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Forschungen zu skythenzeitlichen Eliten in der südsibirischen Steppe
Die eurasische Steppe bietet beträchtliches Potential für Untersuchungen zu Forschungsfeld 1, der Erschließung und Nutzung von Räumen. Eine ideale Modellregion für derartige Betrachtungen ist das im Südosten des heutigen Kazachstan gelegene Siebenstromland, in dem ab 2008 ein umfassendes Forschungsvorhaben beginnen soll. Dabei handelt es sich um einen klar begrenzten Lebensraum mit einer einmaligen Konzentration von Denkmälern vieler Perioden. Im Gegensatz zu den offenen Steppen weiter Teile Eurasiens wird dieses Gebiet von fruchtbaren Flusstälern durchzogen, die eine landwirtschaftliche Entwicklung begünstigten. Das Nebeneinander von Viehzucht und Ackerbau dürfte die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Landschaft von Anfang an geprägt haben, doch ist es noch kaum erforscht, obwohl die naturräumlichen Voraussetzungen ein solches Nebeneinander geradezu bedingten. Hinzu tritt eine bevorzugte verkehrsstrategische Lage, die neben Gütertausch auch intensivere Kulturkontakte ermöglichte, und zwar von den Hochkulturen Chinas aus durch die Dsungarische Pforte und entlang des Ili-Flusses in den Südosten Kazachstans. Dort entstand in skythischer Zeit die sog. sakische Kultur.
Das Siebenstromland gehört zu jenen Regionen des eurasischen Steppengürtels, die in der Zeit des Reiterkriegernomadismus neben Grabanlagen auch Siedlungsstellen liefern und somit ein vielseitigeres Bild der archäologischen Überlieferung bieten als andere Teile der Steppe. Die Niederlassungen treten jedoch erst allmählich zutage und zeigen einmal mehr, dass die von der früheren Forschung skizzierten Bilder nur bedingt tragfähig sind. Es liegt eine kontinuierliche Kultur- und Siedlungsentwicklung besonders seit der Bronzezeit vor. Erst an ihrem Ende vollzieht sich jener tiefgreifende Wandel, den wir in nahezu allen Teilen des eurasischen Steppengürtels fassen: Reiternomadische Kulturverhältnisse entstehen, die ihren Ausdruck in einer teilweise veränderten Wirtschaftsform, besonders aber in einer beispiellosen sozialen Stratifizierung, sichtbar an monumentalen Grabanlagen mit prunkvollen Beigabenausstattungen, sowie in einer aus älteren Wurzeln erwachsenen neuen Kunstform, dem Tierstil, finden.
Die gesteigerte Mobilität der Reiternomaden bewirkte neue Formen des Raumverständnisses sowie der Erschließung und Nutzung von Räumen. Ein tieferes Verständnis davon, wie der Raum in Besitz genommen, strukturiert und genutzt wird, läßt den hinter dem Beginn des Reiternomadentums stehenden kulturellen Wandel besser begreifbar machen. Insbesondere die Verteilung von Kurgan-Gräberfeldern und die Erfassung der inneren Struktur großer, für ihre jeweilige Region zentraler Nekropolen wird wichtige weiterführende Einblicke gestatten, die durch die gezielte Ausgrabung einzelner Kurgane ergänzt werden sollen. Zentrale Frage wird dabei sein, wie sich das Auftreten neuer Eliten in der Gestaltung und Nutzung von Räumen auswirkt.
Über Jahrhunderte belegte Gräberfelder zeigen, dass es sich bei einem Großteil der vorgeschichtlichen Kulturen Süd- und Westsibiriens um egalitäre Gesellschaften handelte. Mit Beginn der durch skythisch geprägte Sachkultur charakterisierten älteren Eisenzeit vollzog sich ab dem 9./8. Jh. v. Chr. jedoch ein grundlegender Wandel, als es zu einer nachhaltigen sozialen Stratifizierung kam, die sich insbesondere in der Errichtung monumentaler Grabmäler (Großkurgane) mit reich ausgestatteten Grüften ausdrückte. Es ist das Ziel eines über mehrere Jahre angelegten Vorhabens, exemplarisch für die zentralen Fundregionen des eurasischen Steppenraumes jeweils einen Großkurgan detailliert zu untersuchen.
Die Untersuchungen zu den eisenzeitlichen Großkurganen des eurasischen Steppengürtels begannen mit den Ausgrabungen in Bajkara in der westsibirisch-nordkazachischen Waldsteppe (1997-99) und wurden anschließend in Arzan in Nordtuva fortgeführt (2000-2003). In beiden Fällen zeigte sich, dass diese monumentalen Grabanlagen in Etappen erbaut wurden. Es handelte sich um eine besondere Art von Architektur, die auch beachtenswerte Beobachtungen zum Ritual und zur Inszenierung des Bestattungsvorgangs und damit verbundener kultischer Handlungen gestattete. In Arzan traten dabei noch einzigartige Funde hinzu. Im Jahre 2004 wurde mit der Ausgrabung des Großkurgans von Barsučij Log in einer weiteren Fundprovinz, nämlich im Minusinsker Becken, begonnen.
Die Arbeiten vor Ort setzten 2003 mit einer ersten Geländebegehung ein. Im folgenden Jahr wurde das Denkmal geophysikalisch untersucht mit dem Ziel, erste Informationen zur Struktur des Kurgans und seiner nächsten Umgebung sowie zur Lage von eventuellen Grabkammern und anderen Einbauten zu gewinnen. An diesem Survey waren neben Vertretern des DAI Forscher des Instituts für Geophysik der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk und Spezialisten der Firma Eastern Atlas Meyer & Ullrich GbR aus Berlin beteiligt. Die Ausgrabung des Denkmals erfolgte in den Jahren 2004 und 2005.
Im Sommer 2006 werden die Grabungsarbeiten zum Abschluss gebracht, anschließend wird sich das DAI an der Übergabe der Anlage an die örtlichen Behörden und an der Vorbereitung einer möglichen Museifizierung beteiligen. Weitere Einzelheiten zum bislang einmaligen Totenritual sowie zur singulären Bauweise dieses Kurgans sind nun in der Auswertung der Grabung herauszuarbeiten.
Der etwa 10 m hohe Kurgan stellte aufgrund seiner pyramidalen Aufschüttung eine Besonderheit unter den eurasischen Großkurganen dar. Zudem besaß er eine ca. 55 x 55 m große Steineinfassung mit Eingang im Osten, was für die Saragas-Stufe der Tagar-Kultur dieser Region kennzeichnend ist. Die Untersuchungen zeigten, dass der Kurgan aus Rasensoden aufgebaut wurde, wobei sein äußerer Mantel aus orangeroten Lehmblöcken bestand; er dürfte damit als rötlich wirkende Pyramide in der Steppe weithin sichtbar gewesen sein. Unter dieser Pyramide erhoben sich zwei Plattformen, zwischen denen ein Dromos zum Vorschein kam. Der Dromos war aus mächtigen, zur Isolation mit Birkenrinde umwickelten Lärchenbalken errichtet und ließ aufgrund seines vorzüglichen Erhaltungszustandes zahlreiche Baudetails dokumentieren. Er führte ursprünglich in einen ebenfalls hölzernen und mit Birkenrinde abgedeckten Grabbau, der sich über der ca. 7 x 7 m großen Grabgrube erhob. Nach dem Einbringen der Verstorbenen hatte man diesen Grabbau in Brand gesteckt und ihn in die Grube abstürzen lassen, ehe man darüber den Kurgan errichtete. Als um 200 v. Chr. die mit den Hunnen verwandten Träger der Tes'-Kultur in das Minusinsker Becken eindrangen, öffneten und plünderten sie offenbar gezielt die 'Königsgräber' der früheren Herrscher in dieser Region, so auch im Falle unseres Kurgans in Barsučij Log.
Das Projekt ist eine gemeinschaftliche Unternehmung der Zentrale des DAI (Prof. Dr. H. Parzinger, Dr. A. Nagler) mit dem Institut für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk (Prof. Dr. V.I. Molodin, Dr. N.V. Polos´mak) und der Staatlichen Chakassischen Universität in Abakan (Dr. A. Gotlib).
The German Archaeological Institute (DAI) is a »scientific corporation« of the Federal Institution under the auspices of the Foreign Office. The staff of the Institute carries out research in the area of archaeology and in related fields and maintains relations with international scholars.
Furthermore, it organizes congresses, colloquia and tours, and informs the public through the media about its work.