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Kepoi: Survey- und Grabungsprojekt

Das Gemeinschaftsprojekt der Eurasien-Abteilung, des Staatlichen Historischen Museums Moskau und der Russischen Akademie der Wissenschaften an der Nordwestspitze der Taman-Halbinsel in Südrussland startete im Juli 2006. Die bisherige Erforschung der milesischen Kolonie Kepoi und ihres Hinterlandes wurde in den späten 50er bis frühen 70er Jahren von N. I. Sokolskij und N. P. Sorokina sowie in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von V. D. Kuznetsov geleistet. Das Hinterland wird seit über dreißig Jahren vor allem in Form von Luftbildarchäologie und Oberflächenbegehungen durch J. M. Paromov untersucht.

Der Ansatz, Stadt- und Hinterlanderforschung in einem Vorhaben zu bündeln, ist für das nördliche Schwarzmeergebiet bisher selten ins Auge gefasst worden. Daher wird mit dem Projekt - bezogen auf die Region - bereits Neuland betreten und es kann darum im Augenblick nur in geringem Umfang auf konkrete oder theoretische Grundlagen zurückgreifen. Allerdings sind zu dem zweiten deutsch-russischen Forschungsunternehmen in Taganrog (O. Dally, DAI Zentrale), vielfältige Verbindungen gegeben.

Der historische Rahmen, die naturräumlichen Bedingungen sowie das vom Projekt ausgewählte Untersuchungsgebiet stellten für die Fragen nach Raum, Nutzung von Raum und seine Gestaltung eine Vielzahl von Ansatzpunkten, die im folgenden thematisch vorgestellt werden.

Grenzen:
Die in der Forschung, bes. in der historischen Landeskunde, bedeutende Frage nach den Grenzen von Poleis ist in den Gebieten des nördlichen Schwarzmeerraum besonders schwierig zu beantworten. Grenzfragen mit der Methode des Surveys zu klären, hat in dieser Region bislang kaum Erfolg gezeitigt. Doch auch dort, wo detaillierte Studien vorliegen, wie in Olbia oder Chersonesos, konnten Grenzen bisher lediglich durch befestigte Siedlungen nachgewiesen werden.

Auf der Taman-Halbinsel zeichnet sich allerdings eine besondere Situation ab, da zur Zeit der griechischen Kolonisierung, seit dem späten 7. Jh. v.Chr., kleine Inseln an der Stelle der heutigen Halbinsel bestanden haben. Die offene Frage, wie diese gestaltet waren, soll eine geoarchäologische Untersuchung klären, die in Zusammenarbeit mit dem Projekt in Taganrog begonnen wurde. Sie soll den Küstenverlauf im Asovschen Meer und am Kimmerischen Bosporus über die Jahrhunderte klären. Denn es ist zu vermuten, dass die Grenzen der Kolonie und ihres Hinterlandes durch die Insellage vorgegeben waren. Doch wie befestigten und erschlossen die Siedler ihre Territorien?

Siedlungen:
Neben der literarisch bezeugten Hauptsiedlung, der milesischen Apoikia Kepoi, konnten bereits weitere, teilweise überraschend stark befestigte Siedlungen festgestellt werden. Einige liegen an strategischen Positionen, etwa an Durchfahrten zwischen möglichen Inseln. Eine solche befestigte Siedlung an einer Meerenge ist im Sommer 2006 anhand geomagnetischer Prospektion und begrenzter Kontrollgrabungen bekannt geworden. Überraschend ist, dass bei der Oberflächenbegehung Scherben angetroffen wurden, die bis in die erste Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. zurückreichen. Damit wären die Siedlungen nach jetzigem Kenntnisstand nicht wesentlich jünger oder vielleicht etwa zeitgleich mit Kepoi zu datieren. Offenkundig ist die strategische Bedeutung dieser befestigten Siedlung. Doch in welchem Verhältnis standen sie sowohl zueinander als auch zum Hauptort, und gab es weitere Funktionen, die diesen Siedlungen zuzuordnen sind?

Straßen, Siedlungen und Nekropolen:
Eine weitere wichtige Komponente der Erschließung des politischen und wirtschaftlichen Raums stellt das Straßensystem von Kepoi und seinem Hinterland dar. Dieses scheint sich in einigen Fällen mit heutigen Straßenverläufen zu decken, die häufig natürlichen Vorgaben folgen. Die Luftbildarchäologie hat weitere Straßen sichtbar gemacht. Diese werden ebenfalls kartiert und sollen durch Grabungen datiert werden. Dabei hat sich bereits herausgestellt, dass Indikatoren für vermutete Straßenverläufe flankierende Kurgane sein können, antike Ansiedlungen an Knotenpunkten von Straßen und Nekropolen an Ausfallstraßen zu vermuten sind. Die Beziehungen von Straßen, repräsentativen Grabanlagen und Besiedlung sind offenkundig. Weitere Fragen im Rahmen der Untersuchungen sind noch offen: In welcher Weise beziehen sich die Straßen auf den Hauptort und wie auf das Umland? Welche Informationen lassen sich zur Hierarchie von Hauptort und Hinterland, von Städtern und Siedlern, von Eliten und einfacher Bevölkerung gewinnen?

Heiligtümer:
Heiligtümer spielen in der wissenschaftlichen Diskussion zu Räumen, ihrer Gestaltung und symbolischen Besetzung eine wesentliche Rolle. Doch während im Mutterland die Fragen der Ortswahl eines Heiligtums mit den Möglichkeiten von Übernahme älterer Vorgänger (Bronzezeit, oder autochthoner Bevölkerung), Grenzmarkierungen oder als politischer Treffpunkt diskutiert werden, scheint sich die Situation im nördlichen Schwarzmeerraum teilweise anders darzustellen. Da keine starke autochthone Vorbesiedlung angenommen wird, ist für die Ortswahl von Heiligtümern stärker von symbolischen, machtpolitischen und propagandistischen Motiven auszugehen, als dies möglicherweise im Mutterland der Fall war.

Wie die angeführte Auflistung anzeigt, sind die Forschungen zu Kepoi und ihrem Hinterland in vielfältiger Weise mit den Fragstellungen des Clusters 3 verbunden und werden zu unterschiedlichen Aspekten Ergebnisse beisteuern können.

Contact: Dr. Udo Schlotzhauer (E-Mail: us@dainst.de)

zum Projekt: Taman-Halbinsel

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