Metanavigation

Archäologisches Projekt Moxos, Bolivien

Siedlungsplätze im nördlichen Tiefland Boliviens werden erstmals eingehend untersucht.

Das Projekt Llanos de Moxos widmet sich Siedlungsprozessen in einer Überschwemmungssavanne des südlichen Amazonasbeckens. Tropische Regenwälder galten bislang als natürliche, d. h. durch den Menschen nicht oder kaum veränderte geographische Großräume. Diese Lehrmeinung ist seit den 80er Jahren zunehmend ins Wanken geraten. Für das Amazonasgebiet wird gegenwärtig zu klären versucht, wie stark der Mensch dort die Umwelt gestaltet hatte. Zur Aufsiedlung des Amazonasbeckens und den darauf folgenden Kulturentwicklungen liegen bisher jedoch kaum archäologische Daten vor. Im Zentrum der Forschungen steht ein Randgebiet des Amazonasbeckens, die Llanos de Moxos. In dieser ca. 110.000 km 2 großen Überschwemmungssavanne finden sich zahlreiche Reste von Kanälen, Dämmen, Wasserreservoirs und Hügelbeet-Komplexen. Allein das Ausmaß dieser Anlagen läßt auf die Existenz komplexer Kulturen mit seßhafter bäuerlicher Lebensweise in einer Region schließen, die heute auf Grund schlechter Böden als untauglich für Landwirtschaft gilt. Unklar bleibt ferner, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Voraussetzungen die "Kultur von Moxos" entstanden ist, doch auch ihre weitere Entwicklung und die Gründe für ihr Ende entziehen sich genauerer Kenntnis. Eine verläßliche Beantwortung dieser Fragen würde unsere Kenntnis der Siedlungsprozesse und Kulturentwicklungen im vorspanischen Amazonien erheblich verbessern.

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
14° 53' 48.984" S, 64° 28' 16.6764" W

Abb. 1. Lage der Untersuchungsregion. © DAIDie Untersuchungsregion umfasst die Llanos de Mojos, eine etwa 110 000 km2 große Überschwemmungssavanne, die im nördlichen Tiefland Boliviens liegt (Abb. 1).

 

Die Region ist kein ideales Siedlungsgebiet: die Böden sind arm an Nährstoffen und während der Regenzeit stehen weite Flächen mehrere Monate lang unter Wasser, weil das Regenwasser wegen fehlender natürlicher Drainage nicht abfliesst. Und doch hat es in dieser Region in vorspanischer Zeit eine überaus dichte Besiedlung gegeben, deren Spuren überall auszumachen sind.

Ziele

Die vorspanische Geschichte der Llanos de Moxos ist bislang weitgehend unbekannt. Neben dem Fehlen archäologischer Untersuchungen trägt hierzu auch das späte Einsetzen schriftlicher Quellen über die autochtone Bevölkerung bei. Die frühesten Berichte spanischer Missionare stammen aus dem 17. Jh. Die Kulturgeschichte jener Region kann somit nur durch archäologische Forschung erschlossen werden. Das Projekt will hierzu durch Untersuchung von Siedlungsplätzen mit langer Belegungszeit beitragen.

Bisherige Arbeiten

In den Jahren 1999 - 2006 wurden Grabungen in zwei Siedlungshügeln im Südosten der Llanos de Moxos, nahe des Dorfes Casarabe, untersucht (Loma Mendoza, Loma Salvatierra). In einjährigen Kampagnen wurden 2003 in dem Dorf Bella Vista, im Nordosten der Llanos de Moxos, Gräber später vorspanischer Zeitstellung untersucht und 2007 Prospektionen in der Region von San Ignacio de Mojos sowie Vermessungsarbeiten am Fundort Loma Alta de Casarabe durchgeführt.

Aktuelle Arbeiten

Abb. 2. Ringgrabenanlage im Gebiet der Estancia Santiago, Baures. © DAIRinggrabenanlagen (Abb. 2) stehen im Zentrum der gegenwärtigen Untersuchungen des KAAK-Projektes in Bolivien. Hunderte vergleichbarer Anlagen sind in den letzten Jahrzehnten durch die immer schneller voranschreitende Rodung des Regenwaldes bekannt geworden. Sie liegen in einem Gürtel, der sich von der brasilianischen Provinz Acre im Südwesten des Amazonasgebietes über Nordbolivien bis in den Alto Xingú Südbrasiliens erstreckt. Es handelt sich um Regionen, die man für "unberührt" hielt, als vom Menschen nur sporadisch besiedelt und kaum verändert.

Wie ist die Existenz der Grabenanlagen in jenen "Ur"-Wäldern zu erklären? Wann wurden sie angelegt und in welcher Beziehung zu einander standen die über ein so großes Gebiet verstreuten Anlagen ? Wenn sie zum Schutz von Siedlungen dienten, wofür vieles spricht, wer waren die Feinde und woher kamen sie ?

Abb. 3. Satelltenfoto der Umgebung von Bella Vista. Rot hervorgehoben die bislang bekannten Grabeanlagen. © DAIErste Antworten auf diese Fragen sollen die Untersuchungen von Grabenanlagen in der bolivianischen Provinz Iténez geben, die 2008 begonnen und 2009 fortgesetzt wurden. Bislang wurden Grabungen in zwei Ringgrabenanlagen durchgeführt, die in der Nähe des Ortes Bella Vista liegen. Gleichzeitig wurde mit der Vermessung des Grabensystems begonnen, in das diese Anlagen integriert sind. Im Verlauf der Vermessungsarbeiten wurden weitere großräumige Grabensysteme entdeckt, die sich über mehrere Kilometer hinweg erstrecken (Abb. 3).

Ergebnisse

Abb. 4. Luftfoto der Kreisgrabenanlage in der "Granja del Padre", nördl. von Bella Vista. © DAIDie Ringgrabenanlagen von Bella Vista sind, ebenso wie die wenigen zuvor in der Region untersuchten gleichartigen Anlagen, einphasig und weisen nur sehr dünne fundführende Schichten auf. Dies lässt auf eine kurze Nutzungszeit der Anlagen schließen, die nach den bislang vorliegenden 14C-Datierungen ins 13.-14. Jh. n.Chr. fällt.

Dieser Befund kann einen ungenügenden Forschungsstand widerspiegeln. Es lohnt sich aber festzuhalten, dass in der Region bislang keine früheren Siedlungen registriert wurden und dass alle bekannten Siedlungsplätze von Gräben umgeben sind. Dieses Bild hebt sich stark von der Situation in den südlich und westlich angrenzenden Gebieten der Llanos de Moxos ab, wo zum einen Siedlungsplätze mit langer, knapp 1000 Jahre andauernder Nutzungszeit vorkommen, zum anderen aber Gräben als Defensivanlagen bislang nicht belegt sind. Zu den oben angeführten Fragen stellen sich also weitere: Wie erklären sich die markanten Unterschiede im Siedlungsgeschehen dieser benachbarten Regionen? Was ist die Ursache für das Schutzbedürfnis, das die Bevölkerung des gesamten Süd(west)randes Amazoniens in dieser späten vorspanischen Zeit offenbar verspürte ?

aaAbb. 5. Höhenlinienplan der Ringgrabenanlage in der "Granja del Padre" (BV-2). © DAIIn den Ringgrabenanlagen von Bella Vista fanden sich bislang weder Feuerstellen noch Pfostenlöcher. Es fehlen also Siedlungsspuren im engeren Sinne. Eine mit Streufunden (Keramik) durchsetzte graubraune Schicht zeigt hingegen, dass der Raum genutzt wurde. Auch konnte an einigen Stellen ein Lauf- bzw. Nutzungshorizont nachgewiesen werden. So fanden sich an mehreren Stellen auf gleichem Niveau Reste von großen, schlecht gebrannten Keramikgefäßen, deren Fragmente als Scherbenpflaster auf einer begrenzten Fläche den Nutzungshorizont fassbar machten.

Im Fall der Ringgrabenanlage auf dem Gebiet der "Granja del Padre" (Abb. 4, 5), fanden sich in einem quer durch die Grabungsfläche verlaufenden Streifen 15 Gräber (Abb. 6). Sie lagen zum Teil sehr dicht beieinander, was darauf hindeutet, dass sie obertägig gekennzeichnet waren. Es handelte sich durchweg um Gefäßbestattungen, wobei der Körper des Verstorbenen fast immer in einem großen, bauchigen Gefäß niedergelegt worden war. Die Gefäße waren kopfüber deponiert und ihr Boden sorgfältig entfernt worden (Abb. 7). In einigen Fällen fanden sich in der Gefäßöffnung "Keramik-Abschläge", die beim Bearbeiten der Kante des aufgeschlagenen Bodens entstanden waren. Dies belegt, dass die Gefäße mit der Öffnung nach unten in der Grabgrube stehend für die Bestattung hergerichtet wurden. In allen Gräbern waren die Skelette stark abgebaut, in einigen Fällen wurden überhaupt keine Knochenreste mehr festgestellt. Lediglich in einem Fall fanden sich Beigaben: drei kleine Keramikgefäße waren vor den Füßen des Verstorbenen auf dem Boden des Grabgefäßes platziert (Abb. 8).

Abb. 6. Grabungsflächen am Fundort "Granja del Padre" (BV-2). © DAISchnitte durch die Ringgräben zeigten, dass diese mit mehr als einem Meter Sediment verfüllt waren (Abb. 9). Ihre Seitenwände waren ursprünglich fast senkrecht, der Boden flach. Den Aushub hatte man beiderseits der Gräben aufgehäuft. Reste von Palisaden oder anderen assoziierten Defensivanlagen fanden sich nicht. Dies steht in Einklang mit den Angaben, die sich in der ausführlichsten Chronik über die Region von Baures, der 1791 verfassten "Breve descripción de las reducciones de Mojos" des Jesuiten Francisco Javier Eder finden. Eder lobt Breite und Tiefe der Gräben, die ihren europäischen Pendants in nichts nachstünden und hebt hervor, dass sie allein bereits den Angriff möglicher Feinde sehr erschwerten.

Abb. 7. Gefäßbestattung des 13./14. Jh. © DAIDie beiden untersuchten Ringgrabenanlagen weisen weitere bemerkenswerte Eigenheiten auf. Zum einen ist das Gelände, auf dem sie liegen, relativ stark geneigt (s. Abb. 5). Nun besitzen die Ringgräben aber innerhalb einer Anlage eine konstante Tiefe. Das bedeutet im Falle des Ringgrabens der "Granja del Padre", dass im höher gelegenen Nordostsektor die Grabensohle auf dem gleichen Niveau liegt wie im am niedrigsten gelegenen Südwestteil der Anlage die Kuppe der Umwallung. Die Grabensohle liegt im Südwestteil der Anlage ganze 2 m tiefer als im Nordosten. Die in der Literatur geäußerte Vermutung, dass sich in den Gräben Wasser befunden habe um den Defensivcharakters der Anlage zu erhöhen, wird durch diesen Befund eindeutig widerlegt. Ein anderes bemerkenswertes Detail, das bei der Vermessung der Anlagen deutlich zu Tage kam, sind in regelmäßigen Abständen quer durch den Graben verlaufende Stege. Bei diesen könnte es sich um die Reste von "Zugängen" handeln.

Abb. 8. Am Boden einer Gefäßbestattung deponierte Grabbeigaben. © DAIEs wurde bereits erwähnt, dass die Ringgrabenanlagen keine isolierten Phänomene darstellen, sondern in große Grabensysteme integriert sind. Die Existenz dieser großen, mehrere Quadratkilometer große Areale umschließenden Grabensysteme in der Iténez-Region war bislang unbekannt. Erst die im Rahmen unseres Projektes durchgeführten Prospektions- und Vermessungsarbeiten zeigten deren Ausmaß und lieferten erste Daten zu deren Verteilungsmuster. Nach bisheriger Kenntnis grenzen die Grabensysteme Anhöhen von zwischen ihnen befindlichen Geländesenken ab. Zu jedem der bislang vier in der Umgebung von Bella Vista entdeckten großen Grabensysteme gehören 2 oder 3 Ringgrabenanlagen. Zumeist sind die Ringgrabenanlagen im Innern des Grabensystems gelegen, es fehlt aber auch die berühmte Ausnahme von der Regel nicht (s. Abb. 3).

Abb. 9. Ostprofil des nördlichen Grabenschnittes (Schnitt 1); Fundort "Granja del Padre" (BV-2). © DAIBei Begehungen im Innern des östlich von Bella Vista auf dem Gelände der Estancia "Thuringia" gelegenen Grabensystems, das durch den Einsatz von Planierraupen stark gestört ist, konnten über eine Distanz von einem Kilometer hinweg Streufunde nachgewiesen werden. Auch im Dorf Bella Vista, das etwa ein Viertel der Fläche einnimmt, die von einem vorspanischen Grabensystem umschlossen ist, werden bei Bauarbeiten immer wieder Zufallsfunde gemacht. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass von einer vorspanischen Besiedlung im gesamten von den Grabensystemen umschlossenen Gebiet auszugehen ist. Dies könnte auch erklären, warum in den Ringgrabenanlagen keine "Siedlungsspuren" im engeren Sinne gefunden wurden. Möglicherweise hatten diese speziell abgegrenzten Bereiche, mit Durchmessern zwischen 100 - 150 m, eine Sonderfunktion, etwa als Friedhöfe, wie dies die Grabgruppe nahelegt, die am Fundort "Granja del Padre" freigelegt werden konnte.

Kooperation

Dra. María Bruno, Washington University in St. Louis
Centre d´Estudis Amazònics, Barcelona
Dr. José Irirarte, Department of Archaeology, University of Exeter
Dr. Carla Jaimes, Deutsches Archäologisches Institut
Prof. Dr. Heinz Veit, Geographisches Institut, Universität Bern
Dr. Francis E. Mayle, Institute of Geography, School of GeoSciences, University of Edinburgh
R. Hutterer, Museum Alexander König Bonn
Dr. Menninger, A und O - Anthropologie und Osteoarchäologie, Tübingen
Dr. Joachim Wahl, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg

Foerderung

Das Projekt wurde in den Jahren 2001 - 2005 sowie 2008 von der DFG durch Sachbeihilfen finanziert.

Bibliographie

Balée, William & Clark L. Erickson (2005) Time and Complexity in Historical Ecology. Studies in the Neotropical Lowlands. Columbia University Press, New York.

Denevan, William M. (1966) The Aboriginal Cultural Geography of the Llanos de Mojos of Bolivia. University of California Press, Berkeley.

Erickson, Clark L. (2008) Amazonia: The Historical Ecology of a Domesticated Landscape. In: Handbook of South American Archaeology, edited by Helaine Silverman & William Isbell, pp. 157-183, New York: Springer.

Jaimes Betancourt, Carla (2004) Secuencia cerámica del corte 1 de la Loma Mendoza. Tésis de Licenciatura, UMSA, La Paz.

Jaimes Betancourt, Carla (2012) La cerámica de la Loma Salvatierra, Beni - Bolivia. La Paz.

Jaimes Betancourt, Carla (2012)  La cerámica de dos montículos habitacionales en el área de Casarabe, Llanos de Moxos. In: The Pasta Ahead: Language, Culture, and Identity in the Neotropics, Chr. Isendahl (ed.), Studies in Global Archaeology, pp. 161-184. Uppsala.

Kühlemm, Annette (2012)  Die Knochenartefakte der Loma Salvatierra, Nordost-Bolivien. Dissertation, Bonn. http://hss.ulb.uni-bonn.de/2012/2834/2834.pdf

Kupferschmidt, Denise (2004) Analyse der frühen Keramik des präkolumbischen Siedlungsplatzes Loma Mendoza, Bolivien. MA-Arbeit, Universität Bonn.

Mann, Charles (2008) Ancient Earthmovers of the Amazon. In: Science, Vol. 321:1148-1152.

Nordenskiöld, Erland (1913) Urnengräber und Mounds im bolivianischen Flachlande. Baessler-Archiv 3: 205-255, Leipzig und Berlin.

Pärssinen, Martti / Schaan, Denise / Ranzi, Alceu (2009) Pre-Columbian geometric earthworks in the upper Purús: a complex society in western Amazonia. In: Antiquity 83 (2009): 1084-1095.

Prümers, Heiko (2004) Hügel umgeben von "schönen Monstern": Ausgrabungen in der Loma Mendoza (Bolivien). In: Expeditionen in Vergessene Welten. 25 Jahre archäologische Forschungen in Amerika, Afrika und Asien. (= AVA-Forschungen, Bd. 10), pp. 47-78, Aachen. (PDF, 2294 KB)

Prümers, Heiko (2009) Mit Jaguarzähnen ins Jenseits. In: Archäologie in Deutschland 3/2009: 14-19, Stuttgart.

Prümers, Heiko (2012) El Proyecto Lomas de Casarabe: Investigaciones arqueológicas en los Llanos de Mojos, Bolivia. In: The Pasta Ahead: Language, Culture, and Identity in the Neotropics, Chr. Isendahl (ed.), Studies in Global Archaeology, pp. 139-159. Uppsala.

Prümers, H. / Jaimes Betancourt, C. / Plaza Martínez, R. (2006) Algunas tumbas prehispánicas de Bella Vista, Prov. Iténez, Bolivia. In: Zeitschrift für Archäologie Außereuropäischer Kulturen 1: 251-284, Wiesbaden. (PDF, 2273 KB)

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mehr

Aktuelle Projekte

  • 29.01.2014

    Verbundprojekt ‘MayaArch3D’ mehr

  • 22.01.2014

    German-Cambodian Conservation School (GCCS) mehr

  • 19.07.2013

    Ausstellung Vietnam-Archäologie mehr

Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

zum Kontaktformular