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Uruk (Warka)

Uruk (Warka): Struktur einer altorientalischen Großstadt

Stadtforschung in der Metropole des legendären König Gilgamesch (5. Jt. v. Chr. - 4. Jh. n. Chr.)

Lokalisierung

Lokalisierung

Irak
31° 19' 31.0224" N, 45° 38' 10.5648" E

Hintergrund

Methoden der älteren Forschungen:
Die Architektur Uruks war in der Regel aus Lehmziegeln hergestellt. Sie ist selten gut erhalten und oftmals nur noch in den Fundamenten eines Bauwerks erkennbar. Diese Baureste liegen in vielen Schichten übereinander. Das detaillierte Präparieren von Bauresten und die Analyse der einzelnen Bauschichten entwickelte sich daher zu einem methodischen Schwerpunkt der Ausgrabungen in Uruk.

Geschichte

Die antike Stadt Uruk (das biblische Erech) entwickelte sich aus kleinen Ansiedlungen des ausgehenden 5. Jt. v. Chr., die beiderseits des damaligen Euphratlaufes lagen, zu einer Großstadt, die schon zum Ende des 4. Jt. v. Chr. eine Fläche von ca. 2,5 Quadratkilometern erreichte. Langjährige Forschungen zur Architektur und Kultur dieser "Uruk-Zeit" zeichnen ein Bild einer gut organisierten Gesellschaft mit komplexer politischer Ordnung und straffer Verwaltung. Repräsentationsarchitektur sakraler und öffentlicher Funktion, hoch entwickelte Kunst (Steinskulptur), die erste Schrift, ein durchdachtes Beurkundungssystem auf Basis von Rollsiegeln sowie eine erste Massenfabrikation von Keramikgefäßen und Gegenständen des alltäglichen Lebens sind die auffälligsten erhaltenen Charakteristika. Besondere politische Rolle besaß die Stadt offenbar nur am Ende des 4. und in der 1. Hälfte des 3. Jt. v. Chr. Sie erreichte Anfang des 3. Jt. ihre größte Ausdehnung von 5,5 km2 innerhalb einer Stadtmauer, die nach dem Bericht des Gilgamesch-Epos von dem legendären König Gilgamesch errichtet worden sein soll. Zwei bedeutende Kultzentren bestimmten den Ruhm der Stadt auch in jüngerer Zeit: das Heiligtum des Himmelsgottes Anu und das der Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ischtar. Intensive archäologische Untersuchungen insbesondere im Bereich dieser Heiligtümer zeigen, daß die Stadt nun vor allem religiöse und wirtschaftliche Bedeutung hatte. Tontafeln aus der Spätzeit der Stadt (6.-2. Jh. v. Chr.) verweisen darüber hinaus auf ihre herausragende Rolle als Wissenschaftszentrum (u.a. Literatur, Omenliteratur, Astronomie). Die Besiedlung endet mit der beginnenden sasanidischen Zeit (3./4. Jh. n. Chr.).

Forschungsgeschichte

Wiederentdeckung durch William Kenneth Loftus 1849, erste kurze Untersuchung 1854. Nach einer Begehungen 1902 werden archäologische Forschungen durch deutsche Institutionen in Uruk seit 1912 durchgeführt. Sie lagen zunächst in der Hand der Deutschen Orient-Gesellschaft (1912), der Deutschen Orient-Gesellschaft und der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (1928-1941), seit 1954 sind sie dem Deutschen Archäologischen Institut angegliedert. Bis 1989 fanden 39 Forschungskampagnen statt, die mit wenigen Ausnahmen alljährlich durchgeführt wurden. In den Jahren 2001 und 2002 konnten die Feldforschungen wieder aufgenommen werden. Seit 2003 sind sie erneut unterbrochen.

Bisherige Arbeiten

Die Ausgrabungen der Jahre 1912-1989 (1.-39. Forschungskampagne) konzentrierten sich überwiegend auf die Erforschung des religiösen Zentrums der Stadt: das Eanna-Heiligtum der Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ischtar, das Heiligtum des Himmelsgottes Anu mit "archaischer" Zikkurrat und der seleukidischen Tempelanlage "Bit Resch", die seleukidische Tempelanlage für Ischtar "Irigal" sowie kleinere Kultanlagen wie den "Karaindasch-Tempel" (14. Jh. v. Chr.) und Gareustempel (2./3. Jh. n. Chr.). Ein Königspalast (Sinkaschid-Palast, 20.-18. Jh. v. Chr.) am Westrand der Stadt sowie kleinere Grabungen in Wohnsiedlungen innerhalb und außerhalb der Stadt erlauben Aussagen zum politischen und Alltagsleben. Eine Oberflächenbegehung der gesamten Stadt Uruk in den Jahren 1982-1984 lieferte eine Fülle archäologischer Daten, auf deren Grundlage die Siedlungsgeschichte der Stadt nachgezeichnet werden konnte.

Aktuelle Arbeiten

Magnetogramm © DAIIn den Jahren 2001 und 2002 wurden, anknüpfend an den Oberflächensurvey der Jahre 1982-84, Daten zur städtebaulichen Struktur der Großstadt gesammelt. Eine Auswertung von Luftbildern und ein geophysikalischer Survey, ergänzt durch eine geomorphologische Analyse von Bohrkernen, zeigen, in welcher Form die Stadt in Viertel gegliedert war, wie Verkehrswege verlaufen sind und die verschiedenen Bereiche funktional gegliedert waren. Neu ist der Nachweis, daß ein System von Kanälen die Stadt durchzogen hat. Auch die Stadtmauer erwies sich als wesentlich komplexer in ihrem Aufbau als durch die bisherigen Ausgrabungen nachgewiesen. Im Jahr 2005 sponsorte die European Space Imaging GmbH Analysen hochauflösender Satellitenbilder, über die ergänzende Informationen zur Stadtstruktur gewonnen werden konnten.

In einem weiteren Projekt wird die antike Stadt Uruk mit Hilfe von digitalen Rekonstruktion visualisiert.

Methoden

Methoden der älteren Forschungen:
Die Architektur Uruks war in der Regel aus Lehmziegeln hergestellt. Sie ist selten gut erhalten und oftmals nur noch in den Fundamenten eines Bauwerks erkennbar. Diese Baureste liegen in vielen Schichten übereinander. Das detaillierte Präparieren von Bauresten und die Analyse der einzelnen Bauschichten entwickelte sich daher zu einem methodischen Schwerpunkt der Ausgrabungen in Uruk.

Ergebnisse

Der erhaltene Kern der Eanna-Zikkurrat (21. Jh. v. Chr.) © DAIErgebnisse der älteren Forschungen:
Schwerpunkt der Ausgrabungen in Uruk war über Jahrzehnte die Baugeschichte. Erst in jüngerer Zeit, mit der Aufarbeitung der archäologischen Befunde und Funde - aber vor allem auch durch Forschungen in anderen Städten und Regionen Mesopotamiens, kamen kulturelle und historische Gesamtbetrachtungen stärker ins Blickfeld. Methodisch bedingt, steht in Uruk nach wie vor die Architektur im Mittelpunkt: Das Eanna-Heiligtum der Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ischtar ist in seiner Schichtenabfolge von der jüngsten Nutzung (seleukidische Zikkurrat des 3. Jh. v. Chr.) bis zu Bauwerken der Uruk-Zeit (Ende 4. Jt. v. Chr.) zurückzuverfolgen, die nach Zerstörung des jeweils Älteren übereinander gebaut waren. Das Heiligtum wurde dabei mehrere Male völlig neu angelegt. Die wichtigsten Baumaßnahmen des 1. und 2./ausgehenden 3. Jt. v. Chr. sind der neubabylonische Neubau des Heiligtums (8./7. Jh. v. Chr.) und der Neubau unter den Herrschern der III. Dynastie von Ur (21. Jh. v. Chr.). Es stand jeweils eine Zikkurrat (Hochterrasse mit Tempel) im Zentrum der Bauanlage, die von verschiedenen Höfen umgeben war. Funktionale Bereiche sowie weitere kleine Tempel waren als schmale Räume in die Hofmauern eingebaut (sog. Zingelanlagen). Tontafeln aus der neubabylonischen/achämenidischen Anlage sowie benachbarten Wohnhäusern erlauben einen tiefen Einblick in die Wirtschaft eines Heiligtums. Auch die Tempelterrassen und Kultanlagen der 1. Hälfte des 3. Jt. v. Chr. (Schichten der "Archaisch I-Periode) sind im wesentlichen nach diesem Schema gebaut, doch können aus dieser Zeit keine Zikkurratbauten nachgewiesen werden. Die "Tempel" bzw. profanen Repräsentationsbauten des ausgehenden 4. Jt. v. Chr. (Schichten der "Späten Uruk-Zeit") waren nach völlig anderen Gestaltungskriterien errichtet. Im Zusammenhang mit diesen Bauten und ihren Zerstörungsschichten fanden sich die ersten Schriftzeugnisse, frühe Rollsiegel und Steinskulptur. Die Architektur und Kultur der "späten Uruk-Zeit" wurde erstmals in Uruk bekannt. Die Forschungen hierzu bleiben, der großflächigen Freilegung dieser Schichten wegen, nach wie vor einzigartig.
Im Bereich der "Anu-Zikkurrat" wurden durch Tiefgrabungen Schichten des ausgehenden 5. Jt. v. Chr. erreicht ("Späte Ubaid-Zeit"). Erste kleine Tempel deuten die lange Kulttradition dieser Stelle an. Aus dem ausgehenden 4. Jt. v. Chr. stammt die sog. "Anu-Zikkurrat", auf der - als einziger Zikkurrat im Vorderen Orient - die Reste eines Tempels erhalten waren ("Weißer Tempel"). Die Anu-Zikkurrat wurde später überbaut und in der seleukidischen Zeit in einen monumentalen Tempelkomplex für den Himmelsgott Anu einbezogen. Zahlreiche Tontafelfunde dieser Zeit geben einen Einblick in das religiöse und wirtschaftliche Leben der Stadt.
Die ca. 9 km lange Stadtmauer von Uruk ist bisher nur punktuell untersucht. Sie entstand in der ersten Hälfte des 3. Jt. v. Chr. und wurde immer wieder ausgebessert. Die letzte nachgewiesene Reparatur stammt aus dem 18. Jh. v. Chr. Die Mauer besteht aus mindestens zwei Mauerringen, dessen innerer mit Halbkreistürmen verstärkt ist.

Kooperation

Alle Arbeiten finden mit Erlaubnis der irakischen Antikenverwaltung (State Board of Antiquities and Heritage) statt. Die Bearbeitung der frühen Tontafel-Funde liegt bei einer Forschergruppe um Prof. Dr. Hans J. Nissen, Freie Universität Berlin; die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg beherbergt die Warka-Sammlung (www.uni-heidelberg.de/institute/fak8/ufg/uruk-warka/uruk-warka-sammlung.htm) des Deutschen Archäologischen Instituts.

Aktuelle Arbeiten:
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Archäologische Prospektion und Luftbildarchäologie (Dr. Jörg Faßbinder); Philipps-Universität Marburg, Institut für Geographie (Prof. Dr. Helmut Brückner); Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Oberpfaffenhofen (Dr. Gunter Schreier).

Weitere Hinweise

Neuere kurze Zusammenfassungen zur archäologischen Forschung in Uruk finden sich in: R.M. Boehmer, Uruk-Warka in: Eric M. Meyers (Hrsg.), The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East Vol. 5 (1997) 294-298; M. van Ess, Die Ausgrabungen in Uruk-Warka, in: Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung - Außenstelle Baghdad. 50 Jahre Forschungen im Irak 1955-2005 (2005) 31-39.; sowie, verschiedene Forschungsschwerpunkte herausgreifend, in allen zusammenfassenden Publikationen zur Geschichte Mesopotamiens. Zuletzt mit weiterführender Literatur u.a. bei: H. J. Nissen, Geschichte Alt-Vorderasiens, Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 25 (1999).

Bibliographie

Zu den Forschungskampagnen 1 - 39: Vorläufige Berichte über die von dem Deutschen Archäologischen Institut aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft unternommenen Ausgrabungen in Uruk-Warka; Ausgrabungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Uruk Band 1-17 ff.; Ausgrabungen in Uruk-Warka. Endberichte Band 1-25 ff; Baghdader Mitteilungen. Eine Bibliographie der Publikationen bis 1993 findet sich bei U. Finkbeiner, Uruk - Analytisches Register zu den Grabungsberichten (1993).

Zu den neueren Forschungen:
Helmut Becker - Jörg Fassbinder, Uruk - City of Gilgamesh (Iraq). First tests in 2001 for magnetic prospecting, in: Helmut Becker - Jörg W.E. Fassbinder, Magnetic Prospecting in Archaeological Sites. International Council on Monuments and Sites Vol. VI (2001) 93-97; Jörg Fassbinder - Helmut Becker - Margarete van Ess, Magnetometry at Uruk (Iraq): The city of King Gilgamesh, Geophysical Research Abstracts Vol. 5, 2003 www.copernicus.org/EGS; Helmut Brückner, Uruk - A Geographic and Palaeo-Ecologic Perspective on a Famous Ancient City in Mesopotamia; M. van Ess - J. Faßbinder: Magnetic prospection of Uruk (Warka) Iraq, in: La Prospection Géophysique, Dossiers d'Archeologie Nr. 308, Nov. 2005, 20-25.; M. van Ess - H. Becker - J. Fassbinder - R. Kiefl - I. Lingenfelder - G. Schreier - A. Zevenbergen Detection of Looting Activities at Archaeological Sites in Iraq using Ikonos Imagery, in: J. Strobl - Th. Blaschke - G. Griesebner, Angewandte Geo-Informatik 2006. Beiträge zum 18. AGIT Symposium Salzburg 2006 (2006) 669-678.

Aktuelle Projekte

  • 11.01.2014

    Arbil mehr

  • 13.11.2013

    Visualisierung der antiken Stadt Uruk mehr

  • 14.11.2012

    Uruk (Warka) mehr

Abgeschlossene Projekte

  • 31.05.2011

    Irak, Wadi Hauran mehr

  • 31.05.2011

    Irak, Tell Harmal mehr

Kontakt

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.  

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