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Totenrituale in Südostsizilien unter den Einflüssen griechischer Kolonien

Vor dem Hintergrund des Fremdkontaktes werden Akkulturations- und Segregationserscheinungen sowie die Konstituierung von Identitäten anhand der überlieferten Totenrituale analysiert.

Eine thanatoarchäologische Untersuchung zur Konstituierung von Identitäten

Location

Südostsizilien mit den exemplarisch ausgewählten Fundplätze © DAI (Kartierungsgrundlage: Longo 2004: 12)Sizilien, die größte Insel des Mittelmeers, liegt südwestlich vor der "Stiefelspitze" Italiens. Im Zentrum des Interesses steht nicht das Küstengebiet Südostsiziliens mit den griechischen Kolonien, sondern das von der indigenen Bevölkerung besiedelte Binnenland. Es ist gekennzeichnet durch seine gebirgige Landschaft, die bis zu 1000 Meter über NN ansteigt und von zahlreichen Flusstälern durchschnitten ist. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Thukydides (Thuc. 6, 2, 5), der hauptsächlich in der 2. Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. lebte, siedelten in diesem Gebiet bei Ankunft der ersten Griechen die Sikuler (vgl. Sammartano 1998, 201 ff.).
Auf Grundlage des Forschungs- und Quellenstandes exemplarisch einige Fundplätze bzw. -regionen ausgewählt. Sie liegen in den Einflussgebieten verschiedener Koloniestädte, so dass es möglich ist, Reaktionen der indigenen Bevölkerung auf die Einflüsse verschiedener apoikíai zu vergleichen und so eine differenziertere Sicht der zu beobachtenden Wandlungsprozesse zu gewinnen.

Background

Die vorhandenen Materialeditionen und lokalen Studien sollen auf das Phänomen Akkulturation und Konstitution von Identitäten mit Hilfe eines thanatoarchäologischen Forschungsansatzes zu untersuchen. Eine Materialvorlage bislang unpublizierter Befunde und Funde oder eigene Feldforschungen werden nicht angestrebt. Die vorhandenen Materialeditionen und lokalen Studien sollen auf das Phänomen Akkulturation und Konstitution von Identitäten mit Hilfe eines thanatoarchäologischen Forschungsansatzes zu untersuchen. Eine Materialvorlage bislang unpublizierter Befunde und Funde oder eigene Feldforschungen werden nicht angestrebt.
Für die Analyse der Totenrituale werden die Erkenntnisse der Ritualistik herange­zogen. Mit ihrer Hilfe kann aus dem statischen archäologischen Befund, der durch verschiedene Transformations- und Selektionsmechanismen entstanden ist, besser auf einstige Handlungsabläufe rückgeschlossen werden. Aus semiotischer Perspektive werden von mir die Gräber und die Bestat­tungs­plätze als "kulturelle Texte" beschrieben. Fünf, miteinander in Beziehung stehende und sich ergänzende semiotische Bedeutungsebenen werden dabei vergleichend für die einzelnen Nekropolen betrachtet:

  1. Lage des Bestattungsplatzes,
  2. innere Struktur des Bestatungsplatzes,
  3. Bestattungsform und Grabbau,
  4. Grabausstattung unter Berücksichtung des Zustands und der Lage und
  5. die Gestalt der Artefakte - Form, Farbe und Verzierung - im Grab.

 

Bei der Analyse der räumlichen Organisation soll die emische Perspektive der historischen Ökologie berücksichtigt werden. Bestattungsform und Grabbau werden nach vereinheitlichten Kriterien der bereits in Grundzügen entworfenen Gräbertypographie aufgenommen. Die Grabausstattung soll vor allem nach ihrer Funktion im Rahmen des Totenbrauchtums untersucht werden. Insbesondere die unterschiedliche Verwendung von verschiedenen Keramiken im Grabkontext scheint für die Identität von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Bei der fünften semiotischen Dimension sollen vor allem ikonographische Aspekte behandelt werden.

Objectives

Mögliche Identitäten eines Familienoberhauptes © DAIZiel ist es, vorrangig anhand der Grabbefunde ein kulturgeschichtliches Entwicklungsmodell für das Untersuchungsgebiet zu erarbeiten. Die Veränderungen der sich im Totenritual manifestierenden kulturellen und sozialen Identitäten der indigenen Bestattungsgemeinschaften - z. B. Alter und gender - sollen vor dem Hintergrund des Kontaktes mit Fremden, den Griechen, nachvollzogen werden. Dabei spielt die Frage nach Akkulturations- und Segregrationserscheinungen eine wichtige Rolle. Als grundlegendes Problem erweist sich die Bestimmung der ethnischen Herkunft der Bestatteten bzw. Bestattenden, da diese von zahlreichen anderen Identitäten und Interessen überlagert und nur in Ausnahmefällen als monolithische Identitäten allesbestimmend sind. So ist eine Unterscheidung "indigener" und "griechischer" Gräber in Süditalien und auf Sizilien aufgrund der zu beobachtenden Tendenzen, gegenseitig - allerdings in unterschied­lichem Umfange - Kulturelemente zu übernehmen, nicht einfach möglich. Hier gilt es, Möglichkeiten und Grenzen am Befund aufzuzeigen.
Die geplante Gegenüberstellung der Veränderungen im Totenritual und im Siedlungswesen der Italiker könnte weitere Aufschlüsse über die eventuell durch Fremdkontakt ausgelösten Entwicklungen ergeben.

Methodology

Die vorhandenen Materialeditionen und lokalen Studien sollen auf das Phänomen Akkulturation und Konstitution von Identitäten mit Hilfe eines thanatoarchäologischen Forschungsansatzes zu untersuchen. Eine Materialvorlage bislang unpublizierter Befunde und Funde oder eigene Feldforschungen werden nicht angestrebt.
Für die Analyse der Totenrituale werden die Erkenntnisse der Ritualistik herange­zogen. Mit ihrer Hilfe kann aus dem statischen archäologischen Befund, der durch verschiedene Transformations- und Selektionsmechanismen entstanden ist, besser auf einstige Handlungsabläufe rückgeschlossen werden. Aus semiotischer Perspektive werden von mir die Gräber und die Bestat­tungs­plätze als "kulturelle Texte" beschrieben. Fünf, miteinander in Beziehung stehende und sich ergänzende semiotische Bedeutungsebenen werden dabei vergleichend für die einzelnen Nekropolen betrachtet:

  1. Lage des Bestattungsplatzes,
  2. innere Struktur des Bestatungsplatzes,
  3. Bestattungsform und Grabbau,
  4. Grabausstattung unter Berücksichtung des Zustands und der Lage und
  5. die Gestalt der Artefakte - Form, Farbe und Verzierung - im Grab.

 

Bei der Analyse der räumlichen Organisation soll die emische Perspektive der historischen Ökologie berücksichtigt werden. Bestattungsform und Grabbau werden nach vereinheitlichten Kriterien der bereits in Grundzügen entworfenen Gräbertypographie aufgenommen. Die Grabausstattung soll vor allem nach ihrer Funktion im Rahmen des Totenbrauchtums untersucht werden. Insbesondere die unterschiedliche Verwendung von verschiedenen Keramiken im Grabkontext scheint für die Identität von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Bei der fünften semiotischen Dimension sollen vor allem ikonographische Aspekte behandelt werden.

Current research

Kammergrab aus Morgantina (Lyons 1996a, Taf. 3)Die überlieferten Totenrituale Südostsizilien geben keine konkreten Hinweise auf unterschiedliche ethnische Identitäten. Die im Zuge des Kulturkontaktes zusätzlich kennengelernten Grabvarianten und Beigaben scheinen Alters- und Statusunterschiede ausgedrückt zu haben, die vielleicht ein Hinweis für eine zunehmenden Stratifizierung der Gesellschaft sind. Es kam jedenfalls zu einer stärkeren Individualisierung und Differenzierung der Toten. Die häufig aufgestellte Gleichung "fremde Grabformen oder Fremdgüter = fremde Personen" kann so nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr scheint man in Südostsizlien mit den zusätzlich kennengelernten Grabvarianten und Beigaben Alters- und Statusunterschiede ausgedrückt zu haben. Vielleicht schlagen sich hier auch durch den Kulturkontakt ausgelöste oder verstärkte Tendenzen einer zunehmenden Stratifizierung der Gesellschaft im Totenritual nieder. Es kam jedenfalls zu einer stärkeren Individualisierung und Differenzierung der Toten. Insgesamt müssen wir vorsichtig sein, Kulturelemente nur als Anzeiger ethnischer oder kulturgeographischer Identitäten zu betrachten. Die Frage nach Sikuler oder Grieche greift in vielen Fällen zu kurz, da mit der Entstehung neuer beziehungsweise Transformation von Gesellschaftsformen und Gemeinschaften gerechnet werden muss.

Cooperation / Cooperation partners

- Schwerpunktprogramm der Gerda Henkel-Stiftung "Italische Kulturen vom 7. bis 3. Jh. v. Chr." am DAI Rom
- Exzellenzcluster Topoi

Bibliography

Kerstin P. Hofmann, Totenrituale und Akkulturation. Zum Kulturwandel in Südostsizilien unter den Einflüssen der Griechen im 8.-5. Jh. v. Chr. In: Peter Trebsche, Ines Balzer, Christiana Eggl, Janine Fries-Knoblach, Julia K. Koch & Julian Wiethold (Hrsg.), Architektur: Funktion und Rekonstruktion. Beiträge zur Sitzung der AG Eisenzeit während des 6. Deutschen Archäologie-Kongresses in Mannheim 2008. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 55 (Langenweissbach 2009) 189-201.
Kerstin P. Hofmann, Der akkulturierte Tod. Bestattungsrituale in Südostsizilien unter den Einflüssen der Griechen. In: Raimund Karl u. Jutta Leskovar (Hrsg.), Interpretierte Eisenzeit. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbeiträge 3. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie [Kongress Linz 2008]. Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 22 (Linz 2009) 27-45.

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