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Georgien: Aruchlo
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Ein frühneolithischer Tell des 6. Jts. v. Chr.
Ausgrabungen eines frühneolithischen Siedlungshügels
Lage
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Abb. 1 Luftaufnahme des Tells
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Der neolithische Siedlungshügel Aruchlo I liegt etwa 50 km südwestlich von Tbilisi an der Hauptstaße in Richtung Bolnisi am westlichen Ortsausgang des Dorfes Nachiduri. Nur wenige hundert Meter entfernt vereinigen sich die aus den Bergen kommenden Flüsse Chrami und Masavera um weiter östlich etwa an der georgisch-azerbaidjanischen Grenze in den Kura-Fluß zu münden. Dieser wiederum entwässert nach Südosten in das Kaspische Meer.
Damit ist eine wesentliche Richtung der Kommunikation der frühen Bauern angedeutet. Tatsächlich finden sich entlang des Chramis-Flusses eine Reihe weiterer Tellsiedlungen etwa der gleichen Zeit, z. B. Sulaveris-Gora, Imiris-Gora und Chramis Didi-Gora in Georgien und weiter südöstlich im Bereich des Kura-Flusses Somutepe und Toiretepe in Azerbajdjan. Diese Tellsiedlungen lassen sich anhand vergleichbarer Architektur, Keramik und weiterer Funde zur "Sulaveri- Somutepe -Gruppe" zusammenfassen.
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Ziele
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Abb. 3 Ausgrabungen 2005
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Abb. 2 Ausgrabungen in den sechziger Jahren
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Seit dem 10. Jahrtausend entwickelte sich im sog. Fruchtbaren Halbmond, einem Bogen von der Levante im Westen, über den Tauraus im Norden bis zum Zagros-Gebirge im Osten die bäuerliche Wirtschafts- und Lebensweise. Sie löste die jahrmillionenalte Existenzform des Menschen als Sammler und Jäger ab. Die Kultivierung von Getreide und die Domestikation von Tieren vollzog sich über einen mehrere Jahrtausende umfassenden Zeitraum. Der einflußreichste Archäologe des zwanzigsten Jahrhunderts, V. Gordon Childe, hat den Übergang von der jägerischen zur bäuerlichen Lebensweise treffend als "Neolithische Revolution" bezeichnet: nicht weil es ein rascher Wandel war, sondern weil es eine tiefgreifende, alle Lebensverhältnisse erfassende Umgestaltung war.
Seit dem 7. Jahrtausend breitete sich die bäuerliche Lebensweise sukzessive nach Westen, nach Anatolien und bis Griechenland sowie auf die Balkanhalbinsel aus. Während wir diesen Prozess der Westausbreitung des Neolithikums relativ gut nachzeichnen können, fehlt es an modernen Forschungsgrabungen nördlich und und östlich des Fruchtbaren Halbmonds.
Hier sollen die neuen Ausgrabungen in Aruchlo ansetzen. Langfristig könnten sie einmal das erste Glied einer Kette von Grabungen in Azerbajdjan, Iran und Turkmenistan sein, die unsere Kenntnisdefizite beheben sollen. Dadurch würde eine vergleichende Perspektive für die unterschiedlichen Anpassungstrategien früher Bauern an ihre Umwelten entstehen.
Daher ist es auch ein vorrangiges Ziel der neuen Ausgrabungen in Aruchlo möglichst viele für die Umweltrekonstruktion relevante Daten zu sammeln. Hierzu gehören botanische und zoologische Überreste, Sedimentuntersuchungen u.a.m. in einem durch Radiokarbondaten abgesicherten Datierungsgerüst.
Es ist daneben unser besonderes Anliegen, georgischen Archäologiestudenten die Möglichkeit zu geben, auf der Ausgrabung Praxiserfahrung zu sammeln.
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Forschungsgeschichte
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Abb. 4 Geweihaxt
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Seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden eine Reihe von Ausgrabungen in Tellsiedlungen der "Sulaveri- Somutepe -Gruppe"Grabungen durchgeführt. Für die Siedlungen sind relativ kleine Rundbauten aus Lehm (Abb. 2) charakteristisch, sodann eine typische knubbenverzierte Keramik (Abb. 10), viel seltener rotpolierte oder gar bemalte Tonware. Daneben existiert eine Knochengerätindustrie vor allem Pfrieme, Geweihäxte (Abb. 4) und -hämmer. Überaus vielfältig ist die Obsidiangerätenutzung (Abb. 5). Sehr selten sind tönerne Figurinen, wie sie aus Mesopotamien um dem Zagros in großen Mengen aus zeitgleichen Siedlungen bekannt sind. Die botanischen und zoologischen Untersuchungen konnten nicht mit Schichten, funktionalen Kontexten sowie einem ausreichend feinen Netz von 14C-Datierungen verbunden werden. Die wenigen 14C-Daten, die für Aruchlo vorliegen, streuen vom 60. bis zum 54 Jh. v. Chr.
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Bisherige Arbeiten
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Abb. 5 Obsidiangeräte |
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In Aruchlo fanden Ausgrabungen unter der Leitung von T.N. Čubinisvili zwischen 1966 und 1976 und unter Leitung von D. Gogelia zwischen 1978 und 1985 statt. Die älteren Grabungen haben eine Zentralfläche und mehrere längliche Sondagen, welche der Erforschung einer Grabenanlage diente geöffnet. Insgesamt wurden 936 Quadratmeter des Tells ausgegraben (Abb.1). Die in diesen Jahren erstellten Dokumentationen und die Funde sind durch ein Feuer im Grabungshaus jedoch weitgehend zerstört worden.
In den Grabungsflächen unterschieden die Ausgräber sechs Siedlungshorizonte von denen die beiden Obersten durch spätere bronzezeitliche Eingriffe stark zerstört sind. In den ungestörten Schichten handelt es sich um Rundbauten verschiedener Größe (Abb.2) und vermutlich verschiedener Funktion. Sie waren sehr dicht ohne erkennbare übergeordnete Struktur nebeneinander errichtet worden.
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Aktuelle Arbeiten
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Abb. 10 Randscherbe |
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Abb. 9 Bodenscherbe |
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Abb. 7 Rundbau |
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Abb. 6 Rundbau |
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Abb. 8 Statuette |
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Ziel der neuen Ausgrabung im Sommer 2005 war es, zunächst über die Erhaltung der Architektur Aufschluß zu gewinnen. Desweiteren sollten über eine möglichst lange stratigraphische Siedlungssequenz genügend Proben für die zoologische und botanische Auswertung sowie für die 14C-Datierung gesammelt werden.
Dazu sollten nicht weitere noch unberührte Flächen des Siedlungshügels geöffnet werden. Um mit der Substanz des Denkmals schonend umzugehen, wurde stattdessen ein von der alten Ausgrabung hinterlassener Profilsteg ausgegraben (Abb. 3).
Die geomagnetische Prospektion erbrachte bislang keine eindeutigen Ergebnisse, denn das gesamte Areal des Tells ist durch neuzeitlichen Metallschrott übersät.
Wider Erwarten wurde auf dem begrenzten Areal der Grabung alsbald ein kompletter, leicht ovaler Bau mit einem maximalen Innendurchmesser von 2,30 m erfaßt (Abb. 6). Die Wandstärke beträgt etwa 20 cm. Die Wände selbst sind noch bis zu 0,8 m hoch erhalten. Um die Art und Weise seiner Auflassung zu verstehen, wurde die Verfüllung sehr sorgfältig abgegraben bis der eigentliche Ziegelversturz erreicht war. Die Füllung besteht aus mehreren kompakten Aschebändern, in denen sich Keramik, Obsidiangeräte und Knochengeräte fanden. Unter dem Ziegelversturz lag das ursprüngliche Fußbodenniveau. Auf dem Fußboden fanden sich nur sehr wenige Funde, darunter ein eng an der Wand liegender Knochenhammer.
Um Probenmaterial aus einer stratigraphischen Sequenz zu erhalten, wurde weiter östlich ein 2x1,5m breiter Schnitt am Rand des Profils angelegt. In einer Tiefe von 1,30 kam ein weiterer kompletter Halbbogen eines Rundbaus zum Vorschein (Abb. 7). In der obersten erhaltenen Verfüllschicht lag die erste tönerne Kleinplastik (Abb. 8), die aus Aruchlo bekannt ist. Unmittelbar darunter fanden sich zwei Lagen großer Flußkiesel, die Schmauchspuren vom Feuer aufwiesen.
Beide Rundbauten sind, soweit dies erkennbar war, aus ungebrannten Lehmziegeln im Wechsel mit dünnen Lagen eines Bindemittels aufgebaut. Die Verwendung von Stampflehm ist aber nicht auszuschließen, da einzelne Ziegel schwer zu erkennen sind. Spuren von Herden bzw. Feuerstellen oder Brandspuren an den Wänden konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Dies ist bemerkenswert, denn im Grabungsbereich fanden sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Rundbauten Ascheschichten, die im Profil (Abb. 7) massive Pakete bilden, für die wir aber bislang keine plausible Erklärung anbieten können.
Die Auswertung des Probenmaterials wird noch einige Zeit beanspruchen. Auch für eine funktionale oder stratigraphische Differenzierung des Fundmaterials lassen sich in Anbetracht der geringen ergrabenen Fläche gegenwärtig keine Aufschlüsse gewinnen.
In Aruchlo wurden im Jahr 2005 über 2400 Scherben erfasst. Hiervon entfallen mehr als 90% auf das Neolithikum. Die Scherben sind alle handgeformt und weisen auf den Außenflächen deutlich sichtbare Bearbeitungsspuren, wie z. B. Fingereindrücke, auf. Sie sind alle mineralisch gemagert, häufig schlecht gebrannt und können Brand- oder Schmauchspuren aufweisen. Ihre Wandungsstärke liegt zwischen 0,5 und 1,2 cm. Ein Großteil dieser Stücke haben eine rauhe, nur grob verstrichene Oberfläche und weisen eine gelb-orange-rote bis graubraune Farbe oder einen gräulich bis olivfarbenen Slip auf. Annähernd ein Drittel der entsprechenden Gefäßränder war mit länglichen bis ovalen Knubben verziert (Abb. 10). Diese Knubben wurden in der Regel vor dem Brand auf den noch feuchten Ton aufgesetzt, nur in Einzelfällen wurden sie aus dem Gefäßton herausgedrückt. Sie sind meistens in einer einfachen Reihung, seltener untereinander versetzt angeordnet. Einzelstücke weisen darüberhinaus offene Halbkreise oder kleine rechteckige Aufsätze als Reliefdekor auf. Auch Kombinationen der verschiedenen Verzierungsarten sind möglich. Weiterhin sind unverzierte, relativ dünnwandige, gleichmäßig gearbeitete und geglättete Scherben einer teilweise gut polierten, rötlichen Ware bezeugt. Sie unterscheiden sich deutlich von den anderen, oben beschriebenen Stücken. Ihr Anteil an der Geamtassemblage der neolithischen Scherben liegt deutlich unter 10 %.
Zu den in Aruchlo bislang bezeugten Formen gehören vorrangig einfache kleine Näpfe und leicht bauchige Töpfe, die mit einer querliegenden Handhabe versehen sein konnten. Desweiteren sind kleine Schalen, Gefäßdeckel mit einer Griffknubbe und Flachböden bezeugt. Letztere weisen alle deutlich sichtbare Abdrücke eines Spiralflechtwerkes auf (Abb. 9).
Unter den Kleinfunden sind ein Karneolanhänger (Abb. 11) sowie ein Tonkegel ("token")erwähnenswert. Das Spektrum der Knochengeräte wird vor allem durch Pfrieme sowie Hämmer und Äxte repräsentiert.
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Kooperationen
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Abb. 11 Karneolanhänger |
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Die Grabung in Aruchlo wird in Kooperation mit dem Archäologischen Zentrum "Otar Lordkipanize" der Georgischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt, das durch Dr. Guram Mirzchulava vertreten wird.
An den Untersuchungen sind weiterhin Prof. Dr. Ivan Gatsov (Steingeräte), Katrin Bastert, M.A. (Keramik), Dr. Baoquan Song (Geomagnetik), Prof. Dr. Norbert Benecke (Archäozoologie), Dr. Reinder Neef (Archäobotanik) und Dr. Jochen Görsdorf (14C-Datierung) beteiligt. Grabungsteilnehmer waren weiterhin Michael Ullrich (Eurasien-Abteilung), Katharina Malek, M.A., Andrzej Kuczminski (Ruhr-Universität Bochum), Lewan Tshabashvili, Eliso Bagaturia, Irma Berzenishvili, Joni Abuladze und Dimitri Jovania (alle Tblisi), Bogdan Tanasescu (Bukarest), Anika Hotzan-Tshabashvili (FU Berlin) und Vladimir Josseliani (Erlangen).
Die Ergebnisse der Grabungskampagne 2005 werden in unserer Zeitschrift Archäologische Mitteilungen aus Iran und Turan veröffentlicht.
Daneben kooperieren wir in Georgien mit der von der Eurasien-Abteilung durchgeführten Ausgrabung in Tachti-Perda, der von der Universität Tübingen organsierten Ausgrabung in Udabno (http://www.uni-tuebingen.de/ufg/juengere_abteilung/projekte/georgien.htm) und der Ausgrabung im bronzezeitlichen Goldbergwerk von Saktrissi, an der das Deutsche Bergbauseum in Bochum beteiligt ist.
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Ansprechpartner
Prof. Dr. Svend Hansen
Ur- und Frühgeschichte
Telefon: 030-83008-310
Telefax: 030-83008-313
Email: eurasien@dainst.de
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