Gehe zu: Inhaltsbereich Mehr Informationen Hauptnavigation Überblick Metanavigation Fußbereich
Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Antike Wasserwirtschaft" der KAAK werden seit 2002 die Reste des Großen Dammes von Marib, der weltweit berühmtesten antiken Talsperre, erstmals durch archäologische Ausgrabungen untersucht und Maßnahmen zu deren Konservierung und touristischen Erschließung durchgeführt.
Die Oase von Marib war der Lebensnerv eines bedeutenden Karawanenreiches des 1. Jt. v. Chr. In ihr entstand infolge von Aromata- und Gewürzhandel sowie landwirtschaftlicher Prosperität eine Hochkultur mit weiter Ausstrahlung. Die Außenstelle Sanaa begann im Jahr 2004 mit Geländebegehungen im Oasengebiet von Marib, die neue Erkenntnisse zur Entwicklungsgeschichte der künstlichen Bewässerung in der Oase liefern, wobei die überwiegende Zahl der Fundstellen in die altsüdarabische Zeit (12. Jh . v. Chr. - 6. Jh. n. Chr.) datiert werden kann.
Ein eigenes Projekt ist dem Großen Damm von Marib gewidmet. Dieser 620 m lange Erddamm sperrt ein Trockenbett vollständig ab und ist in seiner Funktion vor allem über seine beiden monumentalen, steinernen Auslaßbauwerke erschließbar. Die Sperranlage diente dem kurzfristigen Aufstauen saisonaler Sturzfluten während der Regenzeit. Über die Auslaßbauwerke konnten die sich durch ständige Aufsedimentierung erhöhenden Felder mit Wasser versorgt werden. Die Anbaufläche erreichte eine Ausdehnung von mindestens 9600 Hektar und bot der antiken sabäischen Hauptstadt eine ausreichende Versorgungsgrundlage. Umfassende Reinigungsarbeiten ergeben jetzt ein stark modifiziertes Bild vom ursprünglichen Erscheinungsbild der Dammanlage. Epigraphische Neufunde erlauben außerdem eine einschneidende Umdatierung ihrer Entstehung in das 5. oder 6. Jh . n. Chr. Der politische und gesellschaftliche Kontext des Dammbaus ist damit neu zu überdenken. Bei den abschließenden Arbeiten 2006 bleibt außerdem die Lokalisierung der bisher nur indirekt belegten Vorgängerbauten an derselben Stelle zu klären.
Marib liegt etwa 150 km östlich der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf 1200 m Höhe, im Übergangsbereich vom jemenitischen Hochland zur innerarabischen Wüste Ramlat as-Sab'atayn (Abb. 1). Über die Jahrtausende sind hier auf beiden Ufern des Trockenbettes des Wadi Dhana durch anthropogene Steuerung des sedimenthaltigen Oberflächenabflusses aus dem Hochland auf beiden Ufern des Trockenbettes ausgedehnte, fruchtbare Oasenflächen entstanden. Diese wurden durch Flutbewässerung für die Landwirtschaft erschlossen.
Die früheste Besiedlung und die Anfänge der Bewässerungslandwirtschaft in der Oase von Marib reichen wahrscheinlich bis in das 4. vorchristliche Jahrtausend zurück. Erste Wasserwirtschaftsbauten entstanden hier während der Bronzezeit. Nachdem sich Marib im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. zum Kerngebiet des Königreiches von Saba herausgebildet hatte, konnten die zuvor entwickelten Funktionsprinzipien der Flutbewässerung zu höchster Perfektion verfeinert werden. Den Abschluss und zugleich Höhepunkt dieser technologischen Entwicklung stellt der Große Damm dar (Abb. 2), der gegen 600 n. Chr. letztmalig brach und danach zum Teil unter den Dünen der vordringenden Sandwüste begraben wurde. Seine vom letzten Dammbruchereignis verschonten Reste blieben lange unberührt erhalten, bis man schließlich ab den späten 40er Jahren des 20. Jahrhunderts Teilbereiche intensiv als Steinbruch nutzte.
Der rasant fortschreitende Zerfall der Dammanlage in den letzten Jahren und die unübersehbaren Folgen unkontrollierten Besucherzuganges erfordern nun konservierende Maßnahmen, die zugleich ein besseres Verständnis der Anlage und eine leichtere Begehbarkeit durch Besucher ermöglichen sollen. Die dafür erforderlichen Detailkenntnisse liefern archäologische Ausgrabungen, die die möglichst großflächige Freilegung des Dammbauwerkes zum Ziel haben. Das Hauptaugenmerk gilt vornehmlich den an beiden Auslassbauwerken feststellbaren, funktionstechnischen Elementen, den zur Anwendung gekommenen Bau- und Mauerwerkstechniken, und ihrer bauhistorisch-chronologischen Einordnung.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts in europäischen Gelehrtenzirkeln bekannt, wurde der Große Damm von Marib vor allem von 1979 bis 1985 vom DAI Sanaa interdisziplinär untersucht. Die Forschungen beschränkten sich dabei ausschließlich auf den oberirdisch sichtbaren Denkmalbestand. Seitdem gilt als gesichert, dass die Dammanlage jedes Jahr nur während der beiden Regenzeiten in Betrieb war. Der Damm staute die Sturzfluten des Wadi Dhana soweit auf, dass von hier die sich durch steten Sedimentauftrag erhöhenden Feldflächen bewässert werden konnten. Die Stauanlage einst aus einem über 600 m langen und gut 20 m hohen Erddamm (Abb. 3). Auf gewachsenem Fels gegründet, hat sich an seinen beiden Enden je ein monumentales, steinernes Auslassbauwerk (Nordbau bzw. Südbau) erhalten. Lange Primärkanäle verbanden die Auslassbauwerke mit den dazugehörigen Hauptverteilern, von denen aus das Wasser über ein Kanalnetz zur knietiefen Überstauung der Feldflächen verteilt wurde.
Die beiden aus massiven Schwergewichtsmauern bestehenden Auslassbauwerke zeigen als Funktionselemente jeweils einen Durchlassbereich, einen als Hochwasserentlastung dienenden Überlauf sowie ein Tosbecken, in dem sich das einströmende Wasser beruhigen konnte. Das Tosbecken am Südbau ist tief in den anstehenden Fels hineingearbeitet. Hier befinden sich eingemeißelt mehrere, wohl zu Vorgängerbauten gehörige Bauinschriften von zwei sabäischen Herrschern aus der zweiten Hälfte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Die endgültige Aufgabe des Mariber Bewässerungssystems kurz vor Beginn der islamischen Zeitrechnung wird in der 34. Sure des Koran erwähnt.
Auch wenn der Aufschluss des durch den letzten Bruch angeschnittenen Dammkörpers untersucht und am Südbau zwei kleinere Tiefschnitte angelegt wurden, so konzentrierten sich die seit 2002 laufenden archäologischen Untersuchungen und die Konservierungsarbeiten der KAVA zunächst auf den Nordbau (Abb. 4). Dort wurden im Stauraum, nördlichen Vorfeld, Tosbecken und in den Durchlässen große Mengen Sediment und Sand abgetragen und mehrere Sondagen durchgeführt (Abb.7). Die hier erforderlichen, gleichzeitigen Konsolidierungsarbeiten sind etwa zur Hälfte abgeschlossen.

Das nördliche Auslassbauwerk ist etwa 150 lang und bis zu 70 m breit. Seine Höhe beträgt bis zu 16 m (Abb. 5). Es schließt mehrere monumentale, zuvor gänzlich unbekannte Mauern im Tosbecken und vor allem im nördlichen Vorfeld ein (Abb. 6). Letztere dienten als zusätzlicher Schutz gegen die sporadisch auftretenden Hochwasserfluten aus dem direkt benachbarten, künstlich umgeleiteten Wadi Gufayna.
Wieder verwendetes, ortsfremdes Steinmaterial, in Blei vermantelte Eisenbolzen und Abdichtungen mit Kalkmörtel kennzeichnen die Quaderverblendungen der Schwergewichtsmauern von den Fundamenten bis zur Krone (Abb. 7). Gemeinsam mit Fugenversprüngen, Stoßfugen und unterschiedlichen Patinierungen deutet dies auf ein spätes Erbauungsdatum und auf einen mehrphasigen Entstehungsprozess hin. Erhöhungen der Auslassschwellen und die Aufstockung von Hochwasserentlastung, Auslasspfeilern und Tosbeckenmauer erklären sich durch Veränderungen im Fließverhalten bzw. durch die starke Ablagerung von Sedimenten im Stauraum und im Tosbecken.
Etwa fünfzig sabäische Inschriften bzw. deren Fragmente sind bislang im Spolienmauerwerk des Nordbaus nachgewiesen. Auch sie sind sekundär verwendet, ihr Inhalt nimmt keinerlei Bezug auf die Stauanlage. Paläographische Kriterien und die Nennungen bekannter südarabischer Herrscher liefern Anhaltspunkte für die Datierung einzelner Funktionselemente und damit des gesamten Nordbaus nach dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Zeitlich noch stärker eingegrenzt werden kann dessen Entstehung durch zwei sehr ausführliche und seit langem bekannte spätsabäische Inschriftenstelen der Herrscher Shurahb'il Ya'fur und Abraha aus den Jahren 456 bzw. 548 n. Chr. Gemeinsam mit einer weiteren 2002 entdeckten Inschriftenstele des Abraha (ebenfalls 548 n. Chr.; Abb. 8) beschreiben sie ausführlich die aufwändigen und mit sehr großem Personaleinsatz durchgeführten Neuerrichtungen oder grundlegenden Sanierungen des Nordbaus nach wiederholten vollständigen Zerstörungen oder massiven Beschädigungen.

Insgesamt 12 Beschleunigerproben (AMS) aus den Tosbecken von Südbau (1) und Nordbau (1) und aus Verputzresten (10) in den Durchlässen, auf der Tosbeckenmauer und am Überlauf datieren übereinstimmend in das 5. bis 6. nachchristliche Jahrhundert. Sie bestätigen somit die in den Inschriften genannte spätantike Entstehungszeit des Nordbaus in seiner jetzigen Form und damit auch das Ende des Bewässerungssystems. Zu diesem Zeitpunkt scheint das System die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten erreicht zu haben: Schon mittelalterliche Quellen aus dem 10. Jahrhundert nennen neben dem erneuten Bruch des Erddammes als Grund für das Scheitern des Systems die starke Akkumulierung von Oasensedimenten, deren nunmehr sehr hohe Oberfläche durch die Bewässerung nicht mehr erreicht werden konnte. Zusätzlich ist anzunehmen, dass zu dieser Zeit die in Marib ansässige Bevölkerung nicht mehr die Kraft aufbrachte, sich zu gemeinschaftlichen Wiederaufbauarbeiten zu organisieren.

General Organisation of Antiquities and Museums, Ministry of Tourism and Culture, Sanaa. Außenstelle Sanaa der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Hafen City Universität Hamburg, Department Ingenieurswissenschaften (M. Schütz). Hafen City Universität Hamburg, Department Geomatik (Th. Kersten).
Die Konservierungs- und Erschließungsmaßnahmen am Großen Damm von Marib werden finanziert vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Die KAAK trägt die Kosten für die begleitenden wissenschaftlichen Untersuchungen.
Nebes, Norbert: A new Abraha inscription from the Great Dam of Marib. In: Proceedings of the Seminar for Arabian Studies 34: 221-230. Oxford 2004. Vogt, Burkhard: Towards a new dating of the great dam of Marib. Preliminary results of the 2002 fieldwork of the German Institute of Archaeology. In: Proceedings of the Seminar for Arabian Studies 34: 383-394. Oxford 2004. Vogt, Burkhard; Brettschneider, Wulf; Brunner, Ueli; Herberg, Werner; Röring, Nicole: Der Große Damm von Marib, Republik Jemen. Neue archäologische und bauhistorische Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts 2002. In: Allgemeine und Vergleichende Archäologie-Beiträge 23: 49-74. Mainz 2003. Vogt, Burkhard: Grundzüge der antiken südarabischen Bewässerungslandwirtschaft. In: Allgemeine und Vergleichende Archäologie Beiträge 24: 67-104. Mainz 2004. Vogt, Burkhard: The Great Dam, Eduard Glaser, and the chronology of ancient irrigation in Ma'rib. In: A. Sholan-S. Antonini-M. Arbach (eds.) Sabaean Studies. Archaeological, epigraphical and historical studies in honour of Yusuf M. 'Abdallah, Alessandro de Maigret, Christian Robin on the occasion of their sixtieth birthdays. Naples-Sanaa 2005: 501-520. Stand: Februar 2006
Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.