Start   DAI   Forschung   Recherche   Kontakt   Infos   Aktuell   Jahresbericht 
 RSS   English   

Mongolei: Berg-Altaj (Bajan Ul´gijskij Ajmak)

Surveys und Ausgrabungen am Ojgor-Gol, Nordwestmongolei: Gräber der Pazyryk-Kultur im Bergaltaj

Forschungen zu skythenzeitlichen Eiskurganen in den Hochgebirgstälern des mongolischen Altaj

Lage

    
  Tal des Ojgor-Gol  

Das Arbeitsgebiet, das zum Verwaltungsbezirk Bajan Ul´gijskij Ajmak gehört, liegt im äußersten Nordwesten des mongolischen Territoriums an der Grenze zu Russland, Kazachstan und China. Es umfasst die breiten Hochgebirgstäler des Ojgor-Gol und seiner Zuflüsse Olon-Kurin-Gol, Unkul´čik, Togus-Kol´, Setk-Ojgor-Gol und Dund-Ojgoryn-Gol, deren Höhe ü NN bei etwa 2400-2600 m liegt. Die Region ist durch eine Bergkette vom ca. 50 km entfernten Ukok-Hochplateau im Süden des russischen Altaj getrennt.

Abteilungen:
Zentrale Berlin

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

Google Maps

 

Karte

 

druckerfreundliche Version
 

Ziele

    
  Ulan Daba 1: Ausgrabung des Steinhügels  

Das Gemeinschaftsprojekt zwischen der Zentrale des DAI, dem Institut für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften widmet sich den Denkmälern der früheisenzeitlichen Pazyryk-Kultur (5.-3. Jh. v. Chr.) an der südöstlichen Peripherie ihres Verbreitungsgebietes in der heutigen Mongolei. Ein besonderer Fokus liegt auf der Untersuchung sogenannter "Eiskurgane", permanent gefrorener Grabhügel mit exzellenter Erhaltung organischer Materialien, die es nur im Altaj-Gebirge gibt.

Die Südbeziehungen der Pazyryk-Kultur und anderer skythenzeitlicher Fundgruppen Südsibiriens sind seit langem bekannt. So ist der Beginn des skytho-sibirischen Tierstils zwischen Altaj und Jenissej ohne Einflüsse aus dem Kunstschaffen der Westlichen und besonders der Östlichen Zhou-Dynastie kaum vorstellbar. Die reich ausgestatteten Großkurgane von Pazyryk im russischen Altaj erbrachten verzierte Seidenstoffe, deren Herkunft ebenfalls nach China weist. Besonders bemerkenswert sind auch neue Funde aus den Wüstengebieten des nördlichen Xinjiang: die Männer- und Frauentracht der dortigen Trockenmumien weisen erstaunliche Übereinstimmungen mit der Bekleidung aus den Eiskurganen der Pazyryk-Kultur auf. Hier deutet sich ein Beziehungsgeflecht an, das bald nach der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. die Reiternomaden der südsibirischen Gebirgsregionen mit ähnlich strukturierten Verbänden in den südlich benachbarten Gebieten verknüpfte. Dort hatte sich zu jener Zeit bereits ein Netz an Fernverbindungen herausgebildet, das später unter dem Oberbegriff "Seidenstraße" bekannt werden sollte. Weitere Forschungen sind dringend erforderlich, denn gerade die heute auf mongolischem Territorium gelegene Südflanke des Altaj-Gebirges, die für diese Fragen eine zentrale Bedeutung innehat, ist bisher ein weißer Fleck auf der archäologischen Landkarte geblieben.

Ein weiterer Grund für die Dringlichkeit neuer Forschungen sind die sich verdichtenden Nachweise, dass auch in den zentralasiatischen Hochgebirgen die Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung immer stärker spürbar werden, was sich im Abschmelzen des Gletschereises und im Auftauen der oberen Bodenschichten, die bisher Permafrost aufwiesen, zeigt. Letzteres stellt eine große Gefahr für die einzigartige Fundkategorie der Eiskurgane dar, deren exzellente Erhaltungsbedingungen ja auf dem Vorhandensein von Dauerfrost basieren. Moderne Untersuchungen müssen verhindern, dass die unwiederbringlichen archäologischen Informationen, die diese gefrorenen Gräber bereithalten, undokumentiert verloren gehen.

Die folgenden Fragen stehen demnach im Mittelpunkt des trilateralen Forschungsprojektes: Wie weit greift die im nördlichen Altaj bekannte Pazyryk-Kultur nach Süden in die heutige Mongolei aus? Gibt es auch an der Südflanke des Altaj jene besondere Fundgattung der Eiskurgane mit ihren hervorragenden Erhaltungsbedingungen für organische Materialien? Welche Anhaltspunkte liefern die dortigen Denkmäler für ein besseres Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen südsibirischen Reiternomaden und den Bewohnern der südlich angrenzenden Teile Zentralasiens? 

Forschungsgeschichte

    
  Einzelner Pazyryk-Kurgan mit Steinreihe  

Die gefrorenen Grabhügel der Pazyryk-Kultur im Altaj-Hochgebirge haben das Interesse der Gelehrten schon seit dem 19. Jahrhundert auf sich gezogen. Systematische Ausgrabungen solcher Eiskurgane, in denen sich das gesamte organische Material - Kleidung, Holzgegenstände, Teppiche und sogar die Körper der Toten selbst - hervorragend erhalten hat, fanden bislang jedoch nur im nördlichen Teil des Altaj statt.

Eine erste wissenschaftliche Expedition führte der in Diensten der Russischen Akademie der Wissenschaften tätige deutsche Sprachwissenschaftler und Archäologe F. W. Radloff in den 1860er Jahren durch. Er öffnete die ersten skythenzeitlichen Eiskurgane bei Katanda und Berel´ im Hochaltaj und wies damit der russischen Forschung den Weg in eine der faszinierendsten Fundregionen Sibiriens. Zwischen 1929 und 1955 setzten die russischen Archäologen M. P. Grjaznow und S. I. Rudenko diese Arbeiten fort und legten in den fürstlich ausgestatteten Grabhügeln von Pazyryk, Tuekta und Basadar aufsehenerrregende Funde frei, die heute in der Ermitage in St. Petersburg zu bewundern sind.

Eine neue Phase in der Erforschung der Eiskurgane des Altaj-Gebirges begann in den frühen 1990er Jahren, als V. I. Molodin und N. V. Polos´mak vom Institut für Archäologie und Ethnographie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk auf dem Ukok-Hochplateau unmittelbar nördlich der russisch-mongolischen Grenze wiederum auf Kurgane stießen, in deren eisgefüllten Grabkammern sich die tätowierten Körper der Verstorbenen mitsamt ihrer Bekleidung und Beigabenausstattung erhalten hatten. Den Forschern gelang es, diese einzigartigen archäologischen Denkmäler erstmals mit modernen Methoden freizulegen und interdisziplinär auszuwerten.

Fast 150 Jahre nach Radloff hat sich seit 2004 auch für die deutsche Archäologie wieder die Chance ergeben, im Altaj tätig zu werden und diese Forschungstradition aus dem 19. Jahrhundert fortzuführen. 

Bisherige Arbeiten

    
  Komplex der Pazyryk-Kultur aus drei Kurganen  

Eine erste Prospektion der Hochtäler an der mongolisch-russischen Grenze durch Wissenschaftler der drei Partnerinstitutionen im Sommer 2004 widmete sich der Lokalisierung, Beschreibung und fotografischen Dokumentation der oberirdisch sichtbaren archäologischen Denkmäler. Dabei wurden 93 Fundstellen von der Bronzezeit bis ins Spätmittelalter entdeckt, u.a. auch 16 Kurgane und Kurgangruppen der Pazyryk-Kultur.

Im Juni 2005 begab sich eine zweite Expedition in das Arbeitsgebiet, um detaillierte topographische Pläne jener skythenzeitlichen Nekropolen anzufertigen, die für eine eingehendere archäologische Untersuchung besonders interessant und vielversprechend erschienen. Gleichzeitig führte ein Geophysiker-Team der Russischen Akademie der Wissenschaften aus Novosibirsk Prospektionen an ausgewählten Grabhügeln durch. Diese Messungen, bei denen es sich um speziell modifizierte Verfahren auf der Grundlage von Geoelektrik und Bodenradar handelte, sollten ohne Bodeneingriffe erste Vorinformationen über das Vorhandensein von Eislinsen unter den Steinpackungen liefern. Im Ergebnis zeigten einige der so untersuchten Kurgane tatsächlich Anomalien, die von den Geophysikern als Eisbildungen interpretiert wurden - eine Deutung, die wegen der Neuartigkeit der Verfahren noch durch Ausgrabungen verifiziert werden musste. 

Aktuelle Arbeiten

Im Juni und Juli 2006 fand eine siebenwöchige Grabungskampagne statt, bei der insgesamt vier Kurgane untersucht wurden. Bei den Objekten handelte es sich um die archäologisch interessantesten und hinsichtlich von Eiserhaltung am vielversprechendsten erscheinenden Kurgane im Arbeitsgebiet, sie waren anhand der Ergebnisse der in den Vorjahren durchgeführtem Surveys nach ihrem Charakter, der topographischen Lage und den geophysikalischen Resultaten ausgewählt worden. 

Methoden

    
  Vermessung und geoelektrische Prospektion im Sommer 2005  
    
  Erste Untersuchung des Kriegers von Olon Kurin Gol 10  

Geophysik:
Ziel der Prospektionen durch das Novosibirsker Institut für Geophysik war es, Informationen über die Existenz von Eislinsen in den Grabkammern unterhalb von Kurganaufschüttungen zu erhalten. Es kamen zwei Methoden, nämlich Geoelektrik und Bodenradar, zur Anwendung, die speziell an die Erfordernisse der neuartigen Fragestellung angepasst worden waren. Da verlässliche Vergleichs- und Erfahrungswerte für solche Messungen bisher fehlen, diente die Prospektion gleichzeitig auch der Erprobung und Optimierung dieser speziellen Verfahren beim Einsatz in Dauerfrostböden.

Dendrochronologie:
Den dendrochronologischen Untersuchungen an den Hölzern der ausgegrabenen Grabkammern, die vom Referat Naturwissenschaften der Zentrale des DAI und dem Institut für Archäologie und Ethnographie in Novosibirsk gemeinsam durchgeführt werden, kommt in mehrfacher Hinsicht ein besondere Bedeutung zu: neben der jahrgenauen Datierung der einzelnen Gräber liefern sie durch Vergleiche mit datierten Hölzern aus anderen Regionen wertvolle, zeitlich fein aufgeschlüsselte Informationen zu großräumigen kulturellen Beziehungen im skythenzeitlichen Altaj, darüber hinaus tragen die vielen neuen Einzelkurven zur Ergänzung und Verlängerung der Standardkurve für die betreffende Region bei.

Anthropologie und Genetik:
Bei der anthropologischen Untersuchung der Mumie aus dem Kurgan 1 von Olon Kurin Gol 10 am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen geht es u.a. darum, den Gesundheitszustand des Mannes zu rekonstruieren, Hinweise auf seine Lebensgewohnheiten zu erlangen und möglicherweise auch die Toderursache festzustellen - also wesentliche biographische Fakten aufzudecken. Dabei kommen makroskopische, lupenmikroskopische, endoskopische und radiologische Techniken zum Einsatz, außerdem werden licht- und rasterelektronenmikroskopische sowie biochemische (Proteomik) Verfahren durchgeführt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Molekularbiologie, mit der die alte DNA untersucht wird. Um die Gewinnung nicht verunreinigter Proben für diese Forschungen zu gewährleisten, war bereits während der Ausgrabungen ein Genetiker vor Ort anwesend.

Archäometrie:
Die archäometrischen Untersuchungen, die am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin durchgeführt werden, befassen sich u.a. mit der Analyse der zahlreich an den Ausstattungsgegenständen und Trachtbestandteilen vorhandenen Farbreste und Metallauflagen, aber auch mit der Bestimmung verwendeter Klebstoffe und dem Nachweis heute nicht mehr sichtbarer Substanzen an den Fundstücken.

Zu dem internationalen Wissenschaftlerteam, das sich mit der Bearbeitung der untersuchten Gräber und mit der Analyse sowie Konservierung der menschlichen Überreste und der übrigen Funde befasst, zählen darüber hinaus Archäozoologen, Mikrobiologen, Botaniker, Glaziologen und Vertreter zahlreicher weiterer Fachrichtungen aus den primär am Projekt beteiligten und vielen anderen Ländern. 

Ergebnisse

    
  Olon Kurin Gol 6 während der Ausgrabung  
    
  Olon Kurin Gol 6: Die beraubte Grabkammer  
    
  Olon Kurin Gol 10: Geschnitzer Doppelgreifenkopf vom Schmuck des Pferdezaumzeugs  
    
  Olon Kurin Gol 10: Der bestattete Krieger in situ  
    
  Olon Kurin Gol 10: Eiserner Akinakes mit Holzscheide  
   Olon Kurin Gol 10: Holz- und Horngefäß in Fundlage  
  Olon Kurin Gol 10: Holz- und Horngefäß in Fundlage  
    
  Olon Kurin Gol 10: Die rekonstruierte Grabkammer  

Ulan Daba 1

Die Ausgrabungen begannen mit dem größten Kurgan der Region, Ulan Daba 1, der an einer nach Westen Richtung Ukok-Plateau führenden Passstraße lag. Die geophysikalischen Messungen an diesem Kurgan von 18 m Durchmesser hatten in 2,5 m Tiefe eine deutliche Anomalie gezeigt, hinter der eine massive Eislinse vermutet wurde. Im Laufe der Grabungen zeigte sich aber überraschenderweise, dass der Steinhügel gar keine Grabgrube bedeckte, sondern ebenerdig auf der alten Oberfläche lag. Die einzige Bestattung bestand aus einer mit mächtigen Steinplatten errichteten Kiste in der Mitte des Kurgans, welche die schlecht erhaltenen Skelettreste eines erwachsenen Individuums enthielt. Mangels datierender Funde wie auch vergleichbarer Befunde kann die Frage nach der Zeitstellung dieses Objekts erst durch die 14C-Datierung geklärt werden. Im weiteren Verlauf der Grabung wurde unter dem Steinhügel zwar tatsächlich eine Eislinse angetroffen, dabei handelte es sich aber um eine natürliche Bildung im ungestörten anstehenden Boden.

Olon Kurin Gol 6

Das zweite Objekt, das ausgegraben wurde, war der Kurgan 2 des skythenzeitlichen Grabhügelkomplexes Olon Kurin Gol 6 im nach Norden führenden Tal des Olon Kurin-Flüsschens. Der Kurgan gehörte mit einem Durchmesser von 14 m zu den mittelgroßen Anlagen der Region und wies im Zentrum eine trichterförmige Absenkung auf, wie sie entweder durch ein Einbrechen der Grabkammerdecke oder aber durch eine Beraubung entstehen kann. Die Ausgrabung zeigte bald, dass bei diesem Objekt der letztere Fall zutraf: bereits in der Verfüllung der rechteckigen, unter der Steinabdeckung gelegenen Grabgrube zeichnete sich der von den Räubern gegrabene Schacht deutlich ab, und die in 2 m Tiefe befindliche Holzkammer bot ein Bild der Verwüstung: ihre Spaltbohlenabdeckung war zerschlagen, das Kammerinnere durchwühlt, und selbst die Bodenbretter waren durcheinander geworfen worden. Die Skelettreste der Bestatteten, einer erwachsenen Frau, lagen wahllos verstreut, und von den Beigaben waren nurmehr wenige Bruchstücke vorhanden (kleine Fragmente von Goldfolie, Reste von Holz- und Keramikgefäßen, Stofffetzen u.ä.), die allerdings zusammen mit einigen Eisbildungen die ehemals guten Erhaltungsbedingungen im Kammerinneren andeuteten. Ein Überraschung erwartete die Archäologen auf dem Kammergrund unter den verlagerten Bodenbrettern: neben einem in Filz gehüllten mehrteiligen Kamm aus Holz und Knochen lagen die winzigen Skelettreste eines wahrscheinlich frühgeborenen Kindes, das hier offenbar mit seiner Mutter beerdigt worden war. Nördlich der Holzkammer befand sich der Kadaver eines Pferdes, das von den Grabräubern nicht beachtet worden war. Das Grab stammt aus der späten Phase der Pazyryk-Kultur (Anfang 3. Jh. v. Chr.).

Olon Kurin Gol 7

In der direkt benachbarten Denkmälergruppe Olon Kurin Gol 7 wurde der kleine Kurgan 2 mit nur 8 m Durchmesser untersucht. Die Ausgrabung ergab, dass dieser Steinhügel kein Grab enthielt, sondern wahrscheinlich als Gedenkstätte gedient hatte, wie sie häufig in Verbindung mit Kurganketten anzutreffen sind. Unter der Steinaufschüttung, die sich im äußeren Aufbau nicht von derjenigen wirklicher Grabkurgane unterschied, kam die Deponierung eines Keramikgefäßes zum Vorschein, das in die auf die Skythenzeit folgende hunno-sarmatische Periode datiert (2. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.).

Olon Kurin Gol 10

Das vierte untersuchte Objekt war der Kurgan 1 der Hügelgruppe Olon Kurin Gol 10, die ca. 1 km vom Komplex Olon Kurin Gol 6/7 entfernt liegt. Während die anderen beiden Grabhügel der Kurganreihe geplündert waren, wies der mit 12 m Durchmesser größte Kurgan 1 keinerei Spuren einer Beraubung auf. Die geophysikalische Prospektion hatte auch hier die Existenz einer Eisbildung angedeutet, die sich allerdings nur schwach abzeichnete.

Nach dem Abtragen der Steinaufschüttung zeigte sich im Zentrum ein rechteckige Grabgrube, die in 1,4 m Tiefe unter einer schwarzen Filzdecke eine völlig intakte hölzerne Grabkammer sowie zwei nordöstlich neben ihr liegende Pferde enthielt. Die Pferde, deren Körper geforen und deshalb sehr gut erhalten waren, sind in voller Ausstattung mitsamt ihren Sätteln und dem reich mit zinnüberzogenen Holzschnitzereien verzierten Zaumzeug ins Grab gelegt worden. Die langrechteckige, in Blockbauweise aus mächtigen Lärchenbalken errichtete Grabkammer war vorzüglich erhalten und ließ noch sämtliche Bearbeitungs- und Werkzeugspuren erkennen.

Unmittelbar unter der Kammerabdeckung, durch die in mehr als 2000 Jahren keinerlei Erdreich gedrungen war, kam das Grab mit seiner gesamten Ausstattung zum Vorschein. Der Tote und sein Inventar waren hervorragend erhalten, obwohl sie nicht innerhalb einer Eislinse, sondern auf ihr lagen. Das gesamte Grab war über den Bodenbrettern mit einer grauen Filzdecke ausgelegt, die an den Wänden hochgeschlagen und mit Holznägeln befestigt worden war. Auf ihr lag vor der südwestlichen Kammerwand der teilweise mumifizierte Tote, ein erwachsener Mann, in Rückenhockerposition mit dem Kopf im Südosten. Das Gesicht war zerstört, weil der Leichnam von der unter ihm liegenden Eislinse gegen die Kammerdecke gedrückt worden war, am Hinterkopf fand sich ein blonder Haarschopf. Vom Gesäß abwärts hatte sich der Körper gut erhalten, während der Rumpf weitgehend skelettiert war - in diesem Bereich fanden sich allerdings Hautreste, die noch Spuren figürlicher Tätowierungen zeigen.

Der Tote war vollständig bekleidet beigesetzt worden: er trug einen Pelzmantel aus Murmeltier-, Schafs- und Zobelfell, der mit blauen Zierstreifen und schwarzen rhombischen Fellapplikationen dekoriert war. Darunter hatte er eine knielange Wollhose an, die Beine steckten in hohen, an den Füßen mit roten Bändern verzierten weißen Filzstiefeln. Auf dem Kopf trug der Bestattete eine hohe Filzhaube mit einer komplizierten Verzierung aus verschiedenen holzgeschnitzten und mit Goldfolie überzogenen, teilweise rot bemalten Tierfiguren. Zum Trachtschmuck gehörte ferner ein hölzerner Halsreif, der ursprünglich ebenfalls mit Goldfolie überzogen war und zwei einander zugewandte Wölfe mit aufgerissenen Mäulern und gefletschten Zähnen sowie um 180° verdrehten Hinterteilen zeigt. An der Taille des Toten kamen vier rechteckige hölzerne Gürtelplatten mit geometrisch geschnitzem Rand zutage, deren Form bereits Typen der auf die Skythenzeit folgenden hunnischen Epoche vorwegzunehmen scheint. An persönlichen Gegenständen hatte der Mann außerdem einen kleinen hölzernen Kamm in einem Fellsäckchen bei sich sowie einen runden Bronzespiegel, der in einer schwarzen Filztasche steckte.

Dem Krieger war eine vollständige und für die Skythenzeit im Altaj typische Waffenausstattung beigegeben worden. Unter dem Pelzmantel kamen ein eiserner Akinakes (Dolch) in einer hölzernen Scheide und ein eiserner Streitpickel mit vorzüglich erhaltenem, bemalten Holzgriff zum Vorschein, beide waren am Gürtel befestigt gewesen. Hinter dem Toten an der südwestlichen Kammerwand lagen Köcher und Bogen. Vom Köcher, bei dem es sich um einen Goryt handeln dürfte, waren die hölzerne Längsleiste, etliche Holzpfeile und eine aus rotem und gelbem Filz genähte, mit Bommeln und bunten Schnüren verzierte Verschlusskappe erhalten. Durch diese Kappe hatte man den Bogen in den Köcher eingesteckt. Der ca. 1,2 m lange Kompositbogen war asymmetrisch geschwungen und bestand aus mehreren längsverleimten Holzleisten, die mit Lederstreifen umwickelt waren. Bei diesem sensationellen Fund handelt es sich um den ersten Bogen aus der Pazyryk-Kultur der Altaj-Region und um einen der wenigen vollständig erhaltenen der Skythenzeit überhaupt.

Die Grabkammer enthielt eine Reihe weiterer Beigaben: in der östlichen Ecke stand ein Set aus einem Horn-, einem Holz- und einem Keramikgefäß, daneben lag ein großes vierfüßiges Holztablett, auf dem sich Schwanzwirbel eines Schafs oder einer Ziege, Fleisch- und Fettreste sowie ein eisernes Messer befanden. Nicht nur die Position der Gefäße zur Rechten des Kopfes, sondern auch die Kombination aus Horn-, Holz- und Keramikgefäß sowie Holztablett sind eine charakteristische Erscheinung in Bestattungen der Pazyryk-Kultur.

Der Körper des Verstorbenen, dessen Grab ebenfalls an den Beginn des 3. Jhs. v. Chr. datiert, wird derzeit am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen anthropologisch untersucht, während die Fundstücke aus dem Grab am Institut für Archäologie und Ethnographie in Novosibirsk von Spezialisten für organische Materialien aus Eiskurganen konserviert und restauriert werden. Für die Zukunft ist geplant, die hervorragend erhaltene Grabkammer im Nationalmuseum von Ulan Bator wieder aufzubauen, wo sie zusammen mit den fertig restaurierten Funden einen eigenen Saal schmücken soll. 

Kooperationen

    
  Besuch des mongolischen Staatspräsidenten in Olon Kurin Gol 10  

Das Projekt ist eine gemeinschaftliche Unternehmung der Zentrale des DAI (Prof. Dr. H. Parzinger, Dr. A. Nagler, H. Piezonka) mit dem Institut für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk (Prof. Dr. V.I. Molodin u. a.) und dem Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften in Ulaanbaatar (Prof. D. Tseveendorj). Die geophysikalische Prospektion wurde vom Institut für Geophysik der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk (Leitung: Prof. Dr. M.I. Epov) durchgeführt, die anthropologische Untersuchung der menschlichen Reste liegt in den Händen der Abteilung Anatomie und Embryologie des Bereichs Humanmedizin der Universität Göttingen (Leitung: Prof. Dr. M. Schultz). 

Ansprechpartner

Dr. phil. Anatoli Nagler

Vor- und Frühgeschichte Zentralasiens und Sibiriens
Telefon: +49(0)30/83008314
Telefax: +49(0)30/83008313
Email: an@dainst.de

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-0
Telefax: 01888-7711-190
Email: hp@dainst.de

 Henny Piezonka, M.A.

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-140
Telefax: 01888-7711-191
Email: hep@dainst.de

Literatur

V.I. Molodin, D. Ceveendorz u. a., V poiskach pazyrykskich kompleksov na severo-zapade Mongolii. Problemy archeologii, ėtnografii, antropologii Sibiri i sopredel´nych territorij 10, 2004, 365-371.

M.I. Ėpov, V.I. Molodin, M.A. Čemjankina, Itogi i perspektivy geofizičeskich issledovanij archeologičeskich pamjatnikov Altaja i Zapadnoj Sibiri. In: A.P. Derevjanko, V.I. Molodin (Hrsg.), Sovremennye problemy archeologii Rossii. Materialy Vserossijskogo archeologičeskogo s´ezda, 23-28 oktjabrja 2006, Novosibirsk (Novosibirsk 2006), 68-75.  

 


 
 

Aktualisiert: 04.08.2008

Copyright 2002-2008 Deutsches Archäologisches Institut | Impressum & Disclaimer  Sitemap