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Pergamon: Hellenistische Stadtmauern

Das Unternehmen befasst sich mit zwei Mauerringen, durch welche die Stadt in hellenistischer Zeit neu befestigt bzw. beträchtlich vergrößert worden ist.

Ein Teilprojekt der Pergamongrabung

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
39° 7' 39.2556" N, 27° 11' 5.8956" E

Der Burgberg von Pergamon war unter wehrtechnischen und siedlungsgeographischen Gesichtspunkten ein perfekt gewählter Siedlungsplatz. Das tafelbergförmige, 330m hohes Andesitmassiv liess sich schon von Natur aus gut verteidigen und war zusammen mit den Befestigungsanlagen nahezu uneinnehmbar. Die hellenistischen Mauern umschließen die Akropolis auf der Spitze des Berges, das Gebiet der älteren archaisch-hellenistischen Stadt sowie die bis an den Selinos, den heutigen Bergama Çayı, hinunter reichende hellenistische Stadterweiterung.

Geschichte

In der Diadochenzeit gewann Lysimachos die Herrschaft über die Landschaft Mysien und setzte Philetairos als Bewacher der Burg Pergamon ein, der dort über einen großen Teil der Kriegsbeute, nämlich einen Silberschatz von 9000 Talenten, zu wachen hatte. Zwanzig Jahre später, nach dem Tod von Lysimachos und Seleukos, gelang es Philetairos (281-263 v. Chr.) sich mit dem Schatz selbständig zu machen und begründete das Geschlecht der Attaliden. Die bisherigen Forschungen sprachen die ältere der beiden hellenistischen Stadtmauern aus diesem Grund Philetairos zu. Mit der Mauer wurde ein Plateau neu befestigt, das bereits zuvor ummauert gewesen war. Unter Eumenes II. (197 - 159 v. Chr.) erreicht das von den Attaliden kontrollierte Gebiet seine größte Ausdehnung, weshalb davon ausgegangen wird, dass die Stadt unter seiner Herrschaft vergrößert, wiederum neu befestigt und prunkvoll ausgebaut worden ist.

Ziele

Da die Kenntnis zur Entwicklung der antiken Wehrarchitektur in den vergangenen Jahrzehnten fortgeschritten ist, lässt sich der bauarchäologische Befund nicht mehr ohne Weiteres mit der Zuweisung an die beiden genannten Herrscher in Übereinstimmung bringen, was genug Anlass für eine Neuuntersuchung der pergamener Befestigungen gab.

Forschungsgeschichte

'Eumenisches' Tor während der Ausgrabung mit Wilhelm Dörpfeld © DAINach der Freilegung der Stadtmauern, die unter Dörpfeld, Schuchhardt, Thiersch, Kolbe und Conze zwischen 1899 und 1901 sowie 1906 durchgeführt worden war, publizierte letzterer die Ergebnisse der Ausgrabungen 1913 in der Reihe `Die Altertümer von Pergamon´ im `Band AvP I 2 - Stadt und Landschaft´. In die Arbeit gingen auch die Untersuchungen von Richard Bohn ein, die dieser bereits 1886 auf "sechs kostbaren Blättern" zusammenfassend dargestellt hatte, jedoch wegen seines frühen Todes nicht mehr hatte veröffentlichen können. Seit dieser Zeit haben an verschiedenen Stellen darüber hinaus immer wieder räumlich begrenzte, kleinere Untersuchungen und Restaurierungen an den Befestigungen stattgefunden.

Bisherige Arbeiten

Da einzelne Bereiche der Stadtmauern heute z. B. durch den Bau der Asphaltstraße auf den Burgberg oder die Straße zum Staudamm nicht mehr erhalten sind, war es ein erster wichtiger Arbeitsschritt die alten Grabungsunterlagen auszuwerten und die punktuellen Forschungen der letzten Jahrzehnte zusammenzuführen. In diesem Zusammenhang sind die Archive des DAI in Berlin, Istanbul und des Grabungshauses in Bergama sowie der Antikensammlung des Pergamonmuseums auf stadtmauerrelevante Unterlagen (Fotos, Pläne, Baubeschreibungen in Tagebüchern und Publikationen) durchgesehen worden, und die Informationen digital für den Pergamonserver, die Pergamondatenbank und den CAD-Plan der Stadt aufbereitet und dort eingespeist worden.
Vermessungsarbeiten © DAIBauaufnahmearbeiten © DAIAufgabe des Projektes ist es diese Informationen vor Ort zu verifizieren und zu verdichten, um ein vollständigeres Bild von den hellenistischen Befestigungen zeichnen zu können, als das bisher möglich war. Zuerst war es deswegen notwendig einen neuen Lageplan der Mauern zu erstellen, da zwischen dem Plan, der 1913 in dem oben genannten AvP-Band publiziert worden ist, und der Topografischen Karte, die B. Schlüter und K. Nohlen 1973 veröffentlicht haben, Unterschiede in der Darstellung der Grundrisse der Tore und in der Lage der Mauern bestehen Mit Hilfe eines Differential-GPS-Geräts konnten die gesamten Mauern in vergleichsweise kurzer Zeit neu aufgenommen werden. Dabei ging es vor allem darum, die Lage der Türme und Tore sowie die Stärke der einzelnen Kurtinen zu überprüfen. Der Lageplan diente danach als Grundlage für die Entscheidung, wo detaillierte Untersuchungen in Form einer zeichnerischen, verformungsgetreuen Bauaufnahme (tlw. wurden diese Bereiche zuvor gereinigt), anzusetzen sind, weil sich bei der Aufnahme neuralgische Punkte in Bezug auf Bauphasen herauskristallisiert haben und unklare Befunde deutlich geworden sind. Dazu zählen neben den Toren einige vergleichsweise gut erhaltene Mauerabschnitte sowie Bereiche, in denen die Kurtinen Versätze zeigen und man auf weitere Türme und Pforten o. ä. schließen konnte. Grundlage der detaillierten Untersuchungen sind verformungsgetreue Bauaufnahmen in verschiedenen Maßstäben. Darüber hinaus werden alle Mauern eingehend beschrieben und fotografisch dokumentiert. Um diese Detailuntersuchungen mit dem Lageplan ver-knüpfen zu können, sind alle Tore, Türme und Mauern mit einer Befundnummer versehen worden, welche die Grundlage für die Beschreibung der Mauern in der Datenbank bilden, wo diese wiederum mit den Informationen aus dem Archivmaterial verknüpft worden sind. Darüber hinaus wurde der neue digitale Lageplan mit den Informationen aus den entzerrten und in die Dateien eingefügten Altplänen ergänzt, was insbesondere bei den Abschnitten, die heute vor Ort nicht mehr verifizierbar sind lohnend war.
Im Rahmen des Forschungsprogramms zum Gesamtorganismus der hellenistischen Stadt werden an den Stadtmauern auch stratigraphische Sondagen durchgeführt, mit deren Hilfe Informationen zur Datierung der Mauer-ringe sowie Einblicke in bau- und konstruktionstechnische Details gewonnen worden sind.
Während der in den letzten drei Jahren (2005 - 2008) durchgeführten Kampagnen konnten die Arbeiten vor Ort sehr weit vorangebracht werden. So sind neben dem Lageplan auch die Arbeiten an der 'Eumenischen' Mauer 2008 weitestgehend abgeschlossen worden. Die sog. Philetairische Mauer wurde bisher zu etwa 1/3 aufgenommen und soll 2009 möglichst beendet werden.

Ergebnisse

Oberes Nordwest-Tor © DAIDie Kampagnen haben gezeigt, dass sich die 'Eumenische' Mauer nicht so homogen darstellt, wie man das aufgrund ihrer Benennung u. U. erwarten würde. Nachdem bereits die ersten Ausgräber beim Haupttor im Süden der Stadt, dem sog. 'Eumenischen Tor', mehrere Phasen festgestellt hatten, kann eine zweite Bauphase nun auch am Oberen Nordwest-Tor und bei einer Kurtine nahe der Akropolis nachgewiesen werden. Wie die Bauphasen zu deuten sind, lässt sich jedoch nicht sagen. Möglicherweise handelt es sich um einen zweiten Ausbau der Befestigungen, was bedeuten könnte, das vielleicht schon unter Attalos I. (241-197 v. Chr.) mit dem Mauerbau begonnen worden ist, und Eumenes II. (197-159 v. Chr.) die Tore weiter ausbauen und monumentalisieren ließ. Bei der Interpretation der verschiedenen Phasen ist sicher auch zu berücksichtigen, dass an einem derartigen Befestigungsbauwerk verschiedentlich Reparaturen erfolgt sein müssen, da das pergamenische Reich mindestens zwei Mal bis vor die Mauern seiner Hauptstadt umkämpft gewesen ist.
Darüber hinaus konnte in der zweiten Kampagne ein bis dahin nicht bekannter Turm durch Reinigung aufgedeckt werden.
Für einen Teil des Haupttores im Süden der Stadt sowie die östlich anschließenden Mauerabschnitte zeichnet sich nach den Ergebnissen der Sondagen eine Entstehung in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr., d.h. der Regierungszeit Eumenes II., ab.

Kooperation

Generaldirektion für Kulturdenkmäler und Museen des Kultur- und Tourismusministeriums der Republik Türkei

DAI-Forschungscluster 3 "Politische Räume"

Wissenschaftliches Netzwerk "Manifestationen von Macht und Hierarchien in Stadtraum und Landschaft"

DFG-Netzwerk "Fokus Fortifikation"

Bibliographie

A. Conze, Stadt und Landschaft, AvP I 2 (Berlin 1913)
W. Radt, Pergamon. Geschichte und Bauten einer antiken Metropole (Darmstadt 1999)
W. Raeck, Das hellenistische Pergamon als Residenzstadt und Polis. Kenntnisstand und offene Fragen, IstMitt 54, 2004, 23-34

Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

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