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Meroë, Königliche Bäder

Mediterraner Einfluß auf eine afrikanische Hochkultur in griechisch-römischer Zeit.

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
16° 39' 5.04" N, 33° 25' 23.52" E

Die antike Stadt Meroë war die Hauptstadt des Königreiches von Kusch. Sie liegt im heutigen Sudan, etwa 220 Kilometer nördlich der modernen Metropole Khartoum. Im schmalen Fruchtlandstreifen des Niltals wurde Meroë als prachtvolle Residenzstadt mit großzügigen Wohngebäuden und Tempeln am rechten Nilufer zwischen dem 6. und 5. Katarakt gebaut. Östlich der Stadt erstreckten sich am Rand der Wüste die königlichen Nekropolen mit ihren charakteristischen steilwandigen Pyramiden.

Geschichte

Statue eines liegenden Mannes, 1912 im Wasserbecken entdeckt (Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek ÆIN 1485) © DAISchauwand an der südlichen Seite des Wasserbeckens mit den Wasserzuflüssen © DAIDas Königreich von Kusch entwickelte sich im 9. und 8. Jh. v. Chr. im Norden des heutigen Sudan, herrschte dann für etwa 50 Jahre als 25. Dynastie über Ägypten, bevor es Mitte des 7. Jhs. wieder in sein angestammtes Siedlungsgebiet zurückgedrängt wurde. Seit dem 3. Jh. v. Chr. war Meroë für nahezu 600 Jahre die letzte Hauptstadt des Reiches. In all den Jahrhunderten blieben die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zum mächtigen nördlichen Nachbarn Ägypten eng, auch als dort bereits Griechen und Römer herrschten. Daher zeigt die Kultur des Reiches neben einheimischen Wurzeln auch deutlich Einflüsse aus dem ägyptischen und mediterranen Raum.

Die sog. Königlichen Bäder

Herausragendes Zeugnis für den Kulturtransfer sind die sog. Königlichen Bäder von Meroë, die im Zentrum der Stadt in unmittelbarer Nähe von zwei Palästen errichtet wurden. Sie zeigen eindrucksvoll, wie in einer afrikanischen Hochkultur in der Zeit um Christi Geburt Formen und Ideen aus dem Mittelmeerraum in Verbindung mit lokalen Traditionen rezipiert und modifiziert wurden.
Mittelpunkt der Anlage ist ein großes, begehbares Wasserbecken, das an drei Seiten von einem offenen Säulenumgang flankiert wird. An der vierten Seite ragt eine Schauwand auf, von der aus das Becken über mehrere verdeckte Röhren mit Wasser gespeist wurde. Hier ist die prächtige und farbenfrohe Ausstattung des Gebäudes außergewöhnlich gut erhalten: bunt bemalte Skulpturen aus Sandstein stehen neben Wandeinlagen aus Fayence und dekoriertem Wandverputz. Zudem waren die Ränder des Beckens von Stier- und Löwenköpfen gesäumt, und im Gebäude müssen weitere bis zu lebensgroße Statuen aufgestellt gewesen sein, wie der Fund mehrerer Skulpturen im Wasserbecken zeigt.
Viele Fragen zu diesem Gebäudekomplex stehen bis heute zur Diskussion: Bauentwicklung, Datierung, das Funktionieren des Wasserzu- und -ableitungssystems, ferner das komplette Ausstattungsprogramm und schließlich der wichtigste Punkt, die Frage nach Zweck und Idee des gesamten Baus sind immer noch weitgehend ungeklärt.

Forschungsgeschichte

Grabung Garstang in den Königlichen Bädern im Februar 1912, Fund mehrerer Statuen im Wasserbecken © DAI1909 bis 1914 legte John Garstang von der Universität Liverpool die Stadt Meroë großflächig frei, dabei entdeckte er 1912 die von ihm sogenannten Königlichen Bäder. Garstang selbst machte seine Grabungsergebnisse zwar in mehreren Vorberichten bekannt, legte jedoch keine umfassende Dokumentation der einzelnen Gebäudekomplexe vor. Erst in den letzten Jahren erschienen Publikationen, die sich ausführlich mit Garstangs Arbeiten in Meroë auseinandersetzen und sich dabei in erster Linie auf die im Archiv in Liverpool verwahrten Tagebücher, Briefe und Notizen, Zeichnungen, Photographien und Funde stützen.

Ziele

Die am Ort erhaltene Bausubstanz der sog. Königlichen Bäder mitsamt den Resten der Ausstattung werden nach modernen Maßstäben dokumentiert. Gleichzeitig soll der zunehmende Verfall der Anlage durch Konsolidierungsmaßnahmen gebremst werden. Ergänzend zu diesen Arbeiten werden alle Fundstücke aus dem Gebäude, die sich heute in europäischen und amerikanischen Museen befinden, mit in die Untersuchung einbezogen. So läßt sich eine tragfähige Basis gewinnen, um Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte und Nutzung der sog. Königlichen Bäder sowie zur Bedeutung des mediterranen Einflusses zu erzielen.

Aktuelle Arbeiten

In zwei Kampagnen 1999 und 2000 wurde die im Kernbereich der sog. Königlichen Bäder erhaltene Architektur, Wandmalerei und Plastik vermessen, gezeichnet, photographiert und beschrieben. Während der Kampagne 2000 haben außerdem Restauratoren den zum großen Teil lockeren Putz auf der Schauwand wieder befestigt.

Ergebnisse

Musikant mit Panflöte am Rand der Schauwand © DAIWeinranke auf dem Wandputz der Schauwand © DAISo bunt und vielfältig, wie die Schauwand am Rand des Wasserbeckens heute noch vor uns steht, ist sie erst das Endprodukt mehrerer Bauphasen. Anlaß für das sukzessive Aufstocken der Dekoration waren offensichtlich nicht nur ästhetische oder inhaltliche Wünsche der Auftraggeber, sondern auch technisch notwendige Veränderungen in der Führung der Wasserzuleitungen.
Bei der Ausstattung des Gebäudes haben die Aspekte Wasser, Wein und Musik eine wichtige Rolle gespielt: So war in einer ersten Bauphase eine Weinranke über die Sockelzone der gesamten Schauwand gemalt, später kamen rundplastische Skulpturen von Musikanten mit Panflöte, Doppelflöte oder Kithara hinzu. Sie gehören ursprünglich zur Sphäre des griechischen Weingottes Dionysos, aus dessem Umkreis sich noch weitere Figurenfragmente, wie der Kopf eines Silen oder der Unterkörper eines Pan erhalten haben. Neben Dionysos ist der einheimische meroitische Gott Apedemak präsent, der hier in Verbindung mit dem Element Wasser als Fruchtbarkeitsbringer verehrt worden sein könnte.

Kooperation

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen der National Corporation for Antiquities and Museums in Khartoum und der Zentrale des DAI in Berlin.

Bibliographie

J. Garstang, Liverpool Annals of Archaeology and Anthropology 5, 1913, 77 ff. und W. S. George, Liverpool Annals of Archaeology and Anthropology 6, 1914, 15 ff.
L. Török, Meroe City - An Ancient African Capital. John Garstang's Excavations in the Sudan (London 1997) 63 ff.
F. W. Hinkel - U. Sievertsen, Die Royal City von Meroe und die repräsentative Profanarchitektur in Kusch, The Archaeological Map of the Sudan Suppl. 4 (Berlin 2002) 79 ff.
S. Wolf - H.-U. Onasch, Investigations in the so-called Royal Baths at Meroë in 1999. A Preliminary Report, im Druck: Kush 18, 2003

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