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Russische Föderation: Taganrog

Die Entwicklung des frühgriechischen Handelsstützpunktes von Taganrog vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Dondeltas zwischen der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit

Lokalisierung

Lokalisierung

Deutschland
47° 14' 1.2444" N, 38° 54' 42.1056" E

Taganrog liegt ca. 60 km westlich von Rostov am Don und ca. 10 km westlich der heutigen Mündung des Don in das Asovsche Meer.

Hintergrund

Karte des nördlichen Schwarzmeeraumes und des Schwarzen Meeres (© Eurasienabteilung DAI)Ausgangspunkt der Unternehmungen war die Erforschung eines frühgriechischen, im letzten Viertel des 7. Jhs. v. Chr. gegründeten Handelsstützpunktes in Taganrog an der Mündung des Don in das Asovsche Meer (Abb.). Das Projekt war von Anbeginn an Teil eines größer angelegten Forschungsvorhabens, in dem es darum geht, auf der Basis eines gesicherten chronologischen Gerüsts die naturräumliche und kulturelle Entwicklung des Don-Deltas zwischen der späten Bronzezeit (ca. 1400-850 v. Chr.) und dem 3. Jh. v. Chr. in einer diachronen Perspektive zu verfolgen in einer Region, die an einer Schnittstelle zwischen den weiten eurasischen Steppen einerseits und den Kulturen den Schwarz- und Mittelmeerraumes andererseits von sesshaften Gruppierungen genauso geprägt war wie von halbnomadisierenden und nomadisierenden Gruppen.

Dem Vorhaben zugrunde liegt die Annahme, dass ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Handeln und der physischen Ausgestaltung von Räumen durch Bauten und Denkmäler besteht. Der gebaute Raum ist ein Resultat sozialer Interaktion; als solcher spiegelt er nicht nur soziale, sondern auch politische Entwicklungen wider. Im Falle des Dondeltas bedeutet dies, in erster Linie anhand von Siedlungen und weithin sichtbaren Kurganen auf unterschiedliche soziale Gruppen und mit diesen verbundene Raumnutzungskonzepte zu schließen. Hierdurch ergeben sich inhaltliche Verbindungen sowohl zum Exzellenzcluster 'Topoi' als auch zum Cluster 3 des DAI 'Politische Räume' und zu Projekten im DAI, die sich der u. a. der Erforschung der Mobilität und Migration widmen.

Ziele

Taganrog, Lesefund von der Küste. Rosette einer nordionischen Kanne (1. Drittel des 6. Jhs. v. Chr.) (© O. Dally)Um dieses Ziel zu erreichen, sind seit 2004 kombinierte Untersuchungen durchgeführt worden - hierzu zählten kleinere, gezielte Grabungen in den Siedlungen von Levinsadovka, Novo Zolotovka, Semiovka und der Beglitzkiy-Nekropole ebenso wie Bohrungen, geophysikalische Prospektionen und geologische Bohrungen, um ein Bild von der Landschaftsentwicklung sowie der Hebungen und Senkungen des Meeresspiegels des Asovschen Meeres zu erhalten.

Im Rahmen eines groß angelegten Surveys wurden ferner Siedlungsplätze und Kurgane mit einem hoch differentialen GPS vermessen sowie in eine satellitenbildgestützte Karte eingetragen. Teil des Projektes ist darüber hinaus die gezielte Aufnahme bislang unpublizierter Funde aus spätbronzezeitlichen Siedlungen und Kurganen sowie eisenzeitlichen Siedlungen des 5. und 4. Jhs. v. Chr. im Dondelta, die die archäometrische Beprobung ausgewählter Keramikfunde, die archäozoologische Bestimmung von Faunen- und die paläobotanische Untersuchung von Pflanzenresten einschließen.

Forschungsstand

Sambektal, Verteilung von Siedlungen und Kurganen (© L. van Hoof)Taganrog wurde vermutlich im letzten Viertel des 7. Jhs. v. Chr. von ionischen Griechen als Handelsstützpunkt gegründet. Anders als in der russischen Forschung bislang favorisiert, dürfte diese Siedlung allenfalls mit kleineren Unterbrechungen bis in das Mittelalter hinein (13./14. Jh. n. Chr.) bestanden haben.

Im Rahmen der Untersuchungen im Umland ist deutlich geworden, dass das Verhältnis von Siedlungen und Kurganen über den gesamten Zeitraum hinweg betrachtet sehr unterschiedlich ausgeprägt war (Abb.). Letztere sind in der späten Bronzezeit häufig in der Nähe von Siedlungen zu Gruppen angeordnet, ab der vorskythischen Eisenzeit (ca. 850-600 v. Chr.) wird, soweit bekannt, die enge Verbindung von (den nach der Jahrtausendwende nur noch spärlich nachgewiesenen) Siedlungen und Kurganen aufgebrochen. Die Grabhügel werden perlenschnurartig in Reihenform angelegt. Diese Diskontinuitäten und veränderten Formen der symbolischen Raummarkierung lassen auf neue soziale Gruppierungen schließen, die sich nach der Wende vom 2. zum 1. Jtsd. v. Chr. in das Dondelta vorgedrungen ein dürften. Taganrog wurde im Verlaufe des 5. und 4. Jh.v. Chr. Teil eines größeren, bislang nur ansatzweise erforschten Netzes von Siedlungen, die ganz offensichtlich über Verbindungen zum östlichen Mittelmeeraum und dem Bosporanischen Reich verfügten, das sich mit der Hauptstadt Pantikapeion auf Teilen der Krim und der südrussischen Halbinsel Taman in der 2. Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. gebildet hatte. Eine neue Zäsur in der Siedlungsgeschichte bildet die die Gründung von Tanais durch Kaufleute aus dem Bosporanischen Reich (1. Viertel 3. Jh. v. chr.), die möglicherweise mit der Zerstörung bzw. Aufgabe eines Teiles der bis dahin existenten Siedlungen einhergegangen ist.

Taganrog, Synopse der Bohrungen parallel zur Synopse von Abb. 55, meerwärts gelegen, von NW nach SO (© D. Kelterbaum)Taganrog, Karte mit Angabe der Grabungsschnitte A, G, F, H1-H9 sowie der Bohrlöcher (© M. Ullrich, J. Trenner, N. Ullrich, U. Kapp)

Kooperation

Don-Archäologische Gesellschaft, Rostov am Don (V. Zibrij, V. Zibrij, A. Isakov, P. A. Larenok)

 

Institut für Archäologie der russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau (V. Kuznetsov)

DFG-Exzellenzcluster TOPOI, Research Area A I

Institut für Geowissenschaften der Christian Albrechts Universität Kiel (IFG), Abt. Geophysik (W. Rabbel; H. Stümpel; Ch. Müller)

Institut für Nachrichtentechnik und Informationselektronik (NTIE), Forschungsgruppe Hydroakustik, Universität Rostock (G. Wendt)

Institut für geographische Wissenschaften, Fachrichtung Physische Geographie, FU Berlin (B. Schütt, M. Schlöffel)

Institut für Prähistorische Archäologie, FU Berlin (H. Parzinger, L. van Hoof)

Helmholtz- Institut für Strahlen- und Kernphysik, Universität Bonn (H. Mommsen)

Ansprechpartner

Dr. Pavel A. Larenok
Don-Archaeological Society
Gorkogo 95A
RU-3440892 Rostov-on-Don
Russian Federation

Förderung

DAI

 

Bibliographie

Taganrog. Eine griechische Siedlung im Dondelta (zusammen mit P. A. Larenok), in: J. Fornasier - B. Böttger (Hrsg.), Das bosporanische Reich (2002) 86-91

 

O. Dally - V. P. Kopylov - P. A. Larenok, Eine frühgriechische Siedlung bei Taganrog. Fragen und Perspektiven eines deutsch-russischen Forschungsunternehmens, Eurasia Antiqua 11, 2005, 37-49

Die Griechen am Don. Bericht über die erste Kampagne der deutsch-russischen Ausgrabungen in Taganrog (zusammen mit V. P. Kopylov - P. A. Larenok - T. Schunke), in: Pontos Euxeinos, Festschrift Manfred Oppermann (2006) 275-293

O. Dally, Deutsch-russische Ausgrabungen in Taganrog, in: Deutsch-russische Kooperationen in den Altertumswissenschaften, DFG Kolloquium, Moskau 2006 (im Druck)

S. Huy, Handelskontakte in der griechischen Welt. Das Fundspektrum der Handelsamphoren in der Kolonie Taganrog (masch. Magisterarbeit FU Berlin 2008).

O. Dally - R. Attula - H. Brückner - D. Kelterbaum - P. A. Larenok - R. Neef - T. Schunke, Die Griechen am Don. Deutsch-russische Grabung in Taganrog. Ergebnisse der Kampagnen 2004 - 2007, Archäologischer Anzeiger 2009/1, 73-119

O. Dally - P. A. Larenok - T. Schunke, Greki na Donu - Resultati germano-ryssijskich raskopok v Taganroge i ego okrestnostjach (ekspedizij 2004-2007), in: Don-Archaelogiocal Society (Hrsg.), Archaeological Proceedings 6 (Rostov 2009) 198-205 (zusammen mit P. A. Larenok - T. Schunke).

S. Huy, Izučenie keramiki VI-III vv. do n.e. Pamjatnikov Severo-vostočnogo Priazov´ja, in: RROO Donskoe archeologičeskoe obsčestvo (Hrsg.), Ni�nij Don v drevnosti: etnogenez, priroda, čelovek. XII. Donskie Archeologičeskie čtenija. 15. marta 2010 goda. Cbornik tezisov (Rostov-na-Donu 2010) 102-103.

S. Huy, At the edge of Bosporan Kingdom. The north-eastern Asovregion from 5th to 3rd century BC, in: J. Munk Høtje (Hrsg.), The Bosporan Kingdom. Black Sea Studies. The Danish National Research Foundations´s Centre for Black Sea Studies (Aarhus im Druck).

L. van Hoof - M. Schlöffel (2010): Kurgans in the northeastern Azov Sea region - proposals for a geoarchaeological research program. - In: O. Henry - U. Kelp (edd.), Tumulus as Sema. Space, Politics, Culture and Religion in the First Millenium BC, Proceedings of the International Symposium TumulIstanbul, Istanbul 1-3 June 2009.

Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

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