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Kerameikos

Bedeutendster Friedhof der antiken Stadt Athen, der als einziger nicht überbaut und daher Forschern und Besuchern zugänglich ist. Abschnitt des Eridanos und beiderseits des Flusses bedeutende Landstraßen. Teil der Stadtmauer mit zwei monumentalen Toranlagen. Siedlungs-, Kult- und Sepulkralaktivität von der Vorgeschichte bis in byzantinische Zeit.

Localisation

Das Grabungsgelände

Abb. 1 Kerameikos, Plan des Grabungsgeländes nach I. Travlos © DAIDie Kerameikosgrabung umfaßt ein Gelände von 3,85 Hektar. Heute im Zentrum Athens zwischen Hermes- und Piräusstraße gelegen, befand sich das Areal in der Antike am nordwestlichen Stadtrand. Ein Teil des Geländes gehörte zum Demos Kerameis, dem Töpferviertel. Der antike Kerameikos wurde durch den Bau der Stadtmauern 478 v.Chr. in einen inner- und einen außerstädtischen Bereich geteilt. Zwei eindrucksvolle Toranlagen, das Heilige Tor und das Dipylon, sind hier nahe beieinander über den Landstraßen errichtet worden. Zwischen den Toren befand sich das Pompeion.
Vor den Toren und entlang der Landstraßen, nämlich der Straße zur Akademie und der Heiligen Straße, von der die Straße zum Hafen von Munichia abzweigte, reihten sich zahlreiche Gräber auf. Die zu den Straßen hingerichteten, teilweise meterhohen Fassaden der Grabbauten und Grabbezirke trugen reichem Figurenschmuck, darunter die Grabreliefs für Hegeso, Tochter des Proxenos und den Ritter Dexileos.

Abb. 2 Kerameikos, Grabbezirk mit dem Relief des Ritters Dexileos. Kerameikos, Inv. P 1130 (Photo J. Stroszeck) © DAI Abb. 3 Kerameikos, Grabbezirk mit der Kopie des Reliefs der Hegeso. Original im Archäologischen Nationalmuseum, Inv. 3624 (Photo J. Stroszeck) © DAI

Viele dieser Denkmäler sind in situ gefunden worden, einige stehen seit der Antike noch immer am alten Platz, die meisten Skulpturen sind aber wegen der Luftverschmutzung ins Museum überführt und durch Zementabgüsse ersetzt werden. Zuletzt wurde im Jahr 2000 das bekannte Wahrzeichen des Kerameikos, der kolossale Stier aus dem Grabbezirk des Dionysios von Kollytos, ins Museum gebracht. An seiner Stelle im Gelände steht heute eine maßgleiche Kopie.

Abb. 4. Kerameikos, Inv. P 689. Der Stier aus dem Grabbezirk des Dionysios von Kollytos. Aufstellung im 2004 erneuerten Museum (Photo J. Stroszeck) © DAI Abb. 4. Kerameikos, Inv. P 689. Der Stier aus dem Grabbezirk des Dionysios von Kollytos. Aufstellung als Kopie im Gelände (Photo J. Stroszeck) © DAI

Der Eridanos

Der Flußlauf des Eridanos teilt das Gelände des Kerameikos in zwei Bereiche. Der Fluß ist einer von drei Flußläufen, über die Athen verfügt (Kephissos, Ilissos, Eridanos). Der Eridanos entspringt am Westhang des Lykabettos, durchquert das Stadtzentrum von Athen und mündet im Westen der Stadt in den Kephissos, der bei Phaleron ins Meer mündet. Im Kerameikos ist der einzige oberirdisch erhaltene Abschnitt des Flusses erhalten. Seit dem 5. Jh. v. Chr. sind Teile des Flusses über weite Strecken kanalisiert, der Kanal verläßt das Stadtgebiet durch das Heilige Tor. Das Wasser des Eridanos verwandelt den Kerameikos in eine grüne Oase mit einem artenreichen Tier- und Pflanzenleben. Der Erhaltung dieses Biotops mitten in Athen ist  - über die archäologische Erforschung hinaus – das Anliegen der Kerameikosgrabung.

Historique

Seinen Namen erhielt der Kerameikos von den Töpfern (Kerameis) die an den Ufern des Eridanos und entlang der Straßen beiderseits des Flusses über Jahrhunderte hinweg ihre Werkstätten unterhielten. Eine Fülle antiker Zeugnisse zum Kerameikos ergänzt und erklärt die Grabungsfunde. Der Name  für die Straße, die durch das Töpferviertel führte, ist schon im 4. Jh. v. Chr. zum Synonym für die Staatsgräberstraße Athens geworden, die sich vor dem Thriasischen Tor (dem späteren Diypylon) erstreckte. Im gleichnamigen modernen Grabungsgelände liegt eine ausgedehnte Nekropole Athens, in der die ersten Gräber schon um 2000 v. Chr. angelegt worden sind. Zu den beiden Toranlagen führten die Wege vom Festland, von der Peloponnes und von den Häfen nach Athen. Die Straßen und das Umfeld der Tore waren Bereiche intensivster Kommunikation, es herrschte rege Betriebsamkeit: Händler trafen ein, brachen auf zu ihren Reisen oder sie errichteten Stände, auf denen sie ihre Waren anboten; Prozessionen zogen an festgelegten Tagen, kleine Festzüge jederzeit zu den Heiligtümern; Leichenzüge und Frauen, die die Gräber pflegten, waren zur Nekropole unterwegs, das Militär patrouillierte auf den Stadtmauern. Das Areal um die Tore war außerdem ein beliebter Treffpunkt von Prostituierten mit ihren Kunden.
Durch das Heilige Tor führte die Straße zum Mysterienheiligtum von Eleusis. Jährlich im Herbst fanden feierliche Prozessionen zwischen Athen und Eleusis statt. Die Straße, die durch das Dipylon zum Hain des Heros Hekademos führte, in dem im 4. Jh. v. Chr. Platon die berühmte Akademie gründete, war vor dem Tor mehr als 40 m breit. Sie hatte nicht nur als Verkehrsachse, sondern auch als Veranstaltungsort für Athen besondere Bedeutung, denn hier wurden Agone zu Ehren der Toten und andere kultische Wettläufe veranstaltet. Am Rand der Straße lagen die schön ausgebauten Staatsgräber der Athener: auf Kosten des Staates errichtete Gräber von Künstlern, bedeutenden Politikern sowie Polyandrien, d.h. Staatsgräber für die Gefallenen der Stadt Athen und ihrer Bundesgenossen.
Zu Beginn des 4. Jhs. v. Chr. entstand zwischen den beiden monumentalen Toranlagen das Pompeion. Von dem langgestreckten Gebäude mit ionischem Propylon, einem Säulenumstandenen Hof und angegliederten, kleineren Banketträumen nahm anlässlich des Festes der Schutzgottheit der Stadt die Prozession ihren Ausgang, die am Athenatempel auf der Akropolis endete.

Historique de la recherche

Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen auf dem Gelände des Kerameikos wurden bereits 1863 von der Griechischen Archäologischen Gesellschaft begonnen; allein dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß die dort freigelegten antiken Denkmäler für die Wissenschaft und für die Besucher gerettet worden sind. 1913 wurde das Gebiet zur weiteren Erforschung der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts übertragen. In dem durch Grundstücksankäufe nach und nach auf 38 500 qm angewachsenen Gelände werden seither systematische Ausgrabungen durchgeführt. Die Abteilung ist auch für die Restaurierung der Denkmäler und die Pflege des Geländes verantwortlich.

Museum und Funde

Während die Funde aus älteren Grabungen in das Nationalmuseum von Athen gelangt sind, verblieben die Funde seit Beginn der deutschen Ausgrabungen im Kerameikos. Die bedeutendsten Funde sind im Kerameikosmuseum öffentlich ausgestellt, das aus Stiftungsmitteln des deusch-amerikanischen Industriellen Gustav Oberländer (1867-1936) nach Plänen des Architekten Heinz Johannes (1901-1945) errichtet worden ist.

Abb. 7 Entwurf des Kerameikosmuseums von H. Johannes (1936) © DAI Abb. 8 Kerameikosmuseum, Erneuerung 2004 von Süden (Photo J. Stroszeck) © DAI

Anläßlich der Durchführung der Olympischen Spiele in Athen 2004 erfolgte eine Erneuerung des Museums und der Ausstellung. Dabei wurde ein Teil der Neufunde archaischer Skulpturen vom Heiligen Tor (2002) in die Ausstellung aufgenommen.
Anhand ausgewählter Beispiele wird im Museum die kontinuierliche Entwicklung der Grabsitten, der Grabbeigaben und des Grabschmuckes über mehr als ein Jahrtausend von submykenischer Zeit (11. Jh.v.Chr.) bis in den Ausgang der Antike veranschaulicht. Wegen der beschränkten Ausstellungsfläche ist die Masse der Funde jedoch magaziniert (Besichtigung nur nach Rücksprache mit der deutschen Grabungsleitung und mit Zustimmung der Ephorie möglich).

Travaux récents

Abb. 9 Kerameikos, Museum Inv. P 1699. Neufund eines archaischen Grablöwen 2002 (Photo J. Stroszeck). © DAIDie großen archäologischen Stätten in Athen, zu denen der Kerameikos gehört (Akropolis, Agora, Kerameikos, Olympieion und Akademie Platons), bieten einen umfassenden und diachronischen Einblick in die verschiedenen Sphären des antiken Lebens und der antiken Gesellschaft. Zu den Schwerpunkten, die im Kerameikos durch die archäologische Forschung erschlossen werden können, gehören insbesondere der Grabkult sowie verschiedene Bereiche des Alltagslebens: Wasserversorgung, Straßenverkehr, Kultbetrieb, Verteidigungsanlagen, und Töpferproduktion.
Die Bedingungen für breit angelegte Forschungen sind hier geradezu ideal, da viele Denkmäler durch Inschriften oder antike Quellen identifiziert sind und durch die Ausgrabungen ein umfangreiches Material an Sachfunden zur Verfügung steht, das bisher nur zum Teil oder nur unter einzelnen Aspekten ausgewertet ist. Außerdem ist etwa ein Viertel des Geländes bislang nicht abschließend untersucht. Ein großer Teil der gut dokumentierten Grabungsbefunde wird aktuell von verschiedenen Mitarbeitern für die Publikation vorbereitet.
Die neuen Forschungen werden vorrangig unter zwei Gesichtspunkten weitergeführt: Wassermanagement im antiken Athen und Töpferproduktion. Voraussetzung für die Töpferproduktion im Kerameikos war eine ausreichende Wasserversorgung der Werkstätten. Angesichts des Wasserbedarfs der Töpfer und anderer Handwerker im Gelände vor den beiden Toren und bedingt durch den Fluß, der das Gelände durchquert, wurde in der Antike im Kerameikos erheblicher Aufwand für die Sicherstellung der Wasserver- und entsorgung betrieben. Davon zeugen zahlreiche Brunnen, Zisternen, Wasserleitungen und Abwasserkanäle sowie Überlaufeinrichtungen am Eridanoskanal, die bei den Grabungen ans Licht gekommen sind. Für die Wasserleitungs- und Kanalsysteme, denen zweifelos umfangreiche Planungen vorausgingen, war die Polis verantwortlich.
Programm der Verbindung archäologischer Stätten in Athen

Der Plan, unter den verschiedenen Ausgrabungsgebieten in der Stadt Athen (Olympieion, Akropolis, Agora, Kerameikos, Akademie) eine bessere Verbindung herzustellen (sog. Enopiisi-Projekt), hat in den letzten Jahren dank finanzieller Unterstützung durch die EU greifbare Formen angenommen. Davon ist auch das Kerameikosgelände mit seinen gegenwärtigen Einrichtungen (Museum, Magazine) betroffen sein. Die Federführung für dieses Projekt liegt bei einem eigenständigen Gremium, das dem griechischen Kulturministerium unterstellt ist. 2011 ist die Erforschung eines ca. 4 300 m2 großen Areals im Südwesten des Kerameikos  beschlossen werden.

Nachgrabungen 2011 und 2012Kerameikos, Zisterne 15, Innenaufnahme (Photo J. Stroszeck) © DAI
In den Jahren 2011 und 2012 wurden zwei unterirdische Zisternensysteme untersucht. Sie gehören zu einer Badeanlage aus klassischer Zeit. Die Lage zwischen den Stadttoren ermöglicht die Identifizierung mit einem in antiken Quellen genannten Bad. Aufgrund der Baugeschichte muß die ältere Zisternenanlage im 5., die jüngere im 4. Jh.v.Chr. angelegt und in Betrieb gewesen sein. Unterschiede in Bauweise, Form und Funktion können als Ergebnis eines Erkenntnisfortschritts in der Wasserbautechnik klassischer Zeit verstanden werden.

Restaurierungsprojekt 2012
Die Baudenkmäler im Kerameikos waren zumeist schon in der Antike durch Erdbeben und Kriege sowie seit der Spätantike bis in die Neuzeit hinein vor allem durch Steinraub in ihrer Substanz angegriffen. Seit der Ausgrabung und den anschließenden ersten Restaurierungsarbeiten sind vielfach erneut Schäden an den Ruinen aufgetreten, die besonders den heutigen Umweltbedingungen in Zusammenhang stehen. Daher wurde 2012 ein umfangreiches Restaurierungsprojekt begonnen. Die Maßnahmen gelten dem Heiligen Tor, dem Rundbad, dem Lakedaimoniergrab, dem Monument beim 3. Horos sowie dem Heiligtum der Hekate. Die Ausführung der vom DAI finanzierten Maßnahmen hat ein Berliner Architekturbüro übernommen.

Résultats

Abb. 10 Athen, Akademiestraße. Rechts die Fassade Lakedaimoniergräber (Photo J. Stroszeck) © DAIDie Forschungen der vergangenen Jahre konzentrierten sich auf die Straße vor dem Dipylon, an deren Rändern, wie aus den Quellen bekannt ist, die Staatsgräber der Athener lagen. Nahe vor dem Tor, am südwestlichen Rand der Straße, liegen die Staatsgräber der 403 v. Chr. als Bundesgenossen der Dreißig Tyrannen gefallenen Spartaner.
Diese Grabanlage war in den vergangenen Jahren (2006-2009) Gegenstand mehrerer Feldkampagnen. Zum Zeitpunkt ihrer Erbauung hatte sie politisch- propagandistischen Charakter. Im Rahmen der Untersuchungen wurde die komplette Dokumentation des Baubefundes abgeschlossen. Die Phasen der Errichtung der Grabanlage sowie deren Vorgängerbebauung abschließend geklärt. Zudem erbrachten die Kampagnen weitere Erkenntnisse über den Bestattungsvorgang und über am Grab vollzogene Riten. Wie sich gezeigt hat, gingen den einzelnen Phasen des steinernen Quaderbaus, der für neue Gefallene mehrfach erweitert wurde, jeweils für kurze Zeit sichtbare Grabmale in Form von einem Tumulus bzw. aus Lehmziegeln errichteten Grabbauten voraus.
Die Ergebnisse werden derzeit für die Publikation vorbereitet.

Bibliographie

(in Auswahl)

Kerameikos. Ergebnisse der Ausgrabungen (bisher 18 Bände)
A. Brueckner, Der Friedhof am Eridanos (Berlin 1909)
U. Knigge, Der Kerameikos von Athen (1988, auch in englischer und neugriechischer Sprache).
W.-D. Niemeier, Der Kuros vom Heiligen Tor (Mainz 2002)

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