Metanavigation

Forschungsplan und Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Cluster 4: Heiligtümer. Gestalt und Ritual. Kontinuität und Veränderung.

Verantwortliche

Hans-Joachim Gehrke, W.-D. Niemeier, D. Raue, R. Senff, Iris Gerlach

Zusammenfassung

Die Beschäftigung mit dem Heiligen führt zu einer anthropologischen Grundkonstante, denn das Verhältnis zum Heiligen ist integraler Teil des Menschseins. Die Vielfalt der antiken Antworten ist im Zeitalter der Globalisierung und dem damit verbundenen Zusammentreffen moderner Antworten von besonderem Interesse und sollte unbedingt in die aktuelle Diskussion einbezogen werden.

Die Arbeit des Forschungsclusters zielt darauf, die religiösen Konzepte von Heiligtümern unterschiedlicher Kulturregionen in wesentlichen Punkten miteinander zu vergleichen. Mehrere Dutzend Kultplätze werden weltweit durch Projekte des DAI untersucht. Der Forschungscluster kann damit auf eine umfangreiche und sehr gut zugängliche Materialbasis zu zentralen Themen hinsichtlich der Stellung von Glauben und Religion in früheren Gesellschaften zurückgreifen, um jenseits der eigentlichen archäologischen Arbeit, der Dokumentation und objektkundlichen Auswertung, zu übergreifenden Fragestellungen vorzustoßen und die Ergebnisse sowohl der Fachwelt als auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Einleitung

Die Fähigkeit zum Glauben an höhere Mächte ist ein wesentliches Merkmal des Menschen und läßt sich bis in die Frühzeit der Menschheitsentwicklung zurückverfolgen. Erste Nachweise für spirituelles Handeln fanden sich bereits im Zusammenhang mit paläolithischen Bestattungen vor ca. 80 000 - 100 000 Jahren.

Der Glaube an eine gemeinsame Götterwelt, an einen Gott oder zumindest eine übergeordnete religiöse Vorstellung bleibt jedoch nicht auf den Einzelnen beschränkt, sondern bildet eine der Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Gemeinschaft. Die Mitglieder kleinerer oder größerer Gemeinwesen finden sich an heiligen Orten zu ritualisierten Handlungen zusammen. Auch in einer säkularisierten Gesellschaft wie der unsrigen spielen diese Vorstellungen und Handlungen eine weit größere Rolle als vielfach angenommen - etwa in der Auseinandersetzung mit benachbarten Kulturen und Gesellschaften, denen die Trennung von Politik und Religion fremd ist oder als Relikte einer nur noch auf wenige Feiertage beschränkten und ihrer ursprünglichen Bedeutung weitgehend entleerten, ehemals umfassenderen religiösen Praxis.

Die Mitglieder jeder Religionsgemeinschaft sind bestrebt, ihre Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen und sei es nur an den ihnen allein zugänglichen Orten. In den durch große Anhängerschaften oder Mehrheiten getragenen Religionen geschieht dies aber in der Regel öffentlich und an einer möglichst prominenten Stelle, an der sich das Wirken des Göttlichen in besonderer Weise manifestiert.

Die heiligen Stätten sind meist besonders hervorgehoben: durch natürliche Gegebenheiten, durch ein Bauwerk, aus dem im Lauf der Zeit ein umfangreicher Komplexe entstehen kann. Sie sind damit Ausdruck einer Gesellschaft oder Kultur und ihres gestalterischen Vermögens. Als Symbole der religiösen Überzeugungen verkörpern sie deren historische Dimension und überliefern sie der Nachwelt.

In den meisten Fällen zeichnen sich solche Orte durch hohe Investitionen der jeweiligen Gesellschaft und einen großen gestalterischen Aufwand aus. Nach außen wird dies von den Bauherren und Stiftern mit dem Respekt vor der Gottheit begründet. Tatsächlich spielt kompetitives Verhalten innerhalb einer Kultur wie auch gegenüber benachbarten Gesellschaften aber eine ebenso große Rolle. Der Schutz der Bauten und Votive, in den Augen der Gläubigen durch die höheren Mächte und praktisch durch das Gemeinwesen, von dem das Heiligtum getragen wird, lassen im Laufe der Zeit ein unvergleichliches Reservoir von historischen Dokumenten entstehen.

Dieser Aufwand ist es, der Orte mit spiritueller Bedeutung für vergleichende Betrachtungen von Kulturen besonders geeignet macht. Fast immer sind derartige Stätten archäologisch nachweisbar, sowohl in prähistorischen wie in historischen Epochen.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit heiligen Orten gehört zu den ältesten Themen der Archäologie. Dennoch ist es bisher nur selten zu vergleichenden Studien der verschiedenen Bereiche der antiken Welt gekommen. Grund hierfür war lange der heterogene Kenntnisstand der materiellen Hinterlassenschaften, insbesondere in Regionen, denen sich die Forschung erst in letzter Zeit zuwenden konnte.

Die äußere Erscheinung der Heiligtümer führt eine stabile und unveränderbare Weltordnung vor und weist dem Besucher einen festen Platz im Verhältnis zur verehrten übersinnlichen Welt zu. Diese Relation betont auch das religiöse Ritual mit seinen festgelegten Verhaltensregeln. Da sich an den heiligen Stätten oft lediglich Spuren der Kulthandlungen erhalten haben, die von der Archäologie mühsam und meist nur lückenhaft rekonstruiert werden können, ist die Zuhilfenahme anderer Informationsquellen, schriftlicher Nachrichten in verschiedenen Formen wie Beschreibungen, liturgischen Texten oder Inschriften besonders wichtig, um das kultische Geschehen möglichst vollständig zu rekonstruieren. Die Zusammenarbeit mit anderen Nachbardisziplinen der Altertumswissenschaften, der Anthropologie und Religionswissenschaft ist an dieser Stelle in höchstem Maße notwendig.

Die Chancen stehen heute gut, mit einem übergreifenden Vergleich derartiger Stätten zu einem tieferen Verständnis der untersuchten Gesellschaften und zu einer Standortbestimmung unserer eigenen Kultur zu kommen.

Ziele und Vorgehensweise

Seit seiner Gründung befaßt sich das DAI mit der Erforschung derartiger Komplexe und kann daher auf eine große Vielfalt eigener Forschungsergebnisse zu diesem Thema zurückgreifen. Die Materialgrundlage des angestrebten Vergleichs liefern eine repräsentative Anzahl wissenschaftlich gut untersuchter Heiligtümer.

Diese Heiligtümer sollen unter thematischen Schwerpunkten, die sich aus der zeitlichen Dimension ergeben, der Genese, der Kontinuität und dem Wandel während ihres Bestehens und schließlich dem Ende der Religionsausübung und dem Funktionsverlust des Ortes betrachtet und verglichen werden. Die Untersuchung des kultischen Geschehens, das den Ort, seine Ausgestaltung und die Kultteilnehmer zu einem Ganzen verbindet, ist ein weiteres übergreifendes Thema, für das ebenfalls die Frage nach seinem Wandel im Laufe der Zeit von grundlegender Bedeutung ist.

Jeder Kult und auch jeder Kultort erhält seine Bedeutung erst durch die Gemeinschaft, die für die Entstehung und die Ausbreitung der Religion verantwortlich ist. Die wenigsten Kultorte behalten ihren Charakter gleichbleibend während ihrer gesamten Existenz bei. Und kein Kult dauert ewig - häufig heißt es: "fortan schweigt der Gott", wie man angeblich in Delphi gesagt haben soll.

Der Cluster versucht, heilige Stätten als Stationen und Ergebnisse von Prozessen zu sehen, d.h. die Etappen des Geschehens in den unterschiedlichen Gesellschaften zu definieren und vergleichenden Studien zu unterziehen.

Ergebnisse

Andreas Effland, Beschriftete Keramik, in: Ute Effland, Funde aus dem Mittleren Reich bis zur Mamlukenzeit aus Umm el-Qaab, in: MDAIK 62, 2006, S. 138-140.

Andreas Effland, Zwei Skarabäen mit Maximen, in: G. Dreyer et al., Umm el-Qaab. Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof, 16./17./18. Vorbericht, in: MDAIK 62, 2006, S. 126 f.

Andreas Effland, Iuwelot der Libyer - Zwei neue Belege für den thebanischen Hohepriester des Amun aus der 22. Dynastie und ein ungewöhnliches Personendeterminativ, in: E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, S. 59-70.

A. Effland und U. Effland, Mittler zwischen den Welten, in: epoc. Spektrum der Wissenschaft 6/2009, 12-19

Ute Effland, Funde aus dem Mittleren Reich bis zur Mamlukenzeit aus Umm el-Qaab, in: MDAIK 62, 2006, S. 131-150.

Ute Effland, Funde späterer Nutzungsphasen, in: G. Dreyer et al., Umm el-Qaab. Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof, 16./17./18. Vorbericht, in: MDAIK 62, 2006, S. 123-126.

Ute Effland, Das Gottesgrab. Der Gott Osiris in Umm el-Qaab/Abydos, in: Sokar 16, 2008, S. 6-17.

Ute Effland, "Grabe im Zentrum des erstbesten Grabes" - Mittelalterliche Schatzsucher in Abydos, in: E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, S. 71-82.

Irene Forstner-Müller und Dietrich Raue, "Elephantine und Levante", in:E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, 127-148.

Peter Kopp und Dietrich Raue, "Reinheit, Verborgenheit, Wirksamkeit - Innen-, An- und Außensichten eines ägyptischen Sanktuars jenseits der zentralen Residenzkulte", in: Archiv für Religionsgeschichte 10, 2008, 25-43.

P. KOPP, Ein Sistrum aus dem Satettempel von Elephantine, in: E.-M. Engel/V. Müller/ U. Hartung (Hrsg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, S. 413-419.

Th. Marksteiner - B. Stark - M. Wörrle - B. Yener-Marksteiner,Der Yalak Başi auf dem Bonda Tepesi in Ostlykien. Eine dörfliche Siedlung und ein ländlicher Kultplatz im Umland von Limyra,Chiron 37 (2007) 243-293.

U. Rummel, Grab oder Tempel? Die funeräre Anlage des Hohenpriesters des Amun Amenophis in Dra' Abu el-Naga (Theben-West), in: D. Kessler et al. (Hrsg.), Texte - Theben - Tonfragmente. Festschrift für Günter Burkard, Ägypten und Altes Testament Bd. 76, Wiesbaden 2009, S. 348-360

Forschungsfeld 1: Genese und Kontinuität

Insbesondere die Archäologie hat in den vergangenen Jahrzehnten Aufschlüsse über den Ursprung vieler Heiligtümer gewonnen. Heiligtümer gehören oftmals zum ältesten Baubestand einer Siedlung, wo z.B. ein Gründerheros oder der Schutzgott der Stadt verehrt wird. Sie können aber auch zu späteren Zeitpunkten in vorhandenen Siedlungen oder an bereits bestehenden Kultstätten eingerichtet werden. Als Orte der Weltentstehung haben sie einen universalen Anspruch, als Versammlungsstätten kleiner oder exklusiver Gruppen stärken sie das Bewußtsein der Zugehörigkeit und dienen politischen Zwecken. Vielfach spielen sie nicht nur eine wichtige Rolle für die kulturelle Identität der Kultteilnehmer, sondern auch für die Sicherung des Territoriums der Gemeinschaft.

Oft läßt sich eine Verbindung mit vorhandenen Naturphänomenen nachweisen, auch wenn an einem Ort im Laufe seiner Existenz andere Formen des Kultes ausgeübt wurden, welche die ursprünglichen Einrichtung überdecken oder sogar ganz ablösen.

Während die historische Forschung, die sich überwiegend auf schriftliche Informationen stützt, häufig ein vermeintlich eindeutiges Bild eines Heiligtums entwirft, vermag die Archäologie in vielen Fällen ein weit komplexeres, facettenreicheres Bild zu erzielen.

Viel zu oft ist man in der Darstellung heiliger Plätze von ungebrochenen Kontinuitäten ausgegangen und hat bei der Interpretation von Architektur, Ausstattung und Kultgegenständen tiefgreifende gesellschaftliche und politische Änderungen nicht ausreichend berücksichtigt. Es soll eine weitere Aufgabe dieses Forschungsfeldes sein, solche in anderem Zusammenhang bekannten Veränderungen in Beziehung mit dem jeweils untersuchten Heiligtum zu setzen.

Das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen benachbarter Regionen mit ihren jeweiligen Methoden wird dabei bestehende Paradigmen auf breiterer Basis überprüfen. Oftmals konnten in der Vergangenheit nur ungenaue Vermutungen zu den Ursachen des Wandels geäußert werden. Die chronologisch tiefe und topographisch breite Anlage der Projekte des DAI ermöglicht erstmals konkrete Antworten auf die Frage nach der Ursächlichkeit von Veränderungen.

Verantwortliche

Reinhard Senff, Wolf-Dietrich Niemeier

Forschungsfeld 2: Ende und Nachleben von Kultorten

Das Ende und Nachleben von Kultorten im antiken Mittelmeerraum sind der Forschungsgegenstand der Projektgruppe. In der bisherigen Forschung wird oft bemerkenswert unpräzise über das Thema gearbeitet, sowohl was einzelne Sachfragen als auch die Terminologie anbetrifft. Allein die zahlreichen, unterschiedlich getönten Begriffe für die Endzeit eines Kultortes (Bruch, Niedergang, Übergang, Untergang, Verfall, Wende) weisen auf die Vieldeutigkeit des wichtigen Phänomens des Endes und Nachlebens hin.

Die primären Funktionen eines Kultortes waren religiös bestimmt (Opferplatz, Altar, Tempel, Kultbild, Opfer, Weihung, Fest, Rituale, Prozession). Wenn der Kult nicht mehr praktiziert wurde, dann verlor der Kultort a priori seinen Daseinsgrund. Insofern ist das Ende eines Kultortes als der Zeitpunkt oder das letzte Stadium zu verstehen, in dem seine primären Funktionen unwiderruflich ausfielen. Was in der Forschung aber häufig nicht genügend beachtet wird, sind die vielfältigen und unterschiedlichen Funktionen eines Kultortes. So ist mit dem Verschwinden des traditionellen Kultes nicht automatisch auch das materielle Ende eines Kultortes verbunden. Insbesondere größere Kultorte verfügten über sekundäre Funktionen (wirtschaftlich, sozial, politisch-symbolisch) und konnten so das Kultende als Kommunikationszentrum, Festort oder identitätsstiftenden Orientierungspunkt der lokalen oder regionalen Bevölkerung überstehen. Dann führte der Kultort ein Nachleben nicht zuletzt auch in der Erinnerung der Menschen.

Die Projektgruppe bearbeitet Kultorte des Mittelmeerraums von der Steinzeit bis zur Spätantike. Ausgehend von Befunden aus Grabungen, deren Beginn längere Zeit zurückliegen, untersucht sie die bislang oft vernachlässigte letzte Phase der jeweiligen antiken Kultorte und ordnet ihre sich wandelnden Funktionen in einen größeren lokalen und supralokalen Verstehenszusammenhang ein; das zweite Ziel soll vor allem dadurch erreicht werden, daß die Grabungsbefunde mit schriftlichen Zeugnissen konfrontiert werden. Auf diesem Wege soll das Ende und Nachleben von Kultorten in all ihren Facetten genauer als bislang analysiert werden.

Die erwarteten Ergebnisse werden eine Lücke in der Erforschung antiker Heiligtümer schließen. Somit wird die Projektgruppe insgesamt zum besseren Verständnis von Archäologie und Geschichte zentraler Orte antiker Religion beitragen.

Verantwortliche

Stefan Lehmann

Forschungsfeld 3: Gestalteter Raum

Heiligtümer sind immer bewußt besetzter, gestalteter Raum zum Zweck eines wie auch immer gearteten Kultes. Die Bandbreite reicht von einfach gestalteten Naturheiligtümern über peak sanctuaries, Stelenfelder, Wegaltäre, Brandopferplätze bis hin zu monumentalen Tempelanlagen. Der gestaltete Raum "Heiligtum" ist wesentlicher Ausdruck einer Gesellschaft oder Kultur und ihres gestalterischen Vermögens bzw. ihres eventuell sogar absichtlich nicht dargestellten Vermögens. In Form und Gestalt eines Heiligtums manifestieren sich Form und Gestalt der jeweiligen Religion: ihre Bedürfnisse, ihre Anforderungen und die Ziele des Kultes.

Welche Leistungsanforderungen stellt eine Kultur bzw. die jeweiligen soziale Gruppe oder ein Individuum an ihren sakralen Ort? Zu untersuchen sind die Heiligtümer hinsichtlich folgender Aspekte:

 

  • Unterteilung in öffentliche und nichtöffentliche Bereiche oder demonstrativ hervorgehobene Teilbereiche
  • Deponierung oder Vernichtung der Opfer, d.h. Brandstätten oder Magazine
  • Wege oder Fixpunkte, Raumfolgen
  • Formen des Ritualvollzugs bzw. des Gottesdienstes
  • Abschirmung des Sanktuars oder Sichtbarkeit des Götterbildes bzw. des Kultfokus
  • Dimensionen des gestalteten Raumes im Verhältnis zum Menschen.

 

Der Grad der Geschlossenheit, die externe Erschließung, die innere Wegeführung, die unterschiedliche Gewichtung der äußeren und inneren Erscheinung bieten sich als Gestaltungsmittel des Raumes an.

Welche Gemeinsamkeiten zeichnen Heiligtümer gegenüber profanen Orten aus? Bestimmende Faktoren können dabei geographische Gegebenheiten (Quelle, Berggipfel, Felsplateau, Höhle), besondere Naturmale (Bäume, Lichtungen, Waldflecken), kultische Anforderungen (Blickachsen, mythische Orte, Orte sozialer Erinnerung) sein. Der gestalterische Umgang mit diesen Determinanten kann zur Schaffung eines neuen Bautypus, aber auch zur Übernahme eines Typus und dessen Veränderung oder gar zur Wahl einer vollständig typenlosen Raumgestaltung führen.

Die Gestaltung kann sich über gewisse geographische Gegebenheiten hinwegsetzen oder aber auch von ihnen bestimmt sein. Die Funktionsanforderungen des Kultes können bei der Anlage des Heiligtums im unterschiedlichen Maße berücksichtigt sein.

Eine besondere Rolle spielt aber auch die großmaßstäbliche Analyse der jeweiligen Kulttopographie, d.h. die Position, die ein Heiligtum innerhalb eines Territoriums oder einer definierten Kultlandschaft einnimmt: Befindet es sich an seiner Grenze oder definiert es eine solche, bildet es das Zentrum, liegt es isoliert oder läßt sich eine konstellative Einbindung erkennen?

Verantwortliche

Nils Hellner

Forschungsprojekte

Der archaische Apollontempel ('Tempel II') in Didyma

Der archaische Apollontempel ('Tempel II') in Didyma gilt schon seit seiner Auffindung zu Beginn des 20. Jhs. - insbesondere auch wegen der qualitätvollen marmornen Bauskulptur (heute im Pergamonmuseum in Berlin sowie im Archäologischen Museum in Istanbul) - neben den beiden berühmten Dipteroi im Heraion in Samos sowie dem älteren Artemision in Ephesos als einer der bemerkenswertesten archaischen ionischen Tempel in Kleinasien. Der bislang unzureichend erforschte hypäthrale Marmor-Kalkstein-Bau des 6. Jhs., der einer die Heilige Quelle als natürliches Kultmal architektonisch einfassenden älteren Hofanlage ('Sekos I') nachfolgt, prägt in funktionaler Anpassung an den Orakelkult konzeptionelle, typologische und stilistische Besonderheiten aus, die wiederum im hellenistischen Nachfolger, dessen eindrucksvolle Tempelruine heute noch vor Ort zu sehen ist, weiterwirken.

Ziel des 2003 begonnenen Vorhabens, bei dem auch Dr. Volker Kästner (Kapitelle) von der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin sowie Dr.-Ing. Aenne Ohnesorg (Marmordachziegel) vom Lehrstuhl für Baugeschichte der TU München mitwirken, ist es, diesen Tempel, Stätte eines über die Grenzen Ioniens hinaus bedeutenden Orakelkults, seiner Signifikanz für die ionische Baukunst entsprechend auf der Grundlage einer möglichst vollständigen Materialaufnahme angemessen wissenschaftlich zu publizieren - ein lange überfälliges Desiderat. Da Bauglieder und Bauskulptur des Tempels im Vergleich zu den anderen ionischen Dipteroi, mit denen das Didymaion in Wettstreit trat, in seltener Vollständigkeit und ungewöhnlicher Formen- und Material-Vielfalt erhalten sind, sind viel versprechende Ergebnisse für die Kenntnis der archaischen ionischen Baukunst zu erwarten.

Kontakt: Uta Dirschedl, Zentrale

zum Projekt: Didyma

Forschungsfeld 4: Votiv und Ritual

Kultplätze waren zu allen Zeiten Orte der Begegnung mit dem Heiligen. Der Kontakt erfolgte in Form von symbolischen Handlungen und Ritualen, wie beispielsweise Prozessionen, Tanz und Musik, Gebeten, Orakeln, Tier-, Trank- und Rauchopfer, Dedikationen und Banketten bzw. Kultmahlzeiten. In den Ritualen schlagen sich, ebenso wie in der Architektur und der Ausstattung des Heiligtums, Vorstellungen einer Gesellschaft nieder, für deren historische Rekonstruktion deshalb das Verstehen der Rituale von Bedeutung ist. Der Ablauf der Riten, d. h. der formalisierten, inszenierten und wiederholt durchgeführten Handlungen, ist heute allerdings nur noch teilweise zu erschließen. Für den altägyptischen, altorientalischen und griechisch-römischen Bereich können sowohl Schriftzeugnisse, wie etwa Ritualtexte und Kultgesetze, als auch bildliche Darstellungen, beispielsweise Vasenbilder und Fresken, Einblick in Form und Ablauf einiger dieser Handlungen geben. Für Rituale, die nicht schriftlich fixiert oder bildlich dargestellt wurden, sind dagegen die im Boden erhaltenen Relikte des kultischen Handelns die einzigen Belege.

In vielen Heiligtümern finden sich Schichten von Asche vermischt mit Tierknochen und Artefakten, die als materielle Hinterlassenschaften von Opfern und Kultmahlzeiten gelten können. Die Analyse dieser Relikte setzt - wie an verschiedenen Projekten seit langem praktiziert - interdisziplinäre Zusammenarbeit (z. B. die Heranziehung von Spezialisten zur Analyse der Archäofauna und der botanischen Funde) voraus und kann Aspekte der Riten erhellen, die in der schriftlichen und ikonographischen Überlieferung keinen Niederschlag gefunden haben.

Außerordentlich häufig und nicht selten das einzige Indiz für die einstige Existenz eines antiken Heiligtums sind Weihgaben, die am Ort ihrer Aufstellung belassen oder später im Heiligtum separat deponiert wurden. Diese Gaben an die Götter zeugen von dem symbolischen Gabentausch der Gläubigen mit den Göttern und können sowohl die religiösen Vorstellungen, als auch die sozialen Hintergründe der Kultteilnehmer spiegeln, wie etwa Status, Geschlecht und Herkunft. Die Untersuchungen der Weihgaben zielen darauf, Aussagen über die Zusammensetzung der Kultgemeinschaft zu treffen und auf diese Weise Erkenntnisse über den Charakter des jeweiligen Kultplatzes zu gewinnen, beispielsweise ob er eine lokale oder überregionale Bedeutung hatte oder ob er vor allem von Frauen oder von Männern besucht wurde. In vielen Heiligtümern wurden große Mengen von Weihgaben gefunden, die häufig aus einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten stammen. Über eine diachrone Analyse des Votivspektrums kann hier nicht nur die Entwicklung der Kultstätten untersucht werden, sondern es können auch zeittypische Vorlieben für bestimmte Votive und Konventionen bezüglich des Umgangs mit ihnen beobachtet werden, die nicht nur veränderte religiöse Vorstellungen, sondern auch gesellschaftlichen Wandel spiegeln.

Auf die Heiligtümer prähistorischer Kulturen können die Kenntnisse über das Ritualgeschehen in antiken Heiligtümer nur unter großen Einschränkungen übertragen werden. Oft ist fraglich, ob es überhaupt schon ein Konzept von Göttern gab, denen die Rituale galten und denen Opfer und Votivgaben dargebracht wurden. Es müssen also grundsätzliche Fragen nach der Art der zugrunde liegenden religiösen Vorstellungen gestellt werden. Bildlichen Darstellungen, wie sie seit der jüngeren Altsteinzeit beispielsweise in Höhlenheiligtümern überliefert sind, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die neue ikonographische Befundlage des vorderasiatischen Neolithikums konnte in diesem Zusammenhang erst ansatzweise ausgewertet werden. Erkennbar ist immerhin schon jetzt, dass Bild und Kult hier in enger Verbindung auftreten und dass es im sakralen Kontext ein vorschriftliches Notationssystem gab. Der Gesellschaft, die sich ein solches System schuf, ermöglichte es offenbar eine wirkungsvolle Verankerung ihres kulturellen Gedächtnisses. In dieser Hinsicht scheint ein Vergleich mit den in antiken Heiligtümern aufgestellten Votiven und den dort praktizierten Ritualen möglich zu sein.

Verantwortliche

Gunvor Lindström - Dietrich Raue - Thomas Schattner

Forschungsprojekte

Entwicklung und Funktion eines suburbanen Kultes am Beispiel des Heiligtums von Kako Plaï auf dem Anavlochos (Kreta)

Die Genese der suburbanen Kultplätze unterliegt nicht nur den allgemeinen Veränderungen in der Kult- und Weihpraxis, sondern vollzieht sich darüber hinaus in enger Wechselwirkung mit der Entwicklung der Siedlung oder polis, zu der das jeweilige Heiligtum gehörte. Am Beispiel einer geometrisch-archaischen Siedlung auf dem Anavlochos und des zugehörigen suburbanen Heiligtums von Kako Plaï soll untersucht werden, welche konkrete Funktion dieser Kult erfüllt hat und welche Rückschlüsse sich möglicherweise aus dem Votivmaterial auf die sozialen Strukturen innerhalb der Siedlung ziehen lassen. Durch eine ikonographische und quantitative Analyse der figürlichen Terrakotten, die das Gros der erhaltenen Weihgaben bilden, sollen der Charakter des Kultes sowie die Intensität der Nutzung des Heiligtums genauer bestimmt werden. Zusätzliche Hinweise liefert die Keramik, die im Votivmaterial allerdings nur in verhältnismäßig geringem Umfang vertreten ist.

Kontakt: O. Pilz - M. Krumme, Abteilung Athen/Zentrale