältnis von Herrscher und Polis kulminiert in Pergamon im Hinblick auf die Befestigungen in der Frage nach Art und Grad der Abgeschlossenheit der Basileia gegenüber der Wohnstadt, das am Befund nicht ohne weiteres ablesbar ist und detailliert neu untersucht werden soll.

"Altstadt" - "Neustadt": Stadträumlich von Bedeutung ist die Form des Umgangs mit der "Philetairischen Stadtmauer" nach dem Bau der neuen und größeren "Eumenischen" Ummauerung. Wie andernorts durchaus üblich, wurde sie nämlich nicht als Diateichisma weiter genutzt, sondern höchstwahrscheinlich abgetragen und teilweise sogar überbaut, wie z. B. durch den Großen Altar und Bau Z. Für die Planung der neuen "Eumenischen" Stadt wurde die alte Stadtmauer anscheinend völlig negiert.

Stadt - Umland: Die Befestigung fasst einerseits den Stadtraum - ist zugleich aber für die landschaftsarchitektonische Gestaltung des Kaikostales, das im Falle von Pergamon i. A. grob mit deren Chora gleichgesetzt wird, allein wegen seiner Größe, immens wichtig. Mit Hilfe einer Sichtbarkeitsanalyse soll deshalb geprüft werden, wie weit die Stadtbefestigung das Umland dominierte.

Funktionen der Grenze: Aus dem interdisziplinär besetzten Teilnehmerfeld erhoffe ich mir insbesondere Hinweise auf Fragen, welche an solchen Grenzen vollzogenen Handlungen betreffen, die über die reine Verteidigungsfunktion hinausgehen und in friedlichen Zeiten an den Toren stattgefunden haben (Kult, jegliche Art von Kontrolle, wie z. B. Zoll).

Kontakt: Dipl.-Ing. Janet Lorentzen (E-Mail:jlo@dainst.de)

zum Projekt: Hellenistische Stadtmauern von Pergamon

Forschungsfeld 3: Urbane Räume

Urbane Räume sind komplexe Gebilde, die durch die vielschichtigen Bedürfnisse und Verhaltensmuster organisierter Gemeinwesen bestimmt werden. Die Verwirklichung politischer, wirtschaftlicher, religiöser, sozialer und kultureller Anliegen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen führt zu dem Prozeß der Formation urbaner Räume, die in unterschiedlichster Weise gestaltet werden können. Für die Kommunikations- und Interaktionsprozesse sind öffentliche Räume für das gesellschaftliche und politische Leben notwendig. Nicht nur Nutzbauten, Straßen, Plätze und infrastrukturelle Einrichtungen wie die Wasserversorgung formen den urbanen Raum, sondern auch Häuser, Ehrenmonumente und Nekropolen.

Die im Forschungsfeld 3 vertretenen Projekte sind chronologisch und räumlich weit gespannt und reichen von der hethitischen Hochkultur bis hin zu spät- und nachantiken Anlagen, mit einem gewissen Schwerpunkt in der Klassischen Antike im östlichen und westlichen Mittelmeerraum. Den gesellschaftlichen und kulturellen Unterschieden entsprechend vielfältig sind die Lösungen, die in der Gestaltung des urbanen Raumes beobachtet werden können, wobei aber gewisse Einzelkomponenten wie Straßen und Verkehrsflächen, sakrale Anlagen, öffentliche Begegnungsräume sowie Räume der Macht und Machtrepräsentation als solche immer vorhanden sind. Daneben steht der mehr oder minder deutlich abgrenzbare private Bereiche der Häuser und Gräber.

Verantwortliche

Klaus S. Freyberger (Stellvertreter: Axel Filges)

Forschungsprojekte

Lissos. Urbanistik und sozio-ökonomische Strukturen einer hellenistischen Polis in Illyrien

Das deutsch-albanische Projekt gilt der Erforschung des hellenistischen Lissos und wird von der DFG im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1209 ("Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel") gefördert.

Ziel ist es, die Funktionsweise dieser in einer hellenisierten Region neu entstandenen "illyrischen" Polis in ihrer Abhängigkeit vom griechischen Kulturbereich zu erforschen. Ausgehend von der Annahme, dass sich die während der hellenistischen Zeit deutlich veränderten politischen Rahmenbedingungen auf das Stadtbild und die urbane Struktur auswirkten, sind Entwicklungen in der Organisation des öffentlichen, sakralen und privaten Raumes zu erwarten. Diese gilt es auf die sich wandelnden politischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse zu hinterfragen. Prozesse der Genese und Formung "politischen Raumes" stehen somit im Mittelpunkt der Untersuchung.

Als für die Stadtentwicklung wesentliche Phasen zeichnen sich bisher ab:

  • die Gründungsphase, möglicherweise frühes 4. Jh. oder erst 3. Jh. v. Chr. Die von Diodor (15,13,2; vgl. 15,14,2.) berichtete Gründung durch Dionysios I. von Syrakus als eine seiner Adriakolonien im Jahre 385/84 v. Chr. ist in der Forschung noch umstritten;
  • die Zeit der illyrischen Kleinkönigreiche, zeitweise auch mit Sitz in Lissos im 3./2. Jh. v. Chr.;
  • die caesarische Zeit mit Erneuerung der Stadtmauer durch Caesar (civ. 3,29,1.),conventus civium Romanorum ;
  • die frühe Kaiserzeit.

Darüber hinaus soll im Rahmen des Clusters 3 - über die Zielsetzung des SPP 1209 hinaus - auch die urbane Entwicklung von Lissos/Lissus bis in die Spätantike untersucht werden.

Die albanischen Forschungen in den 70er und 80er Jahren widmeten sich vor allem der Stadtmauer, der eindruckvollsten und interessantesten antiken Wehranlage Albaniens, die sich bis auf eine Höhe von 160 m den Berg hinauf erstreckt. Die Akropolis wurde später von der venezianisch-osmanischen Zitadelle überbaut. Weitgehend unbeachtet blieb bislang die Unterstadt, deren südwestlicher in einem archäologischen Park geschützter Teil ideale Voraussetzungen für Ausgrabungen bietet.

Die Untersuchungen, die im Sommer 2006 in einer ersten Grabungskampagne begonnen haben, betreffen drei Bereiche:

  • das Stadtgebiet
  • die Stadtmauer (siehe auch 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume)
  • das Umland zwischen der Mündung des Maat im Süden, dem antiken Scodra im Norden, der Adria im Westen und den Bergen im Osten (siehe 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume).

Methodisch wird wie folgt vorgegangen: Bei der Erforschung der Unterstadt liegt das Hauptaugenmerk auf den beiden wichtigsten Verkehrsadern der Stadt. Die Straße von Epidamnos führte durch das "Südtor" in die Stadt und weiter nach Scodra. Eine nach Osten verlaufende innerstädtische Straße verband das unmittelbar am Fluss Drin gelegene "Hafentor" mit dem Zentrum der Stadt. Als Arbeitshypothese lässt sich formulieren, dass das Umfeld der vom "Südtor" kommenden Straße eher repräsentativen Charakter hatte, während der Bereich am "Hafentor" stärker ökonomisch geprägt war und entsprechend eine Hierarchisierung in den angrenzenden Wohnbereichen sichtbar gewesen sein muss. Es stellt sich daher die Frage, welches die konstituierenden Elemente für den Raumeindruck in beiden Bereichen waren. Um hierüber gesicherte Aussagen treffen zu können, wurden zwei Grabungsbereiche eingerichtet:

  • Grabungsbereich A südlich der Ost-West-Verbindung nahe dem Kreuzungspunkt beider Straßen
  • Grabungsbereich C auf der Innenseite des Hafentores

Grabungsbereich A gab Einblick in das Lissos des 1. Jhs. v. Chr. Freigelegt wurden große Teile eines Gebäudes, das bereits im 1. Jh. v. Chr. mit Scherben von Hunderten von Amphoren aufgefüllt wurde. Besonders interessant an diesem Befund ist, dass das Haus stellenweise auf älteren Mauern gründet, die nach ihrer Technik in die frühe Zeit der Stadtmauer zu gehören scheinen. Mehrere Phasen urbanen Wandels im Zentrum der Stadt zeichnen sich hier bereits deutlich ab und werden in der Kampagne 2007 weiter verfolgt werden. Der Grabungsbereich C am "Hafentor" wird im nächsten Jahr ebenfalls Informationen zur hellenistischen Zeit liefern, sobald dort die entsprechenden Schichten erreicht werden.

Eine symbolische Bedeutung könnte ein der Werktechnik nach sicher repräsentatives Gebäude mit annähernd quadratischem Grundriss auf einer Terrasse der Oberstadt besessen haben.

Außerhalb des Stadtgebiets, vor dem "Südtor", ergaben kleinere Untersuchungen im "Apsidenbau", einem bis in die Spätantike genutzten Thermengebäude, Hinweise darauf, dass das "Südtor" wahrscheinlich in caesarischer Zeit nicht vollkommen instand gesetzt wurde. Aus einem Raum wurde Keramik sogar des 1. Jhs. v. Chr. geborgen. Damit stellt sich die Frage nach der Datierung dieses in das "Südtor" der Unterstadt eingreifenden Baus neu. Der Befund wird im nächsten Jahr detailliert untersucht werden.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Wahrnehmung des intra- wie extramuralen "politischen Raums" hatte die Stadtmauer selbst, deren Erforschung besonderes Augenmerk gilt (siehe 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume).

Die Ergebnisse der Grabungen im Stadtgebiet und an der Stadtmauer werden die Grundlage dafür bieten, wesentliche konstituierende Elemente im Vergleich mit anderen Projekten herauszuarbeiten, die bei der Ausprägung politischer Räume in Lissos eine Rolle spielten. Die Strategien räumlicher Organisation im Hinblick auf die innere Struktur der Stadt sowie die Hierarchisierung der Gesellschaft werden sich besser verstehen lassen, wenn diese konstituierenden Elemente vor dem Hintergrund der sich wandelnden Rahmenbedingungen interpretiert werden.

Auf dieser Basis und in Anbetracht der wechselnden politischen Rahmenbedingungen im Untersuchungszeitraum lassen sich weitreichende Erkenntnisse zum Verhältnis "politische Macht" und "räumliche Struktur" gewinnen und damit - als Beitrag zu Cluster 3 - ein tieferes Verständnis des Begriffs "politischer Raum".

Kooperationspartner: Archäologisches Institut der Akademie der Wissenschaften Albaniens, Tirana.

Contact: Dr. Andreas Oettel (E-Mail: ao@dainst.de)
Prof. as. Dr. Gëzim Hoxha (E-Mail: ghoxha@albmail.com)

zum Projekt: Lissos

Forschungsfeld 4: Orte der Herrschaft

Wie jedwede Art menschlichen Handelns vollzieht sich Herrschaft im Raum. Sie manifestiert sich an konkreten Stellen, die als "Orte der Herrschaft" bezeichnet werden können. Herrschaft wird dabei verstanden als zielgerichtete Ausübung konzentrierter Macht zur Ordnung einer oder mehrerer Gesellschaften. Sie ist es, die den politischen Souverän - seien dies Einzelne, Gruppen oder die Gesamtheit - ausmacht. So lassen sich "Orte der Herrschaft" allgemein definieren als Orte, an denen der politische Souverän im Dienste seiner Herrschaft präsent und/ oder wirksam ist. Die Herrschaft kann tatsächlich ausgeübt, aber auch bloß kommuniziert und inszeniert werden. Beides wiederum kann unmittelbar oder mittelbar erfolgen, ebenso wie die Präsenz des Souveräns unterschiedlicher Natur sein kann: er kann persönlich, durch Vertreter (Statthalter, Soldaten etc.), aber auch durch Symbole (Schriftdokumente, Architektur, Statuen etc.) präsent und wirksam sein.

Von den vielen denkbaren Formen von Herrschaft beschäftigt sich Forschungsfeld 4 - insbesondere auch in Abgrenzung zu Forschungsfeld 3 - mit der räumlichen Präsenz von Herrschaft überregionaler Natur. Methoden- und epochenübergreifend soll erörtert werden, welche Orte sich die jeweiligen Souveräne zur Ausübung und Kommunikation ihrer Herrschaft aussuchten und wie sie diese gestalteten. Vornehmliches Interesse gilt dabei der Frage, wie die verschiedenen Gesellschaften und Herrschaftssysteme bestimmte funktional bedingte Anforderungen in bezug auf Präsenz und Praxis von Herrschaft in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen historischen Horizont umsetzten. Dies soll auf der Basis von archäologischen Befunden und schriftlichen Quellen unterschiedlichster Art (Historiographie, Inschriften, Papyri etc.) diskutiert werden. So vermag z.B. die architektonische Gestaltung von Repräsentationsräumen Einblick in Herrschaftsverständnis und -praxis zu gewähren. Anhand von Schriftquellen lässt sich demgegenüber nachvollziehen, wie an konkreten Orten Herrschaft in Ritualen kommuniziert und von den Betroffenen empfunden und erfahren wurde. Ein solch interkultureller Vergleich der Darstellung von Herrschaft im Raum im Hinblick auf Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede verspricht neue differenzierte Einsichten in das Phänomen Herrschaft.

Verantwortliche

Felix Arnold (Stellvertreterin: Alexandra W. Busch)

Forschungsprojekte

Die Kaiserpaläste auf dem Palatin in Rom

Die Kaiserpaläste auf dem Palatin waren in allen ihren Ausbauphasen hochkomplexe Gebilde, die den kaiserlichen Hof aufnahmen. Der Palatin war aber immer mehr als nur ein Konglomerat von Räumen, die für die Durchführung der Amtsgeschäfte und der Dienstpflichten sowie für das Leben am Hof geeignet waren. Seine Architektur ist deshalb in die Literatur als Synonym für Herrschaftsarchitektur ganz allgemein eingegangen. Die Palastgebäude auf dem Palatin waren aber auch über Jahrhunderte hinweg Sinnbild für die höchste Macht im Römischen Reich und die Vorherrschaft Roms in der antiken Welt. Sie waren damit geradezu eine Metapher für die kaiserliche Präsenz, ja für das Kaisertum ganz allgemein, und damit ein wesentlicher Bestandteil "symbolischer Politik".

Abgesehen davon, dass die Entwicklung, das Aussehen und die sozialen und organisatorischen Strukturen der Kaiserpaläste bisher als wenig erforscht gelten können, sind an das Projekt grundsätzliche Fragen geknüpft, die für den Themenkomplex des Clusters "Politische Räume" allgemein relevant sind:

  • Was macht Architektur zu Herrschaftsarchitektur und damit zu einem politischen Raum? Durch welche Transformationsprozesse konnte sich aus den aristokratischen Häusern nach der Einrichtung des Prinzipats ein räumliches und ein soziales Gebilde herausformen, das als Institution "Hof" funktioniert und als solche auch wahrgenommen werden konnte. Wie wurde diese Institution "Hof" in der Spätantike auf die Kaiserpaläste außerhalb Roms übertragen und wie wurden sie rezipiert?
  • In wie weit ist ein Raum und damit auch ein Palast ein Produkt sozialer Interaktion? Wie bedingen politische Interaktionen bestimmte Raumstrukturen?

Die sozialen und organisatorischen Strukturen der Kaiserpaläste auf dem Palatin müssen im Kontext der traditionellen städtisch-aristokratisch geprägten Gesellschaftsverhältnisse sowie der überlieferten politischen Organisationsstrukturen gesehen werden. Es ist daher zu fragen, wie veränderte Gesellschaftsverhältnisse auch zu einer Wandlung des architektonischen Gebildes geführt haben. Und umgekehrt, wie aus Raumstrukturen auf gesellschaftliche und politische Strukturen geschlossen werden kann. Wie lässt sich z. B. soziale Hierarchisierung in der Architektur ablesen?

  • Wie wird symbolische Politik in Raumstrukturen transportiert? Wie wurde diese Symbolik gelesen?

Die Deutung der Paläste als Symbolisierung politischer Herrschaft und sozialer Distanz erfordert hierfür die Einbeziehung der Stadt als Referenzpunkt und allgegenwärtigen Horizont, dem gegenüber die Paläste erst ihr Profil gewannen. Es ist zu fragen, wie sich der Raum Palast im Stadtraum, im Falle von Felix Romuliana in der Landschaft selbst reproduziert und vernetzt hat und wie der Betrachter diesen symbolischen Raum erlebt und wahrgenommen hat.

Das methodische Vorgehen des neuen Forschungsprojektes "Palast und Stadt im severischen Rom", das von der Gerda Henkel Stiftung ab 2007 gefördert wird, ist zum ersten durch die Zusammenarbeit dreier Disziplinen (Bauforschung, Alte Geschichte, Archäologie) gekennzeichnet. Im Rahmen des Forschungsclusters ergibt sich die willkommene Möglichkeit, die Ergebnisse im Vergleich mit anderen Epochen und Kulturen zu diskutieren sowie weitere Disziplinen mit einzubeziehen. Von besonderem Interesse sind hierfür die Kulturwissenschaften, Geographie und vor allem Architekturtheorie. Da von der Seite des Architekturreferats das Projekt vor allem aus dem architektonischen Blickwinkel angegangen wird, ist von besonderem Interesse, welche Raumtheorien und -modelle schon erfolgreich auf die Interpretation von Herrschaftsarchitektur übertragen wurden und wie die Aussagen dann historisch, archäologisch und bauforscherisch nachgewiesen werden konnten.

Das Konzept der Interpretation der Paläste beruht vor allem auf dem Hintergrund ihrer Einbindung in ihr bauliches, räumliches, materielles und politisch-soziales Umfeld: Die Stadt Rom wird dabei als entscheidender, die Entwicklungen beeinflussender Gegenpol der palatinischen Hof- und Palaststrukturen verstanden. Der Bezug zwischen Palast und städtischem Gemeinwesen wird als grundlegend für das Verständnis von Funktion und Bedeutung der neuentstehenden räumlichen, materiellen und politisch-sozialen Strukturen auf dem Palatin angesehen. Durch einen Vergleich mit anderen Herrschaftsarchitekturen, an denen sich solche Interaktionsprozesse ebenfalls nachweisen lassen, erhoffen wir uns allgemeingültige Kriterien herausfiltern zu können, mit denen sich der Raum Palast als ästhetisches, soziales und politisches Phänomen ganz allgemein begreifen lässt. Diese Kriterien sollen dann am konkreten Beispiel des Palatin wieder überprüft und ausdifferenziert werden.

Kontakt: Dr. Ulrike Wulf-Rheidt (E-Mail: uwr@dainst.de)

zum Projekt: Rom, Kaiserpalast

Der spätantike Kaiserpalast Felix Romuliana bei Gamzigrad / Serbien

Die ca. 200 x 200 m große Palastanlage Felix Romuliana bei Gamzigrad / Serbien ist im Unterschied zum gut vergleichbaren Diokletianspalast in Split / Kroatien in nachantiker Zeit nie überbaut worden. Sie liegt eingebettet in eine hügelige Landschaft am Rande des serbischen Erzgebirges (in den nachpalastzeitlichen Siedlungen wurde auch in größerem Umfang Metallurgie betrieben). Mit der Grenzregion an der unteren Donau ist Romuliana durch das Flusstal des Timok verbunden.

Seit mehr als 50 Jahren werden Ausgrabungen durchgeführt, und wesentliche Teile der Innenbebauung sind bereits freigelegt worden. Durch eine hier gefundene Inschrift und das überlebensgroße Porphyrporträt des Kaisers Galerius (293 - 311 n. Chr.) ist Romuliana als Herrschersitz / Palast gut definiert. Die bereits bekannte Innenbebauung eignet sich hervorragend als Ansatzpunkt für die Untersuchung von spätantiker Herrschaftsarchitektur als politischem und sozialem Raum.

Fragestellung:
Nach außen präsentiert sich Romuliana durch eine überdimensionierte Umfassungsmauer mit dominant vorspringenden Türmen und reich dekorierten (u. a. mit "politischen" Reliefs) Toren. Der Fernwirkung diente ein auf einer Passhöhe gelegenes Tetrapylon. Von hier aus bestand auch eine Verbindung bis in die Limeszone an der unteren Donau - einem politischen Raum par excellence.

In der unmittelbaren Umgebung des Palastes sind außer einem großen Speicherbau und einem Objekt unbekannter Funktion bislang keine markanten Siedlungsstrukturen zutage gekommen. War diese sehr auf Außenwirkung bedachte Anlage tatsächlich als der selbstgenügsame Ruhesitz des Kaisers am (nach den Quellen nicht genau lokalisierbaren) Ort seiner Geburt (einige Mauerzüge im Innern werden als Reste der bäuerlichen Villa seiner Eltern gedeutet) konzipiert? Oder ist nicht vielmehr zu erwarten, dass die sich in der Architektur ausdrückende Herrscher- und Herrschaftsideologie auch auf die unmittelbare Umgebung ausstrahlen sollte? Und wie war diese Mikroregion strukturiert und in Wechselbeziehung mit dem Palast organisiert?

Aufgrund des guten Erhaltungszustandes lässt sich im Vergleich mit anderen spätantiken und hier besonders den tetrarchischen Residenzen auch die Frage klären, ob es wirklich eine neue Programmatik in der spätantiken Palastbaukunst gab, wie dies Beat Breank postuliert hat, oder sich nicht doch Gemeinsamkeiten und Traditionslinien wiederfinden lassen. Wie spiegelt sich das neue Herrschaftsverständnis der spätantiken Kaiser in einer politisch schwierigen Umbruchszeit architektonisch wieder.

Methode und Perspektiven:
Um diesen Fragen nachzugehen, soll im Rahmen eines deutsch-serbischen Kooperationsvertrages die bereits begonnene geophysikalische Prospektion in Verbindung mit archäologischen Detailunter-suchungen im Umfeld der Palastanlage weiter ausgedehnt werden. Als Grundlage wurde, basierend auf einem einheitlichen Messnetz erstmals eine systematische Bauaufnahme des gesamten Palastareals und der Monumente auf dem Grabhügel im Osten angefertigt und diese in einen Umgebungsplan integriert. Die so gewonnenen Daten bilden zusammen mit den Forschungsergebnissen im Palastinnern die Grundlage für ein komplexes GIS.

Der auf diese Weise definierte politische Raum "Romuliana" kann einerseits in seiner inneren Struktur mit dem Kaiserpalast als Zentrum untersucht und dargestellt werden, und er kann als Referenz zur Interpretation vergleichbarer Objekte im spätrömischen Reich dienen. Andererseits lässt sich auch die Mikroregion "Kaiserpalast" in Beziehung setzen zu dem politischen Großraum der Limeszone an der unteren Donau bzw. der Grenzprovinz Dacia ripensis.

Kontakt: Dr. Gerda von Bülow (E-Mail: vonbuelow@rgk.dainst.de)
Dr.-Ing. Ulrike Wulf-Rheidt (E-Mail: uwr@dainst.de)

zum Projekt: Felix Romuliana bei Gamzigrad