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"Epochenwandel und historische Veränderungssprozesse in Anatolien"

2. Wissenschaftliches Netzwerk der Abteilung Istanbul

Themenstellung und Zielsetzung

Im Mittelpunkt unseres Netzwerkes steht die Diskussion von Veränderungserscheinungen in archäologisch-baugeschichtlichen Befunden als methodisches und phänomenologisches Problem, d.h. auf ihre Erfaßbarkeit als empirische Erscheinungen. Dabei geht es zunächst um Grundmuster historischer Veränderungen, d.h. um Umbrüche auf der einen und langfristige Entwicklungen auf der anderen Seite. Im Vordergrund steht die Reflektion über die Grundmuster selbst und ihre Nachweisbarkeit in archäologischen Befunden, nicht jedoch die vertiefte historische Diskussion spezifischer Ereignisse oder Entwicklungen wie z.B. der so genannten neolithischen Revolution oder des Übergangs von der hellenistischen Herrschaft zum Imperium Romanum. Denn das Netzwerk will über die Grenzen von Epochen, Landschaften und Fachdisziplinen hinaus erörtern, welche historischen Veränderungsprozesse Spuren in der materiellen Kultur hinterlassen und sich damit in archäologischen Befunden fassen lassen und welche Methoden mit ihren spezifischen Stärken und Schwächen bei ihrer Feststellung zum Einsatz kommen. Daran schließt die Frage nach der historischen Interpretierbarkeit archäologisch nachgewiesener Veränderungsprozesse an, d.h. ihrer Tauglichkeit als Quellen für die Ereignis- ebenso wie für die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Dabei soll es u. a. auch um das virulente Problem der Verknüpfung archäologischer Befunde mit schriftlichen Quellen gehen.

Zwei Pole in der Diskussion um die Formen historischer Veränderungen und ihrer Materialisierung im archäologischen Befund bilden die Begriffe longue durée und "Sattelzeit". Ersterer Begriff bezieht sich auf Strukturen von scheinbar großer Dauerhaftigkeit, wie z.B. der Mittelmeerraum als prägender Rahmen für historische Entwicklungen, die griechische Polis als Lebensform oder auch eine Platzanlage mit langer Geschichte. Ausgangspunkt ist die Betrachtung der Rahmenstrukturen und ihrer prägenden Wirkung auf alle Lebensbereiche über längere Zeiträume, wobei auch Aktualisierungen und Neubesetzungen ins Auge gefaßt werden. Es geht also um Raum-Zeit-Probleme, womit das Netzwerk zugleich eine Kernfrage des DAI-Forschungsclusters 3 "Politische Räume" berührt. Demgegenüber nimmt der Begriff "Sattelzeit" die Umbruchsphasen ins Blickfeld. Geprägt durch den Historiker Reinhart Koselleck bezeichnete er zunächst die Zeit vor und nach der Französischen Revolution, wird aber auch auf andere Perioden gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche übertragen. Hier stellt sich für uns einerseits die Frage nach der Nachweisbarkeit einschneidender Umbrüche im archäologischen Befund sowie nach ihren Ursachen und Wirkungen. Zum anderen muß aber auch gefragt werden, welche Evidenzen im archäologischen Befund vorliegen müssen, um als Indikatoren für gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche gelten zu können. Beide Begriffe bezeichnen also sowohl Grundstrukturen historischer Entwicklung als auch deren Betrachtungsweisen. Dabei geht es nicht darum, Gegensätze zwischen den beiden Polen zu konstruieren; vielmehr können komplexe archäologische Kontexte wie Siedlungen oder Heiligtümer Zeugnisse sowohl für longue durée-Phänomene als auch für Sattelzeiten umfassen.

Durch die Konzentration des Netzwerkes auf Anatolien ergibt sich darüber hinaus die Chance, Formen der Veränderung in verschiedenen Epochen und Landschaften miteinander zu vergleichen und nach möglichen Parallelen im Auftreten von langfristigen Entwicklungen, Brüchen oder auch Persistenzen zu fragen, die z.B. durch gleichbleibende naturräumliche Gegebenheiten bedingt sein können.

Departments:
Istanbul Department (türkçe)

Further Information on the Section in Charge

 

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Seminarthemen


1) Grundmuster historischer Entwicklung und Methoden ihrer Erforschung (6.-7. März 2009)
    Einführungsseminar mit Referaten von Archäologen und Historikern, die sich in ihrer Forschung mit Fragen des Netzwerkes beschäftigen

2) Veränderungserscheinungen in Politik-, Kultur- und Religionsgeschichte (6. November 2009)
    Präsentation und Diskussion von longue durée- und Sattelzeit-Phänomenen in Politik-, Kultur- und Religionsgeschichte
    Organisation: M. Doğan-Alparslan, M. Alparslan, F. Pirson, J. Seeher

3) Veränderungserscheinungen in Räumen (5.-6. März 2010)
    a) Präsentation und Diskussion von longue durée- und Sattelzeit-Phänomenen in Landschaftsräumen
    Organisation: J. Fildhuth, B. Hemeier
    b) Präsentation und Diskussion von longue durée- und Sattelzeit-Phänomenen in urbanen Räumen
    Organisation: A. Filges, U. Mania, W. Raeck

4) Veränderungserscheinungen in Architektur und Bautechnik (November 2010)
    Präsentation und Diskussion von Phänomenen der Veränderungen in der Bautechnik als Ausdruck historischer Entwicklungen
    Organisation: M. Bachmann, R. Becks


Workshop-Themen

1) 'Dark Ages' in Anatolien (7. November 2009)
    Diskussion und historische Bewertung von Dark Ages-Phänomenen als Folgeerscheinungen einschneidender historischer Brüche
    Organisation: Ph. Niewöhner, J. Seeher, A. Slawisch

2) Wohnarchitektur (November 2010)
    Diskussion von longue durée-Phänomenen in der Wohnarchitektur, d.h. insbesondere der Aktualisierung und Neubesetzung von dauerhaften Strukturen
    Organisation: M. Bachmann, D. Beyazit, A. Wirsching  

Konzeption und Organisation: M. Bachmann, Ph. Niewöhner, F. Pirson, A. Schachner, J. Seeher, A. Wirsching
Assoziierte Mitglieder: A. Hoffmann, M. Zimmermann



Das wissenschaftliche Netzwerk setzt sich aus folgenden Projekten zusammen:


Konzepte und Umsetzungen des Ritualgeschehens im 'offenen Raum' im bronzezeitlichen Vorderasien

Als Phänomene historischer Entwicklung sollen - ausgehend von dem Thema meiner Promotion über "Konzepte und Umsetzungen des Ritualgeschehens im 'offenen Raum' im bronzezeitlichen Vorderasien" - Veränderungen in der Ritualdynamik und in der Gestaltung extramuraler Kultplätze in Anatolien diskutiert werden.
Rituale stehen im Spannungsfeld zwischen andauernder Tradition, die den Anspruch auf Stabilität erhebt, und Performanz, die als (Einzel-)Geschehen dem Ritual Dynamik gibt. Der Ereignischarakter wird zumindest dem Anspruch nach aufgehoben und in "zeitlose" Strukturen umgewandelt. Vor dem Hintergrund dieser "Zeitlosigkeit" wird die Weiternutzung von Kulten und "offenen Heiligtümern" durch die Bevölkerung über so genannte Epochengrenzen hinaus verständlich.
Rituale und Gebräuche gehören aber ebenso zur politischen Landschaft einer Gesellschaft. Die Elite nutzte Rituale unter anderem zu ihrer Legitimation und Repräsentation. So war es auch die Elite, die in (Vor-) Krisenzeiten ("Sattelzeiten") auf veränderte Umstände zu reagieren hatte. Beispielsweise ist auffallend, dass eine Fülle an Material aus der Endphase der hethitischen Zeit auf uns gekommen ist, die unser Bild dieser Epoche prägt. Wenn man diese Materialfülle nicht nur als forschungs- und fundumstandsbedingt erklären möchte, stellt sich die Frage, ob die Anpassungen und Stabilisierungen (z.B. in steinernen Bildwerken) kurz vor dem Ende der hethitischen Zeit eine verstärkte Reaktion der Elite auf unruhige Krisenzeiten/-stimmungen sein können.
Die Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Umsetzung des (Ritual-) Geschehens auf der einen Seite und dem sich eher langsam verändernden Naturraum auf der anderen Seite, werfen ebenfalls die Frage nach dem Einfluss des Naturraums in der longue durée auf das menschliche Tun gerade in "offenen Heiligtümern" auf. Dabei steht zu diskutieren, inwieweit Formen von Naturdeterminismus als Erklärungsmodell herangezogen werden könnten und sollten.
Im Rahmen des interdisziplinären Netzwerkes soll die Suche nach denkbaren Mustern und Gründen für den Wandel bzw. die Kontinuitäten beispielsweise der Weiternutzung im Vordergrund stehen. Immer wieder stellen sich Fragen nicht nur nach der Historie, sondern auch Fragen nach der Historik.
B. Hemeier


Der Çukuriçi Höyük bei Ephesos und der Yeni Yeldeğirmentepe bei Pergamon

Anhand zweier neuer archäologischer Feldprojekte in Westanatolien (Çukuriçi Höyük bei Ephesos und Yeni Yeldeğirmentepe bei Pergamon) stehen die Zeiträume vom Spätneolithikum/Frühchalkolithikum (ca. 6000 B.C.) bis zur Frühbronzezeit (3.Jt.) im Fokus der Untersuchungen im Großraum Westanatolien am Schnittpunkt zur ägäischen Welt. In den Zeitraum der Besiedlung fallen mehrere epochale Veränderungen, die sich derzeit allerdings nur unter Vorbehalt auch in den archäologischen Befunden fassen lassen. Die Einbeziehung ökologischer Rahmenbedingungen erlaubt eine erste Einschätzung eines naturräumlichen Wandels, der für eine Interpretation kulturhistorischer Prozesse bedeutsam sein könnte (Bsp. Klimaveränderung am Übergang zum Chalkolithikum, Verschiebung der Küstenlinie und Wandel in der Nutzung des Meeres als naturräumliche Ressource etc.).
Die Problematik von Periodendefinitionen bildet ein zentraler Bestandteil, wie sie sich beispielsweise grob mit der Frage "Wann und warum beginnt die Bronzezeit?" skizzieren lässt. Inwieweit lassen Veränderungen in Bebauungsstruktur oder technischer Fortschritt (Stichwort Einführung der Metallurgie) auch Rückschlüsse auf gesellschaftliche Entwicklungen zu? Wie großräumig müssen solche Prozesse verfolgbar sein, um einen Epochenwandel zu definieren (Stichwort Urbanisierung zwischen Anatolien und Ägäis)? Wie lassen sich die bekannten Epochendefinitionen in Zeiten starker Regionalisierungsprozesse anwenden, wenn Entwicklungen eher diachron als synchron erkennbar sind?
B. Horejs


Prähistorische Lebensräume in Bursa

Die Beckenlandschaften in der Provinz Bursa sind als Einheiten zu sehen, in denen man jeweils geschlossene Gruppen von Siedlungen erkennen kann. Wie im Grossteil der Provinz Bursa, ist es auch hier der Fall, dass sowohl die moderne Landwirtschaft als auch die zunehmende Industrialisierung für eine Beeinträchtigung des Naturraumes und der Fundplätze sorgt.
Als Untersuchungsraum kommen die İznik und Yenişehir Becken in Frage, weil es sich um relativ gut erforschte Landschaften handelt. Die Geländebegehungen, die schon seit den 30er Jahren unternommen werden, und die Ausgrabungen z.B. in Ilıpınar, Menteşe, Barçın und Hacılartepe ermöglichen es, Schlüsse über die siedlungsinternen Strukturen und auch die Verteilung der archäologischen Hinterlassenschaften zu ziehen.
Obwohl die Besiedlung dieser Region bis in neolithische Zeit zurückreicht, scheint die Frühbronzezeit die Ära zu sein, welche durch eine Zunahme der Siedlungsanzahl gekennzeichnet ist. Diese Erscheinung lässt sich fast in allen Geländebegehungen in verschiedenen Regionen Anatoliens feststellen. Das Ziel der Untersuchung ist die Landschaft möglichst differenziert zu betrachten und zu versuchen, gewisse Zusammenhänge zu klären, in denen Verteilungsmuster zu erkennen sind. Im nächsten Schritt kann darüber diskutiert werden, wie weit man von Modellen bzw. von Abweichungen sprechen kann.
Im Rahmen des Netzwerkes soll vorgestellt werden, wie die Zunahme der Siedlungsanzahl zu interpretiert ist und in wieweit man diese Erscheinung differenziert betrachten kann. Einerseits kann dabei die Annahme diskutiert werden, dass diese Entwicklung Teil eines Vorganges ist, der sich über einen längeren Zeitraum abspielt. Aber andererseits sollte der Forschungsstand und die Methodik kritisch betrachtet werden.
B. Aksoy


Die Frühbronzezeit in Zentralanatolien

Seit 2006 laufen Arbeiten, die der Erforschung des 4. und 3. Jts. v. u. Z. in Zentralanatolien und der Einbindung dieser Region in den überregionalen, zeitlichen Kontext gewidmet sind. Das interdisziplinäre Projekt gliedert sich in mehrere Teilbereiche (Feldarbeiten und Materialstudien), die in Kooperation mit verschiedenen Museen/Institutionen (u. a. Anadolu Medeniyetleri Müzesi Ankara und ODTÜ-Müzesi/Ankara) durchgeführt wurden und in den nächsten Jahren fortgesetzt werden. Die geplanten Schwerpunkte liegen u. a. auf Ausgrabungsarbeiten zur Klärung chronologischer und siedlungsarchäologischer Fragestellungen, auf der weiteren Neuaufnahme von Architektur und Stratigraphien von Altgrabungen, auf der Durchführung von Surveys zur Dokumentation des frühbronzezeitlichen Siedlungsverhaltens sowie auf einer umfassenden Aufarbeitung unzureichend publizierten Fundmaterials aus Altgrabungen.
Aus den bisherigen Ergebnissen leiten sich Fragestellungen ab, die im engen Zusammenhang mit den Zielen des Netzwerkes stehen: Zum einen sind es Möglichkeiten und Grenzen zur Identifizierung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der kulturellen Entwicklung vom späten 4. Jt. v. u. Z. bis zur Wende vom 3. zum 2. Jt. v. u. Z. Aussagen hierzu lassen sich aus der materiellen Kultur, den Grab-/Bestattungssitten und dem Siedlungswesen (Architektur, Siedlungsorganisation, Besiedlungsverhalten) ableiten. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den "epochenübergreifenden" Zeiträumen an der Wende vom 4. zum 3. Jt. v. u. Z. (Übergang Chalkolithikum-Frühbronzezeit) und vom 3. zum 2. Jt. v. u. Z. (Ende der Frühbronzezeit und Beginn der schriftlichen Überlieferung).
J.-K. Bertram


Siedlungsstrukturen des 2. Jahrtausends v. Chr. im westlichen Kleinasien

Dieses Projekt befasst sich mit der Besiedlungsgeschichte des westlichen Kleinasien während der mittleren und späten Bronzezeit. Untersuchungen zur Siedlungsarchäologie sowie zu Architektur und Baugeschichte stehen dabei im Vordergrund.
Die systematische Erfassung von siedlungsbezogenen geographischen und archäologischen Informationen, wie z.B. topographische Merkmale, Verkehrslage, Ressourcen, Siedlungsgröße und Besiedlungsdauer sowie die Besiedlungsdichte in den verschiedenen Regionen, dient als Grundlage für Fragestellungen zu Siedlungsstrukturen, -entwicklungen und -dynamiken im Rahmen dieser Untersuchung. Die Art der vorhandenen Siedlungssysteme in den verschiedenen geographischen Räumen soll analysiert und mögliche Siedlungshierarchien auf verschiedenen Ebenen (lokal, regional, überregional) untersucht werden. Mögliche Ursachen für Veränderungen in der Besiedlungsdichte sollen ermittelt werden. Die zeitlich variierenden und unterschiedlich stark ausgeprägten Siedlungsaktivitäten sollen mit den aus verschiedenen Grabungsplätzen gut dokumentierten ökonomischen und ökologischen Verhältnissen korreliert und miteinander verglichen werden, um langfristige und weiträumige Veränderungen aufzeigen zu können.
Der zweite Schwerpunkt dieses Projekts widmet sich der mittel- und spätbronzezeitlichen Architektur und Baugeschichte im westlichen Kleinasien. Die Zunahme neuer Ausgrabungen in dieser Region erbrachte zahlreiche neue Erkenntnisse zur Wohn- und Wehrarchitektur, die aufgrund ihrer genaueren Datierung nunmehr auch feinchronologische Vergleiche ermöglichen und somit Entwicklungen in der lokalen Baugeschichte sowie überregionale Einflüsse aufzeigen können. Mittels einer Analyse verschiedener baulicher Merkmale sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wohn- und Wirtschaftsweise sowie bei den Befestigungsanlagen in den verschiedenen Siedlungsräumen aufgezeigt werden. Ein großräumiger Vergleich mit der gut erforschten Architektur in Zentralanatolien, auf den ägäischen Inseln und dem griechischen Festland sowie im nordägäisch-thrakischen Raum soll Aussagen sowohl zu traditionellen lokalen Bauweisen als auch zu Neuerungen und wechselseitigen kulturellen Einflüssen aus benachbarten Regionen ermöglichen.
Die kulturelle Entwicklung des westlichen Kleinasien im zweiten Jahrtausend v. Chr. ist entscheidend von den politischen und wirtschaftlichen Interessen seiner östlichen und westlichen Nachbarn geprägt. Dieses schlägt sich auch im archäologischen Befund nieder. Insbesondere von den am Netzwerk beteiligten historischen Disziplinen erhoffe ich mir weiterführende Erkenntnisse hinsichtlich Kontinuität und Wandel von Siedlungsprozessen.
R. Becks


Befestigungsarchitektur in der späten Bronzezeit in Anatolien

Befestigte Siedlungen und Städte gehören zum Landschaftsbild der späten Bronzezeit (ca. 1750-1200 v. Chr.) Anatoliens. Ein Reisender hatte damals die Möglichkeit in den Regionen Anatoliens, die dem Einfluss verschiedener Kulturen ausgesetzt waren, unterschiedliche Typen von Befestigungen zu sehen. Diese waren sowohl in der Bautechnik, als auch im optischen voneinander sehr unterschiedlich. In Westanatolien wurden Befestigungen mit Sägezahnmauern aus Stein erbaut, wobei Siedlungen, die unter hethitischem Einfluss lagen, mit Wehranlagen aus Kastenmauern mit Türmen umgeben wurden, deren Fundamente aus Stein und das aufgehende Mauerwerk aus Lehmziegeln und Holzbalken bestanden. Westanatolien war spätestens ab dem 13. Jh. v. Chr. ein Gebiet, dass sowohl unter mykenischem als auch unter hethitischem Einfluss stand. Mykener siedelten sowohl auf dem griechischen Festland als auch auf den Inseln der Dodekane und an der anatolischen Westküste. Texte aus hethitischer Zeit belegen, dass die Könige voneinander wussten und dass es auch verschiedene Kontakte zwischen den Mykenern und den Hethitern gab. Heute wird sehr stark angenommen, dass mit "Ahhiyawa" in den hethitischen Texten das Land der Achäer also der Mykener gemeint ist. In meiner Dissertation versuche ich festzustellen, ob die "Begegnung" der Hethiter und Mykener in Westanatolien Veränderungsprozesse in der Bautechnik und in den Bauteilen der Befestigungsarchitektur dieser beiden Völker hervorgerufen hat. Oft werden Ähnlichkeiten in der mykenischen und hethitischen Befestigungsarchitektur erwähnt, aber bisher wurden sie nicht genügend analysiert.
Die Mykener bauten ihre Befestigungen mit kyklopischen Sägezahnmauern, wie zum Beispiel in Tyrins oder Mykene, Befestigungen mit Sägezahnmauern treten auch an der Westküste Anatoliens auf, zum Beispiel in Troia. Kragsteingewölbe wurden gerne von den Hethitern beim Poternenbau benutzt. In der mykenischen Befestigungsarchitektur stösst man auch auf Konstruktionen mit Kragsteingewölbe.
Dieses Aufeinanderstossen der beiden Kuluren könnte auch Veränderungen in der "lokalen" Bautechnik hervorrufen die wiederum Teil eines Ausdrucks historischer Entwicklung ist.
Ç. Maner


Boğazköy-Hattusa durch die Zeiten

Die Ausgrabungen in Boğazköy-Hattusa und in der unmittelbaren Umgebung haben in einmaliger Dichte die Kulturgeschichte Zentralanatoliens vom Chalkolithikum bis in die Neuzeit erhellt. Das Auf und Ab der Siedlungsgeschichte des südlichen Budaközü-Tals ist in vielfältiger Art und Weise exemplarisch für andere Regionen Zentralanatoliens. In den durch die Forschungen belegbaren Veränderungen und teilweise tiefen Brüchen in der kulturellen Entwicklung spiegelt sich das häufig wieder strebende Verhältnis zwischen langfristig wirkenden, weitgehend gleichbleibenden geographischen, ökologischen oder ökonomischen Grundbedingungen und unterschiedlich wirkenden äußeren, meist politischen Faktoren. Die hethitische Epoche stellt dabei eine einmalige Ausnahmeerscheinung dar, anhand derer die Paradigmen, die zum Aufstieg und Zerfall eines der wichtigsten kulturellen und politischen Systeme der Bronzezeit unter den Bedingungen Zentralanatoliens führen, beispielhaft dargestellt werden können. Insbesondere an diesem Beispiel läßt sich nachvollziehen, wie strukturelle Nachteile langfristig wirkender Strukturen durch aktives und bewußtes menschliches Handeln überwunden werden können.
Die Kulturgeschichte der Region ist über die hethitische Epoche hinaus mehrfach durch Brüche charakterisiert, die wiederholt zur vollständigen Auflösung archäologisch nachweisbarer Strukturen führen. Der Vergleich der einzelnen Phasen von Auf- und Abschwung ermöglicht es, festzustellen, welche Mechanismen in der Region funktionieren und welche Handlungsweisen zum Scheitern führen.
Die für Boğazköy festzustellenden wechselnden Ereignisse sind nicht nur für die regionale Entwicklung typisch, sondern können anhand von archäologischen und textlichen Überlieferungen auf große Teile Zentralanatoliens übertragen werden. Da diese jedoch nicht vergleichbar gut erforscht sind, ist es am Beispiel der Siedlungskammer von Boğazköy möglich, die kulturgeschichtlich wirksamen Parameter über mehrere Jahrtausende exemplarisch darzustellen.
A. Schachner


Tarhuntassa

Dass der hethitische König Muwatalli II. während seiner Regierungszeit den Entschluss fasste, seine Hauptstadt umzusiedeln, und sie demzufolge von Hattusa nach dem weiter im Süden liegenden Tarhuntassa verlegte, ist seit langem aus den hethitischen Texten bekannt. Warum er diese Verlegung durchführte ist allerdings bis heute nicht eingehend untersucht worden. Bei solchen Überlegungen wurde bisher meistens nur der Vergleich zu Ägypten gezogen, vor allem zu der Verlegung der Hauptstadt Memphis nach Achet-Aton unter Echnaton während der Amarna-Periode. Dies ist eigentlich nicht richtig, da der Umzug nach Achet-Aton hauptsächlich mit dem Umbruch in der ägyptischen Religion zu tun hatte und es einen solchen Umbruch bei den Hethitern nie gab. Es müssten andere Vergleiche, insbesondere innerhalb Anatoliens, aber auch in weiterer Entfernung von Kleinasien, gezogen werden. So gab es in osmanischer Zeit mehrere solcher Hauptstadtverlegungen (Söğüt - Iznik - Bursa - Edirne - Istanbul). Auch in anderen Teilen der alten und neuen Welt gab es ähnliche Verlegungen politischer Zentren. Die Gründe solcher Umsiedlungen können politische (Probleme in der Thronfolge, Bedrängung von Feinden u.a.), wirtschaftliche (Trockenzeiten, Verlegung der Handelsstraßen u.a.), naturbedingte (Naturkatastrophen, Klimawandel) oder wie schon erwähnt religiöse Motive haben. Nun gilt es eben diese Verlegungen und deren Motive zu untersuchen und so für die Verlegung der hethitischen Hauptstadt neue Erkenntnisse zu finden.
Da diese Untersuchungen unmöglich ausschließlich anhand von hethitischen schriftlichen Quellen erörtert werden können und sich die Parallelen, wie schon dargelegt, in einem breiteren zeitlichen Umkreis befinden, bietet sich der Rahmen des wissenschaftlichen Netzwerkes sehr an.
M. Doğan-Alparslan, M. Alparslan


Frühe Eisenzeit in Zentralanatolien - 'Dark Age' nach dem Untergang des Hethiterreichs

Der Zusammenbruch des hethitischen Großreichs um 1200/1180 v. Chr. markiert in Anatolien das Ende der Bronzezeit. Früher nahm man an, dass dies die Folge eines Angriffs von Außen sei - die Seevölker oder die Phryger wurden als Verantwortliche genannt. Inzwischen ist jedoch davon auszugehen, dass die hethitische Herrschaft eher an einer Kombination von Ursachen, zu denen Thronstreitigkeiten und Missernten ebenso zählten wie der Verlust von Handelswegen, der Abfall von Verbündeten und feindliche Angriffe in verschiedenen Landesteilen, gescheitert ist. Dabei wird nun auch klarer, dass es einen Feind, der das Reichsgebiet übernahm, gar nicht gegeben hat. Stadtruinen zeigen, dass weite Bereiche Zentral- und Nordanatoliens von den Hethitern einfach aufgegeben worden sind.
Damit begann in diesem Teil des Landes ein Dark Age, das bis ins 9./8. Jh. v. Chr. dauerte und erst mit der Entwicklung der phrygischen Herrschaft wieder 'erleuchtet' wurde. Allerdings war das Land vorher nicht völlig entvölkert - in den letzten beiden Jahrzehnten haben verschiedene Grabungen Hinweise auf eine bescheidene eisenzeitliche Landnahme kurz nach dem Abzug der hethitischen Herrschaft ergeben. In der Hauptstadt Hattusa sind auf dem Bergrücken von Büyükkaya früh-eisenzeitliche Siedlungsreste aus dem 12.-10. Jh. v. Chr. ergraben worden, die deutlich erkennen lassen, dass sich hier Einwanderer aus den nördlich anschließenden Provinzen niedergelassen haben.
Im Rahmen des Publikationsprojekts Büyükkaya wird den Phänomenen dieses Wechsels, also dem Übergang vom System eines zentralistischen Großreichs zu einer sehr einfachen bäuerlichen oder gar teilnomadischen Gesellschaft, nachgegangen. In wieweit sind die überaus radikalen Änderungen in den archäologischen Funden und Befunden Folge des gesellschaftlichen Wandels/Bruchs, und in wieweit sind sie 'nur' auf andere Traditionsstränge zurückzuführen? Findet eine Assimilation einer Restbevölkerung statt und wie lässt sie sich nachweisen? Gibt es longue durée-Phänomene, die die Übernahme einer aufgegebenen Hauptstadt durch squatter überdauern? Und, in größerem Rahmen betrachtet, in wieweit unterscheiden sich ehemaliges Zentrum und ehemalige Provinz in einer solchen Zeit - welche anderen Umstände können hier eine Rolle spielen und zu anderen Entwicklungen führen?
J. Seeher


Kontinuität und Wandel in der Grabkultur Westanatoliens (9. bis 6. Jh. v. Chr.)

Das westliche Kleinasien vereint auf engstem Raum Zeugnisse zahlreicher Kulturgruppen. Das Projekt untersucht die Struktur und Entwicklung der Bestattungstraditionen dieses Nahkontakt¬raumes während der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. Entsprechend dem Thema des Netzwerks liegt der Schwerpunkt insbesondere auf Aspekten von Permanenz und Wandel, d.h. auf räumlichen und zeitlichen Mustern des Ablaufs von Veränderungserscheinungen im Bestattungskontext.
Eine breit angelegte Untersuchung der Bestattungsareale bietet die Möglichkeit, auf Basis kulturgeographischer Regionen nach dominanten Merkmalen und Gewohnheiten im Umgang mit den Toten im Bereich der kleinasiatischen Westküste, der vorgelagerten Inseln und dem angrenzenden Hinterland zu fragen. Neben entwicklungsgeschichtlichen Phänomenen, wie z. B. lange Zeit konstant praktizierte Traditionen oder überregionale Veränderungserscheinungen, wird ein Vergleich der Bestattungstraditionen auch auf regionaler und lokaler Ebene thematisiert. Von besonderem Interesse ist der kulturelle Rahmen der Phase der Formierung der griechischen Polis und der wieder erstarkten Kommunikationsnetze mit dem anatolischen Hinterland im Zeitraum des 8.- 6. Jhs. v. Chr. Nicht die individuellen Gewohnheiten sind dabei für die Darstellung der Grabkultur relevant, sondern die kollektiven Standardisierungen. Die Summe der Gewohnheiten einer Gemeinschaft im Umgang mit den Verstorbenen kann dabei entweder ein homogenes Bild vermitteln, oder aber in sich heterogen sein. Letzteres trifft vor allem in Phasen eines umfassenden Wandels der gesamten Grabkultur zu, wie er im 7. und 6. Jh. v. Chr. vollzogen wird. Auf Basis einer Rekonstruktion der Neuerungen im Grabkontext gilt es, nach möglichen Mustern der Veränderungsprozesse zu suchen und danach zu fragen, wie sich diese zu den Entwicklungen in anderen Quellengattungen (Siedlung und Heiligtum) verhalten. Der Umstand, dass der Wechsel der Bestattungssitten zeitlich wie auch geographisch unterschiedlich verläuft und deutliche Dualismusphänomene offenbart, erfordert eine zweistufige, aber keinesfalls kategorisch getrennte Interpretation der Veränderungen. Die übergeordnete Dimension bezieht sich auf die notwendigen Voraussetzungen für den Wandel (Technik, Rohstoffe, Siedlungs- und Gesellschaftsstruktur, etc.), die zweite Dimension auf regionale Rahmenstrukturen und Varianten wie z.B. Kommunikationsstrukturen, politische Organisation sowie Konservatismus bzw. Modernismus der lokalen Oberschichten. Grundsätzlich lassen sich Phänomene wie die Monumentalisierung und zunehmende räumliche Organisation der Häuser, Siedlungen und Heiligtümer oder Veränderungen im System der agonalen Kommunikation der archaischen Siedlungsgemeinschaften als Impulse für Veränderungen im Kontext der Bestattungstradition diskutieren.
E. Kasubke


Eine Historische Landeskunde der Aiolis

Das Promotionsprojekt konzentriert sich auf den Küstenstrich zwischen den Golfen von Adramytteion und Smyrna mit einigen Orten im Landesinnern, v.a. an den Flussläufen des Kaikos, des Titnaios und des Hermos. Ziel des Projektes ist die Erforschung der Region in historischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht.
Die Untersuchung und Analyse literarischer, epigraphischer, numismatischer und archäologischer Zeugnisse wird Aufschluss darüber geben, inwieweit es möglich ist, das "Funktionieren" dieser Landschaft zu rekonstruieren. Das übergeordnete Thema des Promotionsprojektes ist die sich wandelnde Beziehung zwischen Gesellschaft und Raum im Lauf der Zeit.
Die Untersuchung von Transformationsprozessen ist ein wesentlicher Bestandteil des Projektes. So spielen die von Fernand Braudel entwickelten drei Zeitebenen (die longue durée, Konjunkturen und die eigentliche Ereignisgeschichte) eine grundlegende Rolle. Gerade der Aspekt der longue durée ist wesentlich für eine historische Landeskunde, deren chronologischer Rahmen sich über mehrere Jahrhunderte, vom Hellenismus bis in die Kaiserzeit, erstreckt und die unter anderem zum Ziel hat, die Bedeutung räumlicher Bedingungen für die Existenz und Organisation der Bewohner und die sich daraus ergebenden kulturellen, ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen darzustellen. Das Dissertationsprojekt beschränkt sich allerdings nicht auf die Darstellung zeitloser bzw. sich langsam verändernder Phänomene oder eines geographischen Determinismus. Im Zentrum der Arbeit steht die Untersuchung tiefgreifender Einschnitte, Umbruchphasen und ihre Auswirkung bzw. Wechselwirkung auf das sozioökonomische und soziopolitische Leben in der Region. Die Dissertation soll unter anderem klären, welche Arten von Gemeinwesen es in der Aiolis zu unterschiedlichen Zeiten gegeben hat, und weshalb manche Orte verödeten, wohingegen andere zeitgleich enorm prosperierten. So ist etwa die Frage, welcher Art archäologisch nachgewiesene Brüche sein müssen, um als Indikatoren für gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche gelten zu können, für das Projekt, das einen sozialgeographischen Ansatz verfolgt, von besonderem Interesse.
M. Heinle


Epochenwandel im archäologischen Befund: Untersuchungen zu Ionien im 5. Jh. v. Chr.

Der Ionische Aufstand und insbesondere die Niederlage der Ionier im Jahre 494 v. Chr. in der Schlacht bei der Insel Lade markieren einen nicht zu unterschätzenden Einschnitt sowohl in das Alltagsleben als auch in die Kultausübung sowie die politisch-administrativen Organisationsformen der Landschaft Ionien. Er wird nicht zuletzt als Hauptursache einer von J. M. Cook bereits im Jahre 1969 postulierten kulturellen und ökonomischen Bedeutungslosigkeit Ioniens während des 5. Jh.s. v. Chr. angeführt, in der die Landschaft seiner Ansicht nach gleichsam entvölkert und unproduktiv verharrte. Dieser auch von anderen Wissenschaftlern vertretenen These der Diskontinuität stehen einige, in der Quantität jedoch keinesfalls an frühere oder spätere Epochen heranreichende, archäologische Zeugnisse und Schriftquellen für die Klassische Zeit gegenüber, die es aber dennoch sinnvoll erscheinen lassen, die Frage nach Kontinuität bzw. Diskontinuität aber insbesondere die nach einer methodisch überzeugenden Nachweisbarkeit beider Phänomene neu zu stellen.
Angestrebtes Ziel des Projektes ist es, anhand der archäologischen Zeugnisse des 5. Jh.s v. Chr. ein umfassendes Bild der ökonomischen und kulturellen Leistungen der Landschaft Ionien vorzulegen sowie eine Synthese zwischen der historischen Überlieferung und dem archäologischen Material zu entwickeln. Diese zeitliche und geographische Eingrenzung bietet sich in besonderer Weise an, da die ionischen Städte jeweils unterschiedlich auf die persische Besatzung reagierten und dementsprechend als signifikante Indikatoren für gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Ionischen Aufstand fungieren können. Ein Vergleich der so gewonnenen Ergebnisse soll zeigen, inwiefern Wechselwirkungen zwischen den historischen Ereignissen bzw. lokalpolitischen Entwicklungen und dem archäologischen Material nachzuweisen sind.
A. Slawisch


Urbanistische Wandlungsprozesse des 4. und 3. Jhs. v. Chr. im westlichen Kleinasien

Im 4 Jh. und 3. Jh. kommt es im gesamten von der griechischen Kultur geprägten Mittelmeergebiet zu einer Reihe gewichtiger politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Durch die Veränderung von Wirtschaftsrouten, Territorialgrenzen und Besitzverhältnissen werden auch an die Lage und Gestaltung von Städten immer wieder neue Anforderungen gestellt. So wundert es nicht, dass im 4. Jh. v. Chr. eine Vielzahl von vorher bedeutenden Städten an Bedeutung einbüßen, oder aber in Synoikismen unter neuen, der gewandelten Situation angemessenen Vorzeichen entstehen. Obwohl in dieser Zeit in städtebaulicher Hinsicht die Weichen für die Entwicklung der großen hellenistischen Poleis des 2 Jh. v. Chr. gestellt werden, fehlt eine aktuelle archäologische Zusammenstellung und Auswertung über die Stadtentwicklung im 4. und 3. Jh. v. Chr., in der die Ergebnisse der vielfältigen Stadtforschungsprojekte der letzten Jahre berücksichtigt werden.
Das hier vorgestellte Arbeitsprojekt möchte sich diesem Problemfeld durch die Untersuchung nähern. Dabei sollen zunächst Informationen über die Gestaltung der Städte (Straßen, Platzanlagen, Wohnbebauung, Wehrarchitektur, etc.) gesammelt werden - wobei jeweils Befunde aus bereits bestehenden Städten mit den Neugründungen gegenübergestellt werden. Vor diesem Hintergrund ist zu zeigen, welche urbanistischen Phänomene in dieser Zeit weiter- oder neuentwickelt werden und inwiefern man von für diese Zeit typische urbanistische Aspekte sprechen kann. Im Zentrum steht dabei unter andem die Frage, inwieweit sich die Veränderungen, die sich in dieser Zeit im urbanistischen Untersuchungsfeld auftun, als unmittelbare Konsequenz historischer Ereignisse erklären lassen, ob sich etwa ein Ereignis wie der Tod Alexanders des Großen auf diese Entwicklung auswirkt. Neben dem Aspekt der Stadtentwicklung im vierten und 3. Jh. v. Chr. sollen so Modelle für die Ursachen der Veränderung entworfen werden.
A. Matthaei


Innovationsprozesse im Frühen Hellenismus

Das Habilitationsprojekt zu Innovationsprozessen im Frühen Hellenismus weist unmittelbare Anknüpfungspunkte zu den Fragestellungen des Epochenwandel-Netzwerkes auf. Das Ziel der Untersuchung liegt darin, den historischen Zeitraum des Hellenismus in seiner Binnengliederung archäologisch besser zu verstehen. Zu diesem Zweck soll die diachrone Entwicklung von unterschiedlichen Materialgattungen und Ideen verfolgt werden, mit denen der Hellenismus in der Forschung schwerpunktmäßig verbunden worden ist. Als Ausgangspunkt habe ich zunächst die Untersuchungsfelder Urbanistik und Bautechnik ausgewählt. Dabei sollte sich u.a. herauskristallisieren, welche der als typisch hellenistisch angesehenen Innovationen tatsächlich archäologisch verfolgt werden können und welche eher unspezifisch bzw. gefühlsmäßig als "hellenistisch" verstanden werden. Die Frage, inwieweit archäologische Informationen im Sinne von historischen Veränderungsprozessen gedeutet werden können, wird dabei eine große Rolle spielen. Dem Gebiet des antiken Kleinasiens kommt bei Untersuchungen zu den Hintergründen hellenistischer Kulturentwicklung naturgemäß eine besondere Bedeutung zu. Dies beginnt schon mit der grundsätzlichen, immer wieder gestellten Frage, welchen konkreten Einfluss der Alexanderzug auf die Entstehungsgeschichte der hellenistischen Kultur ausgeübt hat.
M. Tombraegel


Die so genannte "Eumenische" Stadterweiterung Pergamons - Entwicklung und Struktur eines urbanen Transformationsprozesses

Die Bewertung der hellenistischen Stadtanlage von Pergamon als "Landschaftsarchitektur großen Stils" und "monumentalem Ausdruck königlichen Machtwillens und herrscherlicher Lust am Bauen" (F. Kolb) bezieht sich im wesentlichen auf die architektonische Gestaltung der Attalidenresidenz nach deren Erweiterung und Ausbau in hochhellenistischer Zeit. Die Vergrößerung des ummauerten Stadtgebietes von ca. 21 auf ca. 90 Hektar und die Errichtung städtebaulicher Schlüsselmonumente wie der Unteren Agora oder des Großen Gymnasions, aber auch des Zeusaltars, der Oberen Agora oder des Theaters, werden Eumenes II. (197-159 v. Chr.), dem Mächtigsten der Attaliden, zugeschrieben. Hauptargument dafür ist Strabon 13,4,2, wo es sinngemäß heißt, der Herrscher habe die Stadt ausgeschmückt, Denkmäler und Bibliotheken eingerichtet und Pergamon in seiner Prachtliebe so weit ausgestattet, wie man es heute noch sehen könne.
Im Rahmen des Netzwerkes soll diskutiert werden, ob es sich bei diesen Maßnahmen tatsächlich um Elemente eines großen städtebaulichen Wurfs handelt, der die Gestalt Pergamons in kurzer Zeit grundlegend veränderte, oder ob sie Produkte eines langfristigen urbanen Transformationsprozesses sind. Zwischen diesen Polen sind auch andere Erklärungsmodelle denkbar, wie z.B. eine Kette von Reaktionen auf einen zeitlich begrenzten Innovationsschub.
Bei Erörterung dieser Fragen sollen auch die Möglichkeiten und Grenzen feldarchäologischer und bauforscherischer Methoden in der Etablierung eines chronologischen Gerüsts für die Beurteilung städtebaulicher Entwicklungen thematisiert werden. Basis für die Überlegungen sind neben der älteren Forschung vor allem die Ergebnisse des neuen Forschungsprogramms der Pergamongrabung zum Gesamtorganismus der hellenistischen Residenzstadt.
F. Pirson


Aizanoi: Heiligtum, Siedlung und Stadt zwischen Hellenismus und Kaiserzeit im westlichen Zentralanatolien

2007 hat in Aizanoi ein Forschungsprogramm begonnen, das langfristige Entwicklungen der Siedlung in ihren frühen Phasen bis zur frühen Kaiserzeit untersuchen wird. Aizanoi soll als Beispielfall für die bisher unzureichend untersuchten vorrömischen Siedlungen des westlichen Zentralanatolien dienen. Zudem sind so die für die römische Stadt früher erarbeiteten Ergebnisse in den Rahmen langer Entwicklungslinien zu stellen.
Ziel ist zunächst die Klärung der Konstitution und Organisation Aizanois zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und der frühen Kaiserzeit, besonders mit Blick auf die kulturelle Prägung ('Hellenisierung Zentralanatoliens') und die Relation zwischen der Polis - wann immer diese entstand - und dem im 3. Jh. v. Chr. schon überregional relevanten Zeusheiligtum ('Heiligtum und Polis').
Für die Klärung der hellenistischen Geschichte Aizanois stehen uns fast ausschließlich archäologische Zeugnisse zur Verfügung; durch epigraphische Quellen wissen wir von makedonischen Siedlern und von Polisinstitutionen im 1. Jh. v. Chr. Damit stellen sich zwei grundsätzliche Fragen: Wie ist auch hier ein Polisbildungsprozess nachweisbar? Und wie lassen sich 'makedonische' Siedler im archäologischen Befund erkennen, wie werden ihre Ankunft und Präsenz im archäologischen Befund greifbar? Beides ist auch für die meisten, schlecht untersuchten Siedlungen Zentralanatoliens im Hellenismus bisher ungeklärt. Das zweite zu untersuchende Problemfeld betrifft das Wechselverhältnis zwischen langfristig existierender Kultstätte, dem Heiligtum des Zeus, und mittelfristig schneller von Veränderungen betroffener Siedlung und die Frage, wie sich dieses Wechselverhältnis im archäologischen und epigraphischen Befund niederschlägt bzw. verändert.
Grundsätzlich wird im Hinblick auf die Themenstellung des Netzwerkes zu fragen sein, wann in Anatolien an welchen Orten die 'Sattelzeiten' des Übergangs zum Hellenismus bzw. zur römischen Kaiserzeit zeitlich einzuordnen sind und wie sich 'historisch definierte' Sattelzeiten (Alexander d. Gr. / Auftreten der Römer) zu 'kulturell-archäologisch' definierten Sattelzeiten (frühes 2. Jh. v. Chr.?; 1. Jh. n. Chr.) verhalten.
R. von den Hoff


Epochenwandel und historische Veraenderungsprozesse am Beispiel Antiocheia Pisidia

Innerhalb des vorgegebenen Forschungsschwerpunktes macht Pisidia Antiocheia auf den ersten Blick mit drei historischen Umbrüchen auf sich aufmerksam. Das sind die Gründung der Stadt in hellenistischer Zeit, das Abkommen von Apameia 188 v. Chr., wonach das Land Pisidien sowie die Stadt Antochia dem Königreich Pergamon zugeschlagen wurden und die Einführung des "Ius italicum" in augusteischer Zeit. Dieses sind Ereignisse, deren Niederschlag sich überall in der Stadt fındet, etwa in der Verwaltung, den demographischen Strukturen und dem sozialen Leben. So fördern die "Via Sebaste" Mobilität und das Eindringen der Römer einen Romanisierungsprozess, dem auch die Kulte unterworfen sind.
Die Auswirkung dieser durch Umbrüche in Gang gesetzten Prozesse auszumachen, etwa in der Architektur der Stadt (Stadtplanung), ist das Ziel naeherer Untersuchungen, zu denen Ausgrabungen an ausgewaehlten Orten der Stadt gehören.
Ein weiterer zukünftiger Forschungsschwerpunkt soll den Umbrüchen im sakralen Bereich gelten, so dem Verschwinden des Men Askaneoskultes und dem Auftauchen des Kaiserkultes oder den Veränderungen im Stadtbild durch christliche Bauten. Diese Untersuchungen berücksichtigen die gegenseitige Beeinflussung von Landschaft, als physischen Raum und relativ konstantem Element, und Stadt als der anderen Konstanten, und wie sie einander bedingen, wobei wir uns auch auf Ergebnisse früherer Ausgrabungen und Surveys stützen können.
M. Özhanlı - F. Özcan


Gymnasien - Funktionswandel einer Einrichtung des öffentlichen Raums

Mit der Palästra in Form eines von Säulenhallen umstandenen Platzes, daran anschließenden Räumen für Unterricht und Körperpflege sowie mit der Anlage von Laufbahnen erhält das griechische Gymnasion in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. eine archäologisch nachweisbare Gestalt. Jene trägt der Funktion des Gymnasions als Ausbildungs- und Übungsstätte der Polisjugend Rechnung. Die Entwicklung des Gymnasions zu einer multifunktionalen Einrichtung der Polis verbindet es mit dem Kult-, Fest- und Stiftungswesen und macht es zur Repräsentationsstätte der Polisbürger. Dieser Funktionswandel spiegelt sich in der architektonischen Entwicklung der Gymnasien während des Hellenismus wieder.
Ab dem 1. Jh. v. Chr. ist zu beobachten, dass sich die Bauaktivitäten in den Gymnasien zunehmend auf die Errichtung von Thermen konzentrieren. In Kleinasien kommt mit dem Badgymnasion sogar ein Bautypus auf, der diese Entwicklung auf Neubauten überträgt und sich aus einer Therme und einer relativ kleinen Palästra zusammensetzt.
Obwohl die Gymnasien im 1. und 2. Jh. n. Chr. noch zahlreiche Funktionen ihrer hellenistischen Vorgänger erfüllen, schwindet ihre Bedeutung für die Städte, so dass ihr Betrieb vielerorts bereits im 3. Jh. n. Chr. aufgegeben wird, während die Badeanlagen noch lange fortbestehen.
Es zeigt sich also, dass der Ausdifferenzierung der Bauformen des Gymnasions zwischen Spätklassik und Hellenismus in der Zeit römischer Herrschaft ein Abschnitt folgt, in dem das Badewesen starken Einfluss auf die bauliche Entwicklung der Institution und auf ihre gesellschaftliche Rolle ausübt.
Dieser Funktionswandel des griechischen Gymnasions soll beispielhaft an der Situation ausgewählter Städte des griechischen Ostens dargestellt werden. Wichtig erscheint dabei die Beantwortung der Fragen, bis zu welchem Zeitpunkt von der Institution des Gymnasions die Rede sein kann und welche Bedeutung die Übernahme von Bauformen der Palästra in den römischen Thermenbau für das Verständnis dieser Einrichtungen hat. Zum Ziel leitende Methoden sind neben der Analyse der Bauensembles die Auswertung der Inschriften, welche die Gymnasien der betrachteten Städte betreffen.
Parallel zu diesem Vorhaben soll die Entwicklung der Gymnasien in Priene exemplarisch untersucht werden. Insbesondere im sogenannten Oberen Gymnasion sind bauforscherische und archäologische Arbeiten geplant, die Aufschluss darüber bringen können, ob sich allgemeine Entwicklungstendenzen des Gymnasions im konkreten archäologischen Befund widerspiegeln.
U. Mania


Wohnhäuser in Pergamon

In den Jahren 1938, 1957 und 1958 wurden auf dem Musalla Mezarlık, einem Hügel in exponierter Lage zwischen dem Burgberg und dem außerstädtischen Heiligtum des Asklepios in Pergamon, Grabungen durchgeführt, um das dort vermutete Heiligtum der Athena Nikephoros zu finden. Dieses jedoch konnte nicht gefunden werden, aber an seiner Stelle traten zahlreiche interessante Funde und Befunde zutage, die von den Ausgräbern jedoch nicht bearbeitet worden sind.
Die Grabungsdokumentation lässt den Schluss zu, dass der Hügel schon in hellenistischer Zeit bebaut war - wahrscheinlich mit Wohnhäusern, entl. aber auch mit größeren, vielleicht öffentlichen Gebäuden - obwohl er außerhalb der Stadtmauern liegt. Andererseits lassen sich auf den Zerstörten hellenistischen Resten Wonhäuser aus der römischen Kaiserzeit nachweisen. Die frühesten Bauphasen der römischen Häuser stammen wohl aus augusteischer Zeit.
Diese Häuser mit ihrer reichen Ausstattung - teilweise haben sich Marmorplatten- und Mosaikfußböden, sowie Teile der marmornen Wandverkleidung erhalten - waren mehrgeschossige, weitläufige sog. Peristylhäuser, die Ähnlichkeiten mit italischen Villen aufweisen. Im Rahmen des Netzwerks sollen nun einerseits die Häuser des Musalla Mezarlık mit den römischen Häusern des Burgberges von Pergamon verglichen werden und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen "Stadthaus" und "Villa" herausgestellt werden. Andererseits sollen die römischen Wohnhäuser mit den hellenistischen in Bezug gesetzt werden, um festzustellen, ob es Kontinuitäten und Brüche im Wohnen von hellenistischer zu römischer Zeit gab.
A. Wirsching


Von Satrapen zu Heiligen: Das nördliche Pisidien im Wandel der Zeit

Historische Prozesse sind in ihrer Definition schwer abzugrenzen. Übertragen auf die archäologischen Daten Anatoliens, bewahrheitet sich diese Feststellung einmal mehr. Grenzen, chronologische Unterteilungen und künstlich projizierte Strukturen vereinfachen und rationalisieren zwar unsere historischen Untersuchungen, bergen aber ebenso die Gefahr in sich, letztendlich die archäologischen Daten zu manipulieren. Diese Problematik zeigt sich insbesondere in Regionen, die längere Siedlungskontinuität aufweisen. Wie wird diese Kontinuität dargestellt, wie können Dynamik, Abweichungen und Ambiguität derselben studiert werden? Das antike Pisidien erweist sich hier als ein gutes Studienobjekt. Diese Region, deren Ausdehnung von antiken Geographen nur vage beschrieben worden ist, weist für die eisenzeitlichen, klassischen und post-klassischen Zivilisationen eine herausragende historische Stellung auf. Kolonisationswellen, Gründungen und kontinuierliche Neustrukturierungen des städtischen Apparats und des Hinterlandes produzierten viele verschiedene strukturelle Ebenen dieser Region. Tatsächlich mag man Pisidien als ein Behältnis ansehen, einen locus, dessen mannigfache Veränderungen sich auf den flüchtigen politischen Landschaften dieser Region gründeten. Trotz der Veränderungen aufgrund historischer und politischer Wandel, hat das indogene pisidische Element die hellenistischen und römischen politischen Expansionen überdauert. Die Dialektik zwischen Wechsel und Kontinuität soll in diesem Diskurs allem vorangestellt werden. Auf der Grundlage von visueller Kultur und Schriftgut, wobei hier insbesondere verschiedene Medien aus der Numismatik, Inschriften und politische Schriften herangezogen werden, werden wir das Profil einer Region erstellen, deren Blütezeit im klassischen Zeitalter anzusetzen ist, und die kulturellen Spannungen des phrygischen, lydischen und Persischen Reiches bis zur Spätantike aufzeigen. Zusätzlich werden die Ergebnisse eines Surveys des archäologischen Instituts der Süleyman Demirel Universität in Nordpisidien miteinbezogen, bei dem zahlreiche antike Siedlungsspuren in modernen Dörfern der Region erfasst worden sind. Dieser Survey dient gleichzeitig auch als Fallstudie, die Fragen beantworten soll, wie beispielsweise traditionelle Lehmziegelhäuser sowohl den Grundriss älterer Gebäude beibehalten als auch eine Wiederverwertung des Baumaterials stattgefunden hat. Dieses Unterfangen begründet sich auf zwei Tatsachen: zum einen wird Pisidien auf diese Weise in den Kontext eines longue durée gerückt; zum anderen wird angestrebt, diese Region von dem Stempel der "Romanisierung" zu befreien - eine These, die nicht länger von archäologischen Daten und Befund unterstützt wird und allein noch im Raum theoretischer Argumentation steht. Die Schnittstelle archäologischer Daten und schriftlicher Quellen bildet die Grundlage unserer Ausführungen und soll so die Basis für die Formulierung größerer, zusammenhängender Fragestellungen bilden, die möglicherweise auch in Einklang mit anderen Forschungsprojekten in der Region stehen.
B. Hürmüzlü - A. De Giorgi


Strukturelle Veränderungen der Stadtanlage des antiken und nachantiken Priene

Die Forschungsvorhaben, die derzeit im Rahmen der im Folgenden aufgeführten Teilprojekte der Prienegrabung betrieben werden, gelten der Klärung von Veränderungsprozessen in verschiedenen Teilbereichen der antiken und nachantiken Stadt und verfolgen das übergeordnete Ziel, diese zueinander in Beziehung zu setzen und gemeinsam in ihre historischen Zusammenhänge einzuordnen.
Die Schwerpunkte des Projektes "Interdependenzen urbanistischer Veränderungen im hellenistischen Priene" (DFG-SPP 1209) liegen zum einen auf verschiedenen Beispielen der Etablierung öffentlicher Gebäude in zuvor vermutlich privat bebauten Arealen, zum andern auf Veränderungen der Wohnbebauung im Gesamtzusammenhang der Stadtentwicklung. Hinzu kommt die Untersuchung einer Gruppe kleinerer Kultplätze am Rande des Wohngebietes, deren Nutzungsdauer Aufschluss über die sich ändernde Lokalisierung sakraler Funktionen sowie der diesbezüglichen Kultpraktiken geben soll.
Diesen Vorhaben kommen die Ergebnisse ähnlich gelagerter Untersuchungen in den vergangenen Jahren zugute, so etwa der Klärung der Baugeschichte der Agora und ihrer Umgebung sowie der Expansion und des Ausbaus des Athenaheiligtums von der Spätklassik bis in die frühe Kaiserzeit.
Das im Rahmen des DAI-Forschungsclusters 3 betriebene Projekt "Strukturwandel des öffentlichen Raumes im spät- und nachantiken Priene" hat die Aufgabe, zunächst die bislang von der Forschung weitgehend vernachlässigten Baureste des spätkaiserzeitlichen und mittelalterlichen Priene zuverlässig zu dokumentieren, einzuordnen und die Ergebnisse zu einem Gesamtbild struktureller Veränderungen im fraglichen Zeitraum zusammensetzen (siehe Projekt J. Filduth).
Diese Untersuchungen werden in idealer Weise ergänzt durch die Aufnahme der antiken Stadtbefestigung im Rahmen eines Dissertationsprojektes. Hier sind besonders die umfangreichen Ausbaumaßnahmen, wohl der Zeit um 1200, von Bedeutung, die Wesentliches zum Gesamtbild Prienes in dieser Epoche und seinem historischen Rahmen beitragen.
Die skizzierten Vorhaben in der Feldforschung werden in Form von Bauuntersuchungen und archäologischer Grabung durchgeführt. Die für deren Auswertung unabdingbare Fundbearbeitung liefert darüber hinaus eigene Beiträge zum Thema der Veränderung kultureller Praxis, z. B. in Hinsicht auf das sich wandelnde Verhältnis von importierten und lokal hergestellten Waren oder der Zusammensetzung von Gelagegeschirr und seiner Nutzung im überregionalen Vergleich.
W. Raeck - A. Filges


Strukturwandel des öffentlichen Raumes im spätantiken und mittelalterlichen Priene

Im Rahmen des im DAI Clusters "Politische Räume" verorteten Projektes "Strukturwandel des öffentlichen Raumes im spätantiken und mittelalterlichen Priene" soll ausgehend vom umfangreichen Kenntnisstand, der für weite Teile des vorchristlichen Priene besteht, ein möglichst umfassendes Bild der spätantiken und byzantinischen Besied¬lungsverhältnisse der Stadt und ihres unmittelbaren Umfeldes erstellt werden. Dabei werden sowohl die epochenimmanenten Unterschiede zwischen der hellenistisch-römischen und byzantinischen Stadt, als auch die Veränderungen innerhalb der byzantinischen Zeit herausgearbeitet.
Von besonderer Bedeutung ist dabei die mit einer Neuvermessung und mehreren Sondagen verbundene Untersuchung des Geländes südöstlich der Agora. Dieses weist eine dichte, wahrscheinlich in spätantiker Zeit entstandene, Bebauung öffentlichen Charakters auf, die in einem spätbyzantinischen Kastell integriert wurde. Dieses Areal eignet sich in besonderem Maße um Informationen über die bislang wenig bekannte römische und byzantinische Phase der Stadt zu erhalten. Die Bauten weisen einen hervorragenden Erhaltungszustand auf und es der Bereich ist ein zentral gelegenes Gebiet innerhalb der antiken Stadtanlage, das bis zur Aufgabe der Siedlung im frühen 14. Jh. n. Chr. genutzt und in den verschiedenen Epochen mehrfach neu strukturiert wurde.
Das hier skizzierte Projekt bildet einen wichtigen Bestandteil meines Dissertationsvorhabens, in welcher die Betrachtung der innerstädtischen Verhältnisse des spätantiken und byzantinischen Priene mit einer Untersuchung der umliegenden Region kombiniert wird. Dabei soll für die jeweiligen Zeitstufen eine spezifi¬sche topographische Infrastruktur erstellen werden. Von besonderem Interesse sind Veränderungen im Siedlungsmuster der Region, die auf mögliche Bedeutungsverschiebungen zwischen Zentrum und Peripherie bzw. auf die Herausbildung neuer Zentren innerhalb des Untersuchungszeitraumes hinweisen.
Darüber hinaus eignet sich das Thema als Modellstudie, um einerseits den in jüngster Zeit - und besonders für Kleinstädte - postulierten Niedergang der urbanen Kultur kritisch zu überprüfen. Zum anderen soll der weitgehende Zusammenbruch des städtischen Lebens in der byzantinischen Provinz, der für die "Dunklen Jahrhunderte" angenommenen wird, untersucht und hinterfragt werden. Gerade in Bezug auf diese Frage ist in der Forschung umstritten, ob es sich beim Übergang von der antiken zur mittelalterlichen Stadt um einen abrupten, aufgrund äußerer politischer Faktoren bedingten Umbruch oder einen langsamen, durch einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess bedingten Veränderungsprozess handelt.
J. Fildhuth


Ephesos - Von der spätantiken Metropole zum mittelbyzantinischen Dorf

Das Projekt widmet sich jenen, in der materiellen Kultur fassbaren Veränderungen des Erscheinungsbildes und des Charakters der Stadt Ephesos von der Spätantike bis in die mittelbyzantinische Zeit (6. bis 12./13. Jahrhundert n. Chr.). Im Zentrum der Untersuchung steht dabei nicht eine Klassifizierung des Fundbestandes der "dark ages", sondern die Frage nach der materiellen Evidenz für den Veränderungsprozess unter Berücksichtigung möglicher ursächlicher Faktoren.
Den Ausgangspunkt bildet die spätantike Metropole mit dem Verwaltungszentrum in der Unterstadt von Ephesos, den suburbanen Handwerksvierteln sowie den verstreut in Stadtnähe liegenden Sakralbauten. Ein weiterer Aspekt erschließt sich aus der spätantiken Geschichte des Artemisions und der Gründung des Pilgerheiligtums des Hl. Johannes auf dem Ayasoluk, dessen Prosperität nicht zuletzt auf eine bewusste Förderungspolitik durch das byzantinische Kaiserhaus beruhte. Bereits ab dem fortgeschrittenen 7. Jahrhundert ist ein deutlicher Wandel im Erscheinungsbild der Stadt Ephesos ablesbar. In den ehemaligen Stadtzentren entstehen handwerkliche Einrichtungen wie Kalkbrennereien, Schmieden und Glasmacherwerkstätten, in denen in erster Line der antike Materialbestand weiter verarbeitet wurde. Neben dem Wohnen in Ruinen und der Adaption des existenten Baubestandes sind die optimale Nutzung verfügbarer Materialien Kennzeichen dieser Epoche. Ferner können landwirtschaftliche Aktivitäten in den freien Flächen von Palästren und Platzanlagen angenommen werden und auch die Wohnbauten berücksichtigen Bereiche für Viehhaltung und Vorratswirtschaft. Großbauten verloren häufig ihre ursprüngliche Funktion und wurden dem (partiellen) Verfall preisgegeben. Zudem veränderte sich der Charakter der Siedlung nachhaltig durch die Aufgabe der Nekropolen und die Anlage von Gräberfeldern, die sich nun um die Kirchenbauten gruppieren. Neben diesen generellen Phänomenen ist auf eine ephesische Eigenheit hinzuweisen, nämlich die sukzessive Hafenverlagerung. Spezifische Fundgattungen erlauben wirtschaftsgeschichtliche Rückschlüsse, insbesondere auf regionale Produktionsstrukturen oder Handelsaktivitäten. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen werden, inwieweit Ephesos seine Schlüsselposition als Handelsdrehscheibe in Westanatolien auch in der nachantiken Zeit beibehalten konnte.
Im Rahmen des Netzwerkes soll ausdrücklich den Gründen dieser hier skizzierten Entwicklungen nachgegangen werden, seien es nun politische und wirtschaftliche Umstrukturierungen bzw. Neuorientierungen, aber auch beispielsweise klimatische Veränderungen. Dem stehen einschneidende punktuelle Ereignisse wie Naturkatastrophen oder politische Ereignisse gegenüber, die nachhaltige Zerstörungen evozierten und zu einem Wandel des Erscheinungsbildes und des Charakters der Stadt beitrugen.
S. Ladstätter


Assos im Wandel der Zeit. Kontinuität und Veränderung

Das Stadtgebiet von Assos wurde wohl seit der Bronzezeit besiedelt. Die antike Stadt entstand in der archaischen Zeit als Kolonie der Insel Lesbos und erreichte schnell eine gewisse Bedeutung, da von ihr aus Palai Gargara und Lamponeia gegründet wurden. Nachfolgend war die Stadt in wechselnder Hand. In der Stadtgeschichte sind also deutliche Übergangszeiten und Brüche erkennbar, in denen sich das Stadtbild wesentlich veränderte. So zeigen beispielsweise in den letzten Jahren durchgeführte Grabungen die Umstrukturierung der spätantiken Stadt durch neue Wege, Hausbauten und Auflassung antiker Gebäude.
Transformationen dieser Art lassen sich auch in anderen Epochen nachweisen. Andere Bauten wurden wiederum kontinuierlich benutzt, wie die Stadtmauer, die seit dem Hellenismus in weiten Teilen gleichbleibend die Stadt umzingelte. Erste stratigraphische Beobachtungen zur Überlagerung der Stadtmauerphasen zeigen, dass eine systematische Aufnahme aller Befestigungsreste wesentliche Erkenntnisse zur Stadtentwicklung bringt. In mittelbyzantinischer Zeit wurde das antike Stadtgebiet aufgegeben. Das offensichtlich sehr kleine neue Zentrum der Siedlung des 9.-11. Jhs. könnte westlich außerhalb der Stadtmauer gelegen haben. In spätbyzantinischer Zeit baute man die Akropolis zu einem Kastrum um.
Assos scheint folglich auch nach den archäologischen Hinweisen zumindest bis in die frühbyzantinische Zeit fortdauernd besiedelt, gewachsen und umgebaut worden zu sein. Für das Gesamtbild der antiken Stadt ist also von einer Kontinuität auszugehen. Brüche sind im Stadtbild trotzdem immer wieder zu sehen und äußern sich in zahlreichen Umgestaltungen.
Transformationsprozesse als Folge von Umwandlungen des Gesellschaftssystems oder spezieller Ereignisse (Krieg oder Naturkatastrophe) erfolgen meist nicht regional, sondern sind häufig überregional nachzuvollziehen. Andererseits muss nicht jedes in den schriftlichen Quellen erwähnte Ereignis zu Veränderungen im Stadtbild führen. Vergleiche mit den Entwicklungen in anderen Städten können helfen, Kontinuität und Umbruch einzelner Stadtanlagen, Plätze oder Gebäude von Assos besser zu verstehen.
B. Böhlendorf-Arslan - H. Türk


Die Michaelskirche in Germia (Galatien, Türkei). Ein kaiserlicher Wallfahrtsort und sein provinzielles Umfeld

Die Michaelskirche in Germia war ein berühmter Wallfahrtsort und ist heute die größte und besterhaltene frühbyzantinische Kirchenruine auf der zentralanatolischen Hochebene. Der Bau geht auf Stiftungen verschiedener hauptstädtischer Aristokraten sowie des Kaiserpaares Justinian und Theodora zurück. Die lokale Kulttradition könnte jedoch älter sein; die Verehrung des Erzengels Michael knüpft vielleicht an einen älteren Attis-Kult an. Im Rahmen des Netzwerks soll erörtert werden, in wiefern der Wallfahrtsort einerseits von seiner dauerhaften Umgebung und andererseits vom Zeitgeschehen geprägt wurde. Wasser und heiße Quellen scheinen immer eine Rolle gespielt zu haben. Das gleiche könnte für lokales Baumaterial und lokale Bautraditionen gelten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob mit solchen Traditionen möglicherweise auch lokale Identität verbunden wurde. Anderes wird dagegen auf die hauptstädtischen Stifter zurückgehen und verwiesen haben. Das gilt zum Beispiel für Gewölbemosaiken, die in der Provinz nicht üblich waren und deshalb zeichenhaft für den modernen Anspruch und die überregionale Bedeutung der kaiserlichen Stiftung stehen konnten.
P. Niewöhner


Entstehung, Ausbreitung und Entwicklung eines eklektischen Baustils in der Diyār Bakr Region während der Zeit vom 12. - 15 . Jh. n. Chr. Eine Untersuchung der islamischen Zentren Āmid, Mayyāfāriqīn, Mardin und Hisn Kayfā

Von der Spätantike bis ins 11. Jh. n. Chr. sind in der Südosttürkei wenige Bauten bekannt. Ab dem 12. Jh. n. Chr. entstehen unter der Herrschaft der Artuqiden, ursprünglich ein Amir-Geschlecht der Gross-Seldschuken, aber auch unter anderen Dynastien wie z.B. den Inaliden, Nisaniden, Ayyubiden und Aq Qoyunlu, eine Reihe von Zivil- und Sakralbauten in den Zentren Mardin, Āmid/Diyarbakır, Mayyāfāriqīn/Silvan und Hisn Kayfā/Hasankeyf. Bisherige Untersuchungen (die Dissertation zur Bauplastik der Artuqiden von Mardin im regionalen Kontext (12. - 15. Jh.) und das PostDoc-Projekt zu Garten- und Palastanlagen der Südost-Türkei (12. - 15. Jh.)) haben gezeigt, dass sich im Gebiet, welches von den arabischen Geographen als Diyār Bakr - wobei Mardin an der Grenze liegt - bezeichnet wird, ein eigener eklektischer Baustil entwickelt hat. Ziel der Untersuchung ist es herauszufinden, wie und wo sich dieser Stil in der Zeitspanne vom 12. - 15. Jh. n. Chr. definiert, ausbreitet und entwickelt, und wie verschiedene Bautraditionen rezipiert werden. Erforscht werden soll auch, inwiefern Faktoren wie historische, geographische oder materielle (zum Beispiel harter und schwarzer Basalt in Āmid, weicher und gelber Kalkstein in Mardin, ebenfalls Kalk wie auch Stuck, Keramik und andere Materialien in Hisn Kayfā) das Eigene und Lokale prägen, sowie Differenz schaffen zum Gemeinsamen.
D. Beyazit


Wohnweisen als historischer Prozess. Veränderungen der Istanbuler Stadttopografie in der Neuzeit am Beispiel Zeyrek

Das Stadtgefüge Istanbuls wurde im Verlauf des 20. Jhs. radikal verändert. Mit diesen Umwälzungen verschwanden viele der materiellen Zeugnisse der unmittelbaren Vorgängerepoche, die ihrerseits für einen einschneidenden Umbruch stehen muss, der zweiten Hälfte des 19. Jhs.. Anders als im 20. Jh. überlagern sich hier Phänomene des Umbruchs und der Kontinuität in der Architektur auf eine komplexere Weise, die alle Facetten des Bauens von der Bautechnik über die architektonische Entwurfslehre bis zur urbanistischen Gestaltung einbezieht. Überkommene gesellschaftliche Strukturen kleideten sich in neue architektonische Ausdrucksformen, die den zeitgemäßen Anspruch ihres Status quo symbolisieren sollten. Der neu aufkommende Massivbau unterstreicht diesen Anspruch. Die bürgerliche Wohnung als neues gesellschaftliches Phänomen bediente sich dagegen meist noch des traditionellen Baumaterials Holz. Gerade in den vielfältigen Osmanischen Holzbauten des 19. Jhs. lassen sich so Phänomen des longue durée wie auch Anzeichen für Sattelzeiten wahrnehmen, wozu die Betrachtungsweisen auf eine breite Basis gestellt und neben den Gebäuden selbst auch die Gegenstände der Alltagskultur einbeziehen soll. In ihrer komplexen Vielfältigkeit ist die Holzarchitektur des späten 19. Jhs. aber auch Spiegelbild des multikulturellen und multiethnischen Charakters der Metropole in dieser Zeit. Eine Analyse hat somit auch die identitätsstiftenden Aspekte dieses Formenreichtums und damit den Wunsch nach einer Konsolidierung gesellschaftlichen Terrains einzubeziehen. Die breit angelegte Dokumentation des Stadtviertels Zeyrek, die in den Jahren 1977 ein ganzes Holzhausviertel erfasst hat, bietet die Gelegenheit, an einem vielfältigen Baubestand des späten 19. Jhs. - der heute zu weiten Teilen nicht mehr existiert, Aspekte dieses Epochenwandels zu untersuchen. Dabei spielen neben den Einzelgebäuden die bis in die byzantinische Epoche zurückreichenden strukturellen Parameter - Straßenzüge, Grundstückseinteilungen, Gliederung der Topografie, Substruktionen etc. - in ihrer nachhaltigen Nutzung eine besondere Rolle.
M. Bachmann


Kontakt:
Alexandra Wirsching M.A.  


 
 

updated: 02/23/2010

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