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Kosovo, Ulpiana / Iustinana Secunda (Gračanica)

Kosovo, Ulpiana / Iustinana Secunda (Gračanica)

Interdisziplinäre Studien zur Rekonstruktion einer römischen Stadt und ihres Hinterlandes

Location

Blick von Süden über das römische Ruinengelände, im Hintergrund das Amselfeld. © DAIDas römische Municipium Ulpiana lag rund 7 km südlich der Landeshauptstadt Pristina im Zentrum der bedeutendsten Bergbauregionen des Kosovo. Das Ruinengelände findet sich auf dem Territorium der Großgemeinde Gračanica/Graqanicë, am Ostrand der Hochebene des Amselfeldes (Kosovo polije). Schon in der Antike nahm Ulpiana wichtige Verwaltungsaufgaben innerhalb der römischen Provinz Moesia superior wahr.

History

Die zentrale Balkanregion Kosovo spielte aufgrund ihrer reichen Metallerzvorkommen eine wichtige Rolle für die Rohstoffversorgung des Römischen Reiches. Nach bisheriger Forschungsmeinung setzte die administrative und urbanistische Erschließung des dardanischen Territoriums aber erst zu Beginn des zweiten Jahrhunderts nach Christus ein. Möglicherweise während der Regierungszeit Kaiser Trajans, spätestens jedoch unter dessen Nachfolger Hadrian, bekam die Siedlung Ulpiana das munizipale Stadtrecht verliehen. Mit der voranschreitenden Erschließung der Edelmetallressourcen der Region und der Lage an der wichtigen Balkanhandelsroute zwischen Lissus (Leshë) und Naissus (Nis) entwickelte sich die Stadt in der Folge zu einem wichtigen administrativen Zentrum im Herzen der Balkanhalbinsel.

Die Fundamentgrube der Stadtmauer der Nordfront von Ulpiana (Graçanica). © DAIBlick von Westen über das nördliche Areal der römischen Stadt Ulpiana (Gračanica). Deutlich erkennbar das Nordtor der Stadtanlage sowie die frühchristliche Märyterbasilika. © DAIEin Zeugnis von der Bedeutung der Stadt noch in der Spätantike, liefert der Bericht über das Martyrium der Steinmetze Florus und Laurus, die ihre letzte Ruhestätte in einer der örtlichen Basiliken fanden. Durch die Akten der Synode von Serdica ist zudem ab 343 ein christlicher Bischof für Ulpiana bezeugt. Die Angaben des Jordanes weisen darauf hin, daß das urbane und episcopale Zentrum in der Folge durch die Gotenkriege stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. In jener Phase mag das keine einhundert Meter östlich gelegene spätrömisch-frübyzantinische Castrum gegründet worden sein, für das die Einheit der pseudocomitatenses Ulpianenses schriftlich belegt ist. Im frühen 6. Jahrhundert traf ein schweres Erdbeben die Region, das nachfolgende Wiederaufbauprogramm des Kaisers Iustianus führte zu einer letzten Blüte der nunmehr Iustinana secunda genannten Stadt.

Objectives

Stratigraphische Situation vor der nördlichen Stadtmauer (Sondage 1). © DAIZiel des Forschungsvorhabens ist es zum einen, durch den Einsatz innovativer, interdisziplinärer Methoden die architektonische und städtebauliche Struktur sowie die chronologische Entwicklung eines römischen Municipiums im Zentralbalkangebiet zu erschließen, einem Ort, dem als früher Bischofssitz noch in iustinianischer Zeit zentralörtliche Bedeutung zukam. Bislang sind durch traditionelle Ausgrabungen, die in den 1950er und 80er Jahren durchgeführt wurden, rund 1-2 Prozent des auf insgesamt 40 bis 50 ha Größe geschätzten Stadtareals bekannt. Mit Hilfe zerstörungsfreier, geophysikalischer Prospektionsmethoden sowie systematischer Feldbegehungen sollen nun Ausdehnung und Struktur der Ansiedlung genauer ermittelt werden. Weiterführende landschaftsarchäologische Untersuchungen erschließen das Hinterland der Stadt, namentlich das Amselfeld (Kosovo-polje) und die Erzminen im Zegovac- und Prugovac-Gebirge. Parallel dazu sollen kleinere, gezielt auf die geophysikalischen Messergebnisse aufbauende Schichtenuntersuchungen intra muros helfen, die chronologische Entwicklung der Stadt zu klären.

Von Bedeutung erscheint dabei die Frage, ob die Stadt zu Beginn des 2. Jahrhunderts, als Zentrum einer ausgedehnten Bergwerksregion "ex novo" geplant und gegründet wurde, oder ob es sich lediglich um die Neustrukturierung eines bereits existierenden Siedlungs- und Wirtschaftsraumes der einheimischen Dardaner handelte. Im Vergleich mit anderen Bergwerksregionen des römischen Reiches bleibt zudem zu überprüfen, inwieweit sich ein einheitliches Konzept zur urbanen und infrastrukturellen Grabungsplan im nördlichen Stadtareal. Erkennbar sind das Nordtor, die frühchristliche Märtyererbasilika und die ersten diagnostischen Sondagen 1-8. © DAIErschließung entsprechender an natürlichen Ressourcen reicher Regionen während der Kaiserzeit nachweisen lässt. Vor dem Hintergrund der bis in jüngste Zeit überaus bewegten Geschichte dieses Teils des Balkans, kommt letztlich aber auch der Frage nach einer möglichen Siedlungskontinuität zwischen der Antike und dem hohen Mittelalter besondere Bedeutung zu.

Für die Entwicklung der Denkmalpflege in dem jungen Staat Kosovo erscheint es schließlich von entscheidender Bedeutung, neben der bislang vorherrschenden ereignisgeschichtlichen Interpretation archäologischer Zeugnisse, die Möglichkeiten einer eigenständigen archäologisch-stratigraphischen Argumentation deutlich zu machen und das Management derartig ausgedehnter Bodendenkmäler zu optimieren.

Recent Activities

Führung von Mitgliedern des diplomatischen Corps, OSCE und KFOR während der Sommerkampagne 2009. © DAIGeophysikalische Prospektionen mit dem Multielektrodengerät der RGK im Frühjahr 2010. © DAIDie Feldarbeiten der RGK in Ulpiana begannen im November des Jahres 2008 mit großflächigen geophysikalischen Messungen im Stadtareal. Dabei konnte rund ein Drittel des Siedlungsareals sowie ein kleiner Teil des in unmittelbarer Nähe liegenden spätrömischen Kastells geomagnetisch mit einem fahrbaren Multisonden-Instrument untersucht werden. Auf der Basis der so erstellten geophysikalischen Prospektionspläne wurde dann im Sommer 2009 eine erste Ausgrabungskampagne durchgeführt. Im Rahmen des Internationalen Sommercamps der örtlichen Kooperationspartner (17.7.-15.8.2009) konnten mehrere diagnostische Sondagen an, für die Stadtgeschichte neuralgischen Punkten angelegt werden. Durch die systematische Auswertung von Luft- und Satellitenbildern sowie anhand der hochauflösenden geophysikalischen Prospektionsergebnisse, ließen sich parallel dazu charakteristische Baustrukturen des römischen Munizipiums lokalisieren (Forum, Thermen, etc.).

Nach der Fortführung der geophysikalischen und montanarchäologischen Prospektionsarbeiten im Frühjahr 2009/10 ist für den Sommer eine Ausweitung der stratigraphischen Testgrabungen geplant.Ergebnisse der Georadarmessungen im Bereich eines der Türme des spätantik-byzantinischen Castrums östlich von Ulpiana.  © DAI

Cooperation / Cooperation partners

IAK - Archäologisches Institut des Kosovo/ Instituti Arkeologjik i Kosovës (Dr. Enver Rexha und Milot Berisha)

Kosovo Museum/Museu i Kosovës (Dr. Kemajl Luci und Dr. Fatmir Peja)

DBM - Deutsches Bergbaumuseum Bochum (Prof. Thomas Stöllner und Dr. Gabriele Körlin)

Ministerium des Kosovo für Kultur, Jugend und Sport

Institut für Denkmalpflege des Kosovo (Dr. Qazim Normani)

Außerdem sind Spezialisten verschiedener europäischer Hochschulen (Frankfurt, Heidelberg, Kiel, Oviedo, Santander) in das Projekt mit eingebunden.

Ansprechpartner

Privatdozent Dr. Felix Teichner
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Zentrum für Altertumswissenschaften
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie
Marstallhof 4
D-69117 Heidelberg
++49-(0)6221-542542
felix.teichner@zaw.uni-heidelberg.de
und
fteichner@rgk.dainst.de

Bibliography

E. Hoxhaj, Die frühchristliche dardanische Stadt Ulpiana und ihr Verhältnis zu Rom. Südost-Forsch. 59/60, 2001, 1-13.

F. Teichner, Ulpiana/Iustiniana Secunda (Gračanica). In: Jahresb. DAI 2009, Beih. Arch. Anz. 2010/1 (München 2010) 137–139.

F. Teichner, Ulpiana/Iustiniana Secunda (Gračanica). In: Jahresb. DAI 2010, Beih. Arch. Anz.2011/1 (München, forthcoming).

F. Teichner (unter Mitarbeit von M. Helfert), Ulpiana. In: M. Berisha et al., Geophysikalische Prospektion in der Republik Kosovo. Archäologisch-geophysikalische Prospektion im Kosovo AA 2011, forthcoming.

F. Teichner/A. Drăgan, A ‘Rider’ between East and West. Old and New Finds from Ulpiana (Dardania). In: Akten des XII. Internat. Kolloquiums zum Provinzialrömischen Kunstschaffen – Pula 2011, forthcoming.

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