Start   DAI   Forschung   Recherche   Kontakt   Infos   Aktuell   Jahresbericht   Presse  FAQ
 RSS   English   

x. abgeschlossene Projekte: Anazarbos (türkçe)

Anazarbos

Erforschung einer hellenistischen/ römischen/ spätantiken/ byzantinischen/ arabischen/ armenischen Stadt in Ostkilikien

Lage

    
  Anazarbos - antikes Stadtgebiet und armenische Burg  

Anazarbos, Anavarza oder heute Dilekkaya (Wunschfelsen) liegt ca 60km nordöstlich der Provinzhauptstadt Adana am Fuße eines mächtigen Felsmassivs, das als letzter Ausläufer des Taurus-Gebirges aus der kilikischen Ebene ragt. Ursprünglich trug das über 220m hohe und ca 4,5km lange Riff den Namen Anazarbos, doch ging dieser später auf die antike Stadt über, die an der Westflanke des Felsens entstand. Anazarbos weist neben Circus und Theater ungewöhnlicherweise auch noch Reste eines Amphitheaters auf. Aus der römischen Kaiserzeit sind zwei Thermenanlagen, ein Bogenmonument, ein Torbau, ein Aquädukt, ausgedehnte Nekropolenanlagen, sowie eine Prozessionstreppe und vor allem zwei monumentale und sich kreuzende Säulenstrassen erhalten geblieben. Mehrere große Kirchenbauten, ein Bogenmonument, ein weiterer Aquädukt und große Wohnhäuser stammen aus der Spätantike. Die hoch anstehende Stadtmauer geht in ihrem heutigen Erscheinungsbild auf die arabische Zeit zurück, folgt aber wohl einem byzantinischen Entwurf. Hoch auf dem Felsen thronen die armenische Burg mit der Krönungskirche und ausgedehnte Reste einer byzantinischen Burganlage; Münzbilder deuten jedoch an, dass der Burgberg schon in der römischen Kaiserzeit stark befestigt war.

Abteilungen:
Abteilung Istanbul

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

Google Maps

 

 

druckerfreundliche Version
 

Geschichte

    
  Kaiserzeitliches Bogenmonument mit byzantinischer Sperrfestung im Hintergrund  

Nach Ausweis von Münzlegenden ist der Ort mit ungriechischem Namen zumindest seit dem 1. Jh. v. Chr. besiedelt, doch weisen Oberflächenfunde in frühere Zeit. Das gesamte Umland wird jedenfalls 67 v. Chr. von Pompeius dem ehemaligen Piraten Tarkondimotos zugeteilt. 19 v. Chr. gründet Augustus die Stadt neu, kurz darauf wird nach dem Tode König Tarkondimotos II. das Gebiet der direkten römischen Herrschaft unterstellt. Die Stadt gewinnt im 2. Jh. aufgrund ihrer strategisch wichtigen Lage immer mehr an Bedeutung und dient in der Folge verstärkt als Winterlager des Heeres. Feindliche Einfälle im 3. und 4. Jh. setzen dieser Entwicklung kein Ende, denn zahlreiche große Kirchen zeugen von einer darauf folgenden Blüteperiode im 5. und 6. Jh. Von zahlreichen Erdbeben und Epidemien schließlich stark mitgenommen, wird die Metropolis der Provinz Cilicia Secunda jedoch im 8. Jh. von den Arabern überrannt; in den folgenden Jahrhunderten ist Anazarbos zeitweise in byzantinischer, arabischer und ab 1111 in armenischer Hand. Die Stadt- und Besiedlungsgeschichte endet mit der Eroberung des Kleinarmenischen Königreiches durch die Mameluken im Jahre 1375. 

Ziele

Wichtigstes Ziel des 2004 begonnenen Surveyprojektes stellt die Verfolgung und Interpretation eines Siedlungsgeschehens über eine Zeitspanne von inzwischen mehr als siebzehn Jahrhunderten dar. Bauliche Strukturen unterschiedlicher Epochen blieben in diesem Fall nebeneinander erhalten und sind neuzeitlich nicht überbaut worden. Zudem liegen in Kilikien nicht nur die Anfänge und das Erscheinungsbild urbanistischer Strukturen noch großteils völlig im Dunkeln, sondern sind auch der Umgang mit einem bemerkenswerten Naturraum und die Erschließung der umgebenden politischen Räume (inmitten eines hart umkämpften Grenzlandes) weitgehend unbekannt. Der eindrucksvolle und weithin sichtbare Felsen stellt jedenfalls eine unübersehbare Landmarke in der Ebene dar und wird nicht erst in historischer Zeit Ziel von Siedlungsaktivitäten gewesen sein.  

Forschungsgeschichte

    
  Gebäudereste im antiken Stadtgebiet und Burgfelsen  

Der erste europäische Besucher der Ruinenstätte war C. Texier im Jahre 1836; zahlreiche Reisende, unter ihnen V. Langlois und vor allem G. Bell, die zahlreiche photographische Aufnahmen anfertigte, sollten folgen. In den 50er Jahren des 20. Jhs. führte schließlich M. Gough ein mehrwöchiges Surveyunternehmen durch und sorgte für eine erste skizzenartige Erfassung der topographischen Verhältnisse. Vereinzelten Detailuntersuchungen zu Bauten oder Funden etwa durch P. Verzone oder R. Özgan werden wichtige Einsichten verdankt; die erste epochenübergreifende und zusammenfassende Darstellung des Vorhandenen ist jedoch das Verdienst von F. Hild und H.-G. Hellenkemper. Die numismatischen Forschungen von R. Ziegler, vor allem aber die epigraphischen Studien von M. Sayar, bilden auf diesen Ebenen den Wissensgrundstock, auf dem aufgebaut werden kann. 

Bisherige Arbeiten

Um auf die übergeordneten und eingangs formulierten Fragestellungen eingehen zu können, hatte zunächst eine genaue Aufnahme der oberirdisch sichtbaren baulichen Reste samt zeitlicher Zuordnung zu erfolgen, die erste Vorstellungen über urbane Planungen und mögliche Anlagesysteme liefern sollte. Ein eigens angefertigtes Luftbild sowie historische Fotografien konnten für diese Arbeit systematisch ausgewertet werden. Gefolgt wurde dieser Schritt von der Erstellung topographischer Modelle und Höhenlinienplänen, vor allem aber großräumig einsetzender geophysikalischer Prospektion, die bisherige Ergebnisse um oberirdisch nicht sichtbare Reste erweitert. Begleitend wurden Begehungen im über 100ha großen Stadtgebiet durchgeführt, um Spolien- und Fundstreuungen, sowie aussagekräftiges Material zu dokumentieren und weitere Informationen zum Verständnis einzelner Stadtbereiche bzw. Gebäude zu erhalten. Detailaufnahmen ausgewählter Komplexe oder Strukturen in Form von Steinplänen bzw. Fassadenrekonstruktionen rundeten die der Interpretationsarbeit zugrunde liegenden Feldforschungen bislang ab. 

Aktuelle Arbeiten

    
  Reste des Aquäduktes außerhalb des Stadtgebietes  

Ein wichtiger Schwerpunkt lag in Anazarbos zuletzt auf der intensiven Erforschung der drei großen Nekropolengebiete, die mit ihren unterschiedlichen Grabformen und den zahllos in situ befindlichen Inschriften wichtige Aufschlüsse zur Stadtentwicklung versprachen. Gleichzeitig zur geophysikalischen Prospektion, die der weiteren Erschließung des antiken Straßenrasters einerseits und der Aufdeckung offensichtlich früherer Strukturen im Kerngebiet von Anazarbos gewidmet war, fanden 2006 erstmals intensive Begehungen des gesamten Geländes statt, um die Oberflächenfunde in weitere Überlegungen einfließen lassen zu können. Die Resultate dieses Keramik-Surveys erbrachte erstaunlich klare Resultate, wonach nun auch in der Ebene in der Bronzezeit mit Besiedlung zu rechnen ist. Danach setzt Keramik erst wieder im 3. Jh. v. Chr. ein, doch ist auch dies gut 200 Jahre früher als bislang angenommen. Die weitere und aus dem Keramikbild ablesbare Entwicklung stimmt gut mit der historischen Überlieferung überein - die Stadt erfährt im 2. Jh. n. Chr. dank ihrer strategisch wichtigen Lage einen fundamentalen Aufschwung. In weiterer Folge beweist die Zusammensetzung der Oberflächenfunde die sukzessive Aufgabe von ehemals besiedelter Fläche ab dem 6. Jh. n. Chr., wodurch sich das Siedlungsgebiet interessanterweise wieder zu seinem einstigen Kerngebiet zurückentwickelt. Intensiv wurde zudem die virtuelle Rekonstruktion bereits erfasster Gebäudekomplexe aus verschiedenen Epochen vorangetrieben, da nur auf diese Weise der sich über Jahrhunderte hinziehende dynamische Prozess einer Stadtbildentwicklung einigermaßen begreifbar wird. Zahlreiche Detailstudien architektonischer Dekorelemente aus den verschiedenen Epochen rundeten den Arbeitskatalog 2006 ab. 

Methoden

    
  Luftbild des Stadtgebietes und des Burgfelsens  

Für die genannten Arbeiten in Anazarbos wird ein 15 - 20köpfigen Team eingesetzt, das sich nicht nur zu gleichen Teilen aus Archäologen, Architekten, Geodäten und Geophysikern zusammensetzt, sondern auch eng zusammenarbeitet. Es ist mit dem schwierigen Terrain und dem Fundspektrum bereits seit zwei oder drei Kampagnen vertraut, was in besonderem Maße für die an der Oberflächenfund-Auswertung beteiligten Archäologen wichtig ist - hier ist nicht nur eine lange Zeitspanne professionell abzudecken, sondern sind auch die lokalen Besonderheiten einer Großstadt im ebenen Kilikien zu berücksichtigen. Die von den Geophysikern eingesetzten Methoden beschränken sich nach einer intensiven Testphase im Jahre 2005 auf geomagnetische Prospektionen mit Hilfe eines kleinen Traktors bzw. auf die Messungen mit Georadar, da diese beiden Anwendungen den größten Erfolg zeitigten. Hohe Ansprüche an die Architekten stellen neben der zeichnerischen Aufnahme von Grundrissen und Details nun vor allem die computergestützten Visualisierungen einzelner Gebäude oder Stadtbereiche, durch die das sich wandelnde Stadtbild dargestellt werden soll. Mit zwei oder drei Totalstationen sind die Geodäten mit der ständigen Erweiterung der topographischen Pläne oder Einmessung neu entdeckter Strukturen beschäftigt. 

Ergebnisse

Die Neuentdeckung bzw. Lokalisierung zahlreicher antiker (zwei Heiligtümer, ein monumentaler Grabbau, ein Propylon auf dem Felsmassiv) wie nachantiker Großbauten (zwei Kirchen, ein Torbau) sind hier zunächst zu nennen, doch ist die nun möglich gewordene Rekonstruktion der kaiserzeitlichen Stadtstruktur sicherlich von größerer Bedeutung. Die bisherigen topographischen Arbeiten und geophysikalischen Prospektionen haben bereits viel dazu beigetragen, das Aussehen der Stadt Anazarbos zu bestimmten Zeiten einigermaßen nachvollziehen zu können, doch sind noch große Flächen zu untersuchen, die sicherlich weitere Aufschlüsse bereithalten. Vor allem den (früheren?) Spuren in der Stadtmitte wäre gezielt nachzugehen, um auch für die vorchristlichen Jahrhunderte die Organisation des Stadtgefüges zu begreifen. Intensiviert müssen die Arbeiten hierfür vor allem auf dem Gebiet der Oberflächenfunderfassung werden, da hierin - nach der bereits erfolgten Dokumentation baulicher Strukturen - sicherlich das größte Potential zum Verständnis der Entwicklung der Stadt Anazarbos liegt. 

Kooperationen

Prof. Dr. Mustafa H. Sayar (Wien/Istanbul, epigraphisch-historischer Survey)
Prof. Dr. H. Stümpel (Kiel, geophysikalische Prospektion)  

externe Ansprechpartner

Prof. Dr. Richard Posamentir
Universität Tübingen
Institut für Klassische Archäologie
Burgsteige 11
72070 Tübingen
Tel: 07071-29 75413
Fax: 07071-29 5778

Literatur

M. Gough, Anazarbus, Anatolian Studies 2, 1952, 85-150;
P. Verzone, Città ellenistiche e romane dell'Asia Minore: Anazarbus, Palladio, N.S. 7, 1957, 9-25;
F. Hild - H. Hellenkemper, Kilikien und Isaurien (= Tabula Imperii Byzantini 5), Wien 1990, 178-185;
H. Hellenkemper, Die Stadtmauern von Anazarbos / Ayn Zarba, in: XXIV. Deutscher Orientalistentag vom 26. bis 30. September 1988. Ausgewählte Vorträge, Stuttgart 1990, 71-76. Kirchenanlagen: ders., RBK IV, 1984, 178-201;
M. H. Sayar, Die Inschriften von Anazarbos und Umgebung I, Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien 56 (2000);
R. Posamentir - M. H. Sayar, Anazarbos - ein Zwischenbericht aus der Metropole des Ebenen Kilikien, IstMitt 56, 2006 (im Druck)  

 


 
 

Aktualisiert: 24.02.2009

Copyright 2002-2009 Deutsches Archäologisches Institut | Impressum & Disclaimer  Sitemap