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Göbekli Tepe

Ein frühneolithisches Bergheiligtum im südosttürkischen Taurusvorland

Der mit 15 m Schichtmächtigkeit gewaltige, rein steinzeitliche Siedlungshügel von Göbekli Tepe bei Urfa wird seit 1995 systematisch erforscht. Herausragend sind die monumentalen, mit Skulpturen und Reliefs ausgestatteten Kreisanlagen aus der Zeit um 9000 v. Chr. Sie kennzeichnen den Göbekli Tepe als rituelles Zentrum und als Kommunikationsplattform für eine offenbar großräumig vernetzte jägerische Bevölkerung. Diese Monumente stellen damit eine weltweit einzigartige Quelle zur Geschichte des Umbruchs von jägerischen Gesellschaften zum Bauerntum dar und lassen diesen Wandel in gänzlich neuem Licht erscheinen. Der Göbekli Tepe belegt, wie andere zeitgleiche Plätze der Region auch, daß Seßhaftigkeit und Ortsbindung nicht zwangsläufig mit produzierendem Wirtschaften zusammengehen müssen. Da sich östlich von Göbekli aber die Vulkanlandschaft Karacadağ erstreckt, die mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen als Heimat später kultivierter Getreidearten bestimmt werden konnte, stellt sich u. a. auch die Frage, ob die in erster Linie jägerisch geprägte Kultgemeinschaft des Göbekli Tepe nicht doch die Kultivierung von Wildgetreide initiiert haben könnte; jedenfalls gehört dieser Problemkreis zu den zentralen Fragen, die die Forschungen an diesem Ort verfolgen.

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
37° 18' 0.99" N, 37° 47' 34.6884" E

Abb.1 Der Göbekli Tepe von Süden © DAIDer 15 m mächtige und etwa 300 m im Durchmesser messende frühneolithische Göbekli Tepe liegt etwa 15 km nordöstlich der Stadt Şanlıurfa auf dem höchsten Punkt eines langgestreckten Bergzugs. Er ist von weither als dominierende Landmarke wahrzunehmen. Von hier aus reicht der Blick im Norden und Osten bis zum Taurusgebirge und zum Karaca Dağ, im Süden öffnet sich die Harranebene bis nach Syrien. Allein im Westen wird der Horizont schon bald durch nahe Höhenzüge begrenzt, die sich zwischen Şanlıurfa und das weiter im Westen gelegene Tal des Euphrats schieben.

Hintergrund

Der Göbekli Tepe wurde schon im Jahr 1963 bei türkisch-amerikanischen Geländeerkundungen als archäologischer Platz aufgelistet und der Bericht von Peter Benedict 1980 veröffentlicht. Der Ort konnte in seiner Bedeutung damals jedoch noch nicht erkannt werden.

Die mit zahllosen Steingeräten, aber auch mit großformatigen, regelmäßig geformten Werksteinen übersäten Hügelflanken ließen zunächst nicht an einen Platz denken, der der Zeit frühester Sesshaftigkeit, der Zeit des Umbruchs vom altsteinzeitlichen Jäger zum neolithischen Bauerntum, angehört. Ein verbesserter Forschungsstand ermöglichte schließlich ein Verstehen der Besonderheit dieses Hügels, der wie das Schliemann'sche Troja aus übereinandergetürmten Bauschichten besteht, doch um mindestens 5000 Jahre älter ist als die Stadt des Priamos.

Ziele

Ziel der Arbeiten am Göbekli Tepe ist, einen Einblick in die wichtige Phase der Menschheitsgeschichte zu erlangen, in der aus wildbeuterischen Gesellschaften dauerhaft in dorfähnlichen Siedlungen seßhafte Ackerbauern wurden.

Diese Phase des Wandels ist noch immer Gegenstand der Forschung und die monumentalen Anlagen des Göbekli Tepe, die sicher als gemeinsames Projekt mehrerer Gruppen angesehen werden müssen, können dabei helfen, die hier wirkenden kulturellen Prozesse und deren Protagonisten besser zu verstehen und in ihrem weiteren Umfeld einzuordnen.

Methoden

Neben den eigentlichen Ausgrabungen, die aufgrund der mächtigen Verfüllschichten unter denen die monumentalen Anlagen des Göbekli Tepe regelrecht "begraben" sind, eine besondere Herausforderung darstellen, werden auch andere wissenschaftliche Disziplinen und Methoden herangezogen.

Dazu gehören die Untersuchung des entsprechenden Fundmaterials unter Gesichtspunkten der Anthropologie, der Archäobotanik sowie der Archäozoologie, die in Zusammenarbeit mit dem Naturwissenschaftlichen Referat des DAI und dem Institut für Paläoanatomie und Geschichte der Tiermedizin der LMU München durchgeführt werden. Darüberhinaus wird entsprechend verwertbares Material nach den Methoden der Radiokohlenstoffdatierung beprobt und untersucht.

Forschungsstand

Abb.3 An einigen Pfeilern angebrachte Reliefs von Armen belegen, dass es sich um Darstellungen anthropomorph aufgefasster Wesen handelt. © DAIAbb.2 Anlage D, der größte unter den bislang ergrabenen Steinkreisen. © DAIGrabungen des Museums Şanlıurfa und der DAI - Abteilung Istanbul finden seit 1995 vor Ort statt, seit 2001 in Zusammenarbeit mit der Orient-Abteilung des DAI. Die seit 1995 jährlich durchgeführten Grabungskampagnen erbrachten keine Wohnbebauung oder Befestigungen, sondern bislang unbekannte, monumentale, megalithische Kreisanlagen, an deren religiöser Funktion kaum Zweifel anzumelden sind.

Tonnenschwere monolithische Pfeiler werden von Mauerzügen, die "Innen" und "Außen" temenosartig abgrenzen, kreisförmig verbunden. Im Zentrum steht ein alles überragendes Pfeilerpaar. Die auf einigen dieser Pfeiler im Relief dargestellten Arme erlauben es, sie als menschengestaltig aufzufassen.

Auf den Pfeilern angebracht sind großformatige Reliefs von wilden Tieren wie Raubkatzen und Stieren, von Keilern, Füchsen und Schlangen. Die Reliefs eröffnen den Blick auf eine Bildersprache, deren Ausdeutung zusammen mit der Gesamtbewertung der Befunde noch manch kontroversen Gelehrtendiskurs nähren wird.

 

Abb.5 Die Pfeiler des Göbekli Tepe sind oft reich mit Reliefs geschmückt. Im Bild: Pfeiler 43. © DAIAbb.4 Die Skulptur eines zähnefletschenden Raubtiers schmückt die Brustseite von Pfeiler 27. © DAIDeutlich ist schon jetzt, dass die frühesten bislang fassbaren Architekturformen keinesfalls klein und unscheinbar, sondern in unerwartet monumentaler Ausgestaltung erscheinen. Erst in den jüngeren Bauschichten des Göbekli Tepe wird eine Transformierung der Kreisanlagen zu miniaturhafteren Formen, auch zur rechteckigen Grundrissgestaltung, sichtbar.
In den vergangenen Kampagnen konnten einige der bisher entdeckten Kreisanlagen vollständig bis auf den Laufhorizont und die Pfeilergründung ausgegraben und damit wichtige Erkenntnisse zur Konstruktion der Anlagen und Errichtung der Pfeiler auf dem anstehenden Felsboden bzw. einem diesen imitierenden Terrazzo-Fußboden gewonnen werden.

Die beiden bereits im Altertum zerstörten Zentralpfeiler von Anlage C konnten nach vollständiger Freilegung im Jahr 2009 mit Hilfe von Dipl.-Ing. Eduard Knoll aus Rothenburg o.d.T. und Andreas Götz sowie Wolfgang Brück von der Firma Steinsanierung-Denkmalpflege Crailshaim rekonstruiert und wieder aufgerichtet werden.

In zukünftigen Kampagnen ist nicht nur eine Erweiterung der Grabungsflächen und die damit verbundene vollständige Freilegung weiterer Anlagen geplant, sondern auch eine touristische Erschließung der Stätte geplant, die möglichst sensibel mit den Befunden, gleichzeitig aber auch adäquat mit dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit umgeht.

Parallel zu den Grabungen werden paläozoologische und paläobotanische Untersuchungen durchgeführt, die zeigen, dass die Menschen, deren Wirken uns am Göbekli Tepe überliefert ist, noch einer wildbeuterischen Gesellschaftsstufe angehörten. Aus ihrer Sicht wird das neolithische Dorf, die altorientalische Stadt, erst in einer fernen Zukunft als Motor gesellschaftlicher Entwicklungen auf den Plan treten. Nur eine Versammlung der Jäger, die sich gleichsam zu "olympischen Treffen" auf dem Berg einfand, kann die Arbeitsleistung, die zur Errichtung der Bauten notwendig war, erbracht haben. "Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt", wäre plakativ die Folgerung, die sich hieraus ableiten lässt. Sie gilt es bei den zukünftigen Grabungen zu bestätigen oder aber zu modifizieren. Die jüngsten Bauschichten des Göbekli Tepe (Schicht II) datieren nach Ausweis archäologischer wie naturwissenschaftlicher Datierungen (C14) in die Zeit um 8000 v.Chr., die ältere Hauptbauphase (Schicht III) endet bereits um 9000 v.Chr. Das Alter der frühesten Besiedlung kann noch nicht bestimmt werden, doch lässt die mächtige Schichtenfolge eine mehrtausendjährige Geschichte des Platzes vermuten, die bis in die Altsteinzeit zurückreicht. Mit Schicht I werden die in den unteren Hangbereichen oft sehr mächtigen Sedimente bezeichnet, die durch natürliche Erosion, verstärkt durch die landschaftliche Nutzung des Hügels in der Neuzeit, entstanden.

Abb.6 Plan des Hauptgrabungsareals mit den vier großen Kreisanlagen. © DAI Abb.7 In Anlage C konnte der Fußboden in Form des anstehenden Felsens erreicht werden. Die alt zerstörten Zentralpfeiler wurden rekonstruiert. © DAI Abb.8 Luftbild der Grabungsflächen aus dem Jahr 2004. Noch decken Schutzdächer nur einen Teil der Grabungsfläche ab, an einer großflächigeren Lösung wird derzeit gearbeitet. © DAI

Kooperation

Die Grabungen am Göbekli Tepe sind Teil eines türkisch-deutschen Gemeinschaftsprojekts. Sie wurden vom Museum Şanlıurfa in Zusammenarbeit mit dem DAI, Abteilung Istanbul begonnen und werden heute als Projekt der Zentraldirektion an der Orient-Abteilung des DAI weitergeführt. Die Arbeiten werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen einer Langzeitförderung unterstützt. Auch ArchaeNova e.V. Heidelberg unterstützt das Projekt. Weitere Informationen, auch über Möglichkeiten für den Spender werbewirksamer finanzieller Unterstützung, über ArchaeNova, Postfach 101248, 69002 Heidelberg.

Bibliographie

Peters, J., Schmidt. K, Animals in the symbolic world of Pre-Pottery Neolithic Göbekli Tepe, south-eastern Turkey: a preliminary assessment. ANTHROPOZOOLOGICA 39 (1), 2004, 179-218.
Schmidt, K., Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt. Bericht zu den Grabungen am Gürcütepe und am Göbekli Tepe 1996-1999, Istanbuler Mitteilungen 50, 2000, 5-40
Ders., Göbekli Tepe, Southeastern Turkey. A Preliminary Report on the 1995-1999 Excavations, Paléorient 26.1, 2001, 45-54
Ders., Sie bauten den ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe, C.H. Beck, München (2006).
Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Vor 12.000 Jahren in Anatolien. Die ältesten Monumente der Menschheit. Theiss Verlag, Stuttgart (2007).

 

Göbekli Tepe in ZENON

Förderung

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Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

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