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SINCOS-II SEDECO

DFG-Paketantrag "Sinking Coasts: Geosphere, Climate and Anthroposphere of the Holocene Southern Baltic Sea" (SINCOS-II)<br/> Projekt 4 "Prehistoric Settlements and Development of the Regional Economic Area" (SEDECO)

Geo-archäologische Untersuchungen zur Küstenentwicklung und Kulturgeschichte des südwestlichen Ostseeraumes in den vergangenen 8000 Jahren

Lokalisierung

Arbeitsgebiete des SINCOS-Forschungsprojektes. © DAIDie archäologischen Untersuchungen im Rahmen des SINCOS-Projektes konzentrieren sich auf die Wismarbucht als Teil der Mecklenburger Bucht und auf die Küstengewässer der Insel Rügen als Teil des Arkonabeckens und der Pommerschen Bucht. Die Lage der beiden Schwerpunktregionen westlich bzw. östlich der Darßer Schwelle ermöglicht vergleichende Analysen der Kulturentwicklung in zwei unterschiedlichen Großregionen. Ergänzend kommen weitere Prospektionsgebiete entlang der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns und Ostholsteins hinzu.

Geschichte

Entwicklungsstadien des Ostseebeckens im Verlauf des Holozäns. © DAIEine der dramatischsten Umweltveränderungen in der post-glazialen Geschichte der Ostsee ist die Umwandlung eines limnischen Süßwasserbeckens zu einem brackisch-marinen Randmeer infolge der Litorina-Transgression ab ca. 6000 v. Chr. Der weltweite nacheiszeitliche Meeresspiegelanstieg führte zur Überflutung der Dänischen Wasserstraßen und zum Eindringen des Weltmeers in das Ostseebecken. Dieser Prozess veränderte nicht nur das hydrografische System, sondern auch die Küstenlandschaft im gesamten Ostseebecken. Dieser Prozess wird für die Kulturentwicklung der hiesigen Jäger-, Fischer- und Sammlergruppen von ebenso großer Bedeutung gewesen sein wie die zeitgleich abgelaufene Neolithisierung des binnenländischen Mitteleuropas.

Ziele

Ursachen-Wirkungs-Verhältnis der durch das SINCOS-Forschungsprojekt untersuchten Teilsysteme. © DAIGrundsätzliches Ziel des archäologischen Teilprojektes innerhalb von SINCOS-II ist die Gewinnung von Informationen, ob und in welchem Umfang die prähistorischen menschlichen Gemeinschaften im südwestlichen Ostseegebiet durch Anpassung ihrer Ökonomie, ihrer Sozialstrukturen oder ihrer Kommunikationsnetzwerke auf den durch Klimaentwicklung und geologische Prozesse verursachten Küstenrückgang und den damit in Zusammenhang stehenden weiteren Veränderungen ihrer natürlichen Umwelt reagiert haben. Dabei ist der Zeitabschnitt zwischen 6000 und 2000 v. Chr. (Spätmesolithikum - Endneolithikum) von besonderem Interesse, da in dieser Zeit der rapide Meeresspiegelanstieg enorme Umweltveränderungen zur Folge hatte, so dass sich die Menschen kontinuierlich an ein wandelndes Ökosystem anpassen mussten.

Forschungsgeschichte

Forschungsschiff FS "Professor Albrecht Penck". © DAIErste interdisziplinäre Forschungen zu Veränderungen der Lebensbedingungen am Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum im südwestlichen Ostseeraum fanden bereits seit der Mitte des 19. Jh. in Dänemark statt. Dort führten Fragen zur Entstehung der mittelsteinzeitlichen Muschelabfallhaufen und der damit verbundenen Meeresspiegelentwicklung zwischen 1850 und 1930 zur Einrichtung von drei inter-disziplinär besetzten Kökkenmöddinger-Kommissionen, die grundlegende Erkenntnisse zur Erd- und Kulturgeschichte des südwestlichen Ostseeraums erzielten.
Auch im norddeutschen Küstengebiet hatten die ersten endmesolithischen Funde von Kiel-Ellerbek Ende des 19. Jh. begleitende geologisch-botanische Untersuchungen zum nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg zur Folge. Auf der Insel Rügen war die Auffindung und Erforschung zeitgleicher Fundstätten ebenfalls mit Fragen nach der regionalen Küstenentwicklung verbunden.
Diese Forschungstradition fand nach dem 2. Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands ihre Fortsetzung, wobei vor allem in Ostholstein und auf der Insel Rügen wichtige Er-kenntnisse zur Küstenentwicklung der Ostsee und zur Kulturgeschichte der Küstenre-gion erzielt wurden. Allerdings kam es dabei anders als im benachbarten Dänemark aus unterschiedlichen Gründen nicht zu einer systematischen Erforschung der heute unter Wasser gelegenen steinzeitlichen Fundstellen.

Bisherige Arbeiten

Bathymetrische Karte der Wismarbucht mit seit 1998 neu entdeckten submarinen prähistorischen Fundstellen. © DAIDie Entdeckung erster heute unter Wasser gelegener Steinzeit-Siedlungen in der Mecklenburger Bucht Ende der 1990er Jahre waren Anlass, die unterwasserarchäologische Erforschung submariner Steinzeitbesiedlungen als einen neuen Forschungsschwerpunkt des Archäologischen Landesmuseums Mecklenburg-Vorpommern (ALM MV) zu etablieren. Seit 1998 erfolgen in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) gemeinsame Forschungsausfahrten mit dem Forschungsschiff "Professor Albrecht Penck", die in der Wismarbucht zur Entdeckung mehrerer gut erhaltener Steinzeitfundstellen in unterschiedlichen Wassertiefen führten.
Detaillierte Untersuchungen der wichtigsten Fundstellen waren in dem von der DFG finanzierten Projekt "Ökologie und Ökonomie submariner Fundstellen aus der Zeit der Neolithisierung in der Wismarbucht" (LU537/5-1) möglich. Diese Untersuchungen zeigten deutlich das enorme Potenzial der Fundplätze für detaillierte interdisziplinäre kulturökologische und wirtschaftsarchäologische Forschungen auf. Von 2002 bis 2005 bildete die DFG-Forschergruppe "SINCOS" (FOR488) den Rahmen, um die Untersuchungen der von der Littorina-Transgression überfluteten submarinen Fundstellen zu intensivieren und zu erweitern.
Während dieser drei Jahre wurden von dem SINCOS-Unterprojekt 1.6 "Prehistoric Sett-lements and Development of the Regional Economic Area"(LU537/6-1) beiderseits der Darsser Schwelle zwischen dem Oldenburger Graben und der Odermündung Unterwassersondierungen vorgenommen und zahlreiche neue Fundstellen mit gut erhaltenen organischen Überresten entdeckt, besonders in den Küstenwässern der Insel Rügen.
In der Wismarbucht konnten die Ausgrabungen submariner steinzeitlicher Küstensiedlungsplätze fortgeführt werden und wichtige Informationen zur Küstenentwicklung gewonnen werden.

Aktuelle Arbeiten

Das Arbeitsboot "Goor" der unterwasserarchäologischen Arbeitsgruppe auf dem Fundplatz Jäckelberg-Huk. © DAISeit 2006 werden die Forschungen im Rahmen des DFG-Paketantrages "SINCOS-II" als Teilprojekt 4 "Prehistoric Settlements and Development of the Regional Economic Area"(LU537/11-1) fortgeführt. In den folgenden drei Jahren sollen in der Wismarbucht durch die Untersuchung weiterer Küstenfundstellen die noch vorhandenen Lücken in der Chronostratigrafie geschlossen werden. Vorgesehen sind ergänzende Ausgrabungen auf dem Fundplatz Timmendorf-Nordmole I und die Untersuchung der Fundstellen auf dem Jäckelberg nördlich der Insel Poel.
Im Bereich der Insel Rügen sollen die neu entdeckten Fundstellen in den nördlichen Boddengewässern genauer untersucht werden. Sie datieren in den Zeitraum zwischen 5600 und 4500 v. Chr. und sind damit älter als die bisher durch Landgrabungen bekannten Stationen, die zur jüngeren EBK gehören.

Methoden

Timmendorf-Nordmole I: Freilegen archäologischer Fundschichten mit Wasserstrahlpumpen. © DAIZum Erreichen der Forschungsziele des archäologischen Teilprojektes ist primär die Untersuchung ausgewählter prähistorischer Küstensiedlungsplätze durch Ausgrabungen, Bohrungen und geophysikalische Messmethoden erforderlich. Dazu ist der Einsatz unterwasserarchäologischer Ausgrabungstechniken notwendig, die eine entsprechende feinstratigrafische Analyse der Fundstellen ermöglichen. Die aufgeschlossenen Profile liefern zudem Informationen zur Rekonstruktion der Küstenmorphologie im näheren Umfeld der Siedlungsplätze. Zugleich wird auch das von den naturwissenschaftlichen Partnerprojekten benötigte Probenmaterial gewonnen.

Ergebnisse

Die Erforschung submariner steinzeitlicher Siedlungsplätze in den vergangenen fünf Jahren hat sowohl in der Wismarbucht als auch in den Küstengewässern der Insel Rügen zahlreiche neue Fundstellen erbracht, die überwiegend dem Spät- und End-mesolithikum des 6. und 5. vorchristlichen Jahrtausends angehören. Die Fundstellen sind zum Teil durch außergewöhnlich gute Erhaltungsbedingungen gekennzeichnet und erlauben umfassende Studien nicht nur zur kulturellen Entwicklung der späten Jäger- und Sammlergesellschaften in dieser Region, sondern zu den Veränderungen der natürlichen Umwelt. Diese werden insbesondere durch den in dieser Zeit rasch fortschreitenden Meeresspiegelanstieg geprägt, der zur Überflutung der südwestlichen Ostseeküste führte. Entsprechend mussten sich die Menschen an das sich wandelnde Biotop anpassen.
Timmendorf-Nordmole I: Flintklingenmesser mit erhaltener Schäftung aus Haselholz und Lindenbast. © DAITimmendorf-Nordmole I: Eingetiefte Baustrukturen im Bereich des früheren Siedlungsareals. © DAIDie Fortsetzung der geoarchäologischen Untersuchungen der DFG-Forschergruppe SINCOS wird in den nächsten Jahren weitere grundlegende Erkenntnisse zur Küstenentwicklung und Besiedlungsgeschichte des südwestlichen Ostseegebietes liefern. Gemeinsam mit den jüngsten Untersuchungen steinzeitlicher Siedlungsplätze in Ostholstein ermöglichen sie bereits jetzt für die Großregion Mecklenburger Bucht eine erste vorläufige Gliederung der endmesolithischen Ertebølle-Kultur in mehrere Entwicklungsphasen. Entsprechende Gliederungen des vorausgehenden Spätmesolithikums in der Mecklenburger Bucht sowie des Spät- und Endmesolithikums im Bereich der Insel Rügen sollen durch detaillierte Untersuchungen weiterer submariner Siedlungsplätze in beiden Schwerpunktregionen möglich werden.

Kooperation

national:
Dr. Bernhard Gramsch, Wielandstrasse 21, 14471 Potsdam
PD Dr. Thomas Terberger, Historisches Institut, Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Hans-Fallada-Strasse 1, 17481 Greifswald

international:
Mag.art. Erik Brinch Petersen; SAXO-Instituttet, Afd. Forhistorik Arkæologisk, Universität Kopenhagen, Njalsgade 80, DK-2300 Kopenhagen, Dänemark
Prof. Dr. Lars Larsson, Institute of Archaeology, University of Lund, Sandgatan 1, 22350 Lund, Schweden
Peter Vang Petersen, Nationalmuseet, Oldtid og Middelalder, Frederiksholms Kanal 12, 1220 Kopenhagen, Dänemark
Flemming Rieck, Nationalmuseet, Oldtid og Middelalder, Frederiksholms Kanal 12, 1220 Kopenhagen, Dänemark
Ole Grøn, Langelands Museum, Jens Winthersvej 12, DK-5900 Rudkøbing, Dänemark

Ansprechpartner

PD Dr. Hauke Jöns, Direktor, Niedersächsisches Institut für Küstenforschung, Postadresse: Viktoriastrasse 26/28, 26360 Wilhelmshaven
Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim, Direktor, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Archäologisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, 24837 Schleswig
Dr. Sönke Hartz, Dezernent, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Archäologisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, 24837 Schleswig
Dr. Harald Lübke, Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf, 24837 Schleswig
N.N., Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Mecklenburg-Vorpommern, Postadresse: Domhof 4/5, 19055 Schwerin Foerderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Lu 537,11-1)

Weitere Hinweise

SINCOS-Website (www.sincos.org)

Bibliographie

Harff, J., Jöns, H. and Lüth, F. 2005. Die DFG-Forschergruppe Sinking Coasts (SINCOS). Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2004 - 52, 35-42.
Harff, J., Lampe, R., Lemke, W., Lübke, H., Lüth, F., Meyer, M. and Tauber, F. 2005. The Baltic Sea - a Model Ocean to Study Interrelations of Geosphere, Ecosphere and Anthroposphere in the Coastal Zone. Journal of Coastal Research, SI 39, 441-446.
Hartz, S. and Lübke, H. 2005. Zur chronostratigraphischen Gliederung der Ertebølle-Kultur und frühesten Trichterbecher-Kultur in der südlichen Mecklenburger Bucht. Bo-dendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2004 - 52, 119-142.
Hartz, S. and Lübke, H. 2006. New Evidence for a Chronostratigraphic Division of the Ertebølle Culture and the Earliest Funnel Beaker Culture on the Southern Mecklenburgian Bay. In Kind, C. J. (ed.), After the Ice Age. Settlements, Subsistence and Social Development in the Mesolithic of Central Europe. Materialhefte zur Archäologie in Ba-den-Württemberg 78, 61-77. Stuttgart, Theiss.
Hartz, S., Lübke, H. and Terberger, T. in press. From fish and seal to sheep and cattle: new research into the process of neolithisation in northern Germany. In: Whittle, A. and Cummings, V. (eds.), Going Over: The Mesolithic-Neolithic transition in north-west Eu-rope. London: British Academy.
Lampe, R., Endtmann, E., Janke, W., Meyer, H., Lübke, H., Harff, J. and Lemke, W. () 2005. A new relative sea-level curve for the Wismar Bay, N-German Baltic coast. Meyniana 57, 5-35.
Lübke, H. 2003. New Investigations on Submarine Stone Age Settlements in the Wismar Bay Area. In: Kindgren, H., Knutsson, K., Larsson, L., Loeffler, D. and Åkerlund A. (eds.), Mesolithic on the Move. Proceedings of the 6th International Conference on the Mesolithic in Europe, Stockholm 2000, 631-642. Oxford, Oxbow.
Lübke, H. 2005a. Spät- und Endmesolithische Küstensiedlungsplätze in der Wismarbucht. Neue Grabungsergebnisse zur Chronologie und Siedlungsweise. Bodendenk-malpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2004 - 52, 83-110.
Lübke, H. 2005b. Vorbericht zu den Sondierungen submariner steinzeitlicher Fundstellen in den nördlichen Boddengewässern Rügens.
Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2004 - 52, 211-220.
Lübke, H. 2006. Filling a gap - Five years of underwater archaeological investigations on submarine Stone Age sites in Wismar Bay, Mecklenburg-Vorpommern, Germany. In: Haffner, A., Niffeler, U. and Ruoff, U. (eds.), Die neue Sicht. Une nouvelle interprétation de L'histoire. The new view. - Unterwasserarchäologie und Geschichtsbild. L'apport de l'archéologie subaquatique. Underwater Archaeology and the Historical Picture. Pro-ceedings of the 2nd International Congress on Underwater Archaeology. Rüschlikon bei Zürich, 21.-24. Oktober 2004. Antiqua 40 (Basel), 64-69.
Lübke, H. and Terberger, T. 2005. Das Endmesolithikum in Vorpommern und auf Rügen im Lichte neuer Daten. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2004 - 52, 243-255.

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