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Gadara/Umm Qays (Jordanien)

Zur urbanistischen und kulturhistorischen Entwicklung der antiken Stadt Gadara, dem modernen Umm Qays

Die Untersuchungen „Zur urbanistischen und kulturhistorischen Entwicklung der antiken Stadt Gadara, dem modernen Umm Qays“ sind ein Gemeinschaftsprojekt der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Seit 2002 finden in dieser Kooperation regelmäßig Ausgrabungen statt. Der Fokus liegt sowohl auf der Erforschung innerstädtischer Raumbeziehungen wie auch solchen zwischen Stadt und Umfeld. Das Deutsche Archäologische Institut ist seit 1987 in Gadara tätig.

Blick von Westen auf den Siedlungshügel © DAI

Location

Location

32° 39' 22.5288" N, 35° 40' 48.27" E

Zur LageDie antike Stadt Gadara mit der modernen Ortschaft Umm Qays liegt im äußersten Nordwesten Jordaniens, unmittelbar an der Grenze zu Israel und Syrien, 35 km westlich der modernen Provinzhauptstadt Irbid. Am Rande einer fruchtbaren Hochebene, die nördlich an das Wādī l-`Arab, östlich an das Jordantal und südlich an das Yarmouktal angrenzt, liegt auf einer Hügelkuppe der befestigte hellenistische Siedlungskern Gadaras.

 

Aufgrund der guten naturräumlichen Bedingungen im Umland, der beherrschenden und strategisch wichtigen Lage war die Hügelkuppe seit Beginn des 2. Jhs. v. Chr. ein bevorzugter Siedlungsplatz. Die Anbindung an das überregionale Straßennetz schließlich, bildete die Grundlage für das Wachstum der Stadt.

Background

Topographischer Bestandsplan 2012 © DAISiedlungshügel mit der Stadtmauer, Blick nach Nordosten © SPKUlrich J. Seetzen deutete 1806 die antiken Ruinen erstmalig als die der Dekapolisstadt Gadara. Gottlieb Schumacher lieferte 1886 die erste detaillierte Beschreibung von Gadara und eine topographische Karte, die den antiken Siedlungshügel noch vor der Überbauung um 1900 wiedergibt. Die in den frühen 1970er Jahren von Ute Wagner-Lux begonnenen Forschungsaktivitäten am Ort setzten zahlreiche deutsche und dänische Teams sowie das jordanische Department of Antiquities fort.
Die Erforschung der Siedlungsstruktur Gadaras prägt seit 1992 die Forschungsaktivitäten des Deutschen Archäologischen Instituts am Ort. 

History

Siedlungshügel von Südwesten © DAIDie Quellen berichten, daß die ptolemäische Festung Gadara im Rahmen der Ausdehnung des Seleukidenreichs um 200 v. Chr. durch Antiochos III. erobert wurde. Ob eine ältere Siedlung auf der Hügelkuppe bestanden hat, konnte bisher archäologisch noch nicht eindeutig belegt werden. Die heute das Erscheinungsbild des Siedlungshügels prägende Befestigungsanlage wurde vermutlich 200 v. Chr. als Grenzfeste zwischen dem Ptolemäerreich im Süden und dem Seleukidenreich im Norden angelegt.

Bald nach 100 v. Chr. eroberte und zerstörte der Hasmonäer Alexander Jannäus die Stadt Gadara. Unter Pompeius wurde Gadara 64 v. Chr. dem Römischen Reich einverleibt. Die Stadt unterstand in der Folgezeit vorübergehend der Herrschaft des Herodes und erhielt im weiteren Verlauf als eine unabhängige Stadt Aufnahme in der sog. Dekapolis, einen Verbund des Römischen Reiches.
Gadara behielt auch unter wechselnden Herrschern – wie Ptolemäern, Seleukiden, Hasmonäern und Römern – sowie sich wandelnden Bevölkerungsstrukturen seine Bedeutung. Ab dem 5. Jh. zunehmend christianisiert, zeichnet sich in byzantinischer Zeit ein erneuter Aufschwung für die Stadt ab, der auch nach der Schlacht am Yarmouk 636 n. Chr. unter islamischem Einfluß nicht abbrach. Erst schwere Erdbeben im 7. und 8. Jh. brachten für die Siedlungskontinuität in Gadara eine Zäsur.

Objectives

Ost-West-Achse mit Nymphaeum und Kirchenterrasse, Blick nach Westen © DAITheater-Tempel-Areal, im Hintergrund die Golanhöhen und der See Genezareth © DAI

Ziel der archäologischen und baugeschichtlichen Forschungen im Stadtgebiet von Gadara ist es, den kontinuierlichen Wandlungsprozeß der Stadtstruktur von der hellenistischen Kuppen- zur römisch-spätantiken Straßensiedlung nachzuzeichnen. Dieser Wandlungsprozeß wird eingebettet in die spezifischen kulturhistorischen Rahmenbedingungen vom 2. Jh. v. Chr. bis in das 7. Jh. n. Chr. Die aktuellen Forschungen im Umland dienen der Klärung der Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte des Umlandes von der hellenistischen bis zur islamischen Zeit, einschließlich der Beziehungen zwischen Stadt und Umland.

 

Trikonchos-Areal © DAIAusgehend von der Untersuchung von Einzelmonumenten sind die Arbeitsvorhaben in Gadara der Erforschung der Stadtgeschichte insgesamt und in den letzten Jahren vor allem ihrer hellenistischen Frühzeit gewidmet. Im Zentrum der Aktivitäten der Orient-Abteilung steht dabei die bau- und kulturhistorische sowie städtebaulich-kontextuelle Analyse eines baulichen Ensembles des sog. Theater-Tempel-Areals am östlichen Stadteingang Gadaras im Vergleich mit der Stadtentwicklung im Westen sowie der Analyse des sog. Trikonchos-Areals im Südwesten der hellenistischen Kuppensiedlung. Die wasserwirtschaftlichen Untersuchungen im Stadtgebiet dienen der Klärung der Wasserver- und der Wasserentsorgung der hellenistischen Kuppensiedlung sowie der kaiserzeitlichen Stadt und ihrer Monumente einschließlich der gewählten technischen Innovationen zu ihrer Umsetzung.

History of Research

Südflanke der Stadtmauer mit Turm und zugesetztem Tor © DAI

Nymphaeum und Kirchenterrasse an der Ost-West-Achse © SPK

In den 1970er Jahren leiteten umfassende Geländebegehungen und Grabungen unter der Leitung von Ute Wagner-Lux vom Deutschen Evangelischen Institut in Amman (DEI) die Forschungsaktivitäten an prominenten Monumenten der Stadt Gadara ein. Seit 1987 führt das Deutsche Archäologische Institut jährlich Ausgrabungen in Gadara durch. Diese erstreckten sich anfangs auf das Bogenmonument extra muros, das Hippodrom, das früh- und spätkaiserzeitliche Westtor, das Trikonchos-Areal, die hellenistische und frühkaiserzeitliche Stadtmauer sowie den späthellenistischen Podientempel I (Leitung Adolf Hoffmann bis 2001). Seit 2002 werden die Arbeiten zur Siedlungsstruktur als ein Gemeinschaftsprojekt mit den Staatlichen Museen zu Berlin fortgesetzt. Ein archäologischer Survey im Umland von Gadara ergänzt die Forschungen.

Weitere Forschungsschwerpunkte lagen in folgenden Bereichen: Kolonnadenstraße, Zentralkirche mit Atrium auf der Nordwestterrasse (Ute Wagner-Lux – Karel J.H. Vriezen seit 1976, in den 1990er Jahren mit Robert L. Guineé – Nicole F. Mulder); spätantike große Thermenanlage (Inge Nielsen – Svend Holm-Nielsen, 1978–83); Tiberiastor, Hypogäum und frühchristlicher Kirchenkomplex (Thomas Weber, 1986–2000); Podienmonument (Peter C. Bol, 1988–89); Siedlungsgrabung am Westhang der Oberstadt, hellenistisch-römisches Tunnelsystem zur Wasserversorgung Gadaras (Susanne Kerner, 1989–1996); Grabungen im westlichen Stadtgebiet, u. a. Thermenanlage und Oktogonalbau (jordanisches Department of Antiquities, seit 2000).
Der Vorgeschichte im Großraum Gadara gelten die Untersuchungen auf dem Gadarener Hochplateau durch Nadine Riedl (1998, 2000) sowie auf dem Tell Zera`a im Wādī l-`Arab durch Dieter Vieweger (ab 2001) und Jutta Häser (ab 2004).

Previous Activities

Gadara intra muros:

Lageplan des Tempelbezirks mit späthellenistischem Podientempel I © DAIBogenmonument extra muros, Rekonstruktionsvorschlag der Westfassade © DAIAls Endpunkt städtischer Entwicklung wurden zunächst ab 1987 das wahrscheinlich in severischer Zeit errichtete Bogenmonument extra muros im westlichen Vorfeld der Stadt und daran anschließend das benachbarte Hippodrom sowie das östlich davon liegende spätkaiserzeitliche Westtor der Stadt aus dem 3./4. Jh. n. Chr. untersucht [s. Bührig 2008a; Hoffmann 2000]. Seit 1991 galten die Arbeiten der Erforschung des hellenistischen und dann auch des kaiserzeitlichen Gadara.
Wichtige Erkenntnisse zur Stadtgeschichte erbrachte die Freilegung der südlichen Stadtmauer auf der Hügelkuppe als dem Ausgangspunkt der Siedlungsentwicklung [s. Hoffmann 2000]. In einem der Stadtmauer benachbarten Areal im Südwesten – dem sog. Trikonchos-Areal – konnte in der Abfolge eines Gewerbequartiers, einer palastartigen Anlage und eines Kirchenneubaus die bauliche Entwicklung des Ortes von der hellenistischen Zeit über die frühe Kaiserzeit bis in die Spätantike und daran anschließend durch das Mittelalter bis in die jüngste Zeit der osmanischen Neubesiedlung aus dem späten 19. Jh. verfolgt werden. Im Zusammenhang der Stadtmauerforschungen ist auch deren Wiederaufbau und Erweiterung in das westliche Vorfeld in der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. untersucht worden, die zu einer Vervielfachung des städtischen Siedlungsgebietes geführt hat. Zwischen 1995 bis 1999 konzentrierten sich die Arbeiten auf die Erforschung des wahrscheinlich dem Zeus geweihten Hauptheiligtum der Stadt, das mit Podientempel I, Temenosmauer und Propylon I ab der 1. Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. auf einem Geländesattel im Nordwesten des Siedlungshügels errichtet worden ist.
Ost-West-Achse, Blick nach Südosten © DAIDer befestigte hellenistische Siedlungskern Gadaras aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. liegt auf einer Hügelkuppe, die östlich an eine fruchtbare Hochebene angrenzt. In einer ersten Erweiterungsphase wurde die Befestigungsanlage der Stadt auf eine nordöstlich vorgelagerte Geländeterrasse ausgeweitet. Hier am östlichen Stadteingang entstand in der Folgezeit, zwischen der ersten Hälfte des 2. und dem Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr., ein großflächiger, künstlich eingeebneter Tempelbezirk, der das Hauptheiligtum der Stadt aufnahm. Dieses bedeutende Heiligtum wurde von Adolf Hoffmann in den Jahren 1995–1999 ausgegraben [vgl. Hoffmann 2002; Hoffmann/Konrad 2001; Hoffmann 1999a].
Kuppenfestung und Heiligtum bildeten den Ausgangspunkt für die weitere städtebauliche Entwicklung entlang der das Stadtgebiet durchziehenden Überlandstraße. Die topographischen und geomorphologischen Raumstrukturen ließen eine Ausdehnung der Stadt nur nach Westen zu. Blieb die hellenistische Siedlung auf den Hügel begrenzt, so bildete in der römischen Kaiserzeit eine Ost-West orientierte Verkehrsachse das städtebauliche Rückgrat der Stadt.
Während die östliche Stadtgrenze spätestens seit Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. konstant beibehalten wurde, hat sich die antike Stadt seit dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr. kontinuierlich entlang der Ost-West-Achse nach Westen ausgedehnt [vgl. Bührig 2008a].
Vielfältige archäologische Spuren in den regionalen Raumstrukturen verweisen auf den eminenten politischen Stellenwert, den das Imperium Romanum der Stadtentwicklung in der Provinz zuwies. Auch Gadara gehörte zu den Städten, die davon profitierten und einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Hiervon zeugen die verschiedenen öffentlichen Bauten, die entlang der von Kolonnaden gesäumten Ost-West-Achse aufgereiht sind und diese abschnittsweise betonen. Plateau Ard al-‛Alā, westlich von Gadara © DAIDie Ost-West-Achse bildet den "Lebensnerv" der Stadt [s. Bührig 2008a; Hoffmann 2005].

Gadara extra muros (Umlandsurvey):

In dem ca. fünf Quadratkilometer großen Untersuchungsgebiet wurden zahlreiche Keramikscherben aus hellenistischer bis islamischer Zeit sowie etliche Fragmente antiker Bauten aufgefunden. Nach der Verteilung der Funde wurde das Plateau vor allem in römischer und byzantinischer Zeit intensiv genutzt. In byzantinischer Zeit wurde eine Weinpresse in einer römischen Nekropole eingerichtet. Zu den weiteren Befunden zählen römische Meilensteine sowie ca. 150 Schachtkammergräber aus der ausgehenden frühen Bronzezeit [Riedl 1999a; Bührig 2008a].

Recent Activities

Aufbauend auf den bisher gewonnenen Erkenntnissen zur Stadtentwicklung, liegt der Schwerpunkt der aktuellen Forschungen seit 2002 auf der bauhistorischen sowie städtebaulich-kontextuellen Analyse des Theater-Tempel-Areals am östlichen Stadteingang ab der hellenistischen Zeit. Erstmalig kann das Theater-Tempel-Areal in seinen urbanistischen Kontext dargestellt werden. In Erweiterung dieser Fragestellung dienen die aktuellen wasserwirtschaftlichen Untersuchungen im Stadtgebiet der Klärung der Wasserversorgung der hellenistischen Kuppensiedlung, des sog. Trikonchos-Areals und insbesondere des Theater-Tempel-Areals sowie ausgewählter Stadtareale des kaiserzeitlichen Gadara, einschließlich der technischen Innovationen, die zu ihrer Umsetzung gewählt wurden.
Die archäologischen und baugeschichtlichen Forschungen konzentrieren sich auf folgende Schwerpunkte:

Theater-Tempel-Areal am östlichen Stadteingang

Theater-Tempel-Areal, Blick nach Norden © DAI
 
Marmorstatuette des Zeus Nikephoros © DAIBestandsplan Theater-Tempel-Areal © DAI
 
Podientempel I mit Theater-Tempel-Areal, im Hintergrund das Nordtheater © DAI
 
Podientempel II © DAI

Seit 2002 konzentrieren sich die Forschungen der Orient-Abteilung vornehmlich auf die bau- und kulturhistorische sowie städtebaulich-kontextuelle Analyse des Gebäudeensembles im Osten der Stadt, dem gesamten Bereich des Theater-Tempel-Areals. Am östlichen Stadteingang von Gadara entstand ab der 1. Hälfte des 2. bis Anfang des 1. Jhs. v. Chr. auf einer dem Siedlungshügel nordöstlich vorgelagerten Geländeterrasse, ein großflächiger, künstlich eingeebneter Tempelbezirk. Er nahm das vermutlich Zeus Olympios geweihte Hauptheiligtum der Stadt auf. Im Laufe der Jahrhunderte entstand durch bauliche Erweiterungen – und nach regelmäßigen Umgestaltungen – ein in der Region einzigartiges, komplexes Ensemble aus sakralen und zivilen Bauten, das von der Ost-West orientierten Hauptverkehrsachse der Stadt durchschnitten wurde. Zudem übernimmt das Theater-Tempel-Areal eine Schlüsselrolle in der Untersuchung zu den Bauphasen und zur Wasserverteilung über den unteren Tunnel, den sog. ´Qanat Turab.

An diesem kontinuierlich genutzten Areal besteht die einzige Möglichkeit die Besiedlungsgeschichte der Stadt durch mächtige Zerstörungs- bzw. Nutzungshorizonte nahezu lückenlos zu dokumentieren, vgl. Referenzstratigraphie und Naturwissenschaftliche Untersuchungen. Das Theater-Tempel-Areal umfaßt zum einen das Nordtheater, das sich im Süden an den Hang des Siedlungshügels schmiegt und in das 1. Jh. n. Chr. datiert werden kann, zum anderen den großflächigen späthellenistischen Tempelbezirk mit dem Podientempel I im Norden. Das Nordtheater ist mit seinem Bühnengebäude axial auf den Tempelbezirk ausgerichtet. Die zwischen diesen beiden Baukomplexen vermittelnde große Freifläche wird von der Ost-West-Achse der Stadt durchschnitten und im Osten von der noch unausgegrabenen Stadtbefestigung einschließlich Osttor begrenzt.

Ergebnisse

Doch während im 1. Jahrhundert n. Chr. das Nordtheater und die Bauten des alten Tempelbezirks einander nur annähernd axial gegenübergestellt sind, verändert sich die Situation nach der Zerstörung des Podientempels I und dem Propylon an der Temenos-Südflanke im ersten Jüdischen Aufstand (in der zweiten Hälfte des 1 Jhs. n. Chr.). Nach einer Neugestaltung des Platzes zwischen Heiligtum und Theater zum Ende des 1. Jhs. n. Chr. wird im 2. Jh. n. Chr., unmittelbar an die Nordseite des Bühnengebäudes angrenzend ein zweiter Podientempel (Podientempel II) errichtet, nun exakt in der Mittelachse des Theaters gelegen. Auch wenn beide Monumente stark zerstört sind, so besteht dennoch die Chance – auf der Grundlage unserer Ausgrabungen, der bereits durchgeführten Vermessungen sowie Prospektionen – ihre städtebauliche Anordnung und Abfolge zu rekonstruieren.
Eine weitere Umnutzung des Areals belegen die Sondagen im Bereich des Prosceniums sowie in der Orchestra. In byzantinischer Zeit erfolgte die Umgestaltung des Nordtheaters zu einer Arena bzw. einem Amphitheater.
Während das Theater-Tempel-Areal als Kultplatz am östlichen Stadteingang seit Anfang des 1. Jhs. v. Chr. eine Nutzungskontinuität aufzeigt, unterliegt der Großteil des Areals von hellenistischer bis byzantinischer Zeit städtebaulich-kontextuell einem fortwährenden Wandlungsprozeß. Es ist zu vermuten, daß dieser Wandel mit der kultischen Bedeutung des Heiligtums interagierte und daß mithin zwischen den neu entstehenden Bauten (Nordtheater und Podientempel II) und dem älteren Heiligtum (mit Podientempel I) ein formaler und ein funktionaler Bezug bestand. Die Aufdeckung derartiger Bezüge vermag daher auch neue Einblicke in den Kult und seine Einbindung in das sich verändernde städtische Raumgefüge zu geben.
Ansprechpartner: Claudia Bührig


Arenaeinbau im Nordtheater © DAI Arbeiten im Nordtheater © DAI Tiefschnitt unter Podientempel II © DAI

Erarbeitung einer datierten Referenzstratigraphie für die Grabungen im Theater-Tempel-Areal

Fragment einer Terrakottastatuette © DAIKeramikfunde aus dem Theater-Tempel-Areal © DAIZiel des Projekts ist, über die Bearbeitung hellenistischer, römischer und byzantinischer Keramik aus dem Bereich des Theater-Tempel-Areals (2002–2007) eine datierte Referenzstratigraphie zu gewinnen und damit Typologie und Chronologie des Materials im wesentlichen zu klären. Dadurch sollen die Datierungsmöglichkeiten für andere Gebäude innerhalb des Stadtgebietes sowie die Grundlagen für eine Analyse der kulturellen, ökonomischen und sozialen Situation der antiken Siedlung verbessert werden.
Materialgrundlage: Für die Referenzstratigraphie wurde Material aus Schichtsequenzen  ausgewählt, die nach dem Ergebnis einer ersten Sichtung die gesamte Nutzungsdauer des Theaterareals abzudecken scheinen. Berücksichtigt wurden überwiegend Befundeinheiten, die eine starke Fundeinlagerung zeigten, um die Analysen auf einer repräsentativen Materialgrundlage durchführen zu können. Vier Schichtpakete mit zusammen 23 Einzelkontexten wurden ausgewertet. Diese enthielten zusammen ca. 105 kg Keramik. Nach den von anderen Fundplätzen gewonnenen Erfahrungen war mit dieser Stichprobe, die ca. 20 % der gesamten im Areal des Nordtheaters geborgenen Keramik umfaßt, eine hinreichende statistische Grundlage gegeben.
 

Ergebnisse:

Unterschieden wurden zunächst 53 Waren bzw. Warengruppen. Auf als Eß- und Trinkgeschirr angesprochene Keramik entfielen 11 Waren, fünf auf Kochgeschirr, eine auf Körperpflege, und die übrigen dienten mit mehr oder weniger großer Sicherheit dem Transport und der Vorratshaltung. Die Zuweisungen an die einzelnen Gruppen blieben dabei zwangsläufig von ungleichmäßiger Güte. Die lokale Herstellung ist nach Ausweis von Fehlbrandmaterial nur für Amphoren hellenistischer und römischer Zeitstellung (u. a. Töpfereiabfall vom Intervallum an der südlichen Stadtmauerstrecke) gesichert, außerdem kann sie für Lampen byzantinischer Zeit vermutet werden (Model aus den Thermen).
Es zeigte sich, daß die einzelnen Warengruppen in der Regel mit einem kennzeichnenden Formenspektrum verbunden sind. Formen, die in mehreren Techniken hergestellt wurden, waren nur in geringer Menge vorhanden.
Insgesamt zeichnet sich eine lange Laufzeit vieler Gefäße der lokalen Keramik ab, deren zweckbestimmte Formgebung keinem geschmacksbedingten Wandel unterworfen war. Das Durchschnittsgewicht der Scherben zeigte zwischen den einzelnen Kontexten teilweise signifikante Unterschiede. Dies dürfte auf unterschiedliche Ablagerungsbedingungen zurückzuführen sein: Angenommen wird, daß mit sinkendem Gewicht eine stärkere mechanische Einwirkung auf das Material verbunden ist. Im Einzelnen bedeutet dies, daß ausgesprochene Laufhorizonte sich gegenüber etwa Ablagerungen von Zerstörungsschutt oder rituelle Deponierungen durch entsprechend kleine Scherben zu erkennen geben.
Die Anfänge der Nutzung des Theater-Tempel-Areals können aufgrund des keramischen Spektrums in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts gesetzt werden; der älteste Amphorenstempel datiert vermutlich 243 v. Chr.
Das Keramikspektrum in Gadara unterlag keinem dynamischen Wandel und spiegelt die an anderen Plätzen der Region beobachteten Entwicklungstendenzen. Erstaunlich ist dagegen, insbesondere vor dem Hintergrund der bislang weitgehend fehlenden archäologischen Nachweise für Keramikproduktion, der signifikant hohe Anteil offenbar nicht importierter Waren.
Ansprechpartner: Claudia Bührig / Bernd Liesen / Anja Prust

Naturwissenschaftliche Untersuchungen an Keramik und Inkrustationsmarmor aus den Grabungen

opus-sectile-Dekorationen, Marmor © DAIGegenstand des Projektes sind naturwissenschaftliche Analysen an ausgewählter Keramik hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit sowie an Marmor und anderen Dekorationsgesteinen aus dem Bereich des Theater-Tempel-Komplexes.
Die antike Stadt Gadara liegt an einem Schnittpunkt der Ost-West-orientierten, überregionalen Verkehrsachse, die die Mittelmeerhäfen an die Fernhandelsrouten nach Nordosten (Seidenstraße) und nach Südosten (Weihrauchstraße) anbindet. Die Bearbeitung des archäologischen Fundguts aus Gadara bietet daher ausgezeichnete Ansatzpunkte zur Erhellung des Handelsgeschehens im Ostjordanland. Dieser Raum erlangte gerade wegen dieser verkehrsgeographischen Sonderstellung gegenüber anderen Regionen des Vorderen Orients eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung.
Bei den Grabungen in dem im Theater-Tempel-Areal gelegenen Nordtheater wurden Schichtenfolgen hellenistischer bis byzantinischer Zeit mit reichhaltigen, gut datierten Funden angetroffen.
Die naturwissenschaftlichen Analysen an diesem Material dienen im wesentlichen zur Herkunftsbestimmung der beiden wirtschafts- und sozialgeschichtlich besonders aussagestarken Objektgattungen Keramik und Marmor. Die Klärung der Herkunft anhand einer repräsentativen Stichprobe aus diesem Bestand soll die Basis für den Nachweis bestimmter Handelsverbindungen und deren zeitlichen Wandel bilden.
Ansprechpartner: Claudia Bührig / Vilma Gedzeviciute / Bernd Liesen / Gerwulf Schneider

Archäozoologische Untersuchung der Faunenreste

Schulterblattfragment vom Rind © DAIAstragali von Kamel und Rind im Vergleich © DAIZur Vervollständigung der Funddokumentation werden seit 2005 auch die nichtartifiziellen Faunenreste aus dem Theater-Tempel-Areal systematisch aufgenommen und analysiert. Im Mittelpunkt stehen dabei vorrangig Untersuchungen zu Subsistenzstrategien. Die essentielle Nutzung von Tieren sowie tierischer Produkte als Protein- und Fettlieferanten stand stets in Abhängigkeit verschiedenster Faktoren, wie beispielsweise ökologischer Verhältnisse, quantitativer Ansprüche oder kultureller Vorlieben und zog bestimmte Bewirtschaftungsformen nach sich. Eine ebenso große Bedeutung kam dem Gebrauch von Tieren als Rohstoffquelle und Arbeitskraft zu. Die Untersuchungen sollen vorwiegend Aufschluß zur Nutzung und wirtschaftlichen Vorliebe bestimmter Tierarten geben.
Das Fundmaterial umfaßt ca. 1300 Fragmente (10 kg) – vorwiegend Tierknochen und Tierzähne sowie wenige Mollusken – und stammt aus den Grabungskampagnen 2005–2007. Die archäozoologische Analyse erfolgte anhand einer Vergleichssammlung im Naturwissenschaftlichen Referat des Deutschen Archäologischen Instituts. Hierbei wurden folgende Daten erfasst: Tierart / Skelettelement / Seite / Fragmentierung / Alter / Geschlecht / Fragmentanzahl / Gewicht / taphonomische, anatomische, pathologische und artifizielle Veränderungen.
 

Ergebnisse:

Im Zuge der Auswertung des Materials konnten 18 verschiedene Tierarten ermittelt werden. Neben den vorrangig vertretenden Haustierarten, fanden sich nur wenige Überreste von Wildtieren und Vögeln. Aufgrund der starken Fragmentierung nahezu aller Fragmente, der Häufung von Skelettelementen mit ehemals quantitativ hochwertigen Fleischteilen sowie einer deutlichen Dominanz von Schlachttieren können die einzelnen Befunde als Speiseabfälle angesprochen werden.
Die Bewertung des Materials unter Bezugnahme der Schichtabfolge von hellenistischer bis frühislamischer Zeit soll das Bild zur Ernährungs- und Wirtschaftsgrundlage der Gadarener Bevölkerung nach Möglichkeit verfeinern.
Ansprechpartner: Anja Prust / Norbert Benecke

Arbeiten zur Wasserversorgung der Stadt

Vermessungsarbeiten im unteren Tunnel © DAITonrohleitung im unteren Tunnel © DAIDer Entwicklung der Wasserversorgung der antiken Stadt Gadara – von der hellenistischen bis zur römischen Zeit – gilt seit langem ein besonderes Forschungsinteresse vor Ort. Aufbauend auf den Untersuchungen von S. Kerner – H. Krebs – D. Michaelis (DEI Amman) sowie von M. Döring (FH Darmstadt) zu dem ca. 22 km langen, älteren unterirdischen Aquädukt dem sog ´Qanat Turab´, unteren Tunnel und dem ca. 170 km langen, jüngeren Aquädukt/Tunnel dem sog. ´Qanat Fir´aun´, oberer Tunnel, rückt auch die Frage nach der innerstädtischen Wasserversorgung vor Errichtung dieser wasserwirtschaftlichen Großbauprojekte in den Vordergrund.
Unsere Arbeiten vor Ort ergaben, daß die Wasserversorgung bis in späthellenistische Zeit allein durch die drei Quellen in unmittelbarer Nähe zum Siedlungshügel und die Nutzung von Zisternen sichergestellt worden ist [Keilholz 2007b]. Vermutlich in späthellenistischer Zeit wurde die Frischwasserversorgung durch die Anlage des „unteren Tunnels“ deutlich verbessert.
Über die Untersuchungen im Theater-Tempel-Areal besteht die einzigartige Chance, die ersten Bauabschnitte und die Wasserverteilung des älteren Überlandtunnels im inneren Stadtgebiet zu überprüfen und in einen baulichen Zusammenhang mit dem Theater-Tempel-Areal zu stellen.
Seit 2005 werden im Rahmen des Projekts ausgewählte Abschnitte der antiken Wasserversorgung von Gadara untersucht. Im Vordergrund steht insbesondere die Entschlüsselung der Wasserzuleitung zum Theater-Tempel-Areal, insbesondere zum Nordtheater sowie zum Nymphaeum.
Die Wasserversorgung von Bauwerken erfolgte meist in mehreren Nutzungsphasen, entweder durch die Art der Wasserzuleitung mit Rohrleitungen oder Freispiegelgerinnen oder durch den unterschiedlichen Wasserbedarf des jeweiligen Bauwerks in Abhängigkeit von seiner Ausbauphase. Durch die Erforschung der Wasserversorgung wird erhofft, Datierungsansätze für unterschiedliche Bauphasen der zu versorgenden Gebäude zu finden. Zudem können die technologischen Fertigkeiten, über die die Erbauer verfügt haben müssen, untersucht werden.
 

Methoden:

Topographischer Bestandsplan mit Kartierung der Zisternen © DAIFür die Arbeiten gilt es, primär die Frage der Funktion und sekundär die Fragen der zeitlichen Einordnung zu klären. In aufwendigen Vermessungsarbeiten wurden die meist unterirdisch angelegten Bauwerke (Zisternen, Tunnelsysteme) geodätisch erfaßt. Nach der Klärung des hydraulischen Systems, kann eine Modellrechnung durchgeführt werden, über die z. B. der Durchfluß zu einem Bauwerk oder eine mögliche Bevölkerungszahl ermittelt werden kann. Besonders für die Wasserversorgung von Gadara mit Zisternen galt es, die hydrologischen Randbedingungen der semiariden Klimazone zu berücksichtigen.
 

Ergebnisse:

Die Bearbeitung der Wasserversorgung des Nymphaeums und des Nordtheaters befindet sich in der Aufarbeitungsphase. Bei beiden Bauwerken konnten die Wasserzuleitung geklärt und mehrere Nutzungsphasen herausgearbeitet werden. Beim Nymphaeum gab es ein ausgefeiltes Steuerungssystem über einen Wasserverteiler. Die Regulierung des Zuflusses zu der Brunnenanlage erfolgte in Abhängigkeit vom Wasserstand. Die Wasserversorgung des Nordtheaters verlief über einen Seitenarm des unteren Tunnelsystems von Gadara.
Die 2006 im Rahmen einer Diplomarbeit durchgeführte Kartierung der Zisternen ergab, daß in der antiken Stadt verschiedene Bauformen dieser unterirdischen Wasserspeicher Anwendung fanden. Die Volumen der Anlagen können von 6 m³ bis zu 450 m³ variieren. Die Untersuchung der verwendeten Mörtelarten und der unterschiedlichen Fassungssteine ergab die Möglichkeit, die grundsätzlich schwierig zu datierenden Bauwerke zeitlich einzuordnen. Quintessenz der Arbeit war eine wasserwirtschaftliche Untersuchung unter der Fragestellung wie viele Menschen unter extremen Bedingungen (Belagerung) durch die Zisternen hätten überleben können. Über diese Bevölkerungszahl kann ein Grenzwert zu den maximal möglichen Einwohnerzahlen von Gadara interpretiert werden. Bei den bis jetzt bekannten Anlagen hätten bei einem mittleren Jahresniederschlag von 470 mm/a ca. 2100 Menschen von dem gespeicherten Wasser der Zisternen leben können [Keilholz 2007b].
Ansprechpartner: Claudia Bührig und Patrick Keilholz

Das Nymphaeum von Gadara und sein städtebaulicher Kontext

Nymphaeum und Ost-West-Achse, Blick nach Süden © DAIErste Forschungen in dem Untersuchungsareal wurden 1989 durch Ute Wagner-Lux und Karel Vriezen aufgenommen, die Aufschluß über die Bebauung der großen Terrassenanlage in byzantinischer Zeit und erste Hinweise auf eine mögliche Bebauung in römischer Zeit geben. In den Jahren 1992–1995 wurden Untersuchungen zu den beiden städtischen Wassertunneln unter der Leitung von Susanne Kerner durchgeführt, bei denen ein Wasserverteilungsbauwerk in unmittelbarer Nachbarschaft des Untersuchungsgebietes gefunden wurde. In den Jahren 2001–2003 führte das jordanische Department of Antiquities in Umm Qays Grabungsarbeiten in den nördlich und südlich an die Ost-West-Achse angrenzenden Bereichen durch. Dabei legte das DoA einen Brunnenbau, ein Nymphaeum und ein der Terrasse vorgelagertes Wasserbecken frei.
In der Folge hat sich die Orient Abteilung des DAI um die weiteren Forschungen in diesem zentralen Stadtfeld bemüht. Ab Herbst 2004 konnte mit der Befunddokumentation des Nymphaeums und des Brunnenbaus begonnen werden. Im Jahr 2005 folgten weitere Untersuchungen am Wasserverteiler, die nunmehr konkrete Aussagen zur Wasserversorgung des Nymphaeums und des Wasserbeckens erlauben. Zudem wurden die Bauteile im Umfeld des Nymphaeums und des Brunnenbaus katalogartig erfaßt und erste Rekonstruktionsvorschläge zu Nymphaeum und Brunnenbau erarbeitet.
 

Ergebnisse:

Literaturrecherchen haben weitergehende Erkenntnisse zu den Monumenten ergeben, die in dem Komplex eine städtische Großplanung von überregionaler Bedeutung vermuten lassen. In Zusammenhang mit der Errichtung des ca. 170 km langen Aquäduktes, dem sog. ´Qanat Fir´aun´, der derzeit von Mathias Döring (FH Darmstadt) untersucht wird, scheint in diesem Bereich der Stadt ein repräsentativer Baukomplex entstanden zu sein, der neben kultischen Aufgaben auch administrative Funktionen übernommen haben dürfte. Weitere Untersuchungen, die ab 2009 an dem Baukomplex durchgeführt werden sollen, versprechen im Zusammenhang einer bauteilgerechten Rekonstruktion, einer Auswertung zur Bauornamentik und einer detaillierten Auswertung der Inschriftenfunde weiterreichende Aufschlüsse über Funktion und Gestalt der Einzelbauten sowie des gesamten Baukomplexes.
Das Nymphäum von Gadara wird im Rahmen eines Promotionsvorhabens untersucht.
Ansprechpartner: Fabian Zens

Hellenistische Stadtmauer

Mauerwerk der Stadtmauer © DAIHellenistische Stadtmauer, Südflanke mit Pentagonaltürmen © DAINahezu alle heute bekannten Elemente der Stadtmauer waren von Erdschichten bedeckt, bevor hier 1992 die archäologische Forschung begann. Nach den wissenschaftlichen Ausgrabungen an einzelnen Abschnitten der Stadtmauer, wurde ein größerer Teil der Südflanke im Rahmen der Errichtung eines Parkplatzes von Bulldozern freigelegt.
In Ergänzung zu den wesentlichen Untersuchungen an der Südflanke der Stadtmauer, die unter der Leitung von Adolf Hoffmann in den Jahren 1992–1999 durchgeführt wurden, folgten in den Kampagnen 2000–2006 des laufenden Projektes weitere Ausgrabungen im Bereich des Nordostturmes und des Anschlusses an das nördliche Stadtareal, das Theater-Tempel-Areal. Grundlage für die für die Arbeiten an der Stadtmauer, die im Rahmen einer Promotion vorgelegt werden, bildet die Auswertung der archäologischen Befunde aus den Stadtmauergrabungen.

Ergebnisse:

Es fanden sich hinreichend ungestörte Schichten, deren stratigraphische Analyse eine zuverlässige Einordnung der Bauzeit in das frühe 2. Jh. v. Chr. erlauben. Zerstörungen und Reparaturen lassen sich zeitlich ebenso einordnen und mit den schriftlichen Quellen in Einklang bringen. Bei der geringen Anzahl von zuverlässig datierten Befestigungen aus hellenistischer Zeit im östlichen Mittelmeerraum kommt der untersuchten Anlage damit eine besondere Bedeutung zu.
Schießscharte und Ausfallpforte © DAIDie bauhistorische Analyse der Befestigungsanlage zeigt, daß Unterschiede im Mauerwerk nicht auf verschiedene Bauphasen hinweisen, sondern von der Funktion des jeweiligen Mauerabschnittes bestimmt werden. Bautechnische Details erlauben zudem den Bauablauf dieser sehr sorgfältig, aber auch rationell gefertigten Anlage nachzuvollziehen. Der hohe technische Stand und anspruchsvolle Elemente der Bauform wie die Pentagonaltürme heben die Fortifikation weit über das in der Region bekannte hinaus und verweisen auf die besondere Bedeutung dieser Grenzfestung zwischen dem seleukidischen und dem ptolemäischen Herrschaftsbereich. Daneben finden sich aber auch regionale Elemente. 
Innerhalb der Fortifikationsforschung liefert die Befestigung von Gadara zahlreiche Hinweise auf die militärische Ausrüstung mit Artillerie und Vorrichtungen wie Schlupfpforten, die eine aktive Verteidigung ermöglichen. Die geringe Größe der Anlage kann dabei einen Hinweis auf die zeitgenössische Entwicklung der Fortifikationen geben, der weiter zu untersuchen ist.  Die Einordnung in die siedlungsgeschichtliche Entwicklung von Gadara und die Untersuchung seiner Stellung innerhalb der Entwicklung von Fortifikationen soll helfen, die über das Militärische hinausgehende Funktion der Stadtmauer für die Repräsentation und Selbstdarstellung der griechischen Polis zu bewerten.
Die hellenistische Stadtmauer von Gadara wird im Rahmen eines von Wolfram Hoepfner betreuten Promotionsvorhabens an der FU Berlin untersucht.
Ansprechpartner: Brita Jansen

Präsentation vor Ort. Zeichen setzen – ein touristisches Leit- und Informationssystem für Gadara

Siedlungshügel mit spätosmanischer Bebauung © DAI

 

Übergabe des touristischen Leitsystems im Jahr 2000 © DAI
 
Informationsstele auf der nordwestlichen Kirchenterrasse © DAI

Der antike Ort Gadara gewann zum Ende der 1990-Jahren als touristischer Anziehungspunkt an Bedeutung. Dies verdankt Gadara seiner landschaftlich reizvollen Lage, den um 1900 über der Akropolis errichteten und noch heute gut erhaltenen und geschlossenen Baubestand an Hofhäusern der spätosmanischen Zeit, aber vor allem dem Bestand an antiken Bauwerken. Die zunehmende Zahl freigelegter Monumente vervollständigte das Bild der hellenistisch-römischen Stadt in den letzten Jahren. Zu den zahlreichen Besuchern des Ortes gehören jordanische Touristen wie auch Reisende aus aller Welt. Gerade Individualtouristen, die ohne Reiseleiter den Ort besuchen, konnten bislang nur wenig über die antiken Monumente erfahren.

Während eines Besuchs des damaligen jordanischen Tourismusministers im Deutschen Archäologischen Institut in Berlin wurde im Jahr 2000 die Konzeption eines Informationssystems für Gadara beschlossen, um den Besuchern die Ergebnisse der seit drei Jahrzehnten durchgeführten Forschungen zu vermitteln. Das jordanische Department of Antiquities (DoA) förderte als örtlicher Kooperationspartner das Projekt in allen Schritten, das vom Deutschen Archäologischen Institut finanziert und von Claudia Bührig gemeinsam mit Nadine Riedl im Auftrag der Orient-Abteilung organisiert wurde. Unterstützung vor Ort erfuhr die Unternehmung seitens des DEI in Amman. Alle bisher freigelegten Bauwerke sind in einem Übersichtsplan erfaßt und mit Nummern gekennzeichnet. Dieser mit einem einführenden Text versehene Plan befindet sich auf einer großen Informationstafel am Haupteingang des Grabungsgeländes sowie auf Faltblättern, die den Besuchern ausgehändigt werden. Im Gelände der antiken Stätte wurden 28 Einzelmonumente mit Hinweistafeln in drei Sprachen (arabisch, englisch, deutsch) beschriftet.

Über die Objektnummer kann der Besucher das Monument im Übersichtsplan identifizieren und eine Kurzbeschreibung erhalten. In einem ersten, am 8.10.2001 offiziell eingeweihten Projektabschnitt wurden zudem an sechs ausgewählten Monumenten Stelen mit dreieckigem Querschnitt aufgestellt, welche die Besucher mit Grundrissen und Rekonstruktionen über das einzelne Bauwerk ausführlich informieren. Der dreieckige Querschnitt war für die Anbringung der in drei Sprachen verfaßten Informationstafeln auf je einer Trägerfläche ideal. Ein weiterer Vorteil dieses Entwurfs besteht darin, daß sich die Stelen allseitig mit Ansichtsflächen präsentieren.
Aufgrund der außerordentlich positiven Resonanz wurden die Arbeiten am touristischen Leit- und Informationssystems im Jahr 2004 mit Unterstützung der Kulturhilfe des Auswärtigen Amtes sowohl im archäologischen Gelände als auch im Museum von Umm Qays fortgesetzt.
Ansprechpartner: Claudia Bührig

 

Ausblick

Topographischer Bestandsplan © DAI
Blick auf den Siedlungshügel und das Theater-Tempel-Areal © DAI

Um die historischen Dimensionen der Siedlungsverlagerungen großräumig betrachten zu können, sind die Ergebnisse der Stadtforschung mit den Ergebnissen von Surveys und Grabungen im Umland zusammenzubringen. Auf den vorangegangenen Arbeiten aufbauend, wird seit 2010 von der Orient-Abteilung stärker der Blick auf das Gadarener Umland gerichtet. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Beziehungen zwischen Stadt und Umland, d. h. der Siedlungsentwicklung zwischen der hellenistischen und frührömischen Zeit. Diese Arbeiten vervollständigen die Untersuchungen eines weiteren Projektes in der Region dem sog. „Gadara Region Projekts“, dessen Schwerpunkt, ausgehend vom Tall Zirā’a auf den Bereich des Wādī l-`Arab liegt, d. h. den Bereich südlich der Höhenzüge von und um Gadara.
Unter optimaler Ausnutzung der örtlichen topographischen Gegebenheiten ist für die Gadarener Heiligtümer ein deutlicher Raum- und Landschaftsbezug festzuhalten. In Erweiterung bereits bestehender topographischer Aufnahmen zur Analyse des Territoriums mit den extra und intra muros gelegenen Heiligtümern sollen über längere Zeiträume Raumveränderungen und damit einhergehend gewachsene und veränderte Raumwahrnehmungen/-beziehungen in den Forschungsfokus genommen und mit geowissenschaftlichen Methoden an Hand eines zu erarbeitenden 3D-Raum-/Landschaftsmodells simuliert werden. Zu hinterfragen gilt auch, inwieweit in bestehende topographische Gegebenheiten eingegriffen wurde bzw. Veränderungen vorgenommen wurden, z. B. um einen "Raum“ zu definieren oder um Sichtbezüge zwischen den verschiedenen sakralen Räumen herzustellen.
Ansprechpartnerin: Claudia Bührig

Cooperation / Cooperation partners

Das Projekt wurde bis 2010 in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz und wird seit 2011 in Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und in Abstimmung mit dem jordanischen Department of Antiquities in Amman durchgeführt.

Mitarbeiter/-innen in Berlin

Anja Prust (2005-2009), Georg Pasewald (2006-2012)

Wissenschaftliche Zusammenarbeit

  • Vermessung und Datenmanagement: Dipl.-Ing. Christian Hartl-Reiter, Schwerin
  • Fundbearbeitung: Dr. Bernd Liesen, Hamminkel
  • Hydrologie und Wasserbau: Dipl.-Ing. Patrick Keilholz, München
  • Numismatik: Dr. Hans Christoph Noeske, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
  • Amphorenstempel: Dr. Gerhard Joehrens, Berlin
  • Archäozoologie: Prof. Dr. Norbert Benecke, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin und Anja Prust M.A., Berlin und Kiel
  • Archäobotanik: Dr. Reinder Neef, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin
  • Naturwissenschaftliche Untersuchungen des Inkrustationsmarmors: Vilma Gedzeviciute, Würzburg
  • Naturwissenschaftliche Untersuchungen der Keramik: Dr. Gerwulf Schneider, Freie Universität Berlin, und Małgorzata Daszkiewicz, Warschau

Wissenschaftliche Dienstleistungen

  • 14C-Datierungen: Department of Geology. Lund University

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Grabungsmannschaft 2007 © DAIBastian Abert (2007), Antonia Brauchle (2007, 2008), Claudia Bührig (seit 1992), Nadin Burkhardt (2005, 2006 II), Jens Eichner (2002), Elettra Griesi (2006 II), Christian Hartl-Reiter (seit 1995), Joissy Hidalgo (2007), Hinz-Holger Hirth (seit 1987), Brita Jansen (2002–2003, 2005, 2006 II, 2008), Ina Kehrberg (2003), Patrick Keilholz (2005, 2006 II, 2007), Judith Krobbach (2006 II, 2007), Bernd Liesen (seit 2003), Dominik Lorentzen (2002), Anja Prust (2005, 2006 II–2008), Günther Schauerte (seit 1991), Fabian Zens (2002–2006 I)

Further Contact

Prof. Dr. Günther Schauerte (SPK)

Sponsorship

Das Projekt wird finanziert aus Mitteln der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts sowie 2005 und 2009 mit einer Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn.
Die Grabungskampagnen 2005 und 2007 wurden finanziell unterstützt von der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft e.V.
Die Finanzierung des touristischen Leit- und Informationssystem von Gadara/Umm Qays erfolgte im Jahr 2000 mit Mitteln des Deutschen Archäologischen Instituts und im Jahr 2005 mit Mitteln der Deutschen Kulturhilfe.

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