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Grenzstadt und Handelsposten an der Südgrenze Ägyptens
Die Nilinsel Elephantine mit ihrer gleichnamigen antiken Siedlung befindet sich am nördlichen Zugang des Ersten Katarakts (Abb.1). Unmittelbar an den sehr engen Fruchtlandstreifen grenzend beginnen die westlichen und östlichen Wüstengebiete. Ihr gegenüber auf dem Ostufer des Flusses liegt die moderne Großstadt Assuan.
Die Stadt liegt vom 4. Jt. v. Chr. an kontinuierlich in einer Pufferzone zwischen unterschiedlichen Wirtschaftsräumen, politischen Systemen und variierenden naturräumlichen Gegebenheiten.
Die Siedlung von Elephantine stand zunächst im Schatten der Erforschung der großen Monumente Ägyptens. Sie war vor allem durch seinen antiken Nilmesser bekannt. Die Entdeckung zahlreicher Papyri durch lokale Abgrabungen des Siedlungshügels führte zu ersten archäologischen Untersuchungen des Museums von Berlin und der Académie des Inscriptions et Belles Lettres Paris. In den 30er- und 40er Jahren wurde durch den ägyptischen Antikendienst u.a. das Heiligtum des Heqaib und restauriert. Seit 1969 ist die Stadtgeschichte mit ihrem Tempel und ihrer Nekropole das Ziel der Untersuchungen.
Nach ersten Hinweisen auf eine Präsenz im 5./fr. 4. Jt. v. Chr. ist um 3300 v. Chr. erstmals eine kontinuierliche Siedlungstätigkeit auf Elephantine im Bereich der hochwasserfreien Südspitze nachzuweisen. Zu den wichtigsten Befunden gehört die Sequenz der Tempel der Satet: Der Kult der Göttin, die mit der jährlichen Nilflut in Zusammenhang gebracht wurde, ist seit der späten Vorgeschichte kontinuierlich bis zur Schließung der Tempel in der frühchristlichen Zeit sowohl archäologisch wie auch textlich belegt. Ein weiteres wichtiges Heiligtum im Zentrum der Stadt war seit der Wende zum 2. Jt. v. Chr. dem Gott Chnum geweiht. Eine Vielzahl kleinerer Sanktuare gehörte zur lokalen Sakraltopographie. Vor allem sind es aber die Nilstandsmesser der Tempel, die auch in wirtschaftlicher Hinsicht landesweite wirtschaftliche Bedeutung besaßen.
Dieses Ensemble wird von einer gewachsenen, aus ungebrannten Lehmziegeln errichteten Siedlung umgeben, die sich im Lauf der Zeit zu einem gut 20 m hohen Siedlungshügel entwickelte. Wichtige Einschnitte in der Geschichte der Stadt sind die Befestigungsmaßnahmen, die im Verlauf der Frühdynastischen Zeit (um 2800 v. Chr.) das Siedlungsgebiet betrafen. Elephantine ist mit dem Beginn der ägyptischen Staatlichkeit ein Ort, von dem militärische Operationen gegen den Süden ausgehen, von wo der Handel mit dem Süden organisiert wird und an dem zu allen Zeiten ein reger Kontakt mit den angrenzenden nubischen Kulturräumen bestand.
In diesem Zusammenhang spielten die sog. Expeditionsleiter eine bedeutende Rolle. Ihre biographischen Texte, die sie in ihren Felsgräbern auf der Westseite von Assuan anbrachten, geben ein detailliertes Bild von den Anforderungen und Gefahren des Handels mit dem Süden im späten 3. Jt. v. Chr. Eine exponierte Person in diesem Zusammenhang war Heqaib/Pepinacht, der noch bis in die 2. Zwischenzeit hinein (um 1650 v. Chr.) in einem eigenen Heiligtum auf Elephantine verehrt wurde.
Während des Neuen Reiches (1550-1050 v. Chr.) verliert Elephantine durch die erfolgreiche Expansionspolitik den Charakter einer Grenzstadt – aus dieser Zeit liegen zahlreiche Hinweise für die Ausgestaltung der Tempel und die Präsenz hoher Persönlichkeiten aus Anlass von Festen und auf der Durchreise in das nubische Koloniegebiet am Ersten Katarakt vor.
Bald darauf aber ist Elephantine von etwa 1000 v. Chr. an wieder Grenzposten, so auch zur Zeit der persischen Besetzung Ägyptens (sp. 6. – fr. 4. Jh. v. Chr.), als eine aramäische Garnison im Stadtzentrum eingerichtet wird.
In der Spätzeit (um 350 v. Chr.), der mittleren Ptolemäerzeit (um 150 v. Chr.) und der frühen Kaiserzeit finden die letzten großen Bauprojekte am Satet- und Chnumtempel statt. Von ihnen ist die wohl augustäische Terrasse des Chnumtempels noch heute ein Wahrzeichen der Insel.
In der frühchristlichen Zeit, in der Elephantine wieder im Bereich eines Grenzkonflikts mit benachbarten Nomaden steht, wird im Chnumtempel eine Garnison einquartiert. Im frühen 5. Jh. folgt die Schließung der nun „heidnischen“ Tempel und im Stadtgebiet entstehen mehrere Kirchen. Im 10./11. Jh. n. Chr. ist mit dem Ende der Besiedlung des Haupthügels zu rechnen.
Auf dem Ruinenhügel errichtete das Ministerium für Wasserwirtschaft 1906 ein repräsentatives Dienstgebäude, welches seit spätestens 1914 ein kleines Inselmuseum beherbergte. Am Fuß des Ruinenhügels ist seit der frühen Neuzeit ein heutzutage von Nubiern bewohntes Dorf der jüngste Abschnitt einer nunmehr gut 6000jährigen Besiedlung der Insel.
Die Unternehmung will verschiedene Bereiche der Siedlung, der Tempel und der Friedhöfe in ihrer Wechselbeziehung, ihrer Entwicklung und in den Details ihrer Abläufe erfassen. Über die reine Bauabfolge hinaus muss dem kulturgeschichtlichen Verständnis dieses einzigartigen Ensembles am Ersten Katarakt das eigentliche Interesse gelten.
Es ist darüber hinaus ein Anliegen des Projekts, die Ergebnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierbei wird die seltene Gelegenheit wahrgenommen, Lehmziegelarchitektur begehbar präsentieren zu können.
Hierzu gehört die Einbindung in größere wirtschaftliche, politische, ethnische und soziale Zusammenhänge wie auch ihr Spiegel im regionalen und lokalen Rahmen. Das Ziel ist hierbei, die Zusammenhänge auch über die Grenzen der Epochen und ihrer Fachdisziplinen zu erfassen. Hierfür bieten die erstklassigen, klimatisch bedingten Erhaltungsbedingungen, wie auch die relativ überschaubare Größe dieser bedeutenden Stadt ideale Voraussetzungen.
Die Unternehmung unterstützt derzeit die Bestrebungen des Antikendienstes, eine umfassende Renovierung und Neugestaltung des Museums der Insel zu erreichen. Das Ziel ist es, den diachronen Forschungsansatz, der die Stadt mit regionalen und überregionalen kulturgeschichtlichen Zusammenhängen in Bezug setzt, dem Besucher zugänglich zu machen.
Die hervorragend erhaltene Schichtbildung erfordert und ermöglicht eine äußerst kleinteilige Arbeitsweise im Feld. Sie wird begleitet von einem ausgedehnten Aufarbeitungsprogramm, in dem die verschiedenen archäologischen, philologischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen und notwendigen Konservierungsmaßnahmen eng miteinander zusammenarbeiten, um die gegenseitigen Abhängigkeiten im Fundmaterial zu erfassen und das hiermit verbundene Potential für die Forschung auszuschöpfen.
Grundlage hierbei ist eine vor allem anhand der Sequenz der Keramikfunde systematisierte Bauabfolge, die platzübergreifend die unterschiedlichen Befunde der Siedlung in Bezug setzt. In den folgenden Kampagnen soll vermehrt auch naturwissenschaftliche Analytik zum Einsatz kommen.
Ein weiterer Ansatz zu einem umfassenden Verständnis des Platzes besteht in der Verknüpfung der Unternehmung mit weiteren Projekten der Abteilung in der unmittelbaren Umgebung. Hierzu gehört der Survey auf dem Westufer, die Untersuchungen auf dem Fatimidenfriedhof von Assuan, die epigraphische Dokumentation der Felsinschriften in Assuan und am südlichen Zugang zum Ersten Katarakt bei Schellal und auf der Insel Bigga.
Mit der 1. Tagung zum Ersten Katarakt wurde eine Plattform des Austauschs mit anderen Projekten und Unternehmungen der Region geschaffen, deren Fortsetzung für 2011 vorgesehen ist.
Während der seit 1969 jährlich stattfindenden sechsmonatige Kampagnen wurde ein Gerüst der Entwicklung über einen Zeitraum von gut 5000 Jahren erarbeitet. Dies betrifft die Abfolge der Stadtentwicklung und einzelner Monumente. Begleitet wird dies von Rekonstruktionsvorhaben wie etwa den Tempeln der Göttin Satet, deren bauliche Entwicklungsstufen im Gelände wiedererrichtet wurde (Abb.2). Auch eine Reihe von Wohnquartieren des 3. Jt. v. Chr. – 1. Jt. n. Chr. ist mittlerweile veröffentlicht und im Gelände zu besichtigen (Abb. 3-4).
Elephantine ist im 4. Jt. v. Chr. zunächst einer unter vielen Siedlungspunkten im oberägyptisch-unternubischen Raum. Die Untersuchungen zeigen, wie es im frühen 3. Jt. v. Chr. zu einer Bevölkerungsverdichtung kommt, im Zuge derer die überwiegende Zahl der nubischen wie ägyptischen Regionalbevölkerung in der Stadt wohnen, die nun auch eine Befestigung aufweist. Von der mittleren 2. Dynastie (um 2750 v. Chr.) an liegen in Gestalt von zahlreichen Siegelverschlussfragmenten die ersten Hinweise auf eine umfassende Verwaltungsaktivität vor. In diesem System spielte auch der Tempel der Göttin Satet eine wichtige Rolle als Zentrum des sozialen, wirtschaftlichen und spirituellen Lebens. Zunächst in einer natürlichen Felsnische gelegen, kann seine Geschichte beginnend mit der ersten bescheidenen Hüttenanlage von ca. 3300 v. Chr. an verfolgt werden. Neben der an sich bescheidenen Ziegelarchitektur ist hier das Fundgut mit einem weiten Spektrum an Votiven für das Verständnis der Religion vor allem des 3. Jt. v. Chr. eine reiche Quelle. Als weitere Schaltstelle der Zentralgewalt kann eine Verwaltungsanlage mit angeschlossener Stufenpyramide aus der 3. Dynastie (um 2650 v. Chr.) angesehen werden.
Gleichfalls im 3. Jt. v. Chr. entsteht ein Kult der Expeditionsleiter des Alten Reichs, der auf Elephantine vor allem durch Funde aus dem Gebäudekomplex der späten 6. Dynastie (um 2200 v. Chr.) belegt ist. Hieraus entwickelt sich eine Kultkontinuität, in der seit ca. 2000 v. Chr. nur noch die Person des Heqaib belegt ist.
Die Stadtplanung des späten 3. Jt. v. Chr. ist mit annähernd rechtwinklig angeordneten Straßenzügen bis ins frühe Mittleren Reich greifbar. Eine Großküche hat hier wohl für einen größeren Personenverband Speisen zubereitet. Im anschließenden Mittleren Reich (2000-1700 v. Chr.) ist anhand von großen Mengen von Siegelabdrücken wiederum die Einbindung der Bewohner in zentral gesteuerte Verwaltungsvorgänge greifbar. Die Wohnbauten sind nun erstmals mit einzelnen, an heutigen Familiengrößen orientierten Hausparzellen zu belegen.
Eine dichte königliche Bauaktivität ist im Rahmen der Verstaatlichung der Götterkulte auch auf Elephantine zu beobachten. Die Tempel der späteren 11. und 12. Dynastie (um 2050 - 1950 v. Chr.)bieten zugleich die Bühne für das landesweit bedeutende Fest der Nilflut, mit dem im Kult das lebenswichtige Flutereignis begleitet wurde.
In dieser Zeit wird noch stärker als zuvor die räumliche Nähe nubischer Kulturträger deutlich. In annähernd jedem Fundkomplex erscheinen nun Keramikerzeugnisse der Medja-Nomaden, die in unmittelbarem Umkreis der Stadt siedelten. Die veränderte Situation im späten Mittleren Reich (um 1750 v. Chr.) mit einem erstarkenden Nachbarn im Süden, dem Reich von Kerma, bringt wohl auch die Neuerrichtung einer Stadtmauer mit sich, die nun fast den gesamten hochwasserfreien Südbereich der Insel einschließt. Im Verlauf der 2. Zwischenzeit ist zweifelhaft, ob Elephantine überhaupt noch im Zugriffsbereich der oberägyptischen Zentralgewalt lag oder ob nicht etwa auf Elephantine, wie es am Zweiten Katarakt belegt ist, eine Oberherrschaft des Kerma-Königs anerkannt wurde.
Die Schichten des fortgeschrittenen Neuen Reichs sind in der Siedlung schlecht erhalten, doch deuten die wenigen Reste auf großzügige Anlagen mit polychromen Wandmalereien hin. Dekorierte Türgewände geben gleichfalls Aufschluss zur Oberschicht dieser Zeit. Dafür sind mit dem Satet- und dem Chnumtempel zwei Neubauten der 18. Dynastie (ca. 1475-1450 v. Chr.) belegt. Wieder wird dem natürlichen Flutereignis eine Inszenierung im Festkult mit einer Wasserrinne durch den Tempel der Satet gegenüber gestellt.
Die erneute Unsicherheit der Grenze spiegelt sich mit Erneuerungen der Stadtmauer in der 3. Zwischenzeit wieder. Ihr folgt die Übernahme Ägyptens durch die sudanesischen Herrscher von Napata, der 25. ägyptischen Dynastie (um 750 v. Chr.). Nach einer Phase der Restauration während der 26. Dynastie, die besonders unter Psammetich II (595-589 v. Chr.) eine neue Aktivität im Chnumtempel bezüglich der Ausstattung wie auch der Bautätigkeit erlebt, ist im 5. Jh. v. Chr. der nächste wichtige Punkt der Stadtentwicklung mit dem aramäischen Stadtbezirk und dem jüdischen Tempel gegeben. Innerhalb des Stadtzentrums bestand hier als Grenzgarnison im Vielvölkerstaat des Perserreichs eine Präsenz jüdischer Soldaten und ihrer Familien. An der Wende zum 4. Jh. v. Chr. endet die Beleglage für diese Kolonie.
Die 30. Dynastie ist auf Elephantine vor allem mit dem großen Chnumtempel Nektanebos II. (360-343 v. Chr.) verbunden, der eine Serie von neuen Sanktuarbauten und –erneuerungen einleitet. Am Ende dieses Prozesses, der auch den Satettempel mit einem Neubau um 150 v. Chr. betrifft, wird die Theologie von Elephantine auch architektonisch mit einer Vielzahl kleiner Tempel und Sanktuare entfaltet. Aus dieser Phase ist auch der Kultbezug zu den Nilometern deutlich vorhanden.
Die Spätantike ist seit dem frühen 5. Jh. mit einer Vielzahl von Einbauten aus dem Chnumtempel gut belegt: Im Schutz der Umfassungsmauer der stillgelegten Göttertempel entsteht in frühchristlicher Zeit zunächst eine Militäransiedlung, aus der sich bald eine urbane Entwicklung ablesen lässt. Zahlreiche größere und kleinere Kirchen gehören zu diesem jüngsten Baubestand, bevor im 10./11. Jh. die Besiedlung von Elephantines Haupthügel endet.
Schweizerisches Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde. Ansprechpartner: Cornelius von Pilgrim
Akademie der Wissenschaften Warschau (Ansprechpartner: Ewa Laskowska-Kusztal)
IEMAR (Institute of Architectural Sciences Digital Architecture and Planning,
Universität Wien; Ansprechpartner: Dr. Peter Ferschin, Andreas Jonas und Iman Kulitz
Über Forschungsstipendien, Dissertations- und Magisterprojekte bestehen u.a. Verbindungen mit den Universitäten Basel, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Hannover, Leipzig, Münster und Würzburg.
W. Kaiser, Elephantine - Die antike Stadt (Führungsheft, 1998)
G. Dreyer, Der Tempel der Satet. Die Funde der Frühzeit und des Alten Reiches, Elephantine VIII, Mainz 1986
H. Jaritz, Die Terrassen vor den Tempeln des Chnum und der Satet, Elephantine III, Mainz 1980
M. Ziermann, Befestigungsanlagen und Stadtentwicklung in der Frühzeit und im frühen Alten Reich, Elephantine XVI, Mainz 1993
C. v. Pilgrim, Untersuchung in der Stadt des Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit, Elephantine XVIII, Mainz 1996.
Online: Excavation and Restoration on Elephantine Island: Berichte seit der 33. Kampagne (2003/2004):
33rd Season 2004 (pdf, 2.99 Mbyte)
34th Season 2005 (pdf, 3.21 Mbyte)
35th Season 2006 (pdf, 3.21 Mbyte)
36th Season 2007 (pdf, 3.63 Mbyte)
37th Season 2008 (pdf, 2.34 Mbyte)
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