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JdI 117, 2002

Inhaltsverzeichnis und Abstracts


Inhalt

R. Fleischer, Die Amazonen und das Asyl des Artemisions von Ephesos. Mit 14 Abb.  »»

W. Held, Die Residenzstädte der Seleukiden. Babylon, Seleukia am Tigris, Ai Khanum, Seleukia in Pieria, Antiochia am Orontes. Mit 10 Abb. »»

H. Iskan, Zwei Privatporträts aus Patara. Bemerkungen zur Chronologie der Klinenporträts. Mit 25 Abb. »»

H. Jung, Der Persephonesarkophag Karls des Großen. Mit 12 Abb.  »»

K. Junker, Die Athena-Marsyas-Gruppe des Myron. Mit 25 Abb.  »»

S. Pfisterer-Haas, Mädchen und Frauen am Wasser. Brunnenhaus und Louterion als Orte der Frauengemeinschaft und der möglichen Begegnung mit einem Mann. Mit 65 Abb. »»

V.-M. Strocka, Der Apollon des Kanachos in Didyma und der Beginn des Strengen Stils. Mit 47 Abb.  »»


Abstracts

R. Fleischer, Die Amazonen und das Asyl des Artemisions von Ephesos
Der Beitrag stellt bildliche Darstellungen zusammen, die sich auf das Asyl des Artemisions von Ephesos beziehen. Der am Hadrianstempel sekundär verbaute Fries aus der späten römischen Kaiserzeit schildert neben anderen ephesischen Gründungsmythen die Kämpfe des Herakles und des Dionysos gegen die ortsansässigen Amazonen, die nach ihren Niederlagen im Heiligtum der Artemis Ephesia Schutz erflehen und erhalten. Neben Herakles sind vielleicht Theseus sowie der eigentlich zu einer anderen Zeit agierende Androklos dargestellt. In den Statuen der ephesischen Amazonen und in den nur in Münzbildern überlieferten Giebelfiguren des jüngeren Artemisions werden gleichfalls die Amazonen als mythische Protagonisten der Asylverleihung gesehen. Beizeichen auf ephesischen Kistophoren des 2. Jahrhunderts v. Chr. weisen durch die in mehreren Kombinationen auftretende Darstellung der Wollbinde auf die Hikesie hin. Auch die von den Handgelenken der Artemis Ephesia und anderer Gottheiten hängenden Wollbinden werden als Attribute von Schutzflehenden gedeutet.


W. Held, Die Residenzstädte der Seleukiden. Babylon, Seleukia am Tigris, Ai Khanum, Seleukia in Pieria, Antiochia am Orontes
Die Residenzstädte des Seleukidenreichs haben in der archäologischen Forschung bisher wenig Beachtung gefunden; soweit Untersuchungen stattfanden, galten diese jedoch nicht dem besonderen Charakter einer hellenistischen Palaststadt, sondern konzentrierten sich auf andere Aspekte wie z. B. die >Hellenisierung des Orients<. Einen Wendepunkt stellt Wolfram Hoepfners Rekonstruktion des hellenistischen Stadtplans von Antiocheia am Orontes dar, die insbesondere die Bedeutung des Palastbezirks, der Basileia, in einer seleukidischen Residenzstadt erstmals vor Augen führt. Es konnte gezeigt werden, daß die neugegründeten Residenzstädte im Seleukidenreich ein gemeinsames Grundschema aufweisen, das zwar zum Teil auf griechische und makedonische Traditionen zurückzuführen ist, in stärkerem Maße aber orientalischen Vorbildern, insbesondere Babylon, verpflichtet ist. Dies fügt sich gut zum Stand der althistorischen Forschung, die die Seleukiden zunehmend als Herrscher in der Tradition der babylonischen und achaimenidischen Könige sieht. Für Seleukeia am Tigris wurde zugleich eine neue Rekonstruktion des hellenistischen Stadtplans vorgestellt.


H. Iskan, Zwei Privatporträts aus Patara. Bemerkungen zur Chronologie der Klinenporträts
Die zwei marmornen Köpfe aus Patara sind der Ausgangspunkt zur Behandlung der Porträtkunst in Anatolien und der Chronologie der Klinendeckel. Der Fundort der Köpfe ist das Heroon einer einflußreichen Frau, Markia Aurelia Chrysion. Durch ihre Bauinschrift gewinnt man wichtige Informationen zum Bau- und Bestattungskonzept. Das Porträt des Mannes gibt Markias Vater wieder, der unter Caracalla Lykiarch war; es wurde aber wie das Frauenporträt erst im ersten Jahrzehnt nach der Mitte des 3. Jahrhunderts hergestellt. Daher kann es als ein wertvolles Beispiel der postumen Privatporträts angesehen werden. Beide Köpfe gehören zwar zu den sogenannten attischen Klinensarkophagen, wurden aber nicht in attischen Werkstätten hergestellt. Ihre Künstler lassen sich grundsätzlich in die Stillandschaft Anatoliens integrieren, wobei es sich durchaus um einheimische Künstler handeln könnte. Festzuhalten bleibt, daß die Gestaltungsmotive in den Provinzen eine breite Palette bieten. Ausgehend von den beiden Porträtköpfen wird darüber hinaus die Chronologie der Klinenporträts behandelt. Dabei ergeben sich Abweichungen von ihrer gängigen Datierung, was eine neue Perspektive für die kleinasiatische Porträtkunst bedeutet. Neues Material weist daraufhin, daß die Sarkophagproduktion nicht um 260 n. Chr. abrupt aufhörte, sondern, wenn auch in sehr wenigen Exemplaren, weiter geführt wurde. Abschließend werden noch Fragen nach Herstellungsweise und Vertrieb behandelt.


H. Jung, Der Persephonesarkophag Karls des Großen
Den noch heute in Aachen aufbewahrten Persephonesarkophag stellte wohl Karl der Große selbst für seine Grablege bereit. Mangels klarer Zeugnisse muß offengelassen werden, welche Deutung der Kaiser und die Mitglieder seines Hofes den drei bei äußerer Gewichtung so ungleichen Reliefs gaben. Nicht zu ermitteln ist auch, wo der Sarkophag gefunden oder doch von Karl erworben wurde. Um durch die Zuweisung zur >stadtrömischen< Sarkophagproduktion eine relativ sichere Datierung möglich zu machen, müssen einige ungewöhnliche Besonderheiten des Aachener Stückes näher beleuchtet werden: das weit über die Bodenleiste hinausgehende seitliche Vorkragen des Vorderseitenreliefs, starke Mängel bei der >zeichnerischen< Ausführung einiger Figuren, ein auffälliges Schwanken in der Klarheit der mythischen Erzählung. Es zeigt sich, daß diese Eigenschaften trotz ihrer extremen Ausprägung nicht als zwingende Belege für das Entstehen des Sarkophags in einer nicht->stadtrömischen< Werkstatt anzusehen sind. Andererseits bringen sie verstärkt ins Bewußtsein, welche vielfältigen, im einzelnen Fall schwer zu identifizierenden Faktoren für die Erzeugnisse >stadtrömischer< Sarkophagwerkstätten bestimmend sein konnten. Bei dem anschließenden Versuch, den Aachener Persephonesarkophag in die stilgeschichtliche Entwicklungsreihe der >stadtrömischen< Sarkophage und damit in deren chronologische Kette einzuordnen, wird als methodisch zuverlässiger Weg die Analyse des Reliefaufbaus als ganzen gewählt. Deutlich faßbar wird dabei, daß der Aachener Sarkophag jenen schillernden, weithin >doppelschichtigen< Charakter der Reliefgestaltung aufweist, den Sarkophage des 2. Viertels des 3. Jahrhunderts als nicht zu verkennendes Merkmal tragen (Beachtung der Forderung nach Klarheit und Festigkeit des Reliefgefüges einerseits, zunehmendes Überdecken mit entgegenstehenden Elementen andererseits). durch eingehende Vergleiche mit zwei gut datierbaren Beispielen wird es möglich, als vermutliche Entstehungszeit des für Karl den Großen wiederverwendeten Sarkophags die Jahre unmittelbar nach 240 n. Chr. zu nennen. Die enge zeitliche Eingrenzung gibt zugleich Anlaß, einen allgemeinen, für die Methodik der stilistischen Datierung bedeutsamen Umstand herauszustellen. Würden bei dem Aachener Sarkophag allein die bei den einzelnen Figuren auffallenden zeichnerischen und plastischen Details ausgewertet, käme man nur zu einer sehr weit gefaßten Datierung (etwa 220 bis 260 n. Chr.). Erklären läßt sich dies durch eine Art >künstlerisches Gesetz<, das dem Vorgehen des >stadtrömischen< Sarkophagbildhauers innewohnte. Soweit er mit der näheren Ausarbeitung der Figuren befaßt war, stand er in einem vergleichsweise offenen Verhältnis zur gerade vorherrschenden Stilhaltung. Entschieden leichter als beim Gestalten des Reliefaufbaus als ganzen konnten hier seine persönlichen Anlagen und Vorleiben zur Wirkung kommen, ein Umstand, der dem stilistischen Datieren zwangsläufig viel von der gewünschten Sicherheit und Genauigkeit nimmt.


K. Junker, Die Athena-Marsyas-Gruppe des Myron
Im Zentrum des Aufsatzes stehen die von Myron geschaffene Athena-Marsyas-Gruppe sowie der wohl ebenfalls im mittleren 5. Jahrhundert entstandene Mythos, auf den sich das Kunstwerk bezieht. Athena, die Erfinderin der Auloi, lehnt es ab, das Instrument selbst zu spielen, da es ihre Gesichtszüge entstellt; sie wirft es weg, Marsyas findet es und wird zum Aulosvirtuosen und zum Lehrer in dieser Kunst. Der Aufsatz legt zunächst dar, daß zwei der älteren Forschung zugrundeliegende Prämissen nicht haltbar sind: Weder für die Annahme einer feindseligen Auseinandersetzung zwischen Athena und Marsyas noch für eine Ablehnung der Aulosmusik im Athen des 5. Jahrhunderts gibt es eine Grundlage. Damit verliert die verbreitete Ansicht, Kunstwerk und Mythos würden Front machen gegen die seinerzeit angeblich als wild und unfein betrachtete Auletik, ihre Basis. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mythos will erklären, wem die im klassischen Griechenland allgegenwärtige Aulosmusik zu verdanken ist: Athena hat sie erfunden, Marsyas sie verfeinert und an die Menschen weitergegeben. Dies liefert auch den Zugang zum Verständnis der Gruppe des Myron. Diese Deutung geht konform mit der zeittypischen Tendenz, die Götter neu zu beglaubigen, indem man ihnen die Erfindung einer breiten Palette zivilisatorischer Errungenschaften zuschreibt, zu denen auch die Künste gehören. Für den Betrachter der Skulpturengruppe war der Bezug zur Gegenwart dadurch evident, daß der Marsyas des Myron einem zur Aulosmusik tanzenden Satyrn der Bühne nachempfunden ist. Der starke Zeitbezug von Kunstwerk und Mythos hat der Rezeption in den folgenden Epochen allerdings enge Grenzen gesetzt. Das Verständnis für den Zusammenhang der beiden Figuren ging rasch verloren. Wie sehr schon in der Antike die Erzählung von der Erfindung und Verbreitung der Auloi zu einem hermeneutischen Rätsel geworden ist, geht auch daraus hervor, daß Athena und Marsyas des Myron in der Kaiserzeit offenbar grundsätzlich als Einzelfiguren aufgestellt worden sind.


S. Pfisterer-Haas, Mädchen und Frauen am Wasser. Brunnenhaus und Louterion als Orte der Frauengemeinschaft und der möglichen Begegnung mit einem Mann
Bilder von Frauen im Brunnenhaus wurden schon mehrfach unter verschiedenen Aspekten untersucht. Neben architektonischen Fragen beschäftigte die Forschung vor allem der Status der schönen Frauen: Bürgerinnen, Nymphen, oder - da auf einigen wenigen Bildern Männer zwischen den Frauen erscheinen - Hetären. Ein Blick auf die mythischen Episoden von Frauen, die zum Brunnen bzw. ans Wasser gehen, wie Polyxena, Amymone oder Nausikaa zeigt, daß es sich dort um Parthenoi, um junge Frauen im heiratsfähigen Alter, handelt. Das Verlassen des geschützten häuslichen Bereichs zur Verrichtung einer ureigens weiblichen Tätigkeit ermöglicht ihnen gleichzeitig die Begegnung mit dem Mann. Auch in den nichtmythologischen Bildern ist diese Begegnung zumindest latent immer vorhanden und verweist auf die bevorstehende Hochzeit. Ähnlich verhält es sich mit den Bildern von jungen, häufig nackten Frauen am Louterion. Auch hier läßt sich zeigen, daß die erotische Ausstrahlung der sich waschenden Frauen bereits in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts nicht zwangsläufig für eine Identifizierung als Hetären spricht, sondern auch die Deutung als Parthenoi - junge Frauen am Übergang von einem Status in einen anderen - zuläßt. In der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts treten zusätzlich hochzeitliche Elemente in den Bildern auf, und in der unteritalischen Vasenmalerei wird das Louterion geradezu Symbol für das Treffen junger Paare.
Wie das Brunnenhaus ist das Louterion ein Ort, an dem sich die Attraktivität junger Frauen, ob bekleidet oder nackt, besonders gut präsentieren läßt. Gleichzeitig gelten Wasserholen und Schönheitspflege als typisch für Frauen, und beides wirkt anziehend auf Männer.


V.-M. Strocka, Der Apollon des Kanachos in Didyma und der Beginn des Strengen Stils
Die antike Literatur erwähnt den in verschiedenen Bildhauertechniken versierten Kanachos von Sikyon vergleichsweise häufig. Er wird mit Kallon und Heg(es)ias auf die unterste Stufe der sogenannten Härteskala gestellt, die nach den Vorstellungen einer hellenistischen Kunsttheorie in mehreren Schritten zur Naturwahrheit (veritas) und Schönheit (pulchrum) hinaufführt, um mit Polyklet die Vollkommenheit zu erreichen. Kanachos kann also kein archaischer Künstler sein, sondern muß am Beginn der Frühklassik, des sogenannten Strengen Stils, stehen. Mehrfach genannt wird sein bronzener Apollon in Branchidai, dem Heiligtum von Didyma. Gemäß mehreren Quellen entführten Xerxes oder die mit ihm fliehenden Branchiden 479 v. Chr. die Statue. Nach Meinung der meisten Althistoriker muß dies schon 494 v. Chr. unter Dareios geschehen sein, da Herodot eine Brandschatzung des Apollonheiligtums erwähnt. Die Entstehungszeit des Kanachos-Apollon engt sich also auf die beiden ersten Jahrzehnte des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein, ja sogar, wenn K. Tuchelt recht hat, der in ihm kein Kultbild, sondern ein Weihgeschenk des unter Aristagoras isonomen, aufständischen Milet sieht, auf die Jahre 499 bis 495 v. Chr. Die im frühen Hellenismus dem wiederauflebenden Heiligtum restituierte Originalstatue wurde seit dem hohen Hellenismus bis in die mittlere Kaiserzeit in der Kleinkunst vielfach wiedergegeben. Die meist stark vereinfachten Darstellungen auf Münzen und Gemmen, in Terrakotten, Kleinbronzen und Steinreliefs werden hier gesammelt und verglichen. Die Statue war auch durch den beweglichen Hirschen auf ihrer Rechten berühmt und läßt sich an diesem Attribut unzweifelhaft erkennen. Die Überlieferung des Kopfes ist widersprüchlich. Gesichert sind Schulterlocken, breit herabfallendes Nackenhaar und eher Korkenzieher- als Buckellocken über der Stirn. Das unsichere, aber schon nacharchaische Standmotiv mit schräg vorgeschobenem linken Bein wird von einer bereits durch G. Carettoni und E. Bielefeld mit dem Kanachos-Apollon identifizierten Apollonstatue von der Juturnaquelle am Forum Romanum besser belegt als von der Kleinkunst. Dieser Replik des frühen 2. Jahrhunderts n. Chr. fehlt allerdings der Kopf. Es wird hier der Nachweis erbracht, daß der überlebensgroße Kopf des Apollon Townley in London eine frühkaiserzeitliche Kopie des Kanachos-Apollon ist, die eine hadrianische Replik in der Villa Hadriana besitzt. Die beträchtliche Bedeutung, die der Gott von Didyma für die römischen Kaiser hatte, besonders für Caligula, Trajan und Hadrian, machen exakte Kopien in Rom und Umgebung gut verständlich. Der Apollon Townley vereint eine spätarchaische Frisur mit Stilzügen, die dem frühen Strengen Stil zugehören und bestätigt somit seine Entstehung in den 490er Jahren. Damit verkörpert er die einzige außerstilistisch datierte Skulptur im 1. Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts v. Chr. Dies rollt die Frage nach dem Beginn der Frühklassik wieder auf, der meist schematisch auf 480 v. Chr. verlegt wird. Dagegen wird mit weiteren dem Kanachos-Apollon stilistisch verwandten Belegen vertreten, daß der Strenge Stil bereits um 500 v. Chr. entsteht.

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JdI 119, 2004
JdI 118, 2003
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Aktualisiert: 10.10.2006

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