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C. Siedlungsarchäologie
Orontes-Survey

Orontes-Survey. Archäologische Oberflächenuntersuchungen zur Ermittlung der Nutzungs- und Besiedlungsstruktur vom Paläolithikum bis zur islamischen Zeit zwischen ar-Rasten und Qal´at Shayzar

Lage

    
  Abb. 1 Orontes-Tal östlich von ar-Rastan  

Das Untersuchungsgebiet, dessen Zentrum die Provinzhauptstadt Hama bildet, liegt in Westsyrien. Es umfasst das Orontes-Flusstal zwischen dem Ort ar-Rastan und der Burg Shayzar einschließlich eines Areals bis 15 km westlich des Flusslaufes. Die Region des mittleren Orontes (arab. Nahr al-´Asi) gehört aufgrund der günstigen ökologischen Bedingungen zu den vorrangigen landwirtschaftlichen Nutzungsgebieten Westsyriens (Abb. 1). Zahlreiche, die Landschaft prägendende Siedlungshügel zeigen, dass Entsprechendes auch für frühere Perioden gelten dürfte Archäologische Untersuchungen beschränkten sich bisher jedoch auf zwei Projekte: die in den 1930er Jahren durchgeführten dänischen Ausgrabungen in der Provinzhauptstadt Hama sowie ein auf paläolithische Fundplätze fokussierter syrisch-französischer Survey in den siebziger Jahren. Eine systematische Aufnahme aller archäologischen Bodendenkmäler unterblieb jedoch bisher, was angesichts der rapiden Landschaftsveränderungen ein Desiderat darstellt. Seit 2003 wird daher ein syrisch-deutsches Kooperationsprojekt zur Prospektion der Region durchgeführt.

Abteilungen:
Außenstelle Damaskus der Orient-Abteilung

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

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Geschichte

Das Gebiet des mittleren Orontes ist inschriftlich vielfach belegt. Mit der Nennung von Amatu in den Eblatexten des 3. Jts. v. Chr. findet bereits früh der zentrale Ort Hama Erwähnung. Informationen über politische Ereignisse finden sich allerdings erst in Textbelegen des 2. Jts. v. Chr. Aus ihnen lässt sich entnehmen, dass die Region - wie das gesamte nördliche Levantegebiet - zwischen dem 16. und 13. Jh. v. Chr. zunächst unter dem Einfluss des Reiches von Mitanni, später unter den des Reiches Hatti geriet. In diesem Zeitraum standen die Kleinreiche der nördlichen Levante, unter ihnen das Königreich Amurru, zu dem das Untersuchungsgebiet des mittleren Orontes gehörte, in Abhängigkeitsverhältnissen zu den überregionalen Herrschern. Nach dem Zusammenbruch der spätbronzezeitlichen Reiche um 1200 v. Chr. entstand in der Region mit dem aramäischen Königreich Hamath ein neues eigenständiges Herrschaftsgebiet, dessen Zentrum in der gleichnamigen Stadt, der heutigen Provinzhauptstadt Hama, liegt. Die assyrische Annexion des gesamten westsyrischen Raumes 720 v. Chr. bedeutet auch das Ende von dessen Selbständigkeit. Die folgenden Jahrhunderte bis 330 v. Chr., in denen die Region unter assyrischer, spätbabylonischer und achämenidischer Herrschaft stand, bilden Perioden, aus denen nur wenig schriftliche Nachrichten vorliegen. In hellenistischer Zeit verlagerte sich das Zentrum des nördlichen Levantehinterlandes nach Apameia, einer seleukidischen Neugründung, die auch in römischer und spätrömisch/frühbyzantinischer Zeit Kapitale der Provinz Syria Coele bzw. Syria Secunda blieb. Mit der islamischen Eroberung wurde Hama dann erneut zum Zentrum einer Verwaltungseinheit und erlebte in der Ayyubidenzeit eine besondere Blüte.  

Ziele

Die im Herbst 2003 begonnenen archäologischen Untersuchungen haben die Dokumentation des gesamten Bestandes an Bodendenkmälern aller Perioden seit dem Beginn permanenter Ansiedlungen um 10.000 v. Chr. und die Ermittlung der Siedlungsstruktur in den einzelnen Zeiträumen zum Ziel. Die Arbeiten stehen im Zusammenhang mit dem Forschungsprogramm der Orient-Abteilung "Siedlungsräume der Levante und ihrem Hinterland", das der Definition und Interpretation von Siedlungsmustern innerhalb ökologisch unterschiedlich definierter Landschaftsräume dient. Besondere Aufmerksamkeit gilt darüber hinaus den Fundplätzen des Neolithikums. Die Untersuchungen dieses Komplexes gehen von der allgemein akzeptierten These aus, dass die Region als Teil des sogenannten Levantinischen Korridors, also der durch Jordantal, Beqa´a-Ebene und Orontes-Tal gebildeten nördlichen Fortsetzung des afrikanischen Grabenbruchs eine zentrale Rolle innerhalb des Neolithisierungsprozesses, d.h. des Überganges von wildbeuterisch/ aneignender zu planerisch/produzierender Wirtschaftsweise gespielt hat und sich diese Bedeutung in der Existenz permanent genutzter Ansiedlungen mindestens seit dem Frühneolithikum (10.000 - 7.000 v. Chr./kalibrierte Daten), eventuell auch schon seit dem späten Epipaläolithikum (12.000 - 10.000 v. Chr.) widerspiegeln muss. Der gegenwärtige Kenntnisstand erlaubt zu diesem Komplex jedoch bisher keine Aussagen, da die ältesten bisher bekannten Fundkomplexe in Hama und Apameia nicht über das Spätneolithikum (7.000 - 6.000 v. Chr.) hinausweisen.  

Methoden

    
  Fundplatzkartierung, 2003 und 2004  

Grundlagen der Prospektionen bildeten verschiedene Kartensätze im Maßstab 1:50.000 sowie Corona-Satellitenbilder. Die Fundplätze wurden mit GPS lokalisiert, die ermittelten Koordinaten in die digitalisierten Kartenblätter eingetragen. Die Tallsiedlungen wurden mit dem elektronischen Tachymeter aufgenommen, so dass für diese maßstäbliche Pläne mit Isohypsen vorliegen, auf denen die Sammelgebiete des Oberflächenmaterials kartiert wurden. 

Ergebnisse

   Abb.3 Orontes-Survey - Paläolithischer Faustkeil, Oberflächenfund  
  Abb.3 Orontes-Survey - Paläolithischer Faustkeil, Oberflächenfund  
    
  Abb. 4 Tall an-NasrÄ«ya  
   Abb. 5 Orontes-Survey - Tall SikkÄ«n SÄ?rÅ«t/Nr. 50  
  Abb. 5 Orontes-Survey - Tall SikkÄ«n SÄ?rÅ«t/Nr. 50  

Während fünf Arbeitskampagnen konnten in einem Gebiet von etwa 600 km2 bisher 175 Fundplätze festgestellt werden, die das gesamte Spektrum zwischen dem Altpaläolithikum und der osmanischen Zeit umfassen (Abb. 2).
Die paläolithischen Perioden sind mit einer relativ großen Anzahl von Fundstellen vertreten, die sich insbesondere auf den Uferterrassen des Nahr Sarut, des wichtigsten Orontesnebenflusses in dieser Region, konzentrieren (Abb. 3).
Für das Neolithikum konnten im Untersuchungsgebiet mehr als 20 bisher nicht bekannte Fundplätze kartiert werden. Hierbei handelt es sich zum größten Teil um Lithikagglomerationen; als Siedlungsplätze sind hingegen nur wenige Plätze anzusprechen.
Im Gegensatz zur relativ großen Anzahl neolithischer Fundplätze wurden Spuren chalkolithischer Besiedlung (6.000 -3.500 v. Chr.) bisher nur an insgesamt 8 Plätzen gefunden. Da ein derartiger Siedlungsrückgang eher unwahrscheinlich ist, ist anzunehmen, dass die Orte dieses Zeitraumes vorrangig im Bereich der großen Tallsiedlungen zu suchen sind und von diesen später, d.h. ab der Frühbronzezeit, überformt wurden. Erst ab der zweiten Hälfte des 4. Jts. v. Chr. kommt es in der Orontesregion - wie in vielen Gebieten Vorderasiens - zu einer Zunahme von Anzahl und Umfang der Siedlungen. Erste erkennbare Höhepunkte in der Besiedlungsgeschichte bilden die Frühbronzezeit IV (2400-2000 v.Chr.) und die Mittelbronzezeit (2000-1500 v.Chr.). Wichtige Fundplätze dieses Zeitraumes sind Tall an-Nasriya und Tall Sikkin Sarut (Abb. 4-5). Als Vergleichort für die Oberflächenfunde ist neben Hama vor allem Qatna zu nennen. Auch hinsichtlich der historisch-politischen Situation sind diese beiden Siedlungen die wichtigsten Bezugspunkte für die Region. In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. bildete das mittlere Orontes-Gebiet das erweiterte Hinterland des Königreiches von Qatna, dessen zentrale Funktion innerhalb des Fernhandelsnetzes zwischen Mesopotamien und dem Mittelmeer die Siedlungsentwicklungen hier stimuliert haben dürfte. Das Siedlungsbild der Spätbronzezeit (1500-1200 v. Chr.) bildet hinsichtlich Anzahl und Verteilung von Orten die direkte Fortsetzung der mittelbronzezeitlichen Entwicklung. Nahezu alle in der Mittelbronzezeit besiedelten Orte werden in diesem Zeitraum weiter genutzt. Ob es in der Orontesregion, wie in weiten Teile der Levante in der anschließenden Eisenzeit I (1200-1000 v.Chr.), zu einer Veränderung der Besiedlungsstruktur (Nutzung anderer Siedlungsräume, veränderte Siedlungsgrößen etc.) kommt, lässt sich nicht entscheiden, da eine eindeutige Zuordnung des keramischen Oberflächenmaterials zu dieser Periode bisher nicht möglich ist. In der Eisenzeit II (1000-550 v.Chr.) entspricht die Besiedlungsdichte derjenigen der Spätbronzezeit. Das Untersuchungsgebiet gehörte bis zum Ende des 8. Jhs. v. Chr. zum aramäischen Königtum Hamath und bildete als unmittelbares Hinterland der gleichnamigen Kapitale das Zentrum des Reiches, was die Entwicklung der Region positiv beeinflusst haben dürfte.
Den Höhepunkt der antiken Besiedlungsgeschichte bilden die Perioden zwischen späthellenistischer und römischer Zeit mit fast 80 Fundplätzen. In diesem Zeitraum, in dem sich das politische Zentrum der Region in das etwa 50 km nördlich von Hama gelegene Apameia verlagerte, lässt sich eine deutliche Veränderung der Besiedlungsstruktur beobachten. Im Gegensatz zu den älteren Perioden weisen die großen Siedlungstalls deutlich seltener Nutzungsspuren dieser Zeit auf. Hingegen finden sich zahlreiche kleine Neugründungen in den vorher nicht besiedelten Gebieten westlich des Orontes. Hierbei handelt es sich um Gehöftansammlungen und Einzelbauten, die offenbar inmitten des landwirtschaftlich genutzten Gebietes angelegt wurden. Das entspricht der auch in anderen Gebieten der Levante und ihres Hinterlandes beobachteten Entwicklung, die durch eine intensivierte Landwirtschaft und Zunahme von Kleinsiedlungen gekennzeichnet ist.
Entsprechende Siedlungsstrukturen sind auch für die islamische Zeit kennzeichnend, wobei im archäologischen Oberflächenmaterial vor allem das islamische Mittelalter (ca. 1100-1400) nachweisbar ist, während sich die frühislamische Zeit (7.-10.Jh.) nicht eindeutig erkennen lässt.  

Kooperationen

Direction Générale des Antiquités et des Musées de la Syrie (DGAMS)

Wissenschaftliche Zusammenarbeit

M. Badawi, DGA de Jablah
Prof. Dr. N. Conard, Universität Tübingen, Institut für Urgeschichte und Quartärökologie
H. Dietl M.A, Universität Tübingen, Institut für Urgeschichte und Quartärökologie
Dr. H.-G. Gebel, Freie Universität Berlin, Seminar für Vorderasiatische Altertumskunde, ex Oriente e.V.
Dr. Ch. Römer-Strehl, Lindlar
Dr. U. Sievertsen, St. Gallen
Dr. B. Vest, Mainz
 

Ansprechpartner

PD Dr. phil. Karin Bartl

Vorderasiatische Altertumskunde
Telefon: +963/11/374 9812-0 +963/11/3749813-0
Telefax: +963/11/374 9812-9 +963/11/3749813-9
Email: sekretariat@damaskus.dainst.org

Externe Ansprechpartner

Dr. Michel al-Maqdissi
Direction Générale des Antiquités et des Musées de la Syrie, Damaskus

Literatur

K. Bartl, M. al-Maqdissi, Orontes-Survey - Archäologische Oberflächenuntersuchugen im Gebiet zwischen ar-Rastan und Qal´at Sayzar. In: Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Außenstelle Damaskus (Hrsg.), Orte und Zeiten, 25 Jahre archäologische Forschung in Syrien. 1980-2005, 136-141, Damaskus 2005.
K. Bartl, M. al-Maqdissi, Ancient Settlements in the Middle Orontes Region Between ar-Rastan and Qal´at Shayzar. First Results of Archaeological Surface Investigations 2003-2004. In: D. Morandi Bonacossi (ed.), Settlement and Environment at Tell Mishrifeh/Qatna and in Central-Western Syria. Proceedings of the International Conference held in Udine, 9-11 December 2004, Studi Archeologici su Qatna 1, 227-236, Udine 2007.
K. Bartl, M. al-Maqdissi, Archaeological Prospections on the Middle Orontes. Survey Work Between ar-Rastan and Qal´at Shayzar In: K. Bartl, M. al-Maqdissi (eds.), New Archaeological Prospections in Western Syria (im Druck).
K. Bartl, M. al-Maqdissi, The Survey of the Syrian-German Mission in the Middle Orontes Region. Archaeological Prospections in the Hama Region and Excavations at the Neolithic Site of Shir. In: M. al-Maqdissi (ed.), Apamée, Hama et l´Oronte, nouvelles recherches archéologiques. Colloque archéologique international, Hama 19-20 Avril 2007(im Druck).  

 


 
 

Aktualisiert: 24.02.2009

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