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Libanon, Baalbek

Stadtforschung in Baalbek

Städtebauliches Konzept und historische Entwicklung des römischen Heiligtums Baalbek. 5000 Jahre Geschichte einer Stadt, seit 1984 Weltkulturerbe.

Lage

Baalbek liegt in der nördlichen Beqaa-Ebene zwischen den Gebirgsketten des Libanon und Antilibanon.

Abteilungen:
Orient-Abteilung

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

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Geschichte

    
  Das römische Heiligtum Baalbek  

Der Bereich der heutigen Stadt Baalbek wurde Ende des 8. Jt. v. Chr. erstmals besiedelt. Der Siedlungshügel unter dem noch erhaltenen Jupiter-Heiligtum war fast ununterbrochen bis in die hellenistische Zeit bewohnt. Wahrscheinlich im 1. Jh. v. Chr., der späten seleukidischen Herrschaftszeit, überbauten die lokalen, arabischen Ituräer den Siedlungshügel mit einem großen Heiligtum. Mit der Gründung der römischen Colonia Iulia Augusta Felix Berytus 15 v. Chr. erhält Baalbek eine Ansiedlung von römischen Kriegsveteranen. Das Heiligtum wird neu konzipiert und in einer vorher nicht gekannten Monumentalität ausgebaut. Begonnen wird mit einem Tempel für Jupiter Heliopolitanus, im 2. Jh. n. Chr. wird direkt daneben der heute sog. "Bacchus-Tempel" und im 3. Jh. n. Chr. der heute sog. "Venus-Tempel" errichtet. Während des 4.-7. Jh. erhielt Baalbek mehrere christliche Kirchen, die aber die alten Kulte nur langsam verdrängen konnten. 635 wurde Baalbek dem islamischen Reich einverleibt und im 12.-14. Jh. n. Chr. die noch erhaltenen römischen Tempelanlagen in eine große Burg umgewandelt. Die Burg diente der Sultansfamilie des ayyubidischen und mamelukischen Damaskus als Grenzfeste gegen die Kreuzfahrerstaaten. In der Zeit nach der Eroberung durch die Osmanen 1517 verlor Baalbek an Bedeutung, und im 17.-19. Jh. verarmte die Stadt zunehmend. Erneuten Aufschwung in der Bautätigkeit Baalbeks gab es erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. mit dem wiedererwachten Interesse am Heiligtum und der Zunahme des Tourismus. Zu Beginn des 20. Jh. hatte Baalbek mit schiitischen und sunnitischen Muslimen sowie Christen verschiedener Konfessionen etwa 5000 Einwohner. Jede Glaubensrichtung dominierte einzelne Stadtteile, eine Ordnung, die sich erst während des Bürgerkrieges änderte. 

Ziele

Das römische Heiligtum von Baalbek weist, im Vergleich mit anderen römischen Tempelanlagen im Vorderen Orient, eine besonders starke römisch-westliche Formensprache auf. Sichtbar wird dies vor allem in der Ausprägung von Architektur und Bauschmuck. Im Detail ist aber weit klarer orientalische Kultpraxis zu erkennen als bisher angenommen. Traditionsstränge aus der Bronze- und Eisenzeit sind nachweisbar, ebenso eine Kontinuität der orientalisch-römischen Kulte bis zum Ende der Spätantike. An kaum einem anderen Ort des Nahen Ostens ist daher die Symbiose westlicher und östlicher Kulte und Kultbauten so augenfällig wie in Baalbek.
Die Siedlung nahe des Heiligtums scheint zu allen Zeiten vorrangig abhängig von dessen Prosperität gewesen zu sein. Die Einbindung in Handelswege, auch die Entwicklung einer Marktsituation ist nicht ohne den Ausbau und die Internationalisierung des Heiligtums zu verstehen. In dieser besonderen ökonomischen Abhängigkeit gleicht das antike Baalbek modernen religiösen Pilgerstätten.
Das aktuelle Projekt dient der Erforschung der topographischen, städtebaulichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen des Heiligtums und der Stadt über einen Geschichtszeitraum von 9000 Jahren. Von besonderem Interesse ist die Zeit des Siedlungsbeginns sowie Perioden radikaler Strukturumbrüche, wie die Veränderung der Siedlung von der vor-römischen zur römischen Zeit, sowie der Übergang von der Spätantike zur islamisch-mittelalterlichen Zeit. In interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Vorderasiatischen Archäologen, Klassischen Archäologen, Althistorikern, Bauhistorikern, Geodäten, Geophysikern, Geomorphologen und Orientalisten soll die bestehende, reiche Befundlage in Baalbek sowie in den Steinbrüchen und dem wirtschaftlichen Umland dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Neue Ausgrabungen sind vorerst nicht geplant.  

Forschungsgeschichte

Baalbek und seine antiken Bauwerke gerieten niemals in Vergessenheit. Arabische Historiographen und Geographen beschrieben die römischen Bauwerke und Ruinen seit dem 9. Jh. n. Chr., europäische Reisende seit dem beginnenden 16. Jh. Thema war immer wieder die besondere Monumentalität und der Reichtum der Bauausstattung des Heiligtums. Die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit den römischen Heiligtümern unternahmen 1757 die Engländer James Dawkins und Robert Wood, sowie im Jahr 1785 der Franzose Louis François Cassas. Im 19. Jh. wurde Baalbek oft frequentierter Ort für reisende Maler, Photographen, Poeten und Wissenschaftler. Prominentester Gast im 19. Jh. war am 10./11. November 1898 Wilhelm II., Deutscher Kaiser. Er gab den entscheidenden Anstoß für Ausgrabungen, die zwischen 1900 und 1904 von deutschen Wissenschaftlern durchgeführt wurden. In den 1920ern übernahm die Antikenverwaltung der französischen Mandatsregierung die Ausgrabungen und Restaurierungen, seit 1945 gingen diese auf die libanesische Antikenverwaltung über. Mit dem Ende des libanesischen Bürgerkrieges 1991 wurden archäologische Forschungen wieder möglich, seit 1997 besteht eine Kooperation zwischen der Direction Générale des Antiquités du Liban und dem Deutschen Archäologischen Institut. Seit Sommer 2001 wird die Dokumentation und Auswertung von Architekturbefunden und archäologischen Funden unternommen, die in den 1960er und 1970er Jahren bei Ausgrabungen freigelegt worden sind. Ein architektonischer Survey der osmanischen Häuser sowie ein archäologischer Survey im Umland von Baalbek ergänzen die Forschungen. 

Bisherige Arbeiten

    
  Die erhaltenen 6 Säulen des Jupiter-Tempels  
    
  Der sog. Bacchus-Tempel, 2. Jh. n. Chr.  
    
  Die römische Prozessionstreppe zum Merkur-Tempel  
    
  Münzen des älteren Philippus mit der Prozessionstreppe  

Ausgrabungen seit 1898 haben sich vor allem mit drei Tempeln befaßt, die nahe beieinander liegen und auf einander bezogen sind.
Das große Jupiter-Heiligtum, einer der größten Tempelkomplexe der römischen Welt, bestand aus einem Tempel und zwei davor gelagerten Höfen. Für alle Bereiche waren hohe Substruktionen bzw. Podeste angelegt worden, um den Komplex aus der Ebene emporzuheben. Er ist über eine monumentale Treppe zu erreichen, die auf ein ca. 7 m höheres Niveau führt. Eine breite Toranlage, das Propylon, erlaubt den Zugang zunächst in einen sechseckigen Vorhof (Hexagonalhof), der wohl erst im 3. Jh. n. Chr. entstanden ist. Von dort ist der "Altarhof" zu erreichen, der kultisch bedeutsamste Bereich des Komplexes, in dem zwei Hochaltäre, zwei Wasserbecken und zwei einzeln stehende Säulen als Kultmonumente errichtet sind. Die Höfe sind von Säulenhallen und dahinterliegenden, zum Hof offenen Räumen (Exedren) umgeben, die z.T. gut erhalten sind. Vom Altarhof führt eine weitere Treppe zum eigentlichen Jupiter-Tempel hoch, der auf einem 12 m hohen Podium stand. Erhalten sind von diesem lediglich sechs Säulen des äußeren Umgangs und Reste des Giebels.
Weit besser erhalten ist der sog. Bacchus-Tempel, der im 2. Jh. n. Chr. in paralleler Anordnung zum Jupiter-Heiligtum errichtet wurde. Auch er steht auf einem Podium, das allerdings weit weniger hoch ist. Der Tempel ist bis zur Höhe der ehemaligen Dachbalken erhalten und gibt einen Eindruck davon, wie reich der Bauschmuck der römischen Tempel in Baalbek gewesen sein mag. Seine Zuweisung zum Gott Bacchus beruht auf der Darstellung zweier Reliefs, die im Tempel den Aufgang zur Zella schmückten, doch ist diese sehr umstritten.
Der dritte Tempel, der ebenso wie der Jupiter- und der sog. Bacchus-Tempel während der letzten ca. 1800 Jahre immer sichtbar und genutzt blieb, ist der sog. Venus-Tempel. Es handelt sich um einen kleinen Rundtempel mit barock anmutenden, konkav geschwungenen Außenseiten. Er entstand im 3. Jh. n. Chr. Seine Zuweisung zur Göttin Venus ist sicher falsch, doch soll der sehr lange genutzte Name beibehalten werden, bis eine eindeutigere Zuweisung möglich ist. Die Freilegung dieser drei Tempel sowie eine erste Dokumentation dessen, was in der Altstadt von Baalbek an antiker Bausubstanz erhalten war, war Aufgabe der deutschen Ausgrabungen bis 1904.

In der Folgezeit beschäftigten sich französische Kollegen mit dem Erhalt dieses Tempel-Ensembles und intensivierten die Forschungen zu theologischen Problemen der heliopolitanischen Göttertrias, bestehend aus Jupiter, Venus und Merkur. Eine byzantinische Basilika, die im 5. Jh. n. Chr. im Altarhof des Jupiter-Tempels eingebaut worden war, wurde in dieser Zeit entfernt und die emminent wichtige Entdeckung der Altäre und einzeln stehenden Säulen im Altarhof gemacht.
Auch konnte die Prozessionstreppe auf den Hügel Sheikh Abdallah entdeckt werden, die - da auf Münzen des älteren Philippus dargestellt und benannt - zweifelsfrei mit dem Merkur-Tempel in Verbindung zu bringen war. Der Standort eines, damals noch nicht freigelegten Merkurtempels war also geklärt. Unter der Ägide der libanesischen Antikenverwaltung wurden die Forschungen auf dem Sheikh Abdallah fortgesetzt und der Tempel nachgewiesen, allerdings nicht ausgegraben.

Die Libanesische Antikenverwaltung führte des weiteren umfangreiche Grabungen im Bereich der Aufgangstreppe zum Jupiter-Heiligtum durch und fand dort einen ebenerdig gelegenen Vorhof zum Heiligtum sowie Anzeichen von Kolonnadenstraßen. Im Bereich des sog. Venustempels wurde das Grabungsareal erheblich ausgedehnt und der gesamte Tempelbezirk mit seiner umgebenden Mauer (Temenos) und einem weiteren, vorher unbekannten Tempel (sog. Musentempel) ausgegraben. Auch dieser Tempelbezirk war von Kolonnadenstraßen gesäumt, die in östliche und südliche Richtung führen.
In südlicher Richtung, außerhalb der alten Stadtmauern, wurden darüber hinaus, in einem Gebiet mit dem modernen Namen "Bustan el Khan", weitere mittelalterliche und römische Bauten festgestellt und ausgegraben. Die Halle eines Gebäudes (Porticus) war durch ein Erdbeben umgestürzt und konnte vollständig wieder aufgerichtet werden. Im Bereich des Bustan el-Khan wurde zudem ein langes Stück der römischen Ausfallstraße nach Süden aufgedeckt, entlang derer sich weitere Bauwerke befanden. 

Aktuelle Arbeiten

    
  Die Porticus im Gebiet „Bustan el Khan“  
    
  Sogenanntes Venus-Areal  
    
  Survey im Umland von Baalbek  
   Beit Nassif  
  Beit Nassif  

Die aktuellen Arbeiten finden in verschiedenen Bereichen der römischen Stadt Baalbek statt. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf ergänzenden zeichnerischen Dokumentationen und stratigraphischen Beobachtungen der seit langem ausgegrabenen Bauten und Stadtbereiche, sowie deren Einbindung in den städtebaulichen Zusammenhang und den regionalen Kontext des Umlandes. Darüber hinaus werden in Deutschland wissenschaftshistorische Forschungen und Aufarbeitung von Archivmaterial initiiert. Die Arbeiten konzentrieren sich auf die folgenden Bereiche:
Bustan el Khan
Im Gebiet "Bustan el Khan" am Südwestrand von Baalbek befinden sich mehrere Großbauten aus römischer Zeit, die durch die libanesische Antikenverwaltung während der 1960/70er Jahre freigelegt worden waren. Ihre Bauzeit gehört in die römische Kaiserzeit, sie sind aber auch in der Spätantike genutzt und umgeformt worden. Aus der mamelukisch/frühosmanischen Zeit stammen hier Häuser und Privatbäder. Ziel der Dokumentation ist die Bestimmung der Funktion der verschiedenen Bauten, ihre Geschichte und ihr Aussehen im Einzelnen.
Im "Bustan el Khan" zeichnen sich nach den aktuellen bauhistorischen Untersuchungen drei größere Komplexe ab, die bislang unbekannt und unpubliziert sind: ein multifunktionaler Komplex mit einer monumentalen römischen Therme (wohl ausgehendes 2. Jh. n. Chr.), ein langgestreckter Podiensaal sowie ein weiteres größeres Gebäude mit einem Peristylhof im Süden des Areals. Alle Bauten reihen sich entlang einer in Teilen erhaltenen Straße, die in das Zentrum von Baalbek hineinführt. Die monumentale Therme (ca. 100 x 100 m groß) wurde 2001-2003 und erneut seit 2008 intensiv untersucht. Von einem Vorhof mit Portikus führt ein Eingang in der Hauptachse des Gebäudes in den eigentlichen Badebereich, von dem lediglich Substruktionen, Wasserbecken sowie geringe Reste von Hypokaustenanlagen erhalten sind. Im Süden des Badekomplexes befand sich ein Odeon, welches wahrscheinlich Ende des 4. Jhs. erbaut worden ist.
Südlich anschließend befindet sich der Podiensaal, in dem 2004 und 2005 Sondagen zur Klärung der verschiedenen Bauphasen und ihrer Datierung unternommen wurden. Es konnten mindestens fünf Phasen unterschieden werden: in der zweiten Phase wurde eine monumentale Fassade mit neuer Orientierung erbaut, und die später angefügte Portiken wurden schließlich von der in die Stadt führenden Strasse überbaut. Reste von Podien sind im Inneren erhalten und ermöglichen die Interpretation als großen Bankettsaal, möglicherweise aufgrund seiner Ausrichtung zum Merkur-Tempel im Zusammenhang mit dem Merkurkult. Die Rekonstruktion des Grundrisses deutet darauf hin, daß unter einem modernen Parkplatz südlich der Strasse weitere Gebäudeelemente zu erwarten sind.
Ein kleines, wohl vor allem privat genutztes Bad aus der mamelukisch/frühosmanischen Zeit überlagert den nordöstlichsten Bereich der Thermen-Portikus. Es wurde zwischen 2001-2004 gereinigt, dokumentiert und soll behutsam restauriert werden.
Venus-Areal
Auch im Temenos des sog. Venus-Tempels befinden sich weitere Kultbauten, die in den 1960/70er Jahren ausgegraben worden sind. Sie werden seit Sommer 2002 erneut untersucht und abschließend dokumentiert.
Im Bereich des lange bekannten sog. Venus-Tempels wurde in den 1960/70er Jahren ein weiterer Tempel, der sog. Musen-Tempel und das beide Tempel umgebende Temenos aufgedeckt. Es zeichnen sich derzeit mindestens vier Nutzungsphasen des Geländes ab: Zunächst die Erbauung des sog. Musentempels zu einem wohl frühen Zeitpunkt des römischen Ausbaus des Heiligtums in Baalbek. Später wurde der bekannte sog. Venus-Tempel (3. Jh. n. Chr.) gebaut und die beide Tempel umgebende Säulenhalle durch ein Propylon auf das Jupiter-Heiligtum ausgerichtet. Diese gehören bereits zu einer späteren Phase und datieren vermutlich in die Spätantike. Die Fußböden der Säulenhallen wurden in einer vierten Phase deutlich erhöht und mit byzantinischen Mosaiken versehen. Seit dieser Zeit, eventuell aber auch erst später wurde der sog. Venus-Tempel als christliche Kirche genutzt.
Qala'a
Im einem Tiefschnitt im Altarhof des Jupitertempels östlich des Großen Altars, der seit seiner Anlage in den 1960iger Jahren ohne Dokumentation verblieben war, wurden 2004 und 2005 die Nord-, Ost- und Südprofile gereinigt und zeichnerisch dokumentiert. Die Funde aus diesen Reinigungsarbeiten, bestehend aus Keramik, Knochen, Steinwerkzeugen und Bodenproben, wurden in stratigraphischen Einheiten geborgen. Im Profil konnten durch genaue Beobachtung Fußböden und sogar Mauern und Feuerstellen identifiziert werden, die wichtige Hinweise auf die Besiedlungsgeschichte lieferten. Die ältesten Funde stammen aus dem ausgehenden akeramischen Neolithikum und können anhand von C14-Daten bis in die Zeit um 7200 v. Chr. zurückverfolgt werden. Der Siedlungshügel wurde erst durch die Umwandlung in ein monumentales Heiligtum in der späten hellenistischen Zeit aufgegeben und war zuvor ohne größere Unterbrechungen über ca. 7000 Jahre besiedelt.
Die Architekturgeschichte des an sich gut bekannten Jupiter-Heiligtums in der Qalaa wird seit 2005 im Detail nachgezeichnet. Aus der Dokumentation vieler noch undokumentierter archäologischer und architektonischer Befunde durch Sondagen und Bauaufnahmen sowie einer erneuten Analyse von Baudetails erbrachten überraschend viele ergänzende Erkenntnisse über die bauliche Morphologie. Als Ergebnis können vier monumentale Bauphasen unterschieden werden: Die Bauten aus vorrömischer Zeit in Form einer gigantischen T-förmigen Tempelterasse, die später als Fundament des Jupitertempels genutzt wurde, sind nun in ihrer Ausdehnung und Geometrie klar fassbar. Durch neue tachymetrische Bauaufnahmen in den Substruktionen des Altarhofes lassen sich Planungen und der Fortschritt der ausgedehnten Baumaßnahmen der frühen Kaiserzeit deutlich von späteren Bauphasen trennen. Veränderungen im großen Altarhof und der Bau des sogenannten Hexagonalhofes in mittlerer Kaiserzeit weisen auf zwei spätere Planänderungen hin, die das Heiligtum sukzessive nach Osten erweitert haben.
Sheikh Abdallah
Auf dem im Südosten liegenden Hügel Sheikh Abdallah stand in der römischen Antike ein Merkurtempel. Seine Überreste sowie eine monumentale Prozessionstreppe, die von der Stadt zum Tempel emporführte und durch Aufbauten wie eine seitliche Brüstung und kleine Bauwerke hervorgehoben war, werden in ihren architektonischen Details sowie ihren genauen topographischen Zusammenhängen mit dem antiken Stadtgebiet dokumentiert. Die Reste des Merkur-Tempels wurden im libanesischen Bürgerkrieg fast vollständig zerstört, doch konnten zwischen 2002 und 2005 durch sorgfältige Beobachtungen noch erhaltene Fundamente des Tempelpodiums sowie des Propylons festgestellt werden. Erhalten sind zudem mehrere dekorierte Bauteile des Tempels, die sich verstreut in der Nähe ihres ursprünglichen Standortes finden.
Geodätische Arbeiten
Die geodätischen Arbeiten dienen dem Aufbau eines präzisen archäologischen Vermessungsnetzes, in das die verschiedenen älteren Meßnetze überführt werden und neue Aufnahmen eingebunden werden können sowie der Bereitstellung und geometrischen Auswertung des historischen Plan- und Bildmaterials. Für die verschiedenen Aufgaben von Geländemodellierung bis Bauteilaufnahme kommen Verfahren, wie Fotogrammetrie und Luftbildentzerrung zum Einsatz und es werden neue Werkzeuge zur stereophotogrammetrischen Auswertung erprobt und weiterentwickelt.
Geophysikalische Arbeiten
Geophysikalische Untersuchungsmethoden werden eingesetzt, um auch in denjenigen Bereichen Erkenntnisse über im Boden verborgene archäologische Strukturen zu erhalten, in denen Ausgrabungen nur schwer möglich sind. Im Frühjahr 2008 wurden im Bereich des Jupiter-Heiligtums, des sog. Venus-Areals und im Bustan el-Khan geoelektrische Bodenwiderstandsmessungen durchgeführt, die wesentliche Informationen über die geologische Ausgangssituation in den Arealen und unter den monumentalen Bauwerken lieferten.
Funddepots
Verschiedene Funddepots beherbergen eine große Anzahl von Fundstücken, die Hinweise auf die Ausstattung und Nutzung der Bauwerke in römischer, spätantiker und islamisch-mittelalterlicher Zeit liefern. Ihre Analyse, Datierung und Herkunft erlaubt Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Potenz und den Grad des Kontaktes des Heiligtums in den Osten und Westen zur Zeit der antiken Reiche.
Umland-Survey
Der Survey im Umland von Baalbek wurde 2004 mit dem Ziel begonnen, Erkenntnisse über das wirtschaftliche Potential und die Siedlungsstruktur im Territorium der Stadt durch die Jahrtausende zu gewinnen. Aufgrund der intensiven Landwirtschaft und demografischen Entwicklung in der Ebene konzentrierte sich die Geländebegehung zunächst vor allem auf die Seitentäler und Anhöhen des Anti-Libanon, wo zahlreiche gut erhaltene, wenn auch durch Raubgräber stark gestörte Siedlungen und Wirtschaftsanlagen gefunden wurden. Der archäologische Survey wird von Forschungen zur geomorphologischen Entwicklung der Landschaft begleitet sowie anhand von Satellitenbildern und Luftbildern landwirtschaftliche Nutzungsbereiche und weitere antike Fundorte kartiert. Der Survey schließt die großflächige Prospektion der antiken Steinbrüche in der Umgebung von Baalbek ein, die 2008 archäologisch und topographisch durchgeführt wurde.
Die osmanische Stadt
Die traditionellen, vor allem spätosmanischen Baustrukturen im Stadtgebiet Baalbeks scheinen ältere Stadtstrukturen zu tradieren und versprechen damit Rückschlüsse auf die Stadtentwicklung und das antike Stadtbild. Seit 2002 wird die erhaltene Bausubstanz zunächst systematisch aufgenommen, dann an ausgewählten Beispielen detailliert eingemessen, fotografiert und hinsichtlich ihrer Bauweisen beschrieben. Ein Teil dieser Gebäude folgt offensichtlich dem Verlauf der nicht mehr erhaltenen vom Sheikh Abdallah herabführenden römischen Monumentaltreppe. Über die Untersuchung von Bauweisen und Baudetails sind Einflussfaktoren und Vorbilder für die Baukultur Baalbeks zu definieren und Datierungskriterien zu entwickeln. Im Blickfeld steht derzeit besonders das Gebiet zwischen dem Jupiter-Heiligtum, dem sog. Venus-Areal und der südwestlichen Stadt, da sich dort Ausgrabungen mittelalterlicher sowie älterer Baustrukturen und die erhaltene spätosmanische Bebauung gut ergänzen.
GIS
2004 wurde mit der Konzeption und Realisierung eines über das Internet zugänglichen stadtgeschichtlich-archäologischen Informationssystems begonnen. Das System soll den dezentral arbeitenden Forschergruppen einen möglichst aktuellen Zugang zu allen Daten aus über 100 Jahren Forschungsgeschichte und ständig neu dazu kommenden archäologischen und baugeschichtlichen Aufnahmen und Befunden erlauben und die Fülle des Datenmaterials für weiterführende Auswertungen in geeigneter Form darstellen. Bei der Entwicklung der Datenbanken und des GIS- Modells werden Open-Source Anwendungen sowie Überlegungen zur Nutzbarmachung der Arbeiten für andere Forschungsprojekte besonders berücksichtigt.
Aufarbeitung von Archivmaterial
In Kooperation mit dem Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin wurden alle dort aufbewahrten Münzen von Baalbek (Städteprägungen von Heliopolis und Fundmünzen von Baalbek aus den Grabungen der Königlichen Museen) vollständig im Online-Katalog des Münzkabinetts publiziert. 

Ergebnisse

Erstes Ergebnis der bauhistorischen und geodätischen Dokumentationen sind neue Hypothesen zur Bauabfolge der Tempel und ihrer Bezüge zueinander. In der hellenistischen Zeit wird der sehr alte, aber recht kleine Siedlungshügel, der sicher schon einen Tempel aufwies, vollständig überbaut und ein erstes großes Heiligtum errichtet. Die Stadt wurde wohl an den Fuß des Heiligtums umgesiedelt. Zu dieser frühen Zeit könnte eine noch im modernen Stadtbild erkennbare Straßenachse angelegt worden sein, die auf einen weiteren, religiös wichtigen Bau im Stadtviertel Haret Beit Sulh hinweist. Der Fund einer überlebensgroßen Venusstatue im 19. Jh. wohl in diesem Viertel läßt einen Venus-Bezirk vermuten. Der Jupiter-Tempel wie auch der sog. Musen-Tempel scheinen axial auf diesen hypothetischen Tempel ausgerichtet zu sein. Dies gilt auch noch für den Ausbau des Jupiter-Heiligtums in römischer Zeit. Später, im Verlaufe des 2. Jh. n. Chr. wird zunächst der sog. Bacchus-Tempel gebaut und der wohl aufgegebene sog. Musen-Tempel durch eine Säulenhalle verdeckt. Der Merkur-Tempel auf dem Sheikh Abdallah und die Erweiterung des Stadtgebietes nach Südwesten, im Gebiet des Bustan el Khan, werden in Angriff genommen. Erst im 3. Jh. n. Chr. wird der kleine sog. Venus-Tempel, dessen populärer Name "Venus-Tempel" in jedem Fall falsch ist, in Ersatz des alten sog. Musen-Tempels errichtet und auf das Jupiter-Heiligtum ausgerichtet. Umbauten im Jupiter-Heiligtum sind die letzten Baumaßnahmen, die unter römischer Herrschaft unternommen werden. In frühchristlicher Zeit wird das sog. Venus-Tempelareal in einen christlichen Kirchenkomplex umgewandelt und im 5. Jh. eine große Basilika in den Altarhof des Jupiter-Tempels eingebaut. Im 12./13. Jh. n. Chr. endlich wird der religiöse Charakter des Komplexes aufgegeben und das Jupiter-Heiligtum in eine sehr wehrhafte Burg umgebaut, die genügend Fläche für einen reich ausgestatteten Gouverneurspalast bot. Gleichzeitig scheint die Stadt Baalbek, am Fuße der Burg, sich nun erstmals wieder über die Grenzen der Stadtmauer vergrößert zu haben. Im Bustan el Khan, außerhalb der mittelalterlichen Stadteinschließung gelegen, finden sich erneut Bauten, jetzt Privathäuser und Bäder.  

Kooperationen

Die aktuellen Arbeiten erfolgen in Kooperation zwischen der Direction Générale des Antiquités du Liban, dem Deutschen Archäologischen Institut und der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/ Lehrstuhl für Baugeschichte. Folgende libanesische und deutsche Institutionen sind durch Mitarbeiter beteiligt:
1. Lebanese University - Tripoli School of Architecture (Dipl.-Ing. Jean Yasmine)
2. Deutsches Archäologisches Institut - Naturwissenschaftliches Referat
3. Brandenburgische Technische Universität Cottbus, Lehrstuhl für Vermessungskunde (Prof. Dr.-Ing. Bernhard Ritter, Dipl.-Ing. Frank Henze)
4. Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald - Lehrstuhl für Klassische Archäologie (Prof. Dr. Konrad Hitzl).
5. Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin  

Ansprechpartner

Dr. phil. Margarete van Ess

Telefon: 03018-7711-0
Telefax: 03018-7711-189
Email: orient@dainst.de

Förderung

Das Projekt wird seit 2005 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.  

Literatur

Th. Wiegand (Hrsg.), Baalbek. Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen in den Jahren 1898-1905 Band I-III (1921-25); P. Collart - P. Coupel, L'autel monumental de Baalbek (1951); Liban - Les Dossiers de l'Archéologie 12 (1975); N. Jidejian, Baalbek: Heliopolis, "City of the Sun" (1975/1998); F. Ragette, Baalbek (1980); M. van Ess, Heliopolis - Baalbek, Forschen in Ruinen 1898 - 1998 (Beirut 1998); A. Neuwirth - T. Scheffler - H. Sader (Hrsg.), Baalbek: Image and Monument 1898 - 1998, Beiruter Texte und Studien 69 (Beirut 1998); M. van Ess - T. Weber (Hrsg.), Baalbek. Im Bann römischer Monumentalarchitektur (Mainz, Philipp von Zabern 1999); M. van Ess (with contributions from T. Bunk, V. Daiber, B. Fischer-Genz, F. Henze, K. Hitzl, F. Hoebel, B. Ritter, H. Wienholz), "Archaeological Research in Baalbek. A preliminary report on the 2001-2003 seasons", Bulletin d'Archeologie et d'Architecture Libanaise (BAAL) 7, 2003, 109-144; M. van Ess - K. Rheidt, Archaeological Research in Baalbek. A preliminary report on the 2004 and 2005 seasons, BAAL 9, 2005, 117-146.; V. Daiber, Baalbek: die mittelalterlichen Feinwaren, Orient-Archäologie (OrA) 18, 2006, 111-166; M. van Ess (with contributions from J. Abdul Massih, N. Chahine, V. Daiber, H. Ehrig, M. van Ess, S. Feix, B. Fischer-Genz, H. Genz, F. Henze, K. Hitzl, F. Hoebel, H. Lehmann, D. Lohmann, J. Nádor, K. Rheidt, D. Rokitta-Krumnow, A. Seif, F. Wakim, H. Wienholz, J. Yasmine), Baalbek/Heliopolis. Results of the archaeological and architectural research 2002-2005, BAAL Hors-Série IV, 2008.
Weitere Literaturangaben, insbesondere zu vielen religionswissenschaftlichen und kunsthistorischen, wissenschaftlichen Themen finden sich in: M. van Ess - T. Weber (Hrsg.), Baalbek. Im Bann römischer Monumentalarchitektur (Mainz, Philipp von Zabern 1999).  

 


 
 

Aktualisiert: 11.06.2009

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