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Pergamon

Pergamon: Stadt und Landschaft

Bedeutende hellenistisch-römische Stadt und Königsresidenz. Forschungen zum Gesamtorganismus der hellenistischen Stadt und zu Siedlungen des Umlandes.

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
39° 7' 57.2196" N, 27° 10' 55.6752" E

Plan von Pergamon mit hypothetisch rekonstruiertem Straßenraster (nach U. Wulf-Rheidt) Blick auf den Burgberg von Pergamon von Süden © DAIWestliche Türkei, 110 km nördlich von İzmir, ca. 30 km von der Küste entfernt, am nördlichen Rand der Ebene des Flusses Bakır Çayı (antik: Kaikos) gelegen. Heutiger Ort: Bergama (ca. 70.000 Einwohner), am Fuße des Stadtberges des antiken Pergamon. Die antike Siedlung lag auf einem 300 m hohen Gebirgsausläufer und war offenbar vom 2. Jt. v. Chr. bis in die späte byzantinische Zeit (14. Jh. n. Chr.) in wechselnder Ausdehnung von Stadtmauern umgeben. Nur in der römischen Kaiserzeit dehnte sie sich auch ohne Stadtmauern in der Ebene, dort wo heute die Stadt Bergama liegt, aus. Südwestlich vor der Stadt liegen die Ruinen des Asklepios-Heiligtums. Im Umland von Pergamon sind zahlreiche weitere antike Siedlungen bekannt, darunter die Orte Perperene, Atarneus und Elaia (Hafenstadt Pergamons).

Ziele

Während die Grabung 1878 mit dem Ziel begonnen wurde, die damals neu bekannt gewordenen Reliefs des »Pergamon-Altars« zu bergen, steht schon seit über 100 Jahren die Erforschung des gesamten antiken Stadtorganismus im Vordergrund. In diesem Rahmen widmet sich das 2005 begonnene Forschungsprogramm der hellenistischen Polis und ihrer Vorstadt. Unter Anwendung neuer Fragestellungen und Methoden stehen die Datierung von Schlüsselmonumenten der großen hellenistischen Stadterweiterung, die dem pergamenischen Herrscher Eumenes II. (197-159 v. Chr.) zugeschrieben wird, sowie die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte und des Straßensystems in den unausgegrabenen Bereichen des Stadtberges im Mittelpunkt unserer Aktivitäten. Ein weiterer Schwerpunkt des neuen Programms ist die Erforschung der antiken Besiedlungsstruktur der Landschaft von Pergamon und einzelner ausgewählter Poleis. Denn antike Städte waren nie autarke Funktionseinheiten, sondern gingen immer eine wirtschaftliche, militärische und kulturelle Synthese mit ihrem Umland ein. Die Beziehungen zwischen der Metropole Pergamon und den benachbarten Poleis sollen exemplarisch anhand einer Hafen- und einer Landstadt beleuchtet werden.

Zu den Zielen eines traditionellen Großprojektes wie der Pergamongrabung zählen immer auch die kontinuierliche Aufarbeitung von Altgrabungen und die Neubearbeitung einzelner Denkmäler und Fundkomplexe. Dem neuen Forschungsprogramm entsprechend bilden Anlagen und Befunde der hellenistischen Zeit den aktuellen Arbeitsschwerpunkt. Daneben finden aber auch Untersuchungen zur prähistorischen, römischen und byzantinischen Epoche statt.

Ein zentrales Anliegen der Pergamongrabung ist schließlich der Schutz und die Präsentation wichtiger Bauten. Derzeit bemühen wir uns besonders um eine Verbesserung der Situation im Bereich der Unterstadt des antiken Pergamon, die das Bindeglied zwischen Burgberg und historischer Altstadt darstellt und insofern für die Belange eines anspruchsvollen Kulturtourismus von besonderem Interesse ist.

Bisherige Arbeiten

Innenansicht Bau Z © DAIPergamon-Ausgräber der ersten Generation © DAIDie Reste des antiken Pergamon sind seit dem 15. Jh. in zahlreichen Reiseberichten beschrieben worden (Cyriacus von Ancona), die seit dem frühen 19. Jh. eine dezidiert wissenschaftliche Zielsetzung verfolgten (Marie-Gabriel Choiseul-Gouffier). Der Beginn systematischer Ausgrabungen in Pergamon liegt nunmehr über 130 Jahre zurück: 1878 begann der deutsche Ingenieur Carl Humann im Auftrag der Königlich Museen zu Berlin mit der Freilegung der Friesplatten des Zeusaltars, die mit Genehmigung des Osmanischen Reiches nach Berlin verbracht wurden. Die Leitung der Unternehmung lag bei dem Archäologen Alexander Conze, der trotz sensationeller Skulpturenfunde schon in den ersten Jahren der Pergamongrabung auf eine möglichst vollständige Freilegung und Erforschung des gesamten Stadtkörpers hinwirkte. Diese Arbeiten setzte von 1900 bis 1911 der Architekt und Bauforscher Wilhelm Dörpfeld als Direktor der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) fort, an das die Pergamongrabung mittlerweile übergegangen war. Unter seiner Leitung erfolgte die Freilegung u.a. des südlichen Stadttores, der Unteren Agora, des Attalos-Hauses, des Gymnasions und des Demeter-Heiligtums. Nach mehrjähriger Unterbrechung wurden die Arbeiten 1927 unter Theodor Wiegand, der ab 1932 zugleich das Amt des Präsidenten des DAI bekleidete, wiederaufgenommen. Unter seiner Leitung wurde vor allem auf der Oberburg, im Asklepieion und an der Roten Halle gearbeitet. Die kriegsbedingte Unterbrechung der Pergamongrabung dauerte bis 1957, als unter dem Klassischen Archäologen und Präsidenten des DAI Erich Boehringer die Grabungsarbeiten mit großer Energie und logistischem Aufwand in eine neue Phase eintraten, die bis 1968 dauerte. Boehringers Aufmerksamkeit galt vor allem dem Asklepieion und der leider erfolglosen Suche nach dem Heiligtum der Athena-Nikephoros, die jedoch wichtige neue Erkenntnisse zur Vorstadt Pergamons erbracht hat. Daneben bemühte sich Boehringer um die Erforschung des Umlandes, u.a. durch einen Survey zur Feststellung prähistorischer Fundplätze. Nach kurzer Pause wurde die Pergamongrabung 1971 an Wolfgang Radt übergeben, der die Unternehmung bis 2005 leitete. Ausgehend von neuen siedlungsarchäologischen und sozialhistorischen Fragestellungen widmeten sich Radt und seine Mitarbeiter vor allem der Erforschung der Wohnstadt Pergamons, die in der Freilegung eines reich ausgestatteten hellenistisch-römischen Gebäudekomplexes (Bau Z) gipfelte. Im Umland der Metropole wurden ein ländliches Heiligtum und die Wasserleitungen Pergamons untersucht. Von 2002-2005 war die Rote Halle, ein kaiserzeitliches Heiligtum in der Altstadt von Bergama, Gegenstand neuer archäologischer und baugeschichtlicher Forschungen (Leitung A. Hoffmann). Unter Wolfgang Radt wurden auch zahlreiche denkmalpflegerische Projekte durchgeführt, darunter die Teilrekonstruktion des Trajaneums und die Errichtung eines Schutzgebäudes über Bau Z (Eröffnung 2004).

Das Projekt ist eine Ausgrabung der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts und wird von der Abteilung Istanbul des DAI betreut.

Aktuelle Arbeiten

CAD- Modell der Oberburg von Pergamon (S. Rolfes - F. Budenkotte) © DAIDank langjähriger archäologischer Forschungen ist das antike Pergamon in seinen städtebaulichen Grundzügen, einzelnen Stadtquartieren und öffentlichen Monumenten gut bekannt. Große Wissenslücken bestehen hingegen immer noch auf dem Gebiet des städtischen Gesamtorganismus, d.h. der Gliederung der Stadt durch Straßensysteme und Gebäudeensembles, ihrer Besiedlungsdichte und ihrer Abgrenzung bzw. Öffnung zum Umland. Diesem dringenden Desiderat begegnet das neue Forschungsprogramm der Pergamongrabung, das wir seit 2005 durchführen. In einem kombinierten Verfahren aus Vermessung, Survey (Geländebegehung), geophysikalischen Prospektionen und Grabungsschnitten werden räumliche Gliederung und Besiedlungsstruktur des noch unausgegrabenen Stadtgebietes erfaßt und chronologisch eingeordnet. Unter Verwendung von altem Planmaterial und neuen Meßdaten entstehen erstmals eine digitale archäologische Karte Pergamons und ein CAD-Modell im Maßstab 1:1000, die als Oberfläche des zentralen Geoinformationssystems dienen soll, in dem schon jetzt sämtliche Daten aus Ausgrabung, Survey und Fundbearbeitung zusammenlaufen. Schlüsselmonumente der großen hellenistischen Stadterweiterung werden mit Hilfe stratigraphischer Sondagen zeitlich eingeordnet und auf etwaige Vorgängerbebauung hin untersucht. Darüber hinaus finden im Rahmen eigenständiger Teilprojekte archäologische und architekturgeschichtliche Untersuchungen im Gymnasion (R. von den Hoff, M. Mathys, V. Stappmanns), im Palastbezirk (T. Zimmer), im Attaloshaus (J. Fuchs) und an den Stadtbefestigungen (J. Lorentzen) statt.
Pergamon: Sondage am Ostabhang (Straße mit Frischwasserleitungen) © DAIDie seit 2006 durchgeführten Untersuchungen im vorstädtischen Bereich der antiken Metropole umfassen Oberflächenuntersuchungen, geophysikalische Prospektionen sowie die Ausgrabung einer bis dahin unbekannten Nekropole im Vorfeld der südöstlichen Stadtbefestigungen (Frühjahr 2007; gemeinsam mit dem Museum Bergama). Hinzu kommen baubegleitende Dokumentationen archäologischer Befunde in Baustellen im modernen Stadtgebiet.

Die Arbeiten im Umland von Pergamon konzentrieren sich derzeit auf das westliche Tal des Kaikos/Bakır Çay mit dem antiken Atarneus (M. Zimmermann, A. Matthaei, G. Ateş; Dıe Chora von Pergamon sowie auf Elaia, den Haupthafen Pergamons (F. Pirson, S. Feuser, G. Ateş). Seit 2008 wird zudem eine Oberflächenuntersuchung am frühbronzezeitlichen Siedlungshügel Yeni Yeldeğirmentepe westlich von Teuthrania durchgeführt (B. Horejs; Kooperation mit der Ephesosgrabung des Österreichischen Archäologischen Instituts).

Ziel des Survey im Tal des Kaikos ist die Erforschung der ländlichen Siedlungsstruktur im Umfeld Pergamons in hellenistischer Zeit. In repräsentativ ausgewählten Regionen soll die Verteilung von Zentralorten, Dörfern und Gehöften untersucht werden. Dabei kommt eine kombinierte Methode aus Luftbildphotogrammetrie, Geodäsie, verformungsgerechter Bauaufnahme und Keramiksurvey zum Einsatz. Die so gewonnenen Daten fließen in das Geoinformationssystem der Pergamongrabung ein. In Elaia arbeiten wir darüber hinaus auch mit geophysikalischen Methoden, mit deren Hilfe das ca. 46 ha große Stadtgebiet und sein Umfeld vermessen und prospektiert wird. Die so gewonnenen Daten sollen grundlegende Informationen für die Beurteilung des Verhältnisses zwischen Elaia und Pergamon liefern, das offenbar in starkem Maße von den Interessen Pergamons an einem militärischen Stützpunkt und Hafen in der nördlichen Äolis bestimmt war. Insofern ist die Erforschung der Hafenanlagen in Elaia von besonderem Interesse. In 2008 neu hinzugekommen sind geoarchäologische Untersuchungen, die verschiedene historische Umweltszenarien als Voraussetzungen für die Entstehung und Entwicklung von Stadt und Häfen rekonstruieren sollen.

Elaia: Geoarchäologische Bohrkernentnahme © DAIDie Aufarbeitung von Altgrabungen und die Vorlage von Materialgattungen konzentrieren sich derzeit auf folgende Bereiche:

  • Bau Z (M. Bachmann, S. Japp, K. Müller, F. Pirson, W. Radt)
  • Haus des Konsuls Attalos (J. Fuchs)
  • Badeanlage Stadtgrabung (S. Japp)
  • Ausgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı (A. Wirsching)
  • Byzantinische Gräberfelder (T. Otten; M. Schultz)
  • Glas (H. Schwarzer)
  • Kleinfunde (T. Otten; A. Pirson)
  • Münzen (J. Chameroy)
  • Hellenistische Lampen (W. Radt)
  • Megarische Becher (G. De Luca)
  • Römische Reliefkeramik (S. Japp)
  • Amphoren (V. Nörskov)
  • Küchenkeramik (U. Outschar)
  • Inschriften (H. Müller)
  • Prähistorische Altfunde Umland (B. Horejs)

Ein Projekt zur Konservierung und Musealisierung des südlichen Rundturms der Roten Halle (M. Bachmann) wird von der Studiosus Foundation finanziert. Weitere Konservierungsarbeiten wurden im Bereich des oberen Burgbergs, der Stadtgrabung (römische Badeanlage) und des Asklepieions durchgeführt.

Methoden

  • Stratigraphische Sondagen und Flächengrabung
    Extensiver und intensiver Survey
    verformungsgerechte Bauaufnahme und Photogrammetrie
    Dokumentation und Auswertung im Rahmen einer Web-basierten Datenbank mit GIS-Anbindung
    Geodäsie unter Anwendung von GPS-Technologie, Luftbildphotogrammetrie und Geokodierung von Altplänen
    Geophysik (Magnetik, Radar, Elektrik)
    Geoarchäologie
    Archäometrische Untersuchung antiker Keramik

Ergebnisse

Pergamon
Pergamon: Neue Rekonstruktion des Straßenrasters am Südostabhang (Stand 2008) © DAI
Die seit 2005 am bisher unerforschten Südostabhang des Burgberges durchgeführten Arbeiten haben ein völlig neues Bild vom Straßenraster der großen hellenistischen Stadterweiterung erbracht. Im Vergleich zur bisherigen hypothetischen Rekonstruktion der Straßenführung (siehe zweite Abb. von oben), die von einem streng orthogonalen System ausgeht, deutet nun alles auf einen fächerförmigen Aufbau hin, der sich stärker an der Beschaffenheit des Geländes ausrichtet. Weiterhin fällt auf, daß sich die Straßenführung nicht an den Stadttoren, sondern eher an den Gebäudecken und Eingängen des Gymnasions orientiert. Die Lage der bei Oberflächenbegehungen und durch geophysikalische Prospektionen festgestellten Straßen konnte durch Sondagen bestätigt werden. Dabei hat sich zudem gezeigt, daß die hangaufwärts orientierten Straßen Breiten von bis zu vier Metern erreichen. Im Vergleich zur `Altstadt´ zwischen Oberer Agora und Gymnasion stehen diese Dimensionen für einen gesteigerten städtebaulichen und verkehrstechnischen Anspruch in der hellenistischen Unterstadt. Nach den Ergebnissen der Kampagne 2007 und 2008 sind wir nun in der Lage, erste Angaben zur Größe der Häuserblöcke am Südostabhang zu machen: Es zeichnet sich ein Maß von ca. 35 x 45m ab, wobei mit Abweichungen nach oben wie unten zu rechnen ist. Im Vergleich zu anderen hellenistischen Neugründungen sind dies bescheidene Abmessungen, die den Insulae des spätklassischen Priene (ca. 35,30 x 47,10m) sehr nahekommen. In Anbetracht des steilen und stellenweise zerklüfteten Geländes am Südostabhang des Burgberges ist eine kleinteilige Raumplanung aber durchaus sinnvoll, da sie wesentlich flexibler auf die Vorgaben des Terrains reagieren kann. Dieser Eindruck verstärkt sich am stark zerklüfteten und von prominenten Felsformationen durchsetzten nördlichen Abschnitt des Ostabhangs. In diesem für eine dichte Wohnbebauung unattraktiven Gebiet scheint man auf die Anlage eines Straßensystems verzichtet zu haben und begnügte sich mit einzelnen Verbindungswegen.
Die Grabungsschnitte zur Überprüfung der Ergebnisse aus geophysikalischer Prospektion und Oberflächenuntersuchung haben neue Einblicke in die Besiedlungsstruktur des Ostabhangs erbracht. Aufgrund seiner Lage und Erhaltung besonders bemerkenswert sind ein großer hellenistisch-römischer Bau unterhalb des Festtores des Gymnasions, der von uns die Bezeichnung `Bau T´ erhalten hat, und eine weitere ausgedehnte Anlage gleicher Zeitstellung im Nordwesten des Untersuchungsgebietes (`Bau U´).

Pergamon: Bau U während der Ausgrabung im Jahr 2008 © DAIDie Kombination von Oberflächenuntersuchungen einschließlich Keramiksurvey mit Grabungsschnitten hat zu wesentlichen neuen Einblicken in die Besiedlungsgeschichte des Ostabhangs geführt. In dessen mittleren und nördlichen Bereich scheint feste hellenistische Bebauung nicht vor dem späten 2. oder frühen 1. Jh. v. Chr. entstanden zu sein, d.h. deutlich später als die Errichtung des neuen Stadtmauerrings im Rahmen der großen Stadterweiterung in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. (s.u.). Diese Beobachtung legt die Vermutung nahe, daß der Ostabhang über einen längeren Zeitraum hinweg von Süden nach Norden sukzessive aufgesiedelt wurde. Im rauhen nördlichsten Abschnitt scheinen Großarchitekturen mit Ausnahme von Bau U zu fehlen; hier müssen wir mit Werkstätten oder anderen ephemeren Einrichtungen rechnen.

Daneben könnte dieser Teil des Osthangs auch als `Heiligtumslandschaft´ gedient haben. Darauf deutet jedenfalls die Entdeckung von vier Plätzen hin, bei denen es sich um potentielle Naturheiligtümer handelt. Einer der Plätze kann aufgrund des Nachweises einer Kultbildbasis schon mit Sicherheit als Heiligtum angesprochen werden, bei den übrigen sprechen prominente Felsformationen, Nischen und Grotten für eine ebensolche Deutung. Einen sicheren Nachweis können freilich erst Grabungen erbringen, die in 2009 stattfinden sollen.

Pergamon: GIS-Auswertung der Fundverteilung am Ostabhang © DAIDie Arbeiten am Ostabhang werden in 2009 abgeschlossen, im Anschluß daran sollen die Untersuchungen auf die westlichen Hänge ausgedehnt werden. Erste geomagnetische Prospektionen haben dort bereits in 2007 vielversprechende Ergebnisse erbracht.

Die stratigraphischen Sondagen zur Datierung von Schlüsselmonumenten der hellenistischen Stadterweiterung konzentrierten sich in 2005 und 2006 auf das Gymnasion und die so genannte Eumenische Stadtbefestigung, in 2007 auf die Untere Agora. Das Fundmaterial aus der Gründungsphase der oberen Terrasse des Gymnasion läßt sich bisher nur allgemein in das 2. Jh. v. Chr. einordnen, womit die Zuschreibung der Anlage an Eumenes II. (197-159) weder bestätigt noch falsifiziert wird. Die Grabungsschnitte auf der oberen Gymnasions-Terrasse haben ergeben, daß das Gebiet der römischen Ostthermen in hellenistischer Zeit offenbar außerhalb des Gymnasion-Komplexes lag, was für das Verständnis des Gründungsbaus und seiner urbanistischen Einbindung von großer Bedeutung ist.

Im Rahmen des Projektes zur Erforschung der visuellen und funktionalen Gestaltung des hellenistischen Gymnasion (R. von den Hoff) wurde in 2007 ein Fußboden nachgewiesen, der unter Vorbehalten in das frühe 2. Jh. v. Chr. datiert werden kann und insofern die Zuweisung der Gründungsphase an Eumenes II. untermauern würde. Grabungen in den Fundamentkammern des südlichen Abschlusses des sogenannten Kellerstadions scheinen diese Datierung nun weiter zu bestätigen. Zahlreiche weitere Grabungsbefunde aus Räumen der oberen Terrasse zeigen, daß die Anlage in hellenistischer Zeit noch sehr einfach ausgestattet war und die `Marmorisierung´ erst in der römischen Kaiserzeit erfolgte. Neben dem Nachweis von Statuenbasen sind vor allem die Beobachtungen zu Planänderungen und Umbauten bereits in hellenistischer Zeit bemerkenswert. In diesem Punkt lassen sich die Ergebnisse der Sondagen mit den Beobachtungen aus den bauhistorischen Untersuchungen verbinden, die gleichfalls im Rahmen des Projektes stattfinden (weitere Informationen unter weitere Informationen).

Pergamon: Kultbildbasis aus einem neu entdeckten Felsheiligtum am Ostabhang © DAIGrabungsschnitte am Südtor und an weiteren Abschnitten der hellenistischen Stadtbefestigung haben stratifizierte Befunde erbracht, anhand derer die Anlage mit einiger Sicherheit der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. zugewiesen werden kann. Damit ist die Zuschreibung der Stadtmauer an Eumenes II., die bisher nur anhand vager Äußerungen in den Schriftquellen vorgenommen wurde und zuletzt wieder in Zweifel gezogen worden ist, nun auch durch archäologische Daten gestützt.

Keine weiterführenden Ergebnisse zur Datierung der Gründungsphase haben die Sondagen im Bereich der Unteren Agora erbracht, da sich das Fundmaterial nach der ersten Auswertung nur allgemein in die hellenistische Epoche weisen läßt. Ursache für die sehr geringen Fundmengen ist die ökonomische Bauweise während der Gründungsphase der Anlage, die das weitestgehend fundfreie Abraummaterial, das bei den Terrassierungsarbeiten anfiel, zur Planierung des Geländes und zur Auffüllung von Fundamentkammern einsetzte.

Ein Überraschungsfund von erheblicher historischer Relevanz gelang bei der Untersuchung antiker Straßen am noch unausgegrabenen Südosthang des Burgberges: Erstmals konnte in Pergamon ein byzantinisches Grab des 7. Jhs. mit Schmuck, Trachtbestandteilen und Waffenbeigaben geborgen werden. Den Toten hatte man wenig pietätvoll im Abwasserkanal einer älteren Straße beigesetzt.

Pergamon: Römischer Grabbau in der neu entdeckten Nekropole © DAIPergamon: Inventar des frühbyzantinischen Grabes © DAIDie Untersuchungen im Bereich der Vorstadt konnten einen bisher unbekannten antiken Steinbruch nachweisen und haben erste Hinweise auf das suburbane Wegenetz erbracht. Geomagnetische Prospektionen im Umfeld des hellenistischen Tumulus Yiğmatepe und im Außenbereich des Asklepieions zeigen, daß insbesondere in der Nachbarschaft bekannter Denkmäler mit weiteren antiken Bau- und Siedlungsresten zu rechnen ist. Die Ausgrabung von Teilen einer römischen Nekropole im Rahmen eines von der Stadt Bergama geplanten Seilbahnprojektes stellt eine wesentliche Bereicherung unserer bisher noch ganz unzureichenden Kenntnisse über Grabarchitektur und Bestattungssitten in Pergamon dar. Insgesamt kamen sechs Grabbauten mit 14 Bestattungen sowie 15 weitere Gräber zutage (Gefäßbestattungen, Ziegelplattengräber, Felsgräber). Die Bestattungen waren zu einem großen Teil bereits antik beraubt oder umgelagert, weswegen kaum vollständige Beigaben-Ensembles angetroffen wurden. Bemerkenswert sind vor allem die knöchernen Beschläge eines Totenbettes, das mit ägyptisierenden Figuren dekoriert war. Die Nekropole ist auf einem mit Siedlungsschutt planiertem Hangstück angelegt worden, auf dem sich nach Zeugnis älterer Baureste bereits in hellenistischer Zeit eine vorstädtische Bebauung erstreckte.

Pergamon: Ägyptisierende Figur von einem Totenbett © DAIEin archäometrisches Projekt zur Herkunftsbestimmung von Keramik aus Pergamon und seiner Umgebung (S. Japp, H. Mommsen, G. Schneider) hat neue Informationen zu Werkstattgruppen innerhalb der pergamenischen Keramikproduktion und zur Bestimmung von Importen nach Pergamon erbracht. Zudem konnte für Elaia eine eigene Produktion nachgewiesen und in ihrer spezifischen Tonzusammensetzung definiert werden.

Umland (Elaia, Atarneus, Yeni Yeldeğirmentepe)

In Elaia konnten im Bereich der modernen Küstenlinie durch geophysikalische Messungen ausgedehnte Molen, Kaianlagen und Gebäudestrukturen nachgewiesen werden, die unsere Erwartungen an die Größe des Hafens weit übertroffen haben. Mächtige Befestigungsanlagen und der Fund von Geschoßkugeln unterstreichen die militärische Bedeutung der Anlage. Geophysikalische Messungen in anderen Bereichen des Stadtgebietes konnten Abschnitte der Stadtmauer, Reste von Gebäuden und Straßen sowie mehrere Töpferöfen orten. In 2008 gelang im Norden der Stadt der Nachweis eines Straßenrasters, das mit seiner streng nord-südlichen Ausrichtung und mit Insulae, die mit Seitenlängen im Verhältnis von 1:2 (ca. 28 x 56 m) aufweisen, den Regeln hellenistischer Stadtplanung folgt.

Weitere Hafenbauten noch unbekannter Zweckbestimmung (Molen oder Wellenbrecher? Werftanlagen?) wurden auf einer Fläche von ca. 1 x 2 km im Flachwasserbereich vor der modernen Küstenlinie entdeckt. Sollte sich ihre Datierung in hellenistische Zeit, die aufgrund der Bautechnik und der historischen Rahmenbedingungen naheliegt, durch weitere Untersuchungen bestätigen lassen, dann hätte dies weitreichende Folgen für die Bewertung der Rolle Pergamons als Seemacht. Zunächst gilt es jedoch, die Ausdehnung der Anlagen mit Hilfe geophysikalischer Prospektionen zu Wasser und zu Land weiter zu verifizieren. Erste Messungen in 2008 haben bereits wichtige neue Erkenntnisse erbracht (H. Stümpel).

Elaia: Auswertung der Geophysik mit Straßenraster © DAIElaia: Stadtanlage und Hafenbauten © DAIDer archäologische Survey hat Fundmaterial, vor allem Keramik, vom 3. Jt. v. Chr. bis in byzantinische Zeit erbracht. Damit steht nun fest, daß wir mit älterer Besiedlung vor der ersten schriftlichen Erwähnung Elaias im 5. Jh. v. Chr. rechnen müssen. Die Oberflächenuntersuchung läßt zudem signifikante Konzentrationen von Fundmaterial erkennen, die auf funktional oder siedlungshistorisch bedingte Differenzen innerhalb des Stadtgebietes schließen lassen. So konzentrierte sich die Siedlung bis in die klassische Zeit hinein um den Akropolishügel und scheint erst im Hellenismus zu expandieren. Diese Beobachtung steht in Einklang mit der Lage des neu entdeckten Straßenrasters (s.o.). Das weitestgehende Fehlen spätbyzantinischer Keramik deckt sich mit dem Zeugnis der schriftlichen Quellen, die Elaia bis in das 10. Jh. belegen. Einzelne antike Bauglieder weisen deutliche Parallelen zu Stücken aus Pergamon auf und sprechen damit für den Einfluß der Metropole auf den Hafenort Elaia, der in hellenistsicher Zeit zu einem maritimen Satelliten der Residenzstadt ausgebaut worden war.

Die in 2008 begonnenen geoarchäologischen Untersuchungen mit Hilfe von Rammkernsondierungen (H. Brückner) haben bereits erste bemerkenswerte Ergebnisse erbracht. So konnte in der Ebene nördlich der Stadt die maximale marine Transgression festgestellt werden, d.h. der Punkt, bis zudem die Küstenlinie ursprünglich reichte. In Zusammenarbeit mit dem Museum Bergama (A. Sarıoğlu) konnten in einer von Raubgrabungen bereits stark geschädigten Nekropole mehrere Brandbestattungen des späten 4. und frühen 3. Jhs. v. Chr. freigelegt werden. Interessant ist vor allem der Nachweis der Begrenzung zwischen antiker Straße und Nekropole. Hier fanden sich u.a. Einlaßspuren für die Aufstellung von Stelen.
Für einen ausführlichen Bericht siehe Laufende Arbeiten.

Elaia: Begrenzung der neu entdeckten Nekropole mit Einlassung für Stele © DAIElaia: Reste von Baustrukturen im Flachwasserbereich © DAIDer Survey in Atarneus und im westlichen Tal des Kaikos (M. Zimmermann) hat im Rahmen einer vierzehntägigen Vorkampagne im Sommer 2006, einer zweiwöchigen Arbeitskampagne in 2007 und einer vierwöchigen Kampagne in 2008 eine Vielzahl von Ergebnisse erbracht, die wesentlich zu unserem Verständnis sowohl der bedeutenden Polis Atarneus (nordwestlich von Pergamon beim modernen Ort Dikili), als auch des Aufstieges Pergamons zum führenden städtischen Zentrum der Region beitragen. Keramikfunde belegen den Beginn von Siedlungsaktivitäten in Atarneus spätestens in der späten Bronzezeit. In der klassischen Epoche entwickelte sich die Stadt mit einer Grundfläche von 24 ha zur mit Abstand größten Polis in diesem Küstenstreifen Kleinasiens und konnte diese Position bis zum Aufstieg Pergamons im 3. Jh. v. Chr. halten. Zwei hellenistische Stadtmauerringe, eine dichte Wohnbebauung am Südhang und die Nekropole entlang der westlichen Ausfallstraße konnten dokumentiert werden. Unter dem Einfluß der erstarkenden Metropole verlor die prosperierende spätklassisch-frühellenistische Polis ab hochhellenistischer Zeit spürbar an Bedeutung. Im Vergleich zu Elaia beobachten wir in Atarneus also die gegenläufige Entwicklung, die ältere Poleis im Umfeld neuer hellenistischer Zentren durchmachen konnten.

Bei der Begehung mehrer Siedlungsplätze im westlichen Tal des Kaikos, die bereits im späten 19. Jh. von C. Schuchhardt, A. Conze und W. Dörpfeld aufgesucht und beschrieben worden waren, konnten bisher noch nicht dokumentierte Gebäudereste erfaßt werden. Darüber hinaus wurden mehrere noch nicht bekannte Siedlungsplätze entdeckt. Besonders interessant sind die Reste zweier hellenistischer Festungen auf Hügeln in der Umgebung von Atarneus, da sie Hinweise auf die Grenzen der ländlichen Gebiete (Chorai) der Städte geben. Ausführlicher Bericht.

Yeni Yeldeğirmentepe: Oberflächenuntersuchungen © DAISiedlungshügel von Atarneus © DAINach Vorarbeiten in 2007 ist im Sommer 2008 mit Oberflächenuntersuchungen am Yeni Yeldeğirmentepe, einem prähistorischen Siedlungshügel bei Teuthrania im westlichen Tal des Kaikos, begonnen worden (B. Horejs). Bereits 1908 ist der Platz von Mitarbeitern der Pergamongrabung für eine nur wenige Tage dauernde Grabung aufgesucht worden. Die erneute Durchsicht des Fundmaterials der Altgrabung hat die Bedeutung des Platzes für die prähistorische Besiedlungsgeschichte des nordwestlichen Kleinasiens nochmals deutlich gemacht, die besonders zwischen Troja im Norden und dem Raum von Izmir im Süden noch große Lücken aufweist. Auch soll das neue Projekt dazu beitragen, Kontinuitäten und Brüche zwischen der Bronzezeit und den späteren Besiedlungsphasen des Kaikostales aufzuzeigen. Schon nach wenigen Tagen hatten sich unsere Erwartungen mehr als erfüllt: Der Hügel und seine unmittelbare Umgebung zeichnen sich durch eine außergewöhnlich dichte Streuung von Fundmaterial der Frühbronzezeit mit deutlichen Parallelen nach Troja und zum Çukuriçi Höyük (Ephesos) aus. Damit besteht in Zukunft die Möglichkeit, die Mikroregion des Kaikostales besser zu definieren und in überregionale Fragestellungen einzubinden.

Kooperation

Generaldirektion für Kulturdenkmäler und Museen des Kultur- und Tourismusministeriums der Republik Türkei
Museum Bergama
DFG-Schwerpunktprogramm 1209 "Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Struktur zwischen Tradition und Wandel"
DAI-Forschungscluster 3 "Politische Räume"
Wissenschaftliches Netzwerk "Manifestationen von Macht und Hierarchien in Stadtraum und Landschaft"
Ankara Üniversitesi, Başkent Meslek Yüksekokulu, Restorasyon ve Konservasyon Programı
Archäologisches Institut der Universität Freiburg
Archäologisches Institut der Universität Köln
Geodätisches Institut der Universität Karlsruhe
Historisches Seminar, Abt. Alte Geschichte, der LMU München
Institut für Geomatik der Hochschule Karlsruhe
Institut für Geowissenschaften der Universität Kiel
Institut für Strahlenphysik der Universität Bonn
Institut für Chemie und Biochemie der FU Berlin
Fachbereich Geographie der Universität Marburg
Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Instituts
Ephesosgrabung des Österreichischen Archäologischen Instituts
Staatliche Museen zu Berlin. Antikensammlung
Studiengang Konservierung/Restaurierung und Grabungstechnik der FHTW Berlin
Fa. Eastern Atlas

Förderung


Kulturstiftung der deutsch-türkischen Wirtschaft


Die von der Studiosus-Foundation
geförderten Restaurierungsmaßnahmen
sind Teil der Ernst-Reuter-Initiative

Bibliographie

Vorberichte jährlich in Archäologischer Anzeiger. - Publikationsreihen: Altertümer von Pergamon und Pergamenische Forschungen. - W. Radt. Pergamon. Geschichte und Bauten einer antiken Metropole (Primus Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999). Mit ausführlicher Literaturliste.- Derselbe in: Harvard Theological Studies Nr. 46 (1999), in englischer Sprache, mit aktuellerer ausführlicher Literaturliste.- Derselbe in: Der Kleine Pauly, Bd. 9, S. 543 ff., s.v. Pergamon [Städtebauliche Entwicklung]; Bd. 15/2, S. 407 ff., s.v. Pergamon [Grabungsgeschichte, Restaurierung, Präsentation] (Verlag Metzler, Stuttgart, 2000 und 2002). - zu Elaia: F. Pirson, Elaia, der maritime Satellit Pergamons, in: Festschrift Wolfgang Radt, Istanbuler Mitteilungen 54, 2004, 197-213.

Die frühen Pergamon-Publikationen werden von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert und sind im Internet abrufbar unter Propylaeum Virtuelle Fachbibliothek Altertumswissenschaften.

Anzeige von Inhalten eingegrenzt auf:

Förderung

Studiosus Foundation e.V. mehr

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mehr

Gesellschaft der Freunde des Deutschen Archäologischen Instituts - Theodor Wiegand Gesellschaft - e.V. mehr

Aktuelle Projekte

  • 01.07.2013

    Göbekli Tepe mehr

  • 22.01.2013

    Oinoanda und die größte Inschrift der antiken Welt mehr

  • 20.11.2012

    Die Nekropole von Panormos (Ionien, Türkei) mehr

Abgeschlossene Projekte

  • 31.05.2011

    Türkei, Gürcütepe mehr

  • 31.05.2011

    Milet in byzantinischer Zeit mehr

  • 31.05.2011

    Arap Camii mehr

Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

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