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Forschungsplan und Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Cluster 5: Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts im 20. Jahrhundert

Zusammenfassung

Cluster 5 unterscheidet sich in mancher Hinsicht von den übrigen Forschungsclustern: Er ist vom finanziellen Einsatz und von der Zahl der beteiligten ForscherInnen der kleinste Cluster. Ein weiteres Spezifikum ist die Zusammenarbeit von Archäologen und Zeithistorikern. Schließlich hat er eine gestaffelte Struktur: im Zentrum steht ein kleiner, wissenschaftsgeschichtlicher Forschungsverbund in Berlin, der eng mit den Erschließungsarbeiten im Archiv zusammenarbeitet und mit den diversen Cluster 5-Projekten in den Abteilungen locker kooperiert.

Einleitung

Fragen nach der NS-Vergangenheit heute hoch angesehener Institutionen werden in der Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit und nicht nachlassendem Interesse verfolgt. Das Institut ist sich der Tatsache bewusst, dass seine Geschichte während der NS-Zeit trotz einiger Studien (z. B. von Klaus Junker) noch nicht in befriedigendem Maße aufgearbeitet ist, was verschiedene Gründe hat. Das für die Zeit bedeutsame Archivmaterial ist noch keinesfalls vollständig ausgewertet, ja nicht einmal erfasst. Wichtige, bislang nicht gesichtete Akten sind im Archiv des Auswärtigen Amts, im Bundesarchiv Berlin, im Landesarchiv Berlin und anderen Archiven zu erwarten. Auch die Bestände des DAI-Archivs sind noch keineswegs systematisch erfasst, geschweige denn ausgewertet. Außerdem gibt es Hinweise auf heute in Russland befindliche Dokumente aus dem Bestand des DAI, die offenbar nach Ende des Krieges dorthin verbracht wurden.

Während die Geschichte des DAI bisher, meist im Zusammenhang mit Institutsjubiläen, von wissenschaftsgeschichtlich engagierten Archäologen geschrieben wurde, wurde die Federführung bei der Untersuchung der Geschichte des DAI im 20. Jahrhundert im Rahmen von Cluster 5 mit Prof. Dr. Christian Jansen einem wissenschafts- und universitätsgeschichtlich ausgewiesenen Neuhistoriker übertragen und auch weitere Forschungsaufträge in erster Linie an Zeit- und Wissenschaftshistoriker vergeben. Dies geschah aus zweierlei Gründen: Erstens verfügen nur Fachhistoriker über die nötigen Spezialkenntnisse, die für den kompetenten Umgang mit der schwierigen Akten- und Quellensituation unerlässlich sind. Zweitens muss eine Gesamtdarstellung der Institutsgeschichte im Kontext der Politik-, Wissenschafts-, Institutionen-, Rechts-, Ideen-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben werden.

Auch wenn das Ausgangsinteresse für die Beschäftigung mit der Geschichte des DAI die NS-Zeit betreffen mag, empfiehlt es sich aus verschiedenen Gründen, den Fokus der Erforschung zu weiten. Dabei scheint der Zeitraum vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis etwa 1980 sinnvoll. Die Studie sollte also in der ausgehenden Kaiserzeit beginnen und mit der 150-Jahr-Feier und der damit verbundenen Gründung der Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie in Bonn (heute Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen) im Jahre 1979 enden, die für die Arbeit des Instituts den letzten Schritt hin zu einer globalen, weltumspannenden archäologischen Forschung bedeutete. Diese Ausweitung des Betrachtungszeitraums ist notwendig, weil die aktuelle Zeitgeschichts- und insbesondere NS-Forschung keine Stunde Null mehr kennt. Sie ordnet vielmehr - mit hohem wissenschaftlichem Ertrag - das Dritte Reich in die Kontinuität der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein und kann gerade dadurch sowohl die unbestreitbaren Brüche als auch Kontinuitäten präziser herausarbeiten. Insofern sollte auch in Bezug auf das DAI die NS-Zeit nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr gilt es, die Arbeit des DAI in die längerfristigen politischen Entwicklungen und Trends der Forschung einzuordnen und vor dem Hintergrund des wissenschaftlichen und politischen Kontextes zu analysieren.

Ziele und Vorgehensweise

Angestrebt wird eine von einem Zeithistoriker verfasste integrierte Gesamtdarstellung der Institutsgeschichte von 1900-1979, die etwa 2010 abgeschlossen sein soll, und von zwei Dissertationen zu speziellen Aspekten sowie von diversen Projekten zur Geschichte der Auslandsabteilungen flankiert werden wird (s. u. "Einzelne Projekte"). Weitere Aspekte lassen sich in begleitenden Workshops und Kolloquien vertiefen, die anschließend ebenfalls veröffentlicht werden könnten.

Ein Vorbild für die Untersuchung der Geschichte des DAI im 20. Jahrhundert kann die im Auftrag der Max Planck-Gesellschaft durchgeführte und abgeschlossene Untersuchung zur Geschichte der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft im Dritten Reich sein (vgl. http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/publications.htm). Auch die DFG lässt seit einigen Jahren ihre Geschichte zwischen 1920 und 1970 von unabhängigen Wissenschaftshistorikern erarbeiten, die ihre Forschungspolitik während der NS-Zeit in die längerfristigen Trends von allgemeiner Politik und Forschung einordnen soll (vgl. http://www.histsem.uni-freiburg.de/DFG-Geschichte/). Ähnlich angelegte Vorhaben wurden in jüngster Zeit begonnen. So ist auf Beschluss des Akademischen Senats der Humboldt-Universität 2002 eine Arbeitsgruppe beauftragt worden, sich mit der Rolle der Berliner Universität in der NS-Zeit zu befassen (vgl. http://ns-zeit.geschichte.hu-berlin.de/). Und nicht zuletzt sei hier erwähnt, dass das Auswärtige Amt, zu dessen Geschäftsbereich das DAI gehört, eine Historikerkommission eingesetzt hat, um seine Geschichte während des Dritten Reichs entsprechend zu untersuchen (vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/Geschichte/Historikerkommission.html). Eine entsprechende Studie über das DAI wäre also nicht nur um der Sache selbst willen wünschenswert und könnte auf starkes Interesse stoßen, sondern die Entwicklungen innerhalb des Archäologischen Instituts lassen sich mit Hilfe der vielfältigen neueren Forschung besonders präzise historisch einordnen. Allerdings hat das Cluster 5-Projekt finanziell und personell einen weit bescheideneren Zuschnitt als die anderen genannten Forschungsvorhaben.

Alle Cluster 5-Projekte sollen in enger Abstimmung mit einem Beirat aus Zeithistorikern und forschungsgeschichtlich arbeitenden Archäologen durchgeführt werden. Diesem wissenschaftlichen Beirat zum Projekt "Geschichte des DAI im 20. Jahrhundert" gehören folgende Archäologen und Zeithistoriker an:

A. Borbein, G. Brands, R. vom Bruch, O. Dally, N. Frei, H.-J. Gehrke, S. Hansen, H. Hassmann, C. Jansen, K. Junker, M. Maischberger und S. von Schnurbein.

Literatur

- Altekamp, Stefan: Klassische Archäologie und Nationalsozialismus, in: Elvert, Jürgen (Hg.): Kulturwissenschaften und Archäologie, Stuttgart: Erscheinen nicht absehbar; Volltext

- Bittel, Kurt u. a. (Hg.): Beiträge zur Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts 1929 bis 1979, Teil 1. Mainz 1979. Dieser Band behandelt die Auslandsabteilungen des DAI; ein geplanter zweiter Band über die Zentrale ist nie erschienen.

- Dally, Ortwin: Geschichte und Entwicklung des Deutschen Archäologischen Instituts, in: Mitteilungen des Deutschen Archäologen-Verbandes 36 (2005), S. 39-51.

- Jansen, Christian: The German Archaeological Institute (DAI) between Transnational Scholarship and Foreign Cultural Policy, in: Fragmenta 2 (2008).

- Junker, Klaus: Das Archäologische Institut des Deutschen Reiches zwischen Forschung und Politik. Die Jahre 1929 bis 1945. Mainz 1997.

- Meyer, Hans: Der Rechtsstatus des Deutschen Archäologischen Instituts. Rechtsgutachten, in: Archäologischer Anzeiger 2004/2, S. 155-220.

- Parzinger, Hermann: Die Staatlichen Museen zu Berlin und das Deutsche Archäologische Institut. Rückblick und Ausblick, in: Andrea Bärnreuther/Peter-Klaus Schuster (Hg.): Freistätte für Kunst und Wissenschaft. Die Staatlichen Museen zu Berlin als Forschungseinrichtung. Berlin 2007, S. 36-43.

- Rieche, Anita (Hg.): Die Satzungen des Deutschen Archäologischen Instituts 1828-1972. Mainz 1979.

Einzelne Projekte

Geschichte der Archäologie 1900-1979

Im Zusammenhang mit den Forschungen zur Geschichte der Archäologie ist mit Ludwig Curtius eine Person gewählt worden, die in den Kernjahren des nationalsozialistischen Regimes die Abteilung in Rom leitete. 1937 wurde er aus seinem Amt entfernt, als Nachfolger wurde Armin von Gerkan, bis dahin zweiter Mann im römischen Institut, benannt. Die am DAI dem Nazi-Regime zuarbeitende Person war jedoch Sigfried Fuchs, der noch unter Curtius in der Photothek als wissenschaftliche Hilfskraft angestellt worden war.

Es gilt zu untersuchen, inwieweit und auf welche Weise die besonderen Bedingungen des totalitären Staates sich auf die wissenschaftliche Arbeit von Curtius ausgewirkt und wie sie sein institutionelles Handeln bestimmt haben. Um diesen Fragen nachzugehen, ist außer den Schriften von Curtius und der Dienstkorrespondenz auch eine äußerst umfangreiche Privatkorrespondenz auszuwerten, die in den verschiedensten Archiven und nicht zuletzt bei den Erben aufbewahrt wird (DAI Zentrale Berlin; DAI Abteilung Rom; Bundesarchiv Koblenz; Deutsches Literaturarchiv Marbach; Archiv des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg; Universitätsarchiv Erlangen; Privatbesitz). Mehrere entsprechende Archivbesuche haben bereits stattgefunden, einige sind noch durchzuführen. Außerdem sind die Originaltagebücher von Curtius (Jahre 1945-1949) teils im römischen Institut, teils bei den Erben erhalten. Diese Tagebücher stellen ein exzeptionelles Zeitdokument dar. Die Erben haben dem DAI die in ihrem Besitz befindlichen Materialien, darunter auch ca. 300 Photographien, großzügig überlassen und die Tagebücher zum Studium zur Verfügung gestellt. Im Rahmen des Clusters werden sie momentan transcribiert und mit einem Kommentar versehen. Von der Korrespondenz Curtius sind bisher 1. 200 Briefe in eine Datenbank aufgenommen, mithilfe derer Datum, Adressat, kurz beschriebener Inhalt mit erwähnten Namen und Ereignissen recherchierbar sind. Auch hier soll fortgefahren werden. Über das spezielle, mit dem Cluster V verbundene archäologisch-politische Interesse an der Person von Ludwig Curtius, wird die Bereitstellung all dieser Materialien für die wissenschaftliche Forschung einen wesentlichen Beitrag zur Gewinnung eines Zeitbildes leisten können.

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Archäologie und Öffentlichkeit - Das Deutsche Archäologische Institut in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1929-1979)

Einleitung
Wissenschaft goes public: Unter dieser Formel wird in den letzten Jahren verstärkt öffentlichkeitswirksam auf wissenschaftliche Forschung aufmerksam gemacht. Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Wissenschaften oder der Wissenschaftssommer ziehen ein großes Publikum an. Auch das Deutsche Archäologische Institut ist bei solchen Gelegenheiten vertreten und stellt sich und seine Arbeit vor. Public ist Archäologie aber nicht erst in den letzten Jahren geworden: Bernd Sösemann hat gezeigt, dass öffentliche Darstellung der Institutsarbeit schon bei der ersten Olympia-Grabung ein bedeutender Aspekt war. Zudem stand das Institut als wichtiger Teil der deutschen Kulturpolitik und als eine der ältesten wissenschaftlichen Institutionen des Reiches gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rampenlicht.

Fragestellung
Die Vermittlung von Wissenschaft als Forschungsthema hat im angelsächsischen Raum schon eine längere Tradition. In Deutschland haben das Andreas Daum und Angela Schwarz aufgegriffen. Die Vermittlung von Wissensbeständen und Wissenschaft kann man als soziale Praxis verstehen, bei der um Deutungshoheit gerungen wird (Ulrike Felt) - ein Prozess, an dem verschiedene Gruppen beteiligt sind. Ich möchte daher anhand der öffentlichen Darstellung des Instituts und seiner Arbeit den vielfältigen Verbindungen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit nachgehen, wie sie unter verschiedenen politischen Systemen bestanden. Besonders spannend sind dabei entstehende Kontinuitäten und Brüche im politischen und gesellschaftlichen Wandel.
Das Untersuchungsgebiet umfasst die Selbstdarstellung des Instituts und die Vermittlung seiner Grabungen und Forschungsergebnisse anhand ausgewählter Beispiele. Welche Interessen und Konstellationen standen hinter der Suche nach öffentlicher Wahrnehmung, welche Deutungsangebote machte das Institut? Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch politische Hintergründe und die Reaktion der Öffentlichkeit.

Die Außendarstellung des Instituts und die öffentliche Wahrnehmung von Archäologie am Beispiel des Instituts zu untersuchen, ist ein wissenschaftsgeschichtliches Forschungsdesiderat. Erstens gibt es bislang keine Studien zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit im Dritten Reich und der Bundesrepublik. Zweitens schließt die Frage nach der öffentlichen Rolle wissenschaftlicher Institutionen im Dritten Reich die wichtige "geistige Mobilmachung" und die Selbstindienstnahme im Sinne des Regimes ein.

Schwerpunkte und Zeitspanne der Untersuchung
Das Institut hatte und hat verschiedene Möglichkeiten, sich und seine Arbeit bekannt zu machen. Dazu gehörten Vorträge, Exkursionen, Zeitungsartikel, populär gehaltene Publikationen und Ausstellungen. Aufgrund dieser Fülle des Materials und des langen Untersuchungszeitraumes ist es wichtig, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Das sind zum einen wichtige Ereignisse, bei denen das Institut repräsentativ auftrat und die ein breites Echo fanden. Solche Ereignisse sind etwa die 100-Jahr-Feier 1929, der Internationale Archäologen-Kongress 1939 und die 150-Jahr-Feier 1979.
Auf der anderen Seite lässt sich die Vermittlung von Wissen und die Annahme von Deutungsangeboten am besten anhand konkreter Grabungen verfolgen. Besonders interessant ist dabei die Olympia-Grabung, die über einen langen Zeitraum fortgeführt wurde und ein enormes Echo fand.
Aufgrund der Fragestellung und der Archivbestände werde ich den Zeitraum zwischen 1929 und 1979 näher untersuchen, dessen Eckpunkte die 100- bzw. 150-Jahr-Feiern des Instituts bilden.

Quellengrundlage
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Vielzahl bisher wenig berücksichtigter Quellenmaterialen. Wichtige Bestände zur Geschichte der Archäologie finden sich natürlich vor allem im Archiv der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts und in den Archiven der Zweigstellen. Von den Zweigstellenarchiven sind vor allem Frankfurt, Rom, Athen, Madrid und Istanbul interessant, da die übrigen Zweigstellen erst später gegründet wurden bzw. die Bestände nicht zugänglich sind (Kairo).
Außerhalb der Bestände des DAI befinden sich viele Unterlagen der Zeit vor 1934 im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Daneben sind vor allem Materialien im Bundesarchiv von Interesse. Zum einen ist das die Abteilung R (Deutsches Reich) in Berlin-Lichterfelde. Hier lagern Akten des Reichserziehungsministeriums, des Innenministeriums und teilweise Akten des Auswärtigen Amtes. Zu allen drei Behörden gehörte das Institut. Aus der Zeit nach 1945 sind größere Bestände im Bundesarchiv Koblenz zu erwarten. Einzelne Bestände zur Nachkriegszeit dürften noch im Landesarchiv Berlin zu finden sein.

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Archäologie und Politik. Das Deutsche Archäologische Institut zwischen Wissenschaft, Zeitgeist und auswärtiger Kulturpolitik 1900-1980

Im Mittelpunkt der Darstellung sollen zwei Aspekte stehen:

(1) die Entwicklung des DAI als transnationale und transdisziplinäre Institution und
(2) die Politik des Instituts unter den wechselnden politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland.

Dabei soll zwar ein besonderes Gewicht auf die NS-Zeit gelegt, diese jedoch nicht isoliert werden. Die institutionelle Entwicklung des DAI und die Politik seiner Führungsgremien sollen vielmehr im Laufe des ganzen 20. Jahrhunderts (bis 1979) kontinuierlich und vor dem Hintergrund ihres wissenschaftlichen und politischen Kontextes untersucht werden.

ad (1): Angesichts der allgemeinen Ausdifferenzierung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert ist es ein bemerkenswertes Spezifikum der institutionellen Entwicklung des DAI, dass es sich trotz der Ausdifferenzierung, die auch in den archäologischen Wissenschaften zu beobachten ist, als außerordentlich integrativ erwiesen hat. Um dies zu erforschen, sollen die Erweiterung der Zuständigkeit des DAI von der klassischen Archäologie bis heute zu weltweiter archäologischer Forschung sowie die immer größere räumliche und inhaltliche Spannweite der Auslandsabteilungen und Außenstellen einen Erzählstrang in dem geplanten Buch bilden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Gründungsgeschichte der verschiedenen Abteilungen gerichtet.
Das von seiner Gründung in Rom (1829) über die Gründung der ersten Auslandsabteilung in Athen (1874) ganz auf klassische Archäologie ausgerichtete Institut besetzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Gründung der "Römisch-Germanischen Kommission" in Frankfurt/M. auch das Feld der "vaterländischen Archäologie", das bis dahin die Domäne von Amateuren gewesen war und auf dem die RGK nun wissenschaftliche Standards durchsetzen sollte. Zwar wurde mit der provinzialrömischen Archäologie zunächst nur das der klassischen am nächsten stehende Feld der "vaterländischen Archäologie" in den Forschungsbereich des DAI integriert, und es entbrannte ein heftiger Streit zwischen den "wahren", meist völkisch ausgerichteten Germanenforschern und den "Römlingen", wie die Mitarbeiter der RGK in Anlehnung an zeitgenössische, antikatholische Ressentiments genannt wurden. Dennoch wurde mit der RGK-Gründung 1902 der erste Schritt in eine Richtung gemacht, die dann in der Weimarer Republik mit einem ersten großen Erweiterungsschub fortgesetzt wurde: 1925 weitete die RGK ihr Tätigkeitsfeld auf ganz Deutschland aus und kam damit dem großen öffentlichen Interesse entgegen, das die Germanenforschung erregt hatte (bzw. trat der politisierten Germanenforschung entgegen - das wäre im Einzelnen zu untersuchen). 1929 - zum 100. Gründungsjubiläum - wurde mit der Aufwertung der 1907 unabhängig vom DAI entstandenen Kairener Abteilung zur dritten und der türkischen Grabungskommission zur vierten Auslandsabteilung ein Schritt zur Erweiterung der Auslandsaktivitäten vorgenommen, der parallel zur Aufwertung der "deutschen Vorgeschichte" eine institutionelle Stärkung der orientalischen Archäologie bedeutete. Mit diesem ersten Erweiterungsschub erweist sich die Zeit der Weimarer Republik als ungemein dynamische Phase in der Geschichte des DAI. Am Ende der Zwanziger Jahre integrierte das DAI die drei damals wichtigsten Zweige der archäologischen Forschung in Deutschland: die Ur- und Frühgeschichte, die orientalische und die klassische Archäologie, die weiter den Schwerpunkt der Institutsarbeit bildete.
Im Dritten Reich kam es zu heftigen Konflikten mit der nun institutionell stark aufgewerteten und von Teilen der NSDAP geförderten, völkisch ausgerichteten Vorgeschichtsforschung. Wie das Deutsche Archäologische Institut durch diese schwierige Zeit weitgehend unbeschädigt hindurch kam, ist ein Schwerpunkt des zweiten Untersuchungsstranges, der der Politik des Instituts gewidmet sein soll. Mit Blick auf die Transnationalität des Instituts ist vor allem die Gründungsgeschichte der Abteilung Madrid im Jahre 1943 interessant, die in einem sehr offensichtlichen Zusammenhang mit der Unterstützung des Reichs für Franco im Spanischen Bürgerkrieg und sein Regime nach dessen Sieg, insb. mit den Bemühungen zur Bildung einer kulturellen faschistischen Internationale, zu stehen scheint. Mit Blick auf die Transdisziplinarität des DAI ist insbesondere zu untersuchen, wie weit die Ausweitung der Institutsarbeit im Bereich der Germanenforschung, etwa im Zuständigkeitsbereich der Abteilung Rom, gegangen ist. Allerdings ist diese wohl nicht nur als Anpassung an den Zeitgeist zu interpretieren, sondern auch als eine erneute Erweiterung der Forschungsfelder unter dem immer breiteren Dach des Deutschen Archäologischen Instituts.
In der Nachkriegszeit setzte sich nach einer Krisen- und Konsolidierungsphase seit den Wirtschaftswunderjahren der Expansionskurs fort: 1955 wurde die Auslandsabteilung in Bagdad gegründet, 1961 eine weitere in Teheran. Damit wurde nicht nur der orientalische Zweig in Richtung auf eine Gesamtschau der eurasischen Prähistorie ausgebaut, sondern es wurden erneut auch Marksteine in der deutschen auswärtigen Kulturpolitik gesetzt, die nicht allein archäologisch, sondern auch politisch-strategisch zu verstehen sind. Denn nach dem totalen Ansehensverlust Deutschlands in der internationalen Gemeinschaft schienen der kulturelle und wissenschaftliche Bereich am besten geeignet, allmählich das Ansehen Deutschlands in der Welt wieder zu verbessern. Dabei war die auswärtige Kulturpolitik als Teil der Außenpolitik der Bundesrepublik von Anfang an in die strategischen Planungen des westlichen Bündnisses integriert, zu deren Kernzielen die Eindämmung des kommunistischen Einflussbereichs (containment policy) gehörte. Hierbei galten Irak und Iran als wichtige Regionalmächte, die im antikommunistischen Sinne stabilisiert werden sollten. Hinzu kam von deutscher Seite die Hallsteindoktrin, die die internationale Anerkennung des zweiten deutschen Staates möglichst verhindern sollte. 1967 wurde die 1951 gegründete Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik (München) in das Institut integriert. 1978 wurde eine "Station" des DAI in Sanaa (Jemen) gegründet. Den Endpunkt der in dem geplanten Buch zu untersuchenden Entwicklung des Instituts markiert die Bildung der Kommission für außereuropäische vergleichende Archäologie (KAVA; heute KAAK = Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen) im Jahre 1979, die die weltweite Zuständigkeit des Deutschen Archäologischen Instituts für Grabungen deklariert. Auch die datenschutzrechtlichen Restriktionen und Sperrfristen der Archive sprechen für ein Ende des Untersuchungszeitraums in den späten 1970er Jahren.
Die Transnationalität und Transdisziplinarität des Instituts sowie die Gewichtung der verschiedenen Bereiche und Abteilungen lassen sich nicht zuletzt auch auf der Ebene der jeweiligen Etats, der finanziellen und personellen Ausstattung gewichten.

ad (2): Um die Politik des Deutschen Archäologischen Instituts zu untersuchen, erscheint es sinnvoll, sich nicht allein auf die Aktivitäten der hauptamtlichen Institutsbeamten zu beschränken, sondern auch die Zentraldirektion (ZD) als kollegiales Leitungsgremium und Kontrollorgan in den Blick zu nehmen, das schon im Namen einen Führungsanspruch trägt und in dem die universitäre Archäologie ihren Einfluss auf das DAI ausübte. Dabei soll einerseits in einem prosopographischen Zugriff die personelle Zusammensetzung hinsichtlich der wissenschaftlichen und politischen Ausrichtung der ZD-Mitglieder sowie des Führungspersonals im Längsschnitt untersucht werden. Andererseits wird es um die Macht- und Einflussverteilung zwischen den verschiedenen Instanzen im Laufe des 20. Jahrhunderts gehen: Welche Auswirkungen hatte etwa die Einführung des nationalsozialistischen "Führerprinzips"? Kam es nach 1945 zu einer Demokratisierung der Führungsstrukturen?
Einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt bildet die eigentliche Politik des Instituts, also sein Verhältnis zu den jeweiligen Regierungen und das Ausmaß der Politisierung von Forschungsvorhaben und Außendarstellung. Hier sind besonders die Reaktionen auf die im 20. Jahrhundert in Deutschland zahlreichen Umbrüche des politischen Systems interessant, also Anpassung und Resistenz gegenüber dem jeweiligen politischen Zeitgeist. Dies gilt vor allem für die Zeit des Dritten Reichs und Fragen, wie die Ausschaltung "nicht-arischer" Institutsangehöriger oder ZD-Mitglieder, die Kollaboration bzw. die Konflikte mit dem SS-Ahnenerbe, dem Amt Rosenberg und dem Kampfbund für Deutsche Kultur, die Bereitschaft der Institution bzw. ihrer Exponenten, "dem Führer zuzuarbeiten" (Kershaw) oder die unterschiedliche antiliberale und autoritäre Ausrichtung von DVP-Mitgliedern über Deutsch-Nationale und Sympathisanten des Faschismus bis hin zu Völkischen oder Nationalsozialisten. Mit Blick auf die Auslandsabteilungen ist die Zusammenarbeit mit der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) besonders interessant - mindestens in Rom und Athen waren die stellvertretenden Direktoren zugleich AO-Funktionäre.
Für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die Bundesrepublik sollen die Beziehungen zwischen der DAI-Führung und der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt genau untersucht werden. Einflussnahme bzw. Anpassung haben in diesen "normalen" Zeiten wohl nicht so spektakuläre Formen angenommen wie im Nationalsozialismus, aber das DAI wird sich dennoch häufig an strategischen Interessen seines Hauptgeldgebers orientiert und diese auch in manchen Aspekten mitgeprägt haben. In der Weimarer Republik, nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem als "Schmach" empfundenen Versailler Vertrag, scheint das DAI in einer sich selbst ausgrenzenden deutschen Universitätslandschaft als transnationales Institut sich maßgeblich um die Aufrechterhaltung internationaler wissenschaftlicher Kontakte bemüht zu haben - nicht ohne dies dem Auswärtigen Amt gegenüber im Kontext einer Revision des Versailler Vertrags schmackhaft zu machen (z.B. "Stärkung der Stellung Deutschlands im Ausland gegen die französische Dominanz in der Archäologie").
Besonders stark dürften die Indienstnahme für politische Ziele des Reichs wie auch die Anpassungsbereitschaft seitens der führenden DAI-Archäologen während der beiden Weltkriege gewesen sein. Im Zeichen des "Burgfriedens" und der Kulturpropaganda gegen die "Feinde" hat sich auch das DAI mit populärwissenschaftlichen Schriften und anderen politischen Aktivitäten funktionalisieren lassen.
Als Indikatoren für den jeweiligen Zeitgeist und für das Ausmaß der Politisierung des DAI unter verschiedenen Regierungsformen können, frei nach der allgemein gültigen Erkenntnis, dass die Begründung wissenschaftlicher Vorhaben sich immer sehr stark an den (vermuteten) Interessen der Geldgeber ausrichtet, die unterschiedlichsten Dokumente der Institutsarbeit herangezogen werden: etwa Forschungsanträge des Instituts, seine Verlautbarungen über spektakuläre Funde oder abgeschlossene Projekte, die Öffentlichkeitsarbeit zu langfristigen Kampagnen, aber auch die von den Empfängern der Reisestipendien nach ihrer Rückkehr verfassten, ausführlichen Berichte. Alle diese Textsorten dürften Anhaltspunkte für das wechselhafte Verhältnis zwischen politisch-gesellschaftlichem Zeitgeist und der Begründung archäologischer Projekte und der Präsentation der Ergebnisse liefern.

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Die Zentrale des DAI in Berlin - Entscheidungsprozesse und Finanzstrukturen von der Zwischen- zur Nachkriegszeit (1929-1979)

Einleitung
Die Geschichte wissenschaftlicher Institutionen zu erarbeiten ist in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Arbeitsgebiet der historischen Forschung geworden. Sei es die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Vorläuferin der Max-Planck-Institute oder die Deutsche Forschungsgesellschaft. Einrichtungen der Forschung und Forschungsförderung haben verstärkt begonnen, sich mit der kritischen Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen.

Das Deutsche Archäologische Institut steht hier nicht abseits und hat eine Reihe von Projekten auf den Weg gebracht, deren Ziel es ist, die Geschichte dieser altehrwürdigen Einrichtung der deutschen Wissenschaft näher zu beleuchten.
Dies fällt zusammen mit Bestrebungen im Bereich der Archäologie, sich intensiv mit der Entwicklung dieser akademischen Disziplin und ihrer Rolle innerhalb der wechselnden politisch-gesellschaftlichen Systeme in Deutschland und Europa zu beschäftigen.

Fragestellung
Mit dem Deutschen Archäologischen Institut verfügte und verfügt Deutschland über einen in dieser Form wohl einzigartigen kommunikativen und administrativen wissenschaftlichen Nexus, welcher die Geschicke der Archäologie maßgeblich beeinflusst und geprägt hat. Diese kommunikative Funktion schlägt sich hierbei in mehreren Ebenen nieder, und zwar:

  • als Kommunikation innerhalb der Archäologenschaft,
  • als Kommunikation zwischen Wissenschaft und Staat,
  • als Kommunikation zwischen Archäologie und Öffentlichkeit
  • sowie als Kommunikation mit der internationalen Forschung.

Das Dissertationsprojekt widmet sich der Erforschung der beiden erstgenannten Ebenen, d. h. es untersucht die Rolle des DAI als Vermittler sowohl zwischen den Fachgenossen als auch zwischen der archäologischen Wissenschaft und den politischen Entscheidungsträgern im Wechsel der deutschen Gesellschaftssysteme im 20. Jahrhundert.
Als roter Faden dient hierbei das Aufspüren und Nachverfolgen der Finanzströme, ohne welche die Arbeit des Instituts nicht möglich gewesen wäre. Im Hintergrund steht hier die Frage, ob und, wenn ja, wie der staatliche Geldgeber versucht hat, durch gezielte Vergabe von Finanzmitteln Einfluss auf die archäologische Forschung zu nehmen, inwieweit sich das DAI diesem Druck gebeugt, ihn aufgefangen oder möglicherweise weitergegeben hat.
In diesem Zusammenhang soll auch eine "kleine Sozialgeschichte der Archäologie" erstellt werden.
Eng damit zusammen hängt die Frage, wie innerhalb des Instituts Entscheidungen getroffen und umgesetzt wurden, etwa über Vergabe und Einsatz von finanziellen und personellen Ressourcen, aber auch über die Verwendung von "weichem" politischen Kapital.

Schwerpunkte und Zeitspanne der Untersuchung
Der Zeitraum der Untersuchung soll sich von der späten Weimarer Republik bis in die 1970er Jahre spannen. Die Analyse nicht früher einsetzen zu lassen ist der Überlieferungssituation geschuldet; der angepeilte Endpunkt im 150. Jubiläumsjahr, 1979, mit seinen organisatorischen Neuerungen bietet sich nicht zuletzt an, um die Quantität des zu sichtenden Quellenmaterials nicht "explodieren" zu lassen.
Der Schwerpunkt der Arbeit soll und wird hierbei auf den 30er, 40er und 50er Jahren liegen, so dass die Kontinuitäten und Brüche über die vermeintlichen Zäsuren von 1933 und 1945 hinweg in ihrem Kontext beleuchtet werden können.

Quellengrundlage
Grundlage der Analyse bilden die im Bezug auf die Geschichte des DAI noch weitgehend unaufgearbeiteten Bestände diverser Archive. Vor allem zu nennen sind hier das Bundesarchiv mit seinen Abteilungen in Berlin und Koblenz sowie das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes.
Besondere Bedeutung kommt allerdings den Archiven des DAI selber zu, und zwar sowohl den Quellenbeständen in den einzelnen Auslandsabteilungen des Instituts als auch ganz besonders dem Zentralarchiv in Berlin mit seinen umfangreichen Aktenbeständen und Briefnachlässen.

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