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Georgien: Aruchlo

Ein frühneolithischer Tell des 6.Jhts.v.Chr.

Die Ausbreitung der bäuerlichen Wirtschafts- und Lebensweise aus dem Fruchtbaren Halbmond in die nördlich angrenzenden Gebiete des Kaukasus ist noch unzureichend erforscht. Zwar sind Siedlungen des frühen Neolithikums in diesem Großraum seit längerem bekannt und einige auch durch kleine Grabungen sondiert, doch fehlt es bislang an detaillierten Angaben zu Chronologie, Wirtschaftsweise, Hausbau, Siedlungsstruktur u. a. m. Um diese Kenntnislücke zu füllen, werden seit 2005 Ausgrabungen auf dem frühneolithischen Siedlungshügel Aruchlo I unweit von Tiblissi durchgeführt. Vordergründige Ziele des Projektes sind die Bereitstellung von Basisdaten zur Siedlungs- und Lebensweise sowie zu den Umweltverhältnissen, der Aufbau einer Chronologie der Siedlungshorizonte sowie die Klärung des Verhältnisses zu den benachbarten Tell-Siedlungen. Daneben wird die Rolle Aruchlos im Obsidianhandel eine wichtige Rolle spielen. An der komplexen Erforschung des Platzes und seines Umfeldes sind verschiedene archäologische und naturwissenschaftliche Disziplinen beteiligt. Das Projekt Aruchlo verspricht neue Erkenntnisse zum Prozeß der Neolithisierung in der Kaukasusregion. Langfristig sind weitere Ausgrabungen an frühneolithischen Siedlungen in benachbarten Regionen von Azerbajdjan, Iran und Turkmenistan geplant. Damit ergibt sich die Möglichkeit eines Vergleichs von Anpassungsstrategien früher Bauern an ganz unterschiedliche Umweltbedingungen.

Location

41° 28' 29.0964" N, 44° 41' 14.0712" E

Abb. 1a. Plan der Ausgrabung. © DAIAbb. 1. Luftaufnahme des Tells. © DAIDer neolithische Siedlungshügel Aruchlo liegt etwa 50km südwestlich von Tbilisi an der Hauptstrasse in Richtung Bolnisi am westlichen Ortsausgang des Dorfes Nachiduri. Nur wenige hundert Meter entfernt vereinigen sich die aus den Bergen kommenden Flüsse Chrami und Masavera um weiter östlich etwa an der georgisch-azerbaidjanischen Grenze in den Kura-Fluss zu münden. Dieser wiederum entwässert nach Südosten in das Kaspische Meer.

Damit ist eine wesentliche Richtung der Kommunikation der der frühen Bauern angedeutet. Tatsächlich finden sich entlang des Chramis-Flusses eine Reihe weiterer Tellsiedlungen etwa der gleichen Zeit, z.B. Sulaveris-Gora, Imiris-Gora und Chramis Didi-Gora in Georgien und weiter südöstlich im Bereich des Kura-Flusses Somutepe und Toiretepe in Azerbaidjan. Diese Tellsiedlungen lassen sich anhand vergleichbarer Architektur, Keramik und weiterer Funde zur "Sulaveri-Somutepe-Gruppe" zusammenfassen.
Nicht unwesentlich dürften aber auch Verbindungen in das nahe gelegene Ostanatolien gewesen sein, wo sich für die "Sulaveri-Somutepe-Kultur" typische Keramik fand.

Background

Abb. 3. Ausgrabungen in Aruchlo in den 1960er Jahren. © DAIAbb. 2. Rundbau 2005. © DAISeit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden eine Reihe von Ausgrabungen in Tellsiedlungen der "Sulaveri-Somutepe-Gruppe" durchgeführt.
Als typisch für die Siedlungen gelten relativ kleine Rundbauten aus Lehm (Abb. 2-3), sodann eine typische knubbenverzierte Keramik (Abb. 12-13), viel seltener rotpolierte Tonware. Daneben existiert eine Knochengeräteindustrie die vor allem Pfrieme, Geweihäxte und -hämmer sowie Nadeln (Abb. 5) umfasst. Überaus vielfältig ist die Obsidiangerätenutzung (Abb. 6). Sehr selten sind tönerne Figurinen, wie sie aus Mesopotamien und dem Zagros in großen Mengen aus zeitgleichen Siedlungen bekannt sind. Die botanischen und zoologischen Untersuchungen konnten nicht mit Schichten, funktionalen Kontexten sowie einem ausreichend feinen Netz von 14C-Datierungen verbunden werden.

In Aruchlo fanden Ausgrabungen unter der Leitung von T.N. Čubinisvili zwischen 1966 und 1976 und unter Leitung von D. Gogelia zwischen 1978 und 1985 statt. Die älteren Grabungen haben eine Zentralfläche und mehrere längliche Sondagen, welche der Erforschung einer Grabenanlage diente, geöffnet. Insgesamt wurden 936 Quadratmeter des Tells ausgegraben. Die in diesen Jahren erstellten Dokumentationen und die Funde sind durch ein Feuer im Grabungshaus jedoch weitgehend zerstört worden.
In den Grabungsflächen unterschieden die Ausgräber sechs Siedlungshorizonte von denen die beiden Obersten durch spätere bronze- und eisenzeitliche Eingriffe stark zerstört sind. In den ungestörten Schichten handelt es sich um Rundbauten verschiedener Größe (Abb. 2) und vermutlich verschiedener Funktion. Sie waren sehr dicht ohne erkennbare übergeordnete Struktur nebeneinander errichtet worden. 

Abb. 4. Anhänger und Perlen aus Karneol. © DAI Abb. 5. Knochennadeln und Spatel. © DAI Abb. 6. Obsidiangeräte. © DAI

Objectives

Abb. 8. Poliertes Tongefäß. © DAIAbb. 7. Poliertes Tongefäß. © DAISeit dem 10. Jahrtausend entwickelte sich im sog. Fruchtbaren Halbmond, einem Bogen von der Levante im Westen, über den Tauraus im Norden bis zum Zagros-Gebirge im Osten die bäuerliche Wirtschafts- und Lebensweise. Sie löste die jahrmillionenalte Existenzform des Menschen als Sammler und Jäger ab. Die Kultivierung von Getreide und die Domestikation von Tieren vollzog sich über einen mehrere Jahrtausende umfassenden Zeitraum. Der einflußreichste Archäologe des zwanzigsten Jahrhunderts, V. Gordon Childe, hat den Übergang von der jägerischen zur bäuerlichen Lebensweise treffend als "Neolithische Revolution" bezeichnet: nicht weil es ein rascher Wandel war, sondern weil es eine tiefgreifende, alle Lebensverhältnisse erfassende Umgestaltung war.

Seit dem 7. Jahrtausend breitete sich die bäuerliche Lebensweise sukzessive nach Westen, nach Anatolien und bis Griechenland sowie auf die Balkanhalbinsel aus. Während wir diesen Prozess der Westausbreitung des Neolithikums relativ gut nachzeichnen können, fehlt es an modernen Forschungsgrabungen nördlich und und östlich des Fruchtbaren Halbmonds.
Abb. 10. Bau mit dunklen Ziegel. © DAIAbb. 9. Rundbau mit einbindenden Lehmziegelmauern. © DAIDie neuen Ausgrabungen in Aruchlo sind ein Beitrag, unsere Kenntnisse über die frühen Bauern im Kaukasus zu erweitern. Langfristig könnten sie einmal das erste Glied einer Kette von Grabungen in Azerbajdjan, Iran und Turkmenistan sein. Dadurch würde eine vergleichende Perspektive für die unterschiedlichen Anpassungsstrategien früher Bauern an ihre Umwelten entstehen.
Daher ist es auch ein vorrangiges Ziel der neuen Ausgrabungen in Aruchlo möglichst viele für die Umweltrekonstruktion relevante Daten zu sammeln. Hierzu gehören botanische und zoologische Überreste, Sedimentuntersuchungen u.a.m. in einem durch Radiokarbondaten abgesicherten Datierungsgerüst.
Es ist daneben unser besonderes Anliegen, georgischen Archäologiestudenten die Möglichkeit zu geben, auf der Ausgrabung Praxiserfahrung zu sammeln. 

Current research

Nachdem im Sommer 2005 zunächst nur erste Erkenntnisse über die Erhaltung der Architektur gewonnen werden sollten, wurden 2006 vier 4x4m große Grabungsquadrate angelegt.

Befunde

Abb. 12. Plastisch verzierte Keramik. © DAIAbb. 11. Blick auf Fläche K. © DAIDas bislang am besten erhaltene Gebäude ist ein leicht ovaler Bau mit einem maximalen Innendurchmesser von 2,30 m, der bis zu einer Höhe von 1,2 m erhalten ist (Abb. 2; 9). Seine Wandstärke beträgt etwa 20 cm. Die Füllung des aufgelassenen Gebäudes besteht aus mehreren kompakten Aschebändern, in denen sich Keramik, Obsidiangeräte und Knochengeräte fanden. Im unteren Bereich fand sich der Ziegelversturz der oberen Wand und darunter das ursprüngliche Fußbodenniveau. Auf dem Fußboden fanden sich nur sehr wenige Funde, darunter ein eng an der Wand liegender Knochenhammer.
Der Rundbau wurde mit gelben Lehmziegeln errichtet, zwischen die ein dunkleres Bindemittel verlegt wurde. Anschließend erhielten diese Bauten offenbar eine Art Verputz. Um das Verhältnis der verschiedenen Rundbauten zueinander zu verstehen, ist es nötig, den Verputz abzunehmen. So lassen sich anhand der Fugen später angebaute Wandteile von solchen unterscheiden, die im gleichen Bauabschnitt gebaut wurden. In den kleinen Rundbau binden jeweils zwei Mauerzüge ein, die sich vermutlich - wenn die entsprechenden Teile ausgegraben werden - zu einem größeren 5-6 m messenden Rundbau ergänzen lassen. Es wäre somit von einer wesentlich größeren Gebäudeeinheit auszugehen.
Abb. 14. Keulenkopf. © DAIAbb. 13. Keramik mit plastischer Verzierung. © DAINeben gelben Ziegeln wurden in Aruchlo auch Ziegel aus dunkelbraunem Lehm verlegt (Abb. 10). Sie lassen sich in dem sie umgebenden Erdreich nur schwer erkennen, zumal sie eine plankonvexe Form besitzen. Auch sind die Ziegel nicht immer so gleichmäßig verlegt. Dennoch sind eine ganze Anzahl von Gebäuden aus diesen dunklen Ziegeln errichtet worden, wodurch sich der Eindruck der dichten Bebauung noch deutlich verstärkt.
Der Südteil der Fläche K ist, wie auch andere Teile der Grabung, durch große Gruben jüngerer Zeitstellung gestört. In diesem Falle wurde ein Mauerring abgeschnitten, von dem noch dreizehn Ziegellagen nachzuweisen sind (Abb. 11). Dieser Mauerring war mehrfach erneuert worden.
Zur ersten Reparaturphase gehört ein Laufhorizont, auf dem eine Reihe von größeren Steinen lagen. Zur jüngsten Reparaturphase gehört ein weiterer Laufhorizont mit einer Reihe von Handmühlen (Unterleger und Läufer). Die großen Exemplare wurden auf der Arbeitsseite liegend angetroffen.

Funde

In Aruchlo wurden in den Jahren 2005 bis 2007 über 11000 Scherben erfaßt. Hiervon entfallen ca. 90 % auf das Neolithikum.
Die Scherben sind alle handgeformt und weisen auf den Außenflächen deutlich sichtbare Bearbeitungsspuren, wie z. B. Fingereindrücke, auf. Sie sind alle mineralisch gemagert, häufig schlecht gebrannt und können Brand- oder Schmauchspuren aufweisen. Ihre Wandungsstärke liegt zwischen 0,5 und 1,2 cm.
Abb. 15. Handmühlen und Mörser. © DAIEin Großteil dieser Gefäßfragmente haben eine raue, nur grob verstrichene Oberfläche und weisen eine gelb-orange-rote bis graubraune Farbe oder einen gräulich bis olivfarbenen Slip auf. Annähernd ein Drittel der entsprechenden Gefäßränder war mit länglichen bis ovalen Knubben verziert (Abb. 4). Diese Knubben wurden in der Regel vor dem Brand auf den noch feuchten Ton aufgesetzt, nur in Einzelfällen wurden sie aus dem Gefäßton herausgedrückt. Sie sind meistens in einer einfachen Reihung, seltener untereinander versetzt angeordnet. Meistens wurden zwischen einer und bis zu acht Knubben auf einer Scherbe gezählt, bei einem Einzelstück wurden jedoch 15 kleine, runde Knubben beobachtet (Abb. 12).
Einige Stücke weisen darüber hinaus Kreise (Abb. 13), Halbkreise, Wellenlinien oder kleine rechteckige Aufsätze als Reliefdekor auf.
Auch Kombinationen der verschiedenen Verzierungsarten sind möglich. Weiterhin sind unverzierte, relativ dünnwandige, gleichmäßig gearbeitete und geglättete Scherben einer teilweise gut polierten, rötlichen Ware bezeugt. Sie unterscheiden sich deutlich von den anderen, oben beschriebenen Stücken (Abb. 7-8). Ihr Anteil an der Gesamtassemblage der neolithischen Scherben liegt deutlich unter 10 %.

Zu den in Aruchlo bislang bezeugten Formen gehören vorrangig einfache kleine Näpfe und leicht bauchige Töpfe, die mit einer querliegenden Handhabe versehen sein konnten. Desweiteren sind kleine Schalen, Gefäßdeckel mit einer Griffknubbe und Flachböden bezeugt. Letztere weisen alle deutlich sichtbare Abdrücke eines Spiralflechtwerkes auf.
Unter den Kleinfunden sind mehrere Karneolanhänger (Abb. 4) sowie ein Tonkegel ("token") erwähnenswert. Ein steinerner Keulenkopf kam 2007 zutage (Abb. 14). Besondere Beachtung verdient das breite Spektrum von Mörsern, Handmühlen unterschiedlicher Form, Klopfsteinen und anderem mehr (Abb. 15). Die nahegelegenen Flußläufe waren ein nahezu unerschöpflicher Lieferfant für Steinmaterialien verschiedenster Art. So wurden natürliche, längliche Flußkiesel vermutlich für Reib- und Polierarbeiten eingesetzt, was sich an abgearbeiteten Arbeitsflächen und einer glänzend-speckigen Patinierung zeigt (Abb. 16).

Cooperation / Cooperation partners

Abb. 17. Das Grabungsteam 2007. © DAIAbb. 16. Steingeräte. © DAIDie Grabung in Aruchlo wird in Kooperation mit dem Archäologischen Zentrum "Otar Lordkipanize" des Georgischen Nationalmuseums durchgeführt, das durch Dr. Guram Mirzchulava vertreten wird. An den Untersuchungen sind weiterhin Prof. Dr. Ivan Gatsov und Petranka Nedelcheva (Steingeräte), Katrin Bastert, M.A. (Keramik), Dr. Baoquan Song (Geomagnetik), Prof. Dr. Norbert Benecke (Archäozoologie), Dr. Reinder Neef (Archäobotanik) beteiligt. Grabungsteilnehmer waren 2007 Michael Ullrich (Eurasien-Abteilung), Joni Abuladze, Dr. Irma Berdzenishvili, Elene Charebava, Tamar Kentschoshvili, Marina Kurdaze, Illo Songulashvili, Tea Udesiani, Dimitri Zhvania und Jean Zivzivadze (alle Tbilisi), Daniel Neumann, Annika Hotzan-Tshabashvili, Vladimir Josseliani und Levan Tchabashvili (FU Berlin).

Daneben kooperieren wir in Georgien mit der Ausgrabung in Tachti-Perda (Eurasien-Abteilung) und der Ausgrabung im bronzezeitlichen Goldbergwerk von Saktrissi, an der das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum beteiligt ist.

Weitere Ansprechpartnerin

Katrin Bastert, M. A.
Tel.: 030-83008-327
E-Mail: eurasien@dainst.de

Bibliography

Literatur
S. Hansen, G. Mirtskhulava, K. Bastert-Lamprichs, I. Gatsov, P, Nedelcheva, D. Neumann, M. Ullrich, Aruchlo 2007. Bericht über die Ausgrabungen in einem neolithischen Siedlungshügel. Archäologische Mitteilungen aus Iran und Turan 39, 2007 (im Druck).

S. Hansen, G. Mirtskhulava, K. Bastert-Lamprichs, Aruchlo 2005-2006. Bericht über die Ausgrabungen in einem neolithischen Siedlungshügel. Archäologische Mitteilungen aus Iran und Turan 38, 2006, 1-34.

S. Hansen, G. Mirtskhulava und K. Bastert-Lamprichs, Aruchlo: A Neolithic Settlement Mound in the Caucasus. Neo-Lithics 1/07, 13-19. 

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