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Siedlungskomplex Orlovka-Kartal und die frühe Kupferzeit im nordwestlichen Schwarzmeer-Gebiet (Ukraine/Republik Moldau)

Das neue Projekt des DAI und der Freien Universität Berlin widmet sich der Untersuchung des frühkupferzeitlichen Kultursystems in den Steppen des nordwestlichen Schwarzmeergebietes.  Die Forschungsarbeiten sind für die Periode 2011-2014 geplant.

Θέση

Das nordwestliche Schwarzmeergebiet, als westlicher Ausläufer der eurasischen Steppe, wird vom Schwarzen Meer im Süden, den Flüssen Pruth und Donau im Westen und Dnestr im Osten sowie von den moldawisch-ukrainischen Waldsteppengebirgen im Norden begrenzt. Heute gehört dieser Raum dem ukrainischen Odessa-Gebiet  und dem südlichen Teil der Republik Moldau. Eine Schlüsselposition in diesem Rahmen nimmt der Steinberg Kamenaja Gora, der sich in die Steppenlandschaft am linken Donauufer zwischen der Pruthmündung und dem Donaudelta erhebt. Hier kreuzen sich die wichtigen Land- und Wasserwege.  Sämtliche Ost-West und umgekehrt gerichteten Bewegungen und Kommunikationen, die das Karpaten-Balkan Gebiet und den Steppenraum verbinden, führen an der Kamenaja Gora vorbei und können von diesem Punkt konsequent und effektiv kontrolliert werden. Auf diesem Berg wurde die Siedlung Orlovka-Kartal errichtet.

Fundorte der Bolgrad-Aldeni- Kultur (Nr. 40-60; 65) und der Zepterträger-Gruppe (Nr. 61-64) im Raum der Donauseen des nordwestlichen Schwarzmeergebietes (50:  Orlovka-Kartal;  63. Giurgiuleşti; 64. Suvorovo; 65: Cialic) Orlovka-Kartal: Kamenaja Gora vom NW. © DAI Orlovka-Kartal: Kamenaja Gora vom N. © DAI

Στόχοι

Nach dem heutigen Forschungsstand erweist sich das Steppengebiet des nordwestlichen Schwarzmeeres im 5. Jt. v. Chr., d.h. zu Beginn der südosteuropäischen Kupferzeit, als ein noch immer stark mesolithisch geprägter Kulturraum. Im Unterschied zum weiter nördlich gelegenen Waldsteppengebiet und dem Karpaten-Balkan Raum im Westen, gibt es hier keine neolithischen Entwicklungsstadien. Die untersuchten Fundorte wie Mirnoe, Grebeniki und Girževo zeigen einen klaren mesolithischen Charakter und weisen eindeutig auf die auf Jagd- und Fischfangwirtschaft beruhenden Kulturzüge. Zu einem bedeutenden Wandel kam es in der Mitte des 5. Jt. v. Chr., nachdem sich die frühkupferzeitliche Bolgrad-Aldeni- Kultur aus ihrem Ursprungsgebiet in der Norddobrudža und der ostkarpatischen Moldau in das Steppengebiet östlich der Donau ausgebreitet hatte. Die Bolgrad-Aldeni-Kultur ist die einzige in der Steppenzone siedelnde karpatenbalkanische Kultureinheit. Neben dem Ackerbau hatten auch das Handwerk und die Haustierhaltung eine wichtige Rolle in der Wirtschaft dieser Kultur inne.

Im Umkreis der Bolgrad-Aldeni-Kultur tauchen die ersten reichen Steppengräber auf, in denen führende Persönlichkeiten der neu entstandenen lokalen Kulturgemeinschaften bestattet worden sind, (Giurgiuleşti, Suvorovo, Novoselskaja, Kainary, Falcîu, Fundeni, Casimcea u.a. Diese Gräber wurden als die Hauptvertreter der Steppenvariante der frühen Kupferzeit im nordwestlichen Schwarzmeergebiet (Giurgiuleşti und Suvorovo-Variante der Zepterträger-Gruppe) gedeutet.

Previous Activities

Im Jahr 2011 wurden die Untersuchungen planmäßig auf die folgenden Schwerpunkte konzentriert: die erste Grabungskampagne am Plateau der Kamenaja Gora und die weiteren Grabungen im Nekropolenbereich in Orlovka-Kartal (Bez. Ismail, Ukraine); geophysikalische Prospektionen in Cialic (Bez. Taraclia, Republik Moldau).
Am oberen Plateau des Orlovka-Kartals (Kamenaja Gora) wurde eine Fläche von 64 m/q untersucht  Dabei konnten alle bereits in der Vorburg bestätigten Besiedlungsperioden, d.h. die kupfer- und  hallstattzeitliche sowie griechisch-hellenistische und römische Phase festgestellt werden. Allerdings, weisen die freigelegten Siedlungssedimente  eine unerwartet große Stärke von über 6 m, womit deutlich wurde, dass die zentrale Siedlung in Orlovka-Kartal auf diesem strategisch gut positionierten Plateau angelegt wurde.  Die erste 2,5 - 3 m gehörten der kupferzeitlichen Siedlung und darüber, ab einer Tiefe von ca. 3,5 – 3 m fängt die früheisenzeitliche Schicht an, die zusätzlich von den antiken Sedimenten bedeckt war.  Die kupferzeitlichen Sedimente tauchen in zwei stratigraphisch getrennten Abschnitten auf: untere Schicht (Ia - Sedimenten 25-42), die der frühkupferzeitlichen Bolgrad-Adeni - Kultur entspricht, und obere Schicht (Ib – Sedimenten 22, 24), die der Cernavodă I-Kultur angehört
Die frühkupferzeitliche Bolgrad-Aldeni -Siedlung, der in diesem Zusammenhang unser primäres Interesse zukam, umfasst die Schichten von 6 m bis 4,5 m und erwies sich also als eine der reichsten Besiedlungsperioden im Fundort Orlovka-Kartal.  Eine ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse kann erst nach dem Erhalt aller Resultate der durchgeführten interdisziplinären Untersuchungen erfolgen. Hier ist nur zu betonen, dass der freigelegten Material (Keramik, Stein- und Knochengeräte u. a.), zahlreiche Vorratsgruben und anderen Siedlungseinrichtungen, zum ersten Mal das schon längst vermuteten Bestehen einer mächtigen Bolgrad-Aldeni-Siedlung in diesem Ort nachgewiesen haben.
In der Nekropole konnten 53 hallstattzeitliche Gräber und drei Bestattungen der  spätkupferzeitlichen Cernavoda I-Kultur  freigelegt werden. Die Bestattungen der Bolgrad-Aldeni Kultur wurden  nicht festgemacht, was nicht weiter verwunderlich ist,  die die Grabsitten dieser Kultur bislang im Allgemeinen unbekannt sind. Grabungen am Kamenaja Gora. © DAI

Die geomagnetische Prospektion in Cialik umfasste eine Fläche von ca. 7000 m/q in der sich den Oberflächenfunden nach das Bestehen einer Siedlung  der Bolgrad-Aldeni-Kultur  gründlich vermuten lies. Eine Auswertung der Prospektionsergebnisse  zeigte 13 nebeneinander konzentrierten Siedlungsstrukturen, die mit einigen grabenartigen Einrichtungen umgeben sind.Das weißt eindeutig auf die viereckigen in Reihen geordneten Häuser einer kleiner mit Schutzgraben befestigten  Siedlung der Bolgrad-Aldeni-Kultur auf.
Die erzielten archäologischen und naturwissenschaftlichen Ergebnisse brachten bereits in erstem Forschungsjahr  eine Vielfalt von neuen und bedeutsamen Daten, zu kulturhistorischen Entwicklung des Steppengebietes während der frühen Kupferzeit.  Als besonders wichtig erwies sich die Entdeckung der Bolgrad-Aldeni-Siedlung auf dem Plateau Kamenaja Gora in Orlovka-Kartal womit  nachgewiesen wurde, dass dieses strategische Ort bereits zu Beginn der Kupferzeit einer Kultur- schwerpunkt gewesen war. Die geomagnetischen Prospektionen gaben die Anhaltspunkte für die im Jahr 2012 geplanten Untersuchungen der Siedlung Cialic.  Als die nördlichste Niederlassung der Bolgrad-Aldeni-Kultur in diesem  Gebiet wird diese Siedlung ein wichtiger Verbindungspunkt in den Beziehungen zwischen den kupferführenden balkanischen Kulturen und den Steppenverbänden zu Beginn der Kupferzeit präsentieren.

Profil-Ost, Kulturstratigraphie. © DAIHorizont der Bolgrad-Aldeni-Kultur. © DAI

Methodology

Im Rahmen der Feldforschungen werden neben der archäologischen Dokumentation auch Daten für  naturwissenschaftliche Untersuchungen gesammelt. Dazu zählen Archäobotanik, Archäozoologie, Anthropologie, 14C-Datierungen und  die isotopenchemische Untersuchung von Tierzähnen.  Parallel zu den archäologischen Grabungen werden geomorphologische und paläoökologische Untersuchungen durchgeführt mit dem Ziel, die Umweltbedingungen und besonders die Fluss- und Seedynamik während der kupferzeitlichen Besiedlungsperiode im Umfeld des Orlovka-Kartals zu rekonstruieren. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Meeresspiegelschwankungen des Schwarzen Meeres auf das Erosions- und Sedimentationsverhalten im Gebiet um das Donau-Delta ausgewirkt haben und welche Rückwirkung das auf die Landnutzung und Siedlungsentwicklung gehabt hat.

 

Geomagnetisches Bild der Bolgrad-Aldeni-Siedlung. © DAI

Current research

Innerhalb des Forschungsvorhabens werden auf der Grundlage einer interdisziplinären Feldforschung Prozesse untersucht, die den oben genannten Kulturwandel in Gang setzten und zur Umwandlung einer auf Jagd, Fischfang und Sammeln beruhenden in eine Viehzucht treibende Wirtschaft in diesem Teil der osteuropäischen Steppen geführt haben. Es wäre zu überprüfen, welche Art der Beziehungen zwischen der Bolgrad-Aldeni- und den lokalen Steppen-Verbänden bestand, und welche Adaptationsstrategie einer Koexistenz dieser diametral unterschiedlichen Kulturgemeinschaften zu Grunde liegt. Ausschlaggebend ist die Frage, ob der Handel mit der Bolgrad-Aldeni-Kultur und mit den anderen karpaten-balkanischen Kulturen eine entscheidende Antriebskraft für diese Kulturwandel ist, oder es noch andere soziale und geoklimatische Faktoren gab, die dazu beigetragen haben. Die geplanten systematischen und interdisziplinären Untersuchungen in Orlovka-Kartal und im umliegenden Steppengebiet sollen ein Beitrag zur Lösung dieses Fragekomplexes leisten.

In diesem Zusammenhang wird eine besondere Bedeutung dem Siedlungskomplex Orlovka-Kartal zugeteilt. Die Grabungen der Siedlungsschichten am zentralen Plateau und in der Vorburgzone sollen zur Lösung zahlreicher Fragen zu Stratigraphie, Chronologie, Materialtypologie und Hausarchitektur dieser Siedlung sowie zur Genese der Bolgrad-Aldeni- Kultur beitragen.

Bemalte Keramik der Bolgrad-Aldeni-Kultur. © DAI Steinbeil der Bolgrad-Aldeni-Kultur. © DAI Anthropomoprhe Figurine der Bolgrad-Aldeni-Siedlung. © DAI

Συνεργασίες

Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt des Instituts für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Bernhard Hänsel) und der Eurasienabteilung des DAI (Prof. Dr. Svend Hansen).

Partnerinstitution

High Anthropological School Kišinev, Republik Moldau
Archäologisches Museum der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften Odessa, Ukraine
Technische nationale Universität  „L.I. Mechnikov“ Odessa, Ukraine

Bιβλιογραφία

I. V. Manzura, The East-West interaction in the mirror of the eneolithic and early bronze cultures in the nordwest Pontic. Rev. Arch. I, 23-53.

B. Govedarica, Zepterträger - Herrscher der Steppen. Die frühen Ockergräber des älteren Äneolithikums im karpatenbalkanischen Gebiet und in Steppenraum Südost- und Osteuropas (Mainz 2004).

B. Govedarica, Zentrum und Peripherie im 5. Jahrtausend v. Chr.: Zur Entstehung und Ausbreitung der europäischen Kupferzeit. In: J. Apakidze, B. Govedarica, B. Hänsel (Hrsg.), Der Schwarzmeerraum vom Äneolithikum bis in die Früheisenzeit (5000-500 v. Chr.), Kommunikationsebenen zwischen Kaukasus und Karpaten. PAS 25, Rhaden/Westf. 2009, 60-73.

B. Govedarica, I. Manzura, Grundzüge einer Kulturgeschichte des nordwestlichen Schwarzmeergebietes im 5. und 4. Jahrtausend v. Chr. In: E. Sava, B. Govedarica, B. Hänsel (Hrsg.), Der Schwarzmeerraum vom Äneolithikum bis in die Früheisenzeit (5000-500 v. Chr.), globale Entwicklung versus Lokalgeschehen. PAS 27, Rhaden/Westf. 2011, 41-62.

E. G. Konikov, Sea-level fluctuations and coastline migration in the northwestern Black Sea area over the last 18 ky based on high resolution lithological-genetic analysis of sediment architecture. In: Yanko-Hombach, V., Gilbert, A.S., Panin, N., Dolukhanov, P.M. (Eds.), The Black Sea Flood Question: Changes in Coastline, Climate, and Human Settlement. Springer, Dordrecht, 2007, 405 - 435.

http://www.dainst.org/de/project/cernavoda-usatovo-kultur?ft=all

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