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Die Hethiterhauptstadt Hattusa-Boğazköy / Türkei

Die seit 100 Jahren unter Federführung des Deutschen Archäologischen Instituts andauernden Forschungen in der hethitischen Hauptstadt Hattusa haben die Entwicklung von ersten Siedlungsansätzen im Chalkolithikum bis zum Ausbau zu einer repräsentativen Herrschaftsstadt im 13. Jh. v. Chr. ebenso dokumentiert, wie das Nachleben in der Eisenzeit und in Byzantinischer Zeit.

In der archäologischen Hinterlassenschaft spiegelt sich so die Auseinandersetzung des Menschen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Raum in einer seltenen historischen Tiefe. Deshalb ist es möglich, sich mit dem Phänomen der Anpassung an die geographischen Vorbedingungen und der Formung des Raumes außerhalb und innerhalb der Siedlung vergleichend über einen langen Zeitraum auseinanderzusetzen. In den verschiedenen Aspekten der Problematik werden jeweils neben evidenten Unterschieden auch Gemeinsamkeiten der Strategien deutlich, die eventuell über die Region Boğazköy hinaus exemplarischen Charakter für Zentralanatolien haben könnten.

Grenzen:
Die hethitische Hauptstadt ist ein in der Kulturgeschichte Anatoliens einmaliges Beispiel für die aktive Gestaltung der Umwelt durch den Menschen. Dies äußert sich bereits in der Wahl des Siedlungsplatzes, da die bewusste Wahl eines komplexen Territoriums für die Stadt eine dauernde Auseinandersetzung mit dem Naturraum nach sich zog. Dieser Umstand unterscheidet Boğazköy-Hattusa grundlegend von den vorhergehenden und nachfolgenden Kulturen dahingehend, dass bis heute sichtbare und wirkende Veränderungen in der Topographie der Region erhalten blieben.

Mit Blick auf den innerstädtischen Bereich spielen neben praktischen Notwendigkeiten (z. B. die Wasserversorgung) auch repräsentative und ideologische Überlegungen eine große Rolle bei der Formung der urbanen Landschaft. Das Phänomen der aktiven Landschaftsgestaltung unterscheidet hethitische Städte bereits in grundsätzlicher Hinsicht von den älteren und jüngeren Siedlungen Anatoliens. Gleichzeitig ist die Hauptstadt jedoch durch eine Vielzahl von Beispielen aktiver Maßnahmen zur Formung des Lebensraums geprägt, die weit über das in anderen Städten belegte Maß hinausgehen. Diese sind zweifelsohne auf die besondere Funktion und die damit verbundenen besonderen ideologischen Bedingungen zurückzuführen und werden somit im direkten Vergleich mit anderen Siedlungen in Hattusa in besonderer Klarheit sichtbar.

Insbesondere fällt im Falle von Hattusa die klare Abgrenzung der Stadt an sich und einzelner innerstädtischer Bereiche auf. Die Art, Grenzen unter Einbeziehung der Topographie zu ziehen, ist an der gesamten Stadt ebenso zu beobachten wie in der Unterscheidung einzelner Stadtbereiche und auch in der Abgrenzung einzelner Gebäude.

Ein gutes Beispiel für dieses Vorgehen ist die Palastanlage auf Büyükkale, die als Ganzes topographisch klar vom Rest der Stadt abgegrenzt und in sich durch verschiedene Höhenstufen nochmals mehrfach gegliedert wird. Ein ähnliches Prinzip der vertikalen und horizontalen Abgrenzung findet sich zum Beispiel auch im Falle des zentralen Tempelviertels in der Oberstadt. Die Tatsache, dass sich Hattusa über nahezu ein Jahrtausend von der Frühbronzezeit bis zum 13. Jh. v. Chr. entwickelte, bietet nicht nur die Möglichkeit, die Entstehung dieser repräsentativen Formen nachzuzeichnen, sondern auch - und unter Berücksichtigung der historischen Überlieferung - die Gründe für deren Entstehung zu erforschen.

Um den angeschnittenen Fragestellungen weiter nachgehen zu können, wurde 2006 parallel zu den Ausgrabungen mit ausgedehnten Begehungen und geophysikalischen Prospektionen begonnen. Diese zeigen, dass weite Teile der bisher unerforschten Stadt dichte Bebauung aufweisen. Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass nach den Ergebnissen der Geomagnetik auch außerhalb der Stadt mit einer lockeren Besiedlung zu rechnen ist, die möglicherweise aus einzelnen Gehöften bestand. Es werden so erstmals Einblicke in die Art der Verbindung zwischen der Stadt und ihrem Umland möglich.

Soziale Hierarchien:
Die Erforschung der Frage, inwieweit sich soziale Hierarchien in der Stadtlandschaft von Hattusa widerspiegelten, steht noch weitgehend am Anfang. Einerseits sind weite Bereiche der Stadt noch gänzlich unbekannt, andererseits wurden in den bisherigen Forschungen vor allem Wohngebiete nur ansatzweise untersucht. Dennoch werden an der bekannten internen Zonierung und klaren Separierung einzelner Funktionsbereiche (Tempel vs. Palast) entsprechende Hierarchien deutlich. Insbesondere der Vergleich zwischen der Unter- und der später angelegten Oberstadt kann zeigen, inwieweit soziale oder ideologische Hierarchien zur Ausbildung bzw. Gestaltung einzelner Stadtareale beitrugen. Ein weiterer Aspekt, der auf festgefügte Hierarchien hinweist, ist die Tatsache, dass bestimmte Gebäudeformen über mehrere Jahrhunderte unverändert fortgeführt wurden, während sich andere wandeln konnten. Die große Menge an Gebäuden gleicher Funktion, deren Grundriss sich über die Zeit veränderte, ermöglicht im Verbund mit der textlichen Überlieferung eine Annäherung an die Frage, in wie weit die Form durch die Funktion bedingt war, und ob es Freiheiten gab, bzw. durch wen die Form bestimmt wurde.

Im Zusammenhang mit sozialen Hierarchien stellt sich die Frage nach der funktionalen Entwicklung einzelner Stadtbereiche und den Gründen für Veränderungen. Insbesondere die laufenden Grabungen in der westlichen Oberstadt, im Tal vor Sarikale, erlauben Einblicke in die funktionale Entwicklung dieses Stadtbereichs und in die Gründe für dessen Veränderungen, in deren Zusammenhang nicht nur jeweils neue Funktionen, sondern auch neue soziale Gruppen in diesem Teil der Stadt verankert wurden. Ähnliche Veränderungen sind auch im zentralen Tempelviertel zu beobachten, das nach dem Auflassen einiger Tempel zu einem Werkstattareal umgewidmet wurde.

Ressourcen und Kontrolle über das Umland:
Eine Stadt von der Größe Hattusas benötigte zwangsläufig eine enorme Menge an Rohstoffen. Diese wurden sicher zu einem großen Teil im unmittelbaren Umfeld der Stadt gewonnen. Die Wechselwirkung zwischen Stadt und Umland ist im Falle von Hattusa noch weitgehend unerforscht, weshalb für die kommenden Jahre Feldforschungen in diese Richtung unternommen werden sollen.

In einem zweiten Punkt, der Kontrolle über das Umland bzw. der Gestaltung desselben, kann dagegen auf Vorarbeiten zurückgegriffen werden, die einen spürbaren Einfluss der Stadt auf ihr Umland mittels kleinerer Strukturen (evtl. Kastelle oder Türme oder Ähnlichem) während der hethitischen Zeit erkennen lassen. Wahrscheinlich kommt in diesem System eine Kontrolle der Landschaft um die Stadt zum Ausdruck, das nicht nur einem Bedürfnis nach Sicherheit, sondern auch der Notwendigkeit der Versorgung mit Agrargütern und Rohstoffen diente.

Erwartungen:
Aufgrund seiner Stellung als Hauptstadt eines der wichtigsten Großreiche des 2. Jts. v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum bietet die Erforschung von Hattusa zahlreiche Möglichkeiten für einen komparatistischen Ansatz. Insbesondere der Fragenkomplex der aktiven Formung der Landschaft und der Gründe für diese Gestaltung verspricht im Vergleich mit anderen, ähnlich gearteten Zentren eine Trennung des genuin Hethitischen von eher allgemein gültigen Strategien.

Contact: PD Dr. Andreas Schachner (E-Mail: schachner@istanbul.dainst.org)

zum Projekt: Hattusa-Boğazköy

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