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Überregionale Forschungen zu den Jäger-Sammler-Fischer-Gemeinschaften des 6. und 5. Jahrtausends v. Chr. im Raum zwischen Barentssee und Neman-Fluss mit besonderem Fokus auf Keramikentwicklung, Siedlungswesen und Wirtschaftsweise
In der Waldzone Nordosteuropas existierte seit dem 6. und teilweise bis ins 2. Jt. v. Chr. hinein ein als "neolithisch" bezeichneter Kulturkomplex, der durch eine spezifische kamm- und grübchenverzierte Keramik gekennzeichnet wird. Vom mittel- und südeuropäischen Neolithikum unterscheidet er sich insbesondere dadurch, daß trotz des Auftretens von Keramik weiterhin eine im Grunde noch mesolithisch geprägte aneignende Wirtschaftsweise die Lebensgrundlage seiner Träger bildete. Auch von Ortsfestigkeit und permanent genutzten Siedlungen kann wohl nur bedingt ausgegangen werden, vielmehr dürften saisonale Wanderbewegungen vorgeherrscht haben. Dieses sog. Waldneolithikum soll in einer vergleichenden Gesamtbetrachtung (Promotionsvorhaben) neu bewertet werden, wobei insbesondere die regionale und chronologische Gliederung sowie die Lebens- und Wirtschaftsformen im Vordergrund stehen werden. Entscheidende Bedeutung nimmt dabei u. a. die Frage ein, ob der Anstoß zu dieser Entwicklung aus dem Bereich der bereits vollneolithischen Kulturen Mittel- und Südosteuropas kam, oder ob die Keramik erzeugenden Wildbeuter Nordosteuropas eine davon gänzlich unabhängige Tradition vertreten.
Das Untersuchungsgebiet des überregional angelegten Forschungsprojektes reicht von der Küste der Barentssee im Norden bis an den Neman-Fluss im Süden und von der östlichen Ostseeküste im Westen bis nach Karelien und Mittelrussland im Osten, es berührt damit die Staatsgebiete von Schweden, Norwegen, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland und Polen.
In der Waldzone Nordosteuropas war seit dem 6. und teilweise bis in das 2. Jahrtausend v. Chr. hinein ein in der ortsansässigen Forschung als "neolithisch" bezeichneter Kulturkomplex verbreitet, der durch eine spezifische abdruckverzierte, spitz- oder rundbodige Keramik gekennzeichnet ist. Vom mittel- und südosteuropäischen Neolithikum unterscheidet er sich vor allem dadurch, dass trotz des Auftretens von Keramik eine im Grunde noch mesolithisch geprägte Lebensweise mit aneignender Wirtschaft und saisonalen Ortwechseln das Dasein seiner Träger bestimmte.

Dieses sogenannte Waldneolithikum wird in einer vergleichenden Gesamtbetrachtung neu bewertet, wobei ein Hauptaugenmerk auf der Rekonstruktion der Ausbreitung der Keramiktechnologie in diesen Raum im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. liegt. Darüber hinaus soll auch das kulturelle Umfeld, in dem sich diese Entwicklung vollzog, beleuchtet werden, wobei die regionale und chronologischen Gliederung sowie die Lebens- und Wirtschaftsformen im Vordergrund stehen. Entscheidende Bedeutung kommt dabei der Frage zu, inwieweit die Keramik bei den Wildbeutern Nordosteuropas eine von den vollneolithischen Kulturen Mittel- und Südosteuropas gänzlich unabhängige Tradition darstellen könnte, deren Wurzeln noch weiter im Osten liegen. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, wird auch eine Neubewertung der im nördlichen Mitteleuropa angesiedelten endmesolithischen Kulturen wie Ertebölle und Swifterband nötig, die ebenfalls einfache Spitzbodenkeramik benutzten und zahlreiche weitere kulturelle Übereinstimmungen mit dem untersuchten Komplex aufweisen.
Die räumlich und zeitlich breit angelegte Untersuchung des Phänomens stellt eine wichtiges Forschungsdesiderat dar, denn bislang ist dieser Kulturkomplex außerhalb des finnischen, ostslawischen und baltischen Sprachraumes aufgrund sprachlicher Barrieren und bis vor kurzem auch politischer Gegebenheiten nur sehr lückenhaft bekannt geworden. Auch innerhalb des Gebietes waren die bisherigen Forschungen meist auf lokaler oder bestenfalls regionaler Ebene angesiedelt, umfangreichere Materialvorlagen fehlen nahezu gänzlich.
Um eine konkrete Materialbasis für die Verfolgung der verschiedenen Fragestellungen zu schaffen, wurde das keramische Material von siebzehn ausgewählten Fundstellen aus unterschiedlichen Teilen des Arbeitsgebietes detailliert aufgenommen und einer ausführlichen statistischen und typologischen Analyse unterzogen (535 Gefäßeinheiten). Darüber hinaus wurden zur Erstellung einer verlässlichen Chronologie zahlreiche neue AMS-Datierungen an Speisekruste der Scherben und anderem organischem Material von diesen Bodendenkmälern durchgeführt. Außerdem konnten von einigen Plätzen auch die Tierknochenreste untersucht werden, was neue Einblicke in die Wirtschaftsweise der Wildbeutergruppen ermöglicht.

Neben der ausführlichen Vorlage der aufgenommenen Keramik in Wort und Bild werden auch die zugehörigen Fundplätze, die bisher weitgehend unpubliziert sind, im Detail beschrieben, so dass erstmals ein detaillierter Einblick in die archäologische Befundlage des frühen Neolithikums in den verschiedenen Teilen des Untersuchungsgebietes möglich wird. In einem weiteren Schritt werden die relevanten Kulturgruppen im Licht der neuen Erkenntnisse vorgestellt und die weiterführenden Fragen nach dem Ablauf der Keramikausbreitung und den Wurzeln der Kulturtradition der keramikführenden Wildbeuter Nordosteuropas diskutiert.
Henny Piezonka, M.A.
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Institut für Kunstgeschichte und Archäologie
Abteilung Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie
Regina-Pacis-Weg 7
D-53113 Bonn
Tel. 0228-736378
Fax 0228-737466
Email hep@dainst.de
H. Piezonka, The Earliest Pottery East of the Baltic Sea. Ber. RGK (im Druck).
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