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Lissos. Urbanistik und sozio-ökonomische Strukturen einer hellenistischen Polis in Illyrien

Das deutsch-albanische Projekt gilt der Erforschung des hellenistischen Lissos und wird von der DFG im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1209 ("Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel") gefördert.

Ziel ist es, die Funktionsweise dieser in einer hellenisierten Region neu entstandenen "illyrischen" Polis in ihrer Abhängigkeit vom griechischen Kulturbereich zu erforschen. Ausgehend von der Annahme, dass sich die während der hellenistischen Zeit deutlich veränderten politischen Rahmenbedingungen auf das Stadtbild und die urbane Struktur auswirkten, sind Entwicklungen in der Organisation des öffentlichen, sakralen und privaten Raumes zu erwarten. Diese gilt es auf die sich wandelnden politischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse zu hinterfragen. Prozesse der Genese und Formung "politischen Raumes" stehen somit im Mittelpunkt der Untersuchung.

Als für die Stadtentwicklung wesentliche Phasen zeichnen sich bisher ab:

  • die Gründungsphase, möglicherweise frühes 4. Jh. oder erst 3. Jh. v. Chr. Die von Diodor (15,13,2; vgl. 15,14,2.) berichtete Gründung durch Dionysios I. von Syrakus als eine seiner Adriakolonien im Jahre 385/84 v. Chr. ist in der Forschung noch umstritten;
  • die Zeit der illyrischen Kleinkönigreiche, zeitweise auch mit Sitz in Lissos im 3./2. Jh. v. Chr.;
  • die caesarische Zeit mit Erneuerung der Stadtmauer durch Caesar (civ. 3,29,1.),conventus civium Romanorum ;
  • die frühe Kaiserzeit.

Darüber hinaus soll im Rahmen des Clusters 3 - über die Zielsetzung des SPP 1209 hinaus - auch die urbane Entwicklung von Lissos/Lissus bis in die Spätantike untersucht werden.

Die albanischen Forschungen in den 70er und 80er Jahren widmeten sich vor allem der Stadtmauer, der eindruckvollsten und interessantesten antiken Wehranlage Albaniens, die sich bis auf eine Höhe von 160 m den Berg hinauf erstreckt. Die Akropolis wurde später von der venezianisch-osmanischen Zitadelle überbaut. Weitgehend unbeachtet blieb bislang die Unterstadt, deren südwestlicher in einem archäologischen Park geschützter Teil ideale Voraussetzungen für Ausgrabungen bietet.

Die Untersuchungen, die im Sommer 2006 in einer ersten Grabungskampagne begonnen haben, betreffen drei Bereiche:

  • das Stadtgebiet
  • die Stadtmauer (siehe auch 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume)
  • das Umland zwischen der Mündung des Maat im Süden, dem antiken Scodra im Norden, der Adria im Westen und den Bergen im Osten (siehe 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume).

Methodisch wird wie folgt vorgegangen: Bei der Erforschung der Unterstadt liegt das Hauptaugenmerk auf den beiden wichtigsten Verkehrsadern der Stadt. Die Straße von Epidamnos führte durch das "Südtor" in die Stadt und weiter nach Scodra. Eine nach Osten verlaufende innerstädtische Straße verband das unmittelbar am Fluss Drin gelegene "Hafentor" mit dem Zentrum der Stadt. Als Arbeitshypothese lässt sich formulieren, dass das Umfeld der vom "Südtor" kommenden Straße eher repräsentativen Charakter hatte, während der Bereich am "Hafentor" stärker ökonomisch geprägt war und entsprechend eine Hierarchisierung in den angrenzenden Wohnbereichen sichtbar gewesen sein muss. Es stellt sich daher die Frage, welches die konstituierenden Elemente für den Raumeindruck in beiden Bereichen waren. Um hierüber gesicherte Aussagen treffen zu können, wurden zwei Grabungsbereiche eingerichtet:

  • Grabungsbereich A südlich der Ost-West-Verbindung nahe dem Kreuzungspunkt beider Straßen
  • Grabungsbereich C auf der Innenseite des Hafentores

Grabungsbereich A gab Einblick in das Lissos des 1. Jhs. v. Chr. Freigelegt wurden große Teile eines Gebäudes, das bereits im 1. Jh. v. Chr. mit Scherben von Hunderten von Amphoren aufgefüllt wurde. Besonders interessant an diesem Befund ist, dass das Haus stellenweise auf älteren Mauern gründet, die nach ihrer Technik in die frühe Zeit der Stadtmauer zu gehören scheinen. Mehrere Phasen urbanen Wandels im Zentrum der Stadt zeichnen sich hier bereits deutlich ab und werden in der Kampagne 2007 weiter verfolgt werden. Der Grabungsbereich C am "Hafentor" wird im nächsten Jahr ebenfalls Informationen zur hellenistischen Zeit liefern, sobald dort die entsprechenden Schichten erreicht werden.

Eine symbolische Bedeutung könnte ein der Werktechnik nach sicher repräsentatives Gebäude mit annähernd quadratischem Grundriss auf einer Terrasse der Oberstadt besessen haben.

Außerhalb des Stadtgebiets, vor dem "Südtor", ergaben kleinere Untersuchungen im "Apsidenbau", einem bis in die Spätantike genutzten Thermengebäude, Hinweise darauf, dass das "Südtor" wahrscheinlich in caesarischer Zeit nicht vollkommen instand gesetzt wurde. Aus einem Raum wurde Keramik sogar des 1. Jhs. v. Chr. geborgen. Damit stellt sich die Frage nach der Datierung dieses in das "Südtor" der Unterstadt eingreifenden Baus neu. Der Befund wird im nächsten Jahr detailliert untersucht werden.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Wahrnehmung des intra- wie extramuralen "politischen Raums" hatte die Stadtmauer selbst, deren Erforschung besonderes Augenmerk gilt (siehe 2. Forschungsfeld: Grenzen politischer Räume).

Die Ergebnisse der Grabungen im Stadtgebiet und an der Stadtmauer werden die Grundlage dafür bieten, wesentliche konstituierende Elemente im Vergleich mit anderen Projekten herauszuarbeiten, die bei der Ausprägung politischer Räume in Lissos eine Rolle spielten. Die Strategien räumlicher Organisation im Hinblick auf die innere Struktur der Stadt sowie die Hierarchisierung der Gesellschaft werden sich besser verstehen lassen, wenn diese konstituierenden Elemente vor dem Hintergrund der sich wandelnden Rahmenbedingungen interpretiert werden.

Auf dieser Basis und in Anbetracht der wechselnden politischen Rahmenbedingungen im Untersuchungszeitraum lassen sich weitreichende Erkenntnisse zum Verhältnis "politische Macht" und "räumliche Struktur" gewinnen und damit - als Beitrag zu Cluster 3 - ein tieferes Verständnis des Begriffs "politischer Raum".

Kooperationspartner: Archäologisches Institut der Akademie der Wissenschaften Albaniens, Tirana.

Contact: Dr. Andreas Oettel (E-Mail: ao@dainst.de)
Prof. as. Dr. Gëzim Hoxha (E-Mail: ghoxha@albmail.com)

zum Projekt: Lissos

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