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Archäologische Untersuchungen zu Entstehung, Entwicklung und Niedergang eines latènezeitlichen Zentralortes

Das Oppidum von Manching mit seinen heute als obertägig sichtbares Bodendenkmal erhaltenen Wällen liegt südöstlich von Ingolstadt (Bayern), östlich des Unterlaufs der Paar. Die topographisch günstig auf einer hochwasserfreien Schotterebene gelegene eisenzeitliche Siedlung schloss in der Antike an den Lauf der Donau an, die sich heute einige Kilometer nördlich in West-Ost-Richtung entlangzieht.
Die verkehrgeographische Lage des modernen Marktes Manching am Kreuzungspunkt der BAB 9 und der Bundesstraße 16 veranschaulicht auch heute noch einige Faktoren, die zur Gründung einer latènezeitlichen Großsiedlung am südlichen Rand der Donau-Schotterebene geführt haben: schon vor über 2000 Jahren markierte die Donau eine bedeutende West-Ost-Passage, die hier mit einer Nord-Süd-verlaufenden, dem Lauf der Paar folgenden Verkehrsachse zusammentraf. Ein an einem Altarm gelegener mutmaßlicher Hafen dürfte Warenumschlag und Austausch begünstigt und die lange Zeit unbefestigte Großsiedlung zu einem überregional bedeutenden Handelsknotenpunkt gemacht haben.
Neben seiner verkehrstopographischen Gunstlage, die durch Funde mediterraner und innerkeltischer Importgüter illustriert wird, spielten zweifellos auch die in unmittelbarer Nähe anstehenden mineralischen Ressourcen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des urbanen Zentrums. Das sich südlich der Ansiedlung anschließende Sumpf- und Feuchtbodenareal „Feilenmoos“ birgt Vorkommen von Raseneisenerz, das als Grundlage einer vermutlich intensiven Metallindustrie diente. Neben Handel und Metallverarbeitung etablierten sich weitere Handwerkszweige, wie Glasherstellung, Knochen- und Geweihverarbeitung sowie Töpfereibetriebe. Im Verbindung mit dem agrarisch dominierten Umland entwickelte sich Manching zu einem prosperierenden Wirtschaftszentrum, das nicht zuletzt durch die Herstellung von Münzen seine wirtschaftliche und politische Bedeutung im Mittelpunkt eines nordalpinen Großraums manifestierte.

Seit 1956 untersucht die Römisch-Germanische Kommission die Archäologie und Geschichte des keltischen Oppidums von Manching, das zu den am umfassendsten erforschten eisenzeitlichen Siedlungen Mittel- und Nordeuropas zählt. Die intensiv betriebenen archäologischen Forschungsarbeiten und Publikationen zu Manching stellen Grundlagen der europäischen Eisenzeitarchäologie dar.
Der auf weiten Strecken bis heute erhaltene Befestigungsring des Manchinger Oppidums war als „Pfahl“ – so seine Bezeichnung im Volksmund – spätestens seit dem Mittelalter im Bewusstsein der Manchinger Bevölkerung verankert. Seit dem 19. Jahrhundert zog der Platz das Interesse der historischen Forschung auf sich, die sich seiner Deutung und den nunmehr häufiger vermerkten Fundmeldungen aus dem Innenraum der Wallanlage zuwandte. Erste Ausgrabungen des Gräberfeldes in der Flur „Steinbichel“ und am Wall gegen Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten der archäologischen Forschung das Potential des Manchinger Bodendenkmals, das in den folgenden Jahren im Zuge kleinerer Sondagen mehrfach in das Blickfeld der Archäologie geriet.
Beim Bau eines Militärflugplatzes im Jahr 1936 wurden große Teile des Siedlungszentrums, der östlichen Peripherie und des dortigen Wallverlaufs leider unbeobachtet zerstört. Schwere Bombardierungen, die das Umfeld der Startbahn in der Endphase des Zweiten Weltkrieges trafen, zogen weitere Beeinträchtigungen nach sich.
Seit 1955 setzte im Zuge der Instandsetzung und des Ausbaus des Flugplatzes die intensive und systematische archäologische Erforschung des Oppidums ein, die seit 1956 zum größten Teil durch die Arbeit der Römisch-Germanischen Kommission getragen wird. In mehreren großflächigen Grabungsarealen („Zentralfläche 1955–1973“, „Südumgehung 1965–1971“, Nordumgehung 1984–1987“, „Altenfeld 1996–1999“, „E.ON 2002“, „EADS 1999–2002“) konnten seitdem wichtige Erkenntnisse zur Chronologie, Funktion und Gliederung eines eisenzeitlichen Zentralortes der vier letzten vorchristlichen Jahrhunderte gewonnen werden. Die in zahlreichen Artikeln in der Zeitschrift „Germania“ und den „Berichten der Römisch-Germanischen Kommission“, vor allem aber in der Reihe „Ausgrabungen in Manching“ publizierten Ergebnisse sind in vielerlei Hinsicht Grundlage der europäischen Eisenzeitforschung.
Sie gestatten, die Geschichte des latènezeitlichen Oppidums detailliert nachzuzeichnen: Ausgehend von mindestens zwei Siedlungen, die durch ihre Nekropolen in den Fluren „Steinbichel“ und „Hundsrucken“ belegt sind, entsteht gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine Zentralsiedlung, die im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu wirtschaftlicher Blüte heranwächst. Ein bedeutender Faktor bei der Siedlungsentstehung dürfte neben wirtschaftlichen Aspekten die Existenz von Kultorten gewesen sein, die nach Ausweis von Funden schon seit früher Zeit in Manching existierten. Sie legen nahe, das der Ort seine Existenz und seinen Aufstieg auch der Rolle als herausragendes religiöses Zentrum verdankt. Im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. streigt Manching zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte auf: Handwerk und Handel florieren, Südimporte und Luxusgüter strömen in die Stadt, Glas-, Keramik- und Metallwaren werden hier produziert und ins Umland und entferntere Regionen abgesetzt. Erst im letzten Drittel des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts wird die Großsiedlung von einer Mauer in murus Gallicus-Technik umgeben, so dass per definitionem erst seitdem von einem Oppidum im eigentlichen Sinne gesprochen werden kann. Die Mauer wird in den folgenden Jahrzehnten zweimal in Form einer Pfostenschlitzmauer repariert bzw. wiederaufgebaut, bevor sie um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. dem Verfall anheim gegeben bzw. endgültig zerstört wird. Gleichzeitig vollzieht sich der wirtschaftliche Niedergang und schlussendlich die Entvölkerung der keltischen Stadt. Ihre Reste in Form der aus Kalksteinen bestehenden Wallanlage dienten viel später der sich in der Umgegend niederlassenden römischen Bevölkerung als Rohstofflager.
Angestrebt wird die möglichst umfassende Kenntnis der Entstehung, Blüte und des Niedergangs der keltischen Großsiedlung von Manching. Hierbei sollen alle Aspekte der latènezeitlichen Lebensrealität durch exakte Fund- und Befundanalysen und deren Interpretation erfasst werden.
Die Bandbreite der Erforschung der eisenzeitlichen Siedlung von Manching reicht von der Rekonstruktion des täglichen Lebens (Gebrauchsgegenstände, Kleidung, Eßgewohnheiten etc.) über die Analyse der baulichen Struktur und infrastrukturellen Gliederung (Architektur, Straßen- und Wegeführung) bis hin zur Untersuchung der wirtschaftlichen Organisation und Ausrichtung (Landwirtschaft, Handwerk und Handel). Durch die Interpretation baulicher Reste und aussagekräftiger Objekte sollen Informationen zu religiösen Aktivitäten ebenso wie Erkenntnisse zu sozialen Strukturen gewonnen werden.
Ein Hauptinteresse liegt in der Identifikation und Erforschung derjenigen Faktoren, die zur Herausbildung eines urbanen Siedlungsgefüges und zu dessen fortwährender formaler und funktionaler Differenzierung geführt haben. Interaktionssphären zwischen städtischem Zentrum und ländlich geprägtem Umland werden hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung analysiert. Schließlich soll der sich im archäologischen Fund- und Befundinventar abzeichnende Niedergang der keltischen Siedlung beleuchtet und Gründe für die wirtschaftliche Regression eruiert werden.
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Im Zentrum der Forschungsarbeiten stehen umfassende Analysen des umfangreichen Fund- und Befundbestandes der jahrzehntelangen Grabungen im Manchinger Oppidum. Hierzu treten moderne geophysikalische Prospektionsmethoden und naturwissenschaftliche Untersuchungen der geologisch-pedologische Verhältnisse im Zentrum und Umfeld der Stadtanlage. Naturwissenschaftliche Analysen der Fundobjekte ergänzen deren archäologische Interpretation.
Nach wie vor stellen die archäologische Erfassung und Klassifikationen des riesigen Fundbestandes aus den jahrzehntelangen Grabungen in Innenraum des Oppidums den Grundstock aller Interpretationen zur Geschichte des keltischen Oppidums von Manching dar. Die im Archiv der Römisch-Germanischen Kommission aufbewahrte Dokumentation und die Funde im kelten römer museum Manching und der Archäologischen Staatssammlung München sind das Fundament aller neueren Forschungsprojekte und werden durch die Zunahme des Inventars kontinuierlich erweitert und verfeinert; sie sollen zukünftig mittels IT-basierter Anwendungen systematisiert und korreliert werden.
Neben die archäologische Untersuchung und Interpretation der Grabungsergebnisse traten schon zu Beginn der systematischen Grabungsaktivitäten Analysen verschiedenster Hilfs- und Nachbarwissenschaften: Zoologische Untersuchungen ließen das Faunenspektrum im Fundbestand der Manchinger Knochenfunde erkennen. Die Paläanthropologie identifizierte, klassifizierte und deutete menschliche Skelettreste aus dem Siedlungsareal, Isotopenanalysen führten auf die Spur der Herkunft bestimmter Teile der keltischen Bevökerung. Weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen widmen sich der Zusammensetzung und Herkunft unterschiedlichster handwerklicher Materialgruppen (Metalle, Glas, Keramik etc.). Biologische (Pollen- und Makrorestanalysen), geologische und bodenkundliche Arbeiten setzen sich mit der Rekonstruktion antiker Vegetation und Umweltverhältnisse, dem Verlauf ehemaliger Wasserläufe sowie der Entstehung siedlungsgeschichtlicher Ablagerungen auseinander. Schließlich gestatten LiDAR-Befliegungen, Luftbildarchäologie und Geophysik, die großflächig im Innenraum des Oppidums und in seinem Umland Einsatz finden, den zerstörungsfreien Blick in den Untergrund und die Prospektion vergangener Siedlungsstrukturen und Besiedlungsmuster.

Manching gilt als eines der am umfassendsten untersuchten latènezeitlichen Oppida Mitteleuropas. Mittlerweile sind rund 8 % seiner 380 ha großen Innenfläche durch Ausgrabungen erschlossen und ein Großteil der übrigen, heute unbebauten Areale geophysikalisch prospektiert.
Die großflächigen Ausgrabungen, die seit den 1950er Jahren meist unter der Ägide der Römisch-Germanischen Kommission in Manching durchgeführt wurden, erheben das Oppidum in den Rang einer der bestuntersuchten latènezeitlichen Siedlungen Mitteleuropas. Ein Großteil der Grabungsergebnisse ist in der Reihe „Ausgrabungen in Manching“ monographisch in momentan 16 Bänden vorgelegt; sie werden durch zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Kongressberichten ergänzt. Einen Überblick über den aktuellen Forschungs- und Interpretationsstand bietet die Internetzeitschrift Spuren der Jahrtausende oder der von Susanne Sievers verfasste Führer „Manching – die Keltenstadt“, der mittlerweile in zweiter Auflage vorliegt.
Obwohl der Publikationsstand folglich außerordentlich gut ist und die Manchinger Funde ein grundlegendes Vergleichsinventar im gesamten Spektrum der europäischen Latèneforschung darstellen, werden fortwährend Antworten auf offene Fragen gesucht. So wird die Korrelation des Fundbestandes mit den komplex aufeinanderfolgenden Befunden (Graben- und Gräbchenstrukturen, Gruben und Brunnen, Pfostengruben und Hausgrundrisse) in verschiedenen Forschungsarbeiten vorangebracht. Ziel ist hierbei die Rekonstruktion des Manchinger Baubestandes und der Entwicklung der Siedlungsgliederung im Laufe der fast 300-jährigen Besiedlungsdauer des Oppidums.
Zur Verknüpfung der unterschiedlichen Grabungsareale dienen neben Luftbildern geomagnetische Prospektionen, die seit 2008 großflächig und systematisch die bebauungsfreien Flächen im Innenraum des Oppidums erschließen. Sie dienen der Identifikation übergreifender Bau- und Struktursysteme, die die Siedlungsfläche gliederten. Durch geophysikalische Befundanomalien und bereits ergrabene Strukturen kann ferner auf die Siedlungsintensität und möglicherweise gar auf funktionale Unterschiede im Siedlungsmuster geschlossen werden.
Der Analyse der Besiedlungsgenese des weiteren Umfeldes des Manchinger Zentralortes und dessen Interaktion mit seinem Umland widmet sich eine weitere Forschungsarbeit. Analysen des zeitgleicher Fundorte des näheren und weiteren Umfeldes des Oppidums ermöglichen den Vergleich urbaner und ländlicher Siedlungsstrukturen. Auch hierbei kommt die Geomagnetik zum Einsatz.
Eine im Frühjahr 2009 im südlichen Mauerbereich durch die RGK durchgeführte Wallgrabung erbrachte neue Erkenntnisse zur Variabilität der Manchinger Mauerbautechniken. Die hierbei vorgenommenen geomorphologischen Untersuchungen könnten weitere Details der Konstruktionstechniken offenbaren.
Die im Herbst 2009 erstmals durch die RGK durchgeführte „Manchinger Sommerschule“ mit einem internationalen Teilnehmerkreis fortgeschrittener Studenten und Doktoranden soll sich als feste Forschungseinrichtung etablieren. Neben didaktischen Fortbildungsmaßnahmen steht hier momentan die archäologische und mikromorphologische Analyse des im Siedlungszentrum abgelagerten Kulturschichtkomplexes im Zentrum des Interesses.
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Archäologische Staatssammlung München, Markt Manching, Stadt Ingolstadt, kelten römer museum Manching, IPNA Basel, Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München, Inst. f. Phys. Geographie der Goethe-Universität Frankfurt.
Die Ausgrabungen in Manching 1–16 (Wiesbaden & Stuttgart 1970–2004).
S. Sievers, Manching – Die Keltenstadt. Führer Arch. Denkmäler Bayern. Oberbayern 3 (Stuttgart ²2007).
H. Wendling, Geophysikalische Prospektion im Oppidum von Manching. Arch. Jahr Bayern 2008, 55–57.
H. Wendling, Opus deforme non est... Neue Erkenntnisse zur Konstruktion des Manchinger murus. Arch. Jahr Bayern 2009, 62–64.
The German Archaeological Institute (DAI) is a »scientific corporation« of the Federal Institution under the auspices of the Foreign Office. The staff of the Institute carries out research in the area of archaeology and in related fields and maintains relations with international scholars.
Furthermore, it organizes congresses, colloquia and tours, and informs the public through the media about its work.