Einleitung:
Das Vorhaben beruht auf der Überlegung, dass es unzureichend ist, die "gebaute Umwelt" auf ihren Charakter als Widerspiegelung bestimmter Konzepte und Wertvorstellungen zu reduzieren. Bleibt man bei diesem Aspekt stehen, so entsteht der Eindruck, Architektur fungiere als eine Art "versteinerter Ideologie", ein essentialistischer Standpunkt, der insinuiert, Architektur würde ein unabänderlicher und für sich selbst sprechender Bedeutungsgehalt innewohnen (Maran 2006a). Dem widerspricht jedoch allein schon der Befund, dass ein Raum, der durch die gleichen architektonischen Formen umschrieben wird, in unterschiedlichen kulturellen und zeitlichen Zusammenhängen ganz verschiedene Bedeutungen annehmen kann. Dies ist auch die Ursache, warum Raum nicht wie ein Text "gelesen" werden kann. Die entscheidende Frage ist, wie Raum "produziert" wurde (Lefebvre 1991), d. h. wie unter spezifischen historischen und politischen Rahmenbedingungen die ursprünglich der Architektur eingeschriebenen Bedeutungen wachgerufen und mobilisiert wurden, um eine bestehende Ordnung zu bestätigen bzw. neu auszuhandeln und um neue Synthesen, wie der architektonische Raum interpretiert und genutzt werden sollte, entstehen zu lassen. Eine Beantwortung dieser Frage setzt voraus, Architektur und soziales Handeln als untrennbar miteinander verbundene Größen einer "Dualität von Raum" (Löw 2001) aufzufassen. Der architektonische Raum ist nämlich in gleichem Maße ein Produkt bestimmter sozialer und politischer Rahmenbedingungen, wie umgekehrt die Gesellschaft und ihre Handlungsabläufe durch diesen Raum geformt werden.
Aus zwei Gründen eignet sich Tiryns in besonderem Maße als Ansatzpunkt für ein Vorhaben, das die Veränderungen des sozialen und politischen Raumes in Griechenland etwa zwischen dem 14. und dem 11. Jh. v. Chr. zum Gegenstand hat. Zum einen ist Tiryns von allen mykenischen Zentren der Palastzeit (ca. 1400-1200 v. Chr.) das einzige, das auch noch nach dem ausgedehnten Zerstörungshorizont um 1200 v. Chr., der der mykenischen Palastgesellschaft ein Ende bereitete und die "Dunklen Jahrhunderte" einleitete, Anzeichen für den Versuch einer Wiederherstellung einer politischen Zentralgewalt sowie für architektonische Neuplanungen aufweist. Der Ort bietet damit die seltene Möglichkeit, den Wandel des architektonischen Raumes in unterschiedlichen politischen und sozialen Konstellationen zu untersuchen. Zum anderen wurde der Ort in historischer Zeit nicht nennenswert überbaut. Die Reste der aufeinander folgenden mykenischen Siedlungen liegen folglich in den meisten Zonen unmittelbar unter der heutigen Erdoberfläche und bilden ein noch weitgehend unerschlossenes Archiv zu Wirtschaft und Gesellschaft des frühen Griechenlands.
Das Vorhaben besteht aus drei Teilprojekten, von denen sich zwei mit der Palastzeit, das dritte mit der Nachpalastzeit beschäftigt.
Palastzeit:
Die im 14. und 13. Jh. v. Chr. errichteten Paläste der mykenischen Kultur repräsentieren ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die enge Verbindung zwischen architektonischem Raum, Bildprogrammen und sozialem Handeln. Es gibt klare Indizien dafür, dass diese Anlagen bis ins kleinste Detail geplant und für bestimmte Formen von rituellen Handlungsabläufen, unter denen Prozessionen eine überragende Rolle gespielt haben, gleichsam maßgeschneidert wurden. An anderer Stelle wurde dargelegt (Maran 2006b), dass es für eine Untersuchung der Verbindung zwischen Architektur und den ehemals darin stattfindenden Handlungen sinnvoll ist, sich dem aus den Theaterwissenschaften entlehnten Konzept des "performativen Raumes" zuzuwenden. Nach Erika Fischer-Lichte (2004) eröffnet ein performativer Raum Möglichkeiten für das Verhältnis zwischen Akteuren und Zuschauern, für Bewegung und Wahrnehmung, die er darüber hinaus strukturiert und organisiert. Wird dieses Konzept auf mykenische Paläste angewandt, so lässt sich zeigen, dass in ihrer Struktur und dem Programm der Freskendekoration nicht nur Aspekte des sozialen und religiösen Überbaus, sondern auch bestimmte Bewegungsabläufe eingeschrieben sind. Die Analyse der Paläste und ihrer Bilder erlaubt damit nicht nur Rückschlüsse auf die Ideologie der mykenischen Gesellschaft, sondern auch darauf, wie diese Weltanschauung durch Rituale, die mit dem umgebenden Raum interagierten, immer wieder von neuem erzeugt und affirmiert wurden. In jüngster Zeit zutage gekommene Funde erbringen neue Ansatzpunkte für eine Beurteilung der genannten Aspekte.
Eben weil im Rahmen einer solchen Betrachtungsweise mykenischer Paläste den Bildern eine so zentrale Bedeutung zukommt, ist es ein Glücksfall, dass in den Jahren 1999 bis 2001 bei Ausgrabungen der Vierten Ephorie des Griechischen Antikendienstes an der Westtreppe von Tiryns unerwartet ein umfangreicher Bestand von Freskenfragmenten zum Vorschein kam. Bereits eine erste Durchsicht der mehreren hundert Fragmente zeigte, dass ein Teil von ihnen an die berühmten Fresken des Jahres 1910 (Rodenwaldt 1912), die in dem gleichen Areal gefunden wurden (Fries der großen Frauenprozession, Jagdfries, Hirschfries) anpassen würde, wogegen ein anderer Teil neue Themen darstellte. Die Ausgräberin, Alkestis Papadimitriou, erklärte sich bereit, die noch unrestaurierten Freskenneufunde mit J. Maran und U. Thaler im Rahmen des aus Mitteln des Forschungsclusters "Politische Räume" finanzierten Teilprojekts "Bildräume und Raumbilder: Mykenische Paläste als performativer Raum" zu bearbeiten, auszuwerten und zu publizieren. Eine weitere Kooperationspartnerin ist Lena Papazoglou-Manioudaki, die Direktorin der prähistorischen Abteilung des Athener Nationalmuseums, denn im Zuge der Aufarbeitung der Neufunde müssen auch die alten Freskenfunde in die Bearbeitung einbezogen werden, um Kompositionen zu vervollständigen.
Bei dem neuen Tirynther Freskenfund handelt es sich um den derzeit größten Bestand unpublizierter palatialer Fresken der mykenischen Kultur. Nach Restaurierung der Fresken eröffnet sich die Chance, in Zusammenschau mit den im Athener Nationalmuseum gelagerten Altfunden die Bilderwelt des Palastes von Tiryns zu rekonstruieren und im Vergleich zu dem Palast von Pylos (Thaler 2006), dem einzigen anderen mykenischen Palast, dessen Fresken zu großen Teilen erhalten blieben, neue Einblicke in Freskenprogramme und ihr Zusammenspiel mit Herrschaftsausübung und sozialem Handeln gewinnen.
Das zweite mit der Palastzeit befasste Teilprojekt bildet das von U. Thaler verfolgte Promotionsvorhaben "Architektur der Macht - Macht der Architektur: Mykenische Paläste als Dokument und Gestaltungsrahmen frühgeschichtlicher Sozialordnung", eine über Tiryns hinausgreifende Studie der sozialen Bedeutung und Wirkung mykenischer Palastarchitektur. Bislang hat die neuere Forschung zur Sozialgeschichte der mykenischen Zeit die Architektur der Paläste als Quelle weitestgehend vernachlässigt; ebenso haben Arbeiten zur Architektur dieser Baukomplexe sozialhistorische Fragestellungen ausgeklammert. Ziel der Arbeit ist es, diese Lücke zu schließen und das erhebliche sozialhistorische Aussage- und Interpretationspotential der mykenischen Paläste zu erschließen. Grundlegend hierfür ist ein Verständnis der archäologisch überlieferten Baubefunde sowohl als Ausdruck als auch als Gestaltungsrahmen vorgeschichtlicher gesellschaftlicher Bedingungen.
Methodisch stellt die Untersuchung der architektonischen Grundstruktur eines Baukomplexes als kommunikative Struktur und als räumlicher Rahmen sozialer Begegnung und Interaktion die erste Analyseebene dar. Die zweite Analyseebene orientiert sich stärker an der Wahrnehmung der Palastarchitektur durch die zeitgenössischen Nutzer und umfasst Betrachtungen zur Ausgestaltung des Palastinneren ebenso wie zu Sichtbereichen innerhalb der Paläste. Die dritte Ebene schließlich beinhaltet die Interpretation von Fundinventaren.
Diesen drei Analyseebenen stehen in der Gliederung des Stoffes vier aufeinander aufbauende Hauptarbeitsschritte gegenüber. Der erste Arbeitsschritt umfasst die detaillierte Untersuchung des durch seine Erhaltung und wissenschaftliche Dokumentation als Musterbeispiel ausgewiesenen Palastkomplexes von Pylos. Hierbei wird für die verschiedenen Analyseebenen ein methodisches Instrumentarium entwickelt (Thaler 2006). Im zweiten Arbeitsschritt erfolgt eine erste Ausweitung des geographischen Betrachtungsrahmens auf das von dem untersuchten Palast beherrschte Territorium. Untersuchungsgegenstand ist hierbei nicht die Palastarchitektur als solche, sondern ihr sozio-geographischer Kontext, das Netzwerk für die Gemeinschaft bedeutsamer Orte, in dem sie ihre Wirkung entfalten konnte. Die weiteren Palastanlagen des mykenischen Kulturbereichs werden im dritten Arbeitsschritt untersucht. Hierbei sind in von Ort zu Ort verschiedenen Einzelbereichen detailliertere Betrachtungen möglich, die das bereits gewonnene Verständnis der sozialen Funktionsweise der Paläste teils ergänzen, teils auch - im Lichte regionaler Eigenheiten - korrigieren. Im abschließenden vierten Arbeitsschritt wird das so gewonnene Bild in seinen interkulturellen Kontext gestellt. Dies ist von besonderem Interesse, da die Kulturen der nahöstlichen Staatenwelt, mit denen der mykenische Kulturbereich in Kontakt stand, über eine umfangreichere schriftliche Überlieferung verfügen. Vor allem dort, wo diese mit den architektonischen Überresten der Herrschersitze in Bezug gesetzt werden kann, sind auf dem Wege des Vergleichs der archäologischen Hinterlassenschaft interessante Rückschlüsse auf den mykenischen Bereich zu erwarten.
Nachpalastzeit:
Eine zentrale Frage ist, was nach der großen Katastrophe, die um 1200 v. Chr. den mykenischen Palästen ein Ende bereitete, an die Stelle des für die ausgehende Palastzeit kennzeichnenden Zusammenspiels zwischen architektonischem Raum, Bildprogrammen und sozialer Kommunikation trat. Seit dem 1998 erbrachten Nachweis, dass ein in der Ruine des Großen Megarons von Tiryns errichteter Antenbau kein eisenzeitlicher Tempel, sondern ein letztes mykenisches Megaron war, steht fest, dass an wenigstens einem Ort nach der Katastrophe versucht wurde, architektonisch den Platz des ehemals wichtigsten Palastgebäudes wiederzubesetzen. Dabei wurden zentrale Symbole der vorherigen religiösen und politischen Ordnung, wie der Thronplatz und ein Altar im Hof, in die Neuplanungen einbezogen. Tiryns ist damit das einzige mykenische Palastzentrum Griechenlands, in dem sich über die große Katastrophe hinweg im Herzen des Palastes Anzeichen eines Anknüpfens an die Verhältnisse, die vor 1200 v. Chr. geherrscht haben, beobachten lassen. Trotz dieser Bezugnahme auf die Palastzeit dürfte aber die Intention der Nutzung im 12. Jh. v. Chr. wohl eine ganz andere gewesen sein. Der Neubau des Megarons erhielt nicht den Charakter einer Herrscherresidenz, sondern eher den einer Halle, in der sich die Gemeinschaft zu bestimmten Anlässen unter Leitung des auf dem Thron sitzenden Anführers zusammenfand. Verschwunden war auch die Freskenausschmückung, und dies, obwohl sich andernorts der Nachweis erbringen lässt, dass, allerdings sehr selten, auch noch im 12. Jh. v. Chr. qualitativ hoch stehende Freskenmalerei ausgeübt wurde. Die wahrscheinliche Deutung für das viel seltenere Auftreten von Fresken in der Nachpalastzeit besteht darin, dass Bildern unter den veränderten sozialen Verhältnissen eine neue Bedeutung zukam (Maran 2006c).
Zur gleichen Zeit, als auf der Oberburg dieses letzte Megaron entstand, vollzogen sich im Gebiet der in der Literatur als "Stadt" bezeichneten Außensiedlung von Tiryns erstaunliche Veränderungen. Unmittelbar nach 1200 v. Chr., d. h. zu einer Zeit, als alle anderen Zentren Griechenlands aufgelassen wurden oder in ihrer Größe schrumpften, scheint das Gebiet der Tirynther Außensiedlung planmäßig erschlossen worden zu sein. Die politischen Hintergründe dieses Größenwachstums liegen ebenso im Dunkeln wie die Frage der wirtschaftlichen Grundlage und der ethnischen Zusammensetzung der in dieser Siedlung lebenden Bevölkerung.
All diese Fragen, die mit den Veränderungen in Tiryns im frühen Abschnitt der "Dunklen Jahrhunderte" in Zusammenhang stehen, bilden den Gegenstand des Teilprojektes "Vergangenheitsbewältigung - Architektur und sozialer Raum im nachpalatialen Tiryns"
Literatur:
Fischer-Lichte 2004 E. Fischer-Lichte, Ästhetik des Performativen. Edition Suhrkamp 2373 (2004).
Lefebvre 1991 H. Lebevre, The Production of Space (1991).
Löw 2001 M. Löw, Raumsoziologie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1506 (2001).
Maran 2006a J. Maran, Architecture, Ideology and Social Practice - An Introduction. In: J. Maran, C.Juwig, H. Schwengel und U. Thaler (Hg.), Constructing Power. Architecture, Ideology and Social Practice. Geschichte. Forschung und Wissenschaft 19. LIT-Verlag (2006) 9-14.
Maran 2006b J. Maran, Mycenaean Citadels as Performative Space. In: ebd. 75-88.
Maran 2006c J. Maran, Coming to Terms with the Past: Ideology and Power in Late Helladic IIIC. In: S. Deger-Jalkotzy und I.S. Lemos (Hg.), Ancient Greece: From the Mycenaean Palaces to the Age of Homer. Edinburg Leventis Studies 3 (2006) 123-150.
Rodenwaldt 1912 G. Rodenwaldt, Tiryns II. Die Fresken des Palastes (1912)
Thaler 2006 U. Thaler, Constructing and Reconstructing Power. The Palace of Pylos . In: J. Maran, C. Juwig, H. Schwengel und U. Thaler (Hg.), Constructing Power. Architecture, Ideology and Social Practice. Geschichte. Forschung und Wissenschaft 19. LIT-Verlag (2006) 93-111.
Kooperation:
Dr. Alkestis Papadimitriou (4. Ephorie des Griechischen Antikendienstes, Nafplion), Dr. Lena Papazoglou-Manioudaki (Nationalmuseum Athen, Direktorin der Prähistorischen Sammlung)
Kontakt: Prof. Dr. Joseph Maran (E-Mail: m17@ix.urz.uni-heidelberg.de)
Ulrich Thaler M.A. (E-Mail: thaler@athen.dainst.org)
zum Projekt: Tiryns