Start   DAI   Forschung   Recherche   Kontakt   Infos   Aktuell   Jahresbericht   Presse  FAQ
 RSS   English   

x. abgeschlossene Projekte: Diokaisareia in byzantinischer Zeit (türkçe)

Das byzantinische Diokaisareia

Untersuchungen zu liturgischen Seitenräumen im isaurischen Kirchenbau des 5. und 6. Jahrhunderts

Lage

Die spätantike Provinz Isaurien liegt zwischen den Flüssen Kalykadnos und Lamos und wird von der Küstenlinie und den Kämmen des Tauros begrenzt. Sie gehört zum Rauhen Kilikien, einer von klimatischen Gegensätzen geprägten und von Schluchten durchzogenen Karstlandschaft.

Abteilungen:
Abteilung Istanbul

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

Google Maps

 

 

druckerfreundliche Version
 

Geschichte

In den vorchristlichen Jahrhunderten herrschte die Priesterdynastie des olbischen Tempelstaats über das Rauhe Kilikien. Das Zentrum ihrer Macht lag mit dem Zeus-Olbios-Heiligtum im heutigen Uzuncaburç hoch im Landesinneren, während der Küstenstreifen nach der Gründung Seleukeias, dem heutigen Silifke, unter direktem hellenistischen Einfluß stand. Grundlegende Veränderungen brachte das römische Engagement in Kleinasien, dem die olbische Priesterdynastie spätestens mit Errichtung der Provinz Cilicia im ersten Jahrhundert n. Chr. weichen mußte. Nach der Christianisierung und der diokletianischen Reichsreform begann im vierten Jahrhundert der dritte und letzte Abschnitt der antiken Besiedlung. Als Teil der Provinz Isaurien mit der Metropole Seleukeia profitierte der Landstrich von dem wirtschaftlichen Aufschwung im fünften und sechsten Jahrhundert, dem er eine bis heute unerreichte Siedlungsdichte verdankte. Im siebten Jahrhundert geriet Kilikien in den geopolitischen Konflikt zwischen dem oströmischen Kaiserreich und dem umayadischen Kalifat. Der Landstrich verödete, weil ein ziviles Leben nicht mehr möglich war. 

Ziele

    
  Öküzlü, Nordkirche, Rekonstruktionsvorschlag  

Wie die 'Toten Städte' in Nordsyrien sind die verlassenen Siedlungen im Rauhen Kilikien wegen ihrer außergewöhnlich guten Erhaltung ein äußerst eindrucksvolles Reiseziel und nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Obwohl sich im Rauhen Kilikien die Vernetzung einer römisch-byzantinischen Landschaft mit ihren einzelnen Gehöften, Dörfern und kleineren Städten vor allem unter sozial- und wirtschaftgeschichtlichen Aspekten gut auswerten ließe, ist man trotz der einmaligen Bedingungen von einem flächendeckenden Gesamtbild noch weit entfernt. Bis auf weiteres ist man auf Einzeluntersuchungen und die Analyse von Teilaspekten angewiesen, unter denen der Kirchenbau eine zentrale Rolle spielt. In ihm gipfelt die lange handwerkliche Tradition der isaurischen Baumeister. Selbst kleinere Dörfer sind in der Regel mit mehreren großen Basiliken bestückt, von denen sich im Untersuchungsgebiet mehr als zwei Dutzend Bauwerke soweit erhalten haben, daß sie auch ohne aufwendige Ausgrabungen eingehend behandelt werden können. Eine Eigenart im kilikischen Kirchenbau sind die ausgeprägten Sanktuarien mit ihren mehrteiligen Seitenräumen, die die Apsiden als zweigeschossige Anlagen ummanteln. Fragen nach der Typologie, Funktion und nach Möglichkeit auch nach der Chronologie der liturgischen Seitenräume sind das Thema des Forschungsprojekts. 

Forschungsgeschichte

Nach den grundlegenden Pionierarbeiten vor dem ersten Weltkrieg (Bell; Heberdey - Wilhelm; Keil - Wilhelm; Herzfeld - Guyer) hat die Bestandsaufnahme vor allem in den letzten Jahrzehnten wesentliche Fortschritte gemacht (Feld; Hild - Hellenkemper). Trotz einer Reihe von Einzeluntersuchungen (Eyice) ist der kilikische Kirchenbau aber immer noch zu wenig erforscht, um ihn unter kunsthistorischen Gesichtspunkten angemessen zu würdigen. Für den Teilaspekt der liturgischen Seitenräume ist die kilikisch-isaurische Eigenart zwar allgemein anerkannt, über die typologischen Entwicklungen und die Zuweisung möglicher Funktionen wurde aber bislang noch keine Einigkeit erzielt (Forsyth; Hill). 

Bisherige Arbeiten

    
  Diokaisareia/Uzuncaburç. Hellenistischer Zeustempel, im 5. Jh. in eine Kirche umgebaut  

Mitarbeit an dem Siedlungssurvey in Diokaisareia/Uzuncaburç während der Sommerkampagnen 2003 und 2004. Fotodokumentation bereits veröffentlichter Bauwerke (1991, 2003 und 2004) und Teilarchivierung in der Fotothek der Abteilung Istanbul. 

Methoden

Erlaubt der Survey in Uzuncaburç detaillierte Aussagen zu der als Kathedrale in den hellenistischen Zeustempel eingebauten Kirche, so ist es ohne technischen Aufwand gleichermaßen ergiebig, die bereits veröffentlichten Pläne und Berichte über eine Reihe von Kirchen auszuwerten (so beispielsweise für Alahan, Kanytelis, Demirciören, Tapureli, Cambazlı, Meriamlik, Korykos, Catıören, Öküzlü, Yanıkhan, Karakabaklı, Hacıömerli oder Seyranlık). Die Bauwerke werden anhand ihrer liturgischen Seitenräume typologisch gruppiert und in einer Auswahl zeichnerisch rekonstruiert. In einem gesonderten Schritt wird den Hinweisen auf ihre mögliche Funktion nachgegangen.  

Ergebnisse

    
  Diokaisareia/Uzuncaburç. Baptisterium in der 'Tempelkirche'  

Die kunsthistorische Terminologie mit den Bezeichnungen Prothesis und Diakonikon ist für den kilikischen Kirchenbau ungeeignet, da sie für die Seitenräume eine festgelegte Aufgabe im Rahmen liturgischer Abläufe suggeriert. Stattdessen ist mit einer Reihe weiterer Funktionen zu rechnen, zu denen beispielsweise der Einbau eines Baptisteriums - vorzugsweise auf der Nordseite - gehört. In diesem Fall ist eine kreuzförmige Piscina als Taufbecken in den Boden eingelassen. Ein Märtyrerkult mit Stiftungen und Bestattungen nahe der Reliquien scheint vorzuliegen, wenn einer der Seitenräume - vorzugsweise der südliche - asymmetrisch vergrößert oder durch eine zusätzliche Apsis bevorzugt ist. Abgesehen von der Funktion sind die Seitenräume zusammen mit der Bauskulptur oder dem sorgfältigen Mauerwerk ein wesentliches Merkmal, um die isaurische Kirchenarchitekur im Rahmen der byzantinischen Architekturgeschichte zu würdigen und sie als eigenständige Leistung von benachbarten Provinzen abzusetzen.  

Kooperationen

Mit dem Siedlungssurvey in Uzuncaburç: "Vom Tempelstaat zur Stadtgemeinde. Transformation und Integration des Territoriums von Olba/Diokaisareia zwischen Hellenismus und Spätantike" im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunktprogramms 1065: "Formen und Wege der Akkulturation im östlichen Mittelmeerraum und Schwarzmeergebiet in der Antike".  

externe Ansprechpartner

ab Juni 2005

Dr. Stephan Westphalen
Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte
Georg August Universität
Nikolausberger Weg 15
D-37073 Göttingen
E-mail: stephan.westphalen@web.de

Literatur

G. L. Bell, Notes on a Journey through Cilicia and Lycaonia, Revue archéologique 4. sér. 7 (1906) 1-29, 385-414; 8 (1906) 7-36
S. Eyice, Ricerche e scoperte nella regione di Silifke nella Turchia meridionale, Milion 1 (1988) 15-58
O. Feld, Bericht über eine Reise durch Kilikien, IstMitt 13/14 (1963/64) 88-107
G. H. Forsyth, An early Byzantine Church at Kanlı Divane in Cilicia, in: M. Meiss (Hg.), De Artibus Opuscula 40, Essays in Honor of E. Panofsky (1961) 127-137
R. Heberdey - A. Wilhelm, Reisen in Kilikien (1896)
E. Herzfeld - S. Guyer, Meriamlik und Korykos, MAMA II (1930)
F. Hild - H. Hellenkemper - G. Hellenkemper-Salies, Reallexikon der Byzantinischen Kunst 4 (1990) 182-355, s.v. Kommagene - Kilikien - Isaurien
F. Hild - H. Hellenkemper, Kilikien und Isaurien, Tabula Imperii Byzantini 5 (1990)
S. Hill, The early Byzantine churches of Cilicia and Isauria (1996)
J. Keil - A. Wilhelm, Denkmäler aus dem Rauhen Kilikien. MAMA 3 (1931)
 

 


 
 

Aktualisiert: 24.02.2009

Copyright 2002-2009 Deutsches Archäologisches Institut | Impressum & Disclaimer  Sitemap