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Russische Föderation: Tartas

Tartas-1, Westsibirien: Ein mehrperiodiger Bestattungsplatz in der Waldsteppenzone

Untersuchung einer vorgeschichtlichen Nekropole mit Schwerpunkt am Übergang von der frühen zur mittleren Bronzezeit.

Lage

    
  Grabungsteilfläche  

Das Gräberfeld Tartas-1 liegt etwa 250 km östlich von Omsk im nördlichen Teil der Barabinsker Waldsteppe. Es nimmt eine Spornlage auf der Uferterrasse des Flusses Tartas nahe seiner Mündung in den Om´ ein.

Abteilungen:
Eurasien-Abteilung

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Ziele

Die zahlreich vorhandenen Bestattungen vom Übergang der frühen zur mittleren Bronzezeit lassen wichtige Erkenntnisse zum bisher nicht hinreichend geklärten zeitlichen und kulturellen Verhältnis zwischen später Krotovo- und Andronovo-Kultur in der ersten Hältfte des 2. Jts. v. Chr. erwarten. Darüber hinaus ist der Platz aufgrund der zeitlichen Tiefe seiner Nutzung als Begräbnisstätte, aber auch wegen der Siedlungsspuren aus unterschiedlichen Epochen von zentraler Bedeutung für die übergreifende Rekonstruktion der Kulturentwicklung vom späten Neolithikum bis zur Eisenzeit in der westsibirischen Waldsteppe. 

Forschungsgeschichte

Die Fundstelle Tartas-1, die keine oberirdisch sichtbaren Befunde aufweist, war der Forschung bis vor kurzem unbekannt. Erste Gräber wurden im Jahr 2003 zufällig entdeckt. Aus der näheren Umgebung liegen aber bereits einige gut untersuchte vorgeschichtliche Bestattungsplätze, wie Ust´ Tartas und Sopka-2, vor, deren Verständnis nun durch die neuen Ergebnisse erweitert und vertieft wird. 

Bisherige Arbeiten

    
  Feldzeichnung einer Hockerbestattung  

Im Sommer 2003 wurden im Rahmen einer Notbergung einige Bestattungen ausgegraben sowie Begehungen und erste geophysikalische Untersuchungen des Geländesporns durchgeführt.

Nachdem man so die ungefähre Ausdehnung des Platzes wie auch die Art der zu erwartenden Befunde (gereihte Körpergräber) festgestellt hatte, wurden in den Jahren 2004 und 2005 größere Flächen geöffnet, geophysikalische Prospektionen lieferten im Vorfeld detaillierte Informationen zur Befundverteilung. Dicht unter der Oberfläche kamen 130 Gräber, eine Kreisgrabenanlage sowie verschiedene Gruben und Siedlungsstrukturen zutage. In den meisten Gräbern waren Kinder und Jugendliche beigesetzt, das Beigabenspektrum umfasst Keramikgefäße, Bronzeschmuck, Bronzedolche, "Spielknochen" (Pferdephalangen und Schafsastragale), knöcherne Pfeilspitzen u.a. In den zum Bestattungsplatz gehörigen rituellen Gruben wurden neben Tierknochen ebenfalls verschiedene Knochen- und Bronzegegenstände, aber z. B. auch eine sehr gut erhaltene Gussform für ein großes Tüllenbeil gefunden.  

Aktuelle Arbeiten

    
  Halbgrubenhaus der älteren Frühbronzezeit  

Im Spätsommer 2006 wurde die Grabungsfläche während einer kurzen Feldkampagne nach Westen erweitert, um die Situation im Innenbereich des Geländespornes zu untersuchen. Dabei wurden 19 Körpergräber und ein Brandgrab ausgegraben, die sich in Anlage und Ausstattung gut in das aus den Vorjahren bekannte Spektrum der Bestattungen vom Übergangshorizont Krotovo-Andronovo einfügen.

Für Überraschung sorgte die Entdeckung eines Halbgrubenhauses, das anhand des Fundmateriales der älteren Frühbronzezeit (Odino-Kultur) zugewiesen werden kann. Die leicht trapezförmige Eintiefung mit Eingang im Osten maß ca. 9 x 8 m und wies im Innern einen kreisförmigen Ring von Pfostengruben auf, in dem eine zentrale Feuerstelle lag. Ob es sich bei dieser Konstruktion um ein Wohngebäude gehandelt hat, ist noch nicht endgültig klar, auf jeden Fall weist sie in Bezug auf die konstruktiven Details einzigartige Züge auf. Interessant ist auch die Beobachtung, dass die Gräber des späteren Bestattungsplatzes das Areal des Hauses aussparten. 

Ergebnisse

    
  Bestattung eines Kleinkindes der späten Krotovo-Kultur  
    
  Bronzedolch und Knochenpfeilspitzen aus einem Männergrab  

Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt eine Reihe von 14C-Daten aus den Gräbern und Gruben, die verlässliche absolutchronologische Eckpunkte zum zeitlichen Verhältnis der einzelnen Kulturgruppen bieten und darüber hinaus zeigen, dass der Übergangshorizont von der frühen zur mittleren Bronzezeit tatsächlich - wie bereits von einigen Forschern vermutet -ein halbes Jahrtausend früher anzusetzen ist als bisher allgemein angenommen.

Abgesehen von einem Grab aus der ältesten Frühbronzezeit (ca. 27./26. Jh. calBC) gehören die Bestattungen dem Übergangshorizont von der frühbronzezeitlichen Krotovo- zur mittelbronzezeitlichen Andronovo-Kultur an (ca. 19.-17. Jh. calBC), wobei sich drei Grabtypen unterscheiden lassen. Dem aus der späten Krotovo-Kultur bekannten Grabritus entsprechen in Reihen gruppierte, O-W ausgerichtete ovale Flachgräber mit in Rückenstrecklage niedergelegten Toten (Typ 1). Sie sind oft reich mit Gegenständen aus Bronze, Knochen, Stein und anderen Materialien ausgestattet, Gefäßbeigaben fehlen dagegen. Bei den Gräbern des Typs 2 finden sich die geringe Grabtiefe, die Ausrichtung und die reihenförmige Anordnung der Spätkrotovo-Bestattungssitte wieder, mit der seitlichen Hockerposition der Toten und den Gefäßbeigaben treten aber Andronovo-Merkmale hinzu. Einige N-S ausgerichtete Kindergräber (Typ 3) mit tiefen, eckigen Grabgruben, Hockerposition der Toten und Beigefäßen können als typische Andronovo-Bestattungen gelten, das gleiche gilt auch für die wenigen Brandgräber. Im Bestattungsbrauch, im Grabinventar und auch in der Keramikherstellung dominierten am Übergang zwischen Krotovo- und Andronovo-Kultur also eine Zeit lang hybride Formen, die jeweils Merkmale beider Kulturtraditionen in sich vereinen und detaillierte Rückschlüsse auf den Charakter und den zeitlichen Ablauf des Akkulturationsprozesses ermöglichen.

Die Gräber der Typen 1 und 2 weisen regelmäßig Spuren einer erneuten Öffnung auf, die relativ zeitnah zur Niederlegung erfolgte (die Grabstellen müssen oberirdisch noch sichtbar gewesen sein) und sich meist auf den Oberkörperbereich konzentrierte - ob es sich dabei um Grabraub (Entnahme von Bronzen) oder um ein anders motiviertes Ritual handelte, ist aber noch nicht geklärt. 

Kooperationen

Das Projekt wird vom Institut für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk (Prof. Dr. V.I. Molodin, Dr. A.E. Grisin) in Zusammenarbeit mit der Zentrale des DAI (Prof. Dr. H. Parzinger, H. Piezonka) durchgeführt.  

Ansprechpartner

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-0
Telefax: 01888-7711-190
Email: hp@dainst.de

 Henny Piezonka, M.A.

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-140
Telefax: 01888-7711-191
Email: hep@dainst.de

Literatur

V.I. Molodin, H. Parzinger u. a., Issledovanie mogil´nika bronzovogo veka Tartas-1. Problemy archeologii, ėtnografii, antropologii Sibiri i sopredel´nych territorij 10, 2004, 358-364.

V.I. Molodin, H. Parzinger u. a., Polevye issledovanija na mogil´nike Tartas-1 v 2005 godu. Problemy archeologii, ėtnografii, antropologii Sibiri i sopredel´nych territorij 11, 2005, 412-417.  

 


 
 

Aktualisiert: 04.08.2008

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