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Ukraine/Moldau: Fibeln und Fibeltracht in der Nordschwarzmeersteppe.

Studien zu Typologie, Chronologie und Kulturtransfer im 2. Jh. v. Chr. - 3. Jh. n. Chr.

Location

Abb. 1. Arbeitsgebiet (orange) im westlichen Ausläufer der Eurasischen Steppe (gelb). © DAIDer westliche Teil der Osteuropäischen Tiefebene nördlich des Schwarzen Meeres ist durch mehrere Ströme gegliedert und bildet einen Ausläufer des eurasischen Steppengürtels. Er ist sowohl geographisch und klimatisch als auch kulturhistorisch geprägt von dessen Eigenheiten.

Die Grenze des Arbeitsgebietes ist im Norden durch den Übergang zwischen Steppe und Waldsteppe sowie im Süden durch das Schwarze und das Asovsche Meer festgelegt. Im Westen und Osten bilden die Ströme Dnestr und Donez einen Rahmen (Abb. 1).

History

Die Nordschwarzmeersteppe (heutige Ukraine und Autonome Republik Krim) gilt seit jeher als Schmelztiegel europäischer und asiatischer Kulturen und folglich als Korridor für Migration und Kulturtransfer zwischen Ost und West.

In der jüngeren vorrömischen Eisenzeit und der Römischen Kaiserzeit wird die Nordschwarzmeersteppe sowohl von sesshaften als auch von nomadisierenden Völkern bewohnt. Die archäologische Forschung übernahm aus historischen Quellen die Bezeichnungen Skythen für die Einheimischen im Gebiet der Dneprmündung und auf der Halbinsel Krim sowie Sarmaten für die Bewohner des Festlandes, deren Verbreitungsgebiet sich nach Osten bis zum Ural weiterverfolgen lässt. Jüngere archäologische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass diese übergreifend benutzten Kulturbegriffe nicht der Lebens-, Wirtschafts- und Glaubensvielfalt dieser Steppenbewohner gerecht werden.

Abb 3. Nordschwarzmeerraum. Goldene Fibelbrosche mit Spiralkonstruktion und Karneolelementen. Griechische Arbeit des 2./1. Jh. v. Chr.(L 6,1 cm). © DAIAbb 2. Griechische Städte und Bosporanisches Reich im 3. Jh. v. - 1. Jh. n. Chr. © DAIDie Entwicklung beider Kulturen wurde stark durch intensive Kontakte zu den griechischen Städten am Rande des Pontos Euxeinos beeinflusst (Abb. 2). Griechische Kolonisten errichteten Handelszentren für den Warenaustausch mit dem barbarischen Um- und Hinterland. Die ältesten, wohl milesischen Gründungen, wie Berezan und Taganrog am nördlichen Schwarzmeerufer, lassen früheste Besiedlungsspuren bereits im ausgehenden 7. Jh. v. Chr. erkennen. Anfang des 6. Jh. v. Chr. gründeten Griechen vorwiegend milesischer Herkunft beiderseits des Kimmerischen Bosporus weitere Handelsstädte. Im 5. Jh. v. Chr. schloss sich eine Vielzahl dieser städtischen Zentren, insbesondere jene auf der Krim und der östlich benachbarten Taman-Halbinsel, zum Bosporanischen Reich zusammen. Es erblühte ein intensiver Handel zwischen Indigenen und Griechen unter gegenseitiger kultureller Einflussnahme. Die lokale Bevölkerung stellte nachweislich einen hohen Anteil an den Bewohnern der Städte dar, so dass wohl am ehesten die Vorstellung eines graeco-barbarischen Mischstaates der Realität nahe kommt.
Diese Poleis gerieten im 1. Jh. n. Chr. mehr oder weniger in römische Abhängigkeit, konnten jedoch, trotz Bestrebungen Neros, nicht in das römische Provinzialsystem integriert werden. Das Bosporanische Reich selbst wurde römischer Vasallenstaat. Die Anzahl der Importe, die meist aus den westlich angrenzenden römischen Provinzen stammen, nimmt im 1. Jh. n. Chr. im gesamten Bereich der Nordschwarzmeersteppe zu.

Außer dem Einfluss der antiken Zivilisationen finden sich zudem deutliche Spuren kulturellen Austausches mit nahezu allen räumlich angrenzenden Kulturen, wie den westpontischen Thrakern, den Geto-Dakern, den Trägern der latènisierten Kulturen Poineşti-Lukashevka und Zarubinec sowie den Maioten und Sindern des östlichen Schwarzmeerraumes. Sie prägen das materielle Gut der skytho-sarmatischen Kulturgemeinschaft unterschiedlich intensiv. Aufgrund des unzureichenden archäologischen Forschungsstandes und der sehr geringen Anzahl schriftlicher Quellen und nicht zuletzt einer sich erst entwickelnden Zusammenarbeit östlicher und westlicher Altertumsforscher fällt es bislang schwer, Art und Intensität der Interaktion genauer nachzuzeichnen.

Objectives

Abb. 4. Niznegorsk (Nogajčik Kurgan), Krim. Goldene Scharnierfibel mit Bergkristallkörper. Griechische Arbeit des 1. Jh. v./1. Jh. n. Chr. (L 7,8 cm). © DAIDie Vielfalt der kulturellen Einflüsse und deren Adaption zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 3. Jh. n. Chr. ist archäologisch besonders gut anhand von Trachtelementen nachvollziehbar. Das Forschungsvorhaben beschäftigt sich daher mit der Übernahme und der eigenständigen Weiterentwicklung der Fibeln und der Fibeltracht. Die Analyse der nordpontischen Fibeln und ihrer Fundkontexte verfolgt das Ziel, das Typenspektrum in geordneter Form vorzustellen, die Fibel in ihrer Funktion als chronologischer Anzeiger weiter herauszuarbeiten. Zudem soll auf ihre ebenso bedeutende Rolle als Indikator für die weitreichenden und wechselnden kulturellen Kontakte der Nordschwarzmeerbewohner mit verschiedenen circumpontischen sowie nördlich und nordwestlich angrenzenden Kulturen eingegangen werden.

History of Research

Abb. 5. Fundstellen mit Fibelfunden im Untersuchungsgebiet (schwarz: Fundstellen, aus denen Ambroz 1966 Material analysierte). © DAIMitte der 1960er Jahre erarbeitete der russische Archäologe A. K. Ambroz eine grundlegende Übersicht zur räumlichen und zeitlichen Verbreitung der Fibeln des damaligen Südrusslands. Er benutzte jedoch lediglich Material aus einer begrenzten Anzahl von Fundstellen, insbesondere aus den Städten der Nordschwarzmeerküste und der Krim (Abb. 5).

Besonders seit den 1990er Jahren hat sich der Kenntnisstand zur Formenvielfalt, Verwendung und zeitlichen Stellung durch eine große Zahl neuer Fundkomplexe erweitert. Nur wenige neuere russische und ukrainische Arbeiten widmen sich jedoch zusammenfassend aktuellen Erkenntnissen der Fibelforschung. Dabei gehen sie selten über die Bearbeitung einzelner Formen oder regionaler Phänomene hinaus.
Über nachweislich stete Impulse aus den westlich und nordwestlich angrenzenden Gebieten, die sicherlich besonders durch Kontakte zu den nordpontischen Handelszentren zu begründen sind, gelingt eine Verknüpfung mit den vergleichsweise gut belegten mittel- und südosteuropäischen Chronologiesystemen. Sie können als Stütze zur Weiterentwicklung des noch sehr unsicheren regionalen genutzt werden. Eine grundlegende, aktualisierte Zusammenschau und Analyse der Fundgattung ist daher als Forschungsdesiderat zu bezeichnen.

Previous Activities

Abb. 6. Vladimirovka, Kurgan 1, Grab 8. © DAIEine aktuelle Zusammenstellung des Fundstoffes, die sich auf die bereits publizierten Materialvorlagen und die Durchsicht nichtpublizierter Komplexe stützt, erforderte eine umfassende Recherche in Bibliotheken sowie Museen und Archiven der Ukraine. Alle verfügbaren Informationen zu Fibeln und weiteren Beigaben aus bisher ca. 1.000 Kontexten wurden in eine Datenbank aufgenommen, die Fibelabbildungen graphisch für einen Tafelkatalog aufbereitet.

Recent Activities

Arbeiten an Text- und Abbildungskatalog gehören zu den laufenden Tätigkeiten. Parallel dazu wurde nach einer ersten Ordnung der Fibeln begonnen, das Material nach dem Vorbild der Arbeit von E. Riha zu den Fibeln aus Augst und Kaiseraugst zu klassifizieren. Das bestehende System konnte aufgrund des Vorkommens zahlreicher provinzialrömischer Typen und deren Hybride als Grundlage übernommen und erweitert werden. Neben der klassischen Typendefinition sollen statistische Verfahren wie Seriation, Korrespondenzanalyse und Principal Component Analysis eingesetzt werden, um die formale Entwicklung auch statistisch abzusichern.

Überregionale Kartierungen einzelner Typen verweisen auf mögliche Bezugs- bzw. Ursprungsgebiete von importierten Exemplaren. Sie tragen u. a. zum Verständnis der Prozesse bei, die zur Aufnahme bestimmter Fibeln in die Tracht der Steppenvölker und ihrer eigenständigen Weiterentwicklung führten. Sollten sich dabei Trachtprovinzen fokussieren lassen, könnte ein Beitrag zur regionalen Gliederung der skytho-sarmatischen Kulturgemeinschaft im Nordschwarzmeerraum geleistet werden.

Abb. 7. Ust´-Al´ma, Nischengrab 14, Krim. Römische Scharnierfibel mit Emailleeinlage. 2./3. Jh. n. Chr. (L 4,5 cm).  © DAIDer chronologischen Analyse der sarmatischen Zeit sind Grenzen gesetzt, da ein Großteil der Periodisierungsschemata auf der Materialgruppe der Fibeln selbst beruht und unabhängige Datierungsmöglichkeiten nur schwer zugänglich sind. Zumindest einige absolutchronologische Zeitfenster können unter Zuhilfenahme neuer dendrochronologischer Datierungen, die im Zuge der Arbeit angefertigt wurden, geöffnet werden.

Results

Nach der ersten Durchsicht publizierter und unpublizierter Grabinventare mit Fibeln sowie der Siedlungs- und Lesefunde kann davon ausgegangen werden, dass Fibeln im 2./1. Jh. v. Chr. bei den Bewohnern der Nordschwarzmeersteppe in Mode kam. Neben mittellatènezeitlichen Einzelstücken, die wohl aus der Peripherie des Latènekreises oder aus Kleinasien stammen, finden sich zunehmend Exemplare klassischer Drahtfibeln vom Mittellatèneschema in einfach ausgestatteten Gräbern (Abb. 6), die verstärkt Kontakte zum Latène- bzw. Jastorfkreis verdeutlichen.

Wohl als zeitgleich können prestigeträchtige Broschen, die besonders auf dem Gebiet des Bosporanischen Reiches gefunden wurden, angesprochen werden (Abb. 3). Sie wurden vermutlich auch dort hergestellt. Diese aufwendig, oft aus Edelmetall hergestellten Broschen bilden das Pendant zu den schlichten Drahtfibeln und finden sich im Gegensatz zu diesen in reich ausgestatteten Gräbern.

Der Auslöser für eine lokale, sich schnell etablierende Fibelproduktion mit eigener Prägung waren allerdings die einfachen Drahtfibeln vom Mittellatèneschema. Das beste Beispiel ist die Entwicklung der typisch nordpontischen Fibel mit umgeschlagenem Fuß aus Fibeln der Variante Kostrzewski B (Abb. 8). Ihre territorial nächsten Analogien finden sich in den latènisierten Kulturen der Waldsteppe, mit denen die Steppenbewohner in regem Austausch standen. Es bleibt daher festzuhalten, dass sich das nordpontische Gebiet im östlichsten Einflussbereich des Latènekreises befindet, was übrigens nicht nur für die Fibeln festzustellen ist. Ab der Zeitenwende scheinen sich die Bezugsgebiete für importierte Fibeln und auch die Herkunft der Prototypen für die nachgeahmten, lokalen Formen zu verändern.
Abb. 8. Schema der Entwicklungsabfolge der Drahtfibel vom Mittellatèneschema zur Fibel mit umgeschlagenem Fuß. © DAIBesonders seit dem 1. Jh. n. Chr. intensiviert sich der Zustrom von Gewandspangen und anderen Importgütern aus den römischen bzw. provinzialrömischen Gebieten spürbar (Abb. 7). Wiederum werden bestimmte Typen, wie z. B. die kräftig profilierte Fibel, von einheimischen Handwerkern rezipiert und mit eigener Note versehen.
Es gibt hingegen ausgesprochen wenige Typen, wie die Violinbogenfibeln, für die zum jetzigen Forschungsstand eine völlig autochthone Entstehung angenommen werden kann.

Bibliography

Auswahl:
A. К. Aмброз, Фибулы юга европейcкой чаcти СССР (II.в. до н. 3 - IV. в н. 3.). Свод археологичеcких иcточников Д1-30 (Моcква 1966).
A. К. Aмброз, Фибулы из раcкопах Танаиcа. In: Aнтичные древноcти Подонья-Приазовья (Моcква 1969) 248-272.
Б. Ю. Михлин, Фибулы беляуccкого могильника. Советcкая Aрхеология 1980, H. 3, 194-213.
A. С. Скрипкин, Aзиатcкая Сарматия (проблемы хронологии и её иcторичеcкий аcпект) (Саратов 1990).
E. Riha, Die römischen Fibeln aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 3 (Augst 1979).

Abbildungsnachweise:
Abb. 1 - Kartengrundlage: Bordon/SMB, Kartierung: K. Hellström; Abb. 2 - A.-M. Wittke/E. Olshausen/R. Szydlak, Historischer Atlas der antiken Welt. Der Neue Pauly 3 (Stuttgart, Weimar 2007); Abb. 3 - Платар. Колекцiя предметiв cтаровини родин Платонових i Тарут. Каталог (Киïв 2004) 91.в.; Abb. 4 - Rolle, R./M. Müller-Wille/K. Schietzel (Hrsg.), Gold der Steppe: Archäologie der Ukraine Neumünster 1991); Abb. 5 - Kartengrundlage: Bordon/SMB, Kartierung: K. Hellström; Abb. 6 - A. В. Симоненко, Сарматы Таврий (Киев 1993); Abb. 7 - Foto: K. Hellström; Abb. 8 - K. Hellström.

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