 |
Russische Föderation, Wiskiauten/Mohovoe im Kaliningrader Gebiet
|
 |
|
Der Fundplatz Wiskiauten
Deutsch-russisches Grabungsprojekt zur Lokalisierung der Siedlung im Umfeld des wikingerzeitlichen, skandinavisch geprägten Gräberfeldes von Wiskiauten im ehemaligen Ostpreußen
Location
| |
|
|
| |
Lage des Gräberfeldes von Wiskiauten.
|
|
|
Der Fundplatz Wiskiauten (heute Mohovoe) liegt ca. 2,5 km südlich der heutigen Stadt Selenogradsk (ehemals Cranz) im Kaliningrader Gebiet (ehemals nordöstliches Ostpreußen) unweit der früheren Küste des Kurischen Haffs im Grenzbereich zwischen Kurischer Nehrung und Samland. Dort befindet sich auf einer Anhöhe von ca. 10 m ü NN ein kleines Wäldchen, das über 500 Hügelgräber des 9.11. Jhs. n. Chr. beherbergt. Von hier fällt das Gelände der überwiegend lehmigen Jungmoräne besonders in nördlicher und östlicher Richtung auf ca. 0,5 m ü NN zur ehemaligen Haffküste hin ab. Die zum Gräberfeld gehörende Siedlung ist im gesamten Umfeld des Gräberfeldes zu erwarten.
|
|
 |
Objectives
Das im Jahr 2005 begonnene russisch-deutsche Forschungsprojekt hat das Ziel, die zum Gräberfeld gehörende Siedlung zu lokalisieren. Erwartet werden Strukturen einer durch Handel und Handwerk geprägten wikingerzeitlichen Ansiedlung von größerem Ausmaß. Zentrale Fragen sind neben der Ortung der ehemaligen Haffküste als potenziellem Standort einer Hafenanlage die Eingrenzung des Siedlungsareals und die Aufdeckung von Befunden, die eine eindeutige Zugehörigkeit zum zeitgleichen Gräberfeld skandinavischen Charakters erkennen lassen. Mit der ersten Kampagne sollten die Grundlagen für ein mehrjähriges siedlungsarchäologisches Forschungsprojekt geschaffen werden, zu dem zu gegebener Zeit weitere Partner aus den Ostseeländern eingeladen werden sollen. Die Untersuchungen im Gräberfeld werden von russischer Seite weitergeführt.
|
 |
History of Research
Seit dem Jahr 1865 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind mehr als 250 Gräber der Nekropole in mehreren Ausgrabungen untersucht worden, deren Ergebnisse allerdings nur in kleineren Berichten publiziert wurden. Interessant ist der stark skandinavische Charakter der Beigaben aus den birituellen Männer- und Frauenbestattungen, der im ansonsten von den historisch bezeugten Prussen besiedelten Gebiet auf die Anwesenheit fremder, wahrscheinlich skandinavischer Siedler hinweist. Durch den weitgehenden Verlust der Königsberger Prussia-Sammlung, dem zentralen Archiv aller Funde und Grabungsdokumentationen der vor dem Krieg durchgeführten Untersuchungen, in dem auch die Ergebnisse der Grabungen in Wiskiauten enthalten waren, entzogen sich die Materialien zum Gräberfeld aber der nachkriegszeitlichen Forschung. Erst seit in den 1990er Jahren Reste dieser bedeutenden Kollektion in Berlin und Kaliningrad entdeckt wurden, kann ein Teil der Altmaterialien wieder für die Erforschung der Archäologie der ungewöhnlich denkmalreichen Region und speziell des Fundplatzes Wiskiauten verwendet werden.
Schon in der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde auch die Frage der zugehörigen Siedlung aufgeworfen, deren Gründung den Wikingern zugeschrieben wurde. Die damaligen Siedlungsforschungen blieben allerdings ergebnislos (Kleemann 1939, 11).
In sowjetischer und später russischer Zeit fanden Grabungen an etwa 20 weiteren Hügeln des Gräberfeldes statt. Dabei sollen auch Hausbefunde aufgedeckt worden sein, die teilweise direkt ans Gräberfeld angrenzen (Kulakov 2005, 63). Insbesondere die Auswertung eines Luftbildes aus sowjetischer Zeit lieferte den diesjährigen Untersuchungen Ansatzpunkte zur Überprüfung bisheriger Lagetheorien.
|
 |
Previous Activities
| |
|
|
| |
Geomagnetische Messungen des Instituts für Geowissenschaften der Universität Kiel. |
|
| |
|
|
| |
Geologische Bohrungen bei Wiskiauten durch O. Jakobsen und S. Pahl. |
|
In den Jahren 2005 und 2006 sowie im Frühjahr 2007 wurde zunächst eine großräumige geomagnetische Prospektion auf knapp 70 ha Gesamtfläche durchgeführt, die Tausende von Anomalien im direkten Umfeld des Hügelgräberfeldes von Wiskiauten sichtbar werden ließ.
Parallel erfolgten an 150 Anomalien Bohrungen mit einem Pürckhauerbohrstab, die zu einer ersten Einschätzung und durch die Entnahme von C14-Proben und deren Analyse in einigen Fällen auch zu einer zeitlichen Einordnung führten. Demnach sind in 80 Prozent aller Fälle archäologische Befunde frühmittelalterlicher Zeitstellung zu erwarten.
Im Jahr 2005 sind an drei Stellen kleinere Ausgrabungen zur Kontrolle angelegt worden, die mit einem Brunnen und einer flächig nachzuweisenden Kulturschicht mit Grubenbefunden frühmittelalterliche Siedlungshinweise aus dem Zeitraum 8. bis 12. Jh. n. Chr. erbrachten. In einer dritten Sondage wurde mit einer Ofenanlage ein eisenzeitliches Objekt dokumentiert.
Im Jahr 2006 wurde die Ausgrabung eines bereits im Jahr 2005 teilweise freigelegten Objektes weitergeführt. Entgegen der bisherigen Interpretation handelt es sich nicht um ein Grubenhaus, sondern um einen aus Steinen trocken gemauerten Brunnen. Durch C14-Datierungen ist die Verfüllung des Brunnens derzeit auf die Zeit 904 bis 1023 n. Chr. einzuengen.
Eine vierte Grabungsfläche nördlich des Gräberfeldes, angelegt im Sommer 2006, ergab Reste von ca. 50-60 Pfostenstandspuren mit zahlreichen Funden des 11. und 12. Jh. n. Chr.
Im Frühjahr 2007 lag der Schwerpunkt der Arbeiten zunächst auf der Fortführung der geomagnetischen Messungen. Sie wurden auf eine Gesamtfläche von knapp 70 ha ausgedehnt. In den Messbildern sind erneut deutliche Anomalien erkennbar, die durch Bohrungen überprüft wurden. Überwiegend handelt es sich um archäologisch relevante Objekte, die über C14-Analysen zeitlich in das Frühmittelalter eingeordnet werden können.
Zusätzlich erfolgte die kleinräumige Vermessung ausgewählter Anomalien mit dem Georadar.
Die Messungen an einer 180 m langen und 4 m breiten Anomalie lieferten klare Bilder einer durch dunkle Linien begrenzten, hellgrauen Struktur. Durch Bohrungen ist bekannt, dass die Struktur aus flächigen Lagen von Steinen besteht, weshalb es sich vermutlich um einen aus Steinen bestehenden Weg handelt.
|
 |
Current Work
| |
|
|
| |
Freigelegter frühmittelalterlicher Brunnen in Fläche 2 in 1,5m Tiefe. |
|
Die Ausgrabung des Brunnenbefundes wird im Sommer 2007 fortgesetzt, wobei hölzerne Konstruktionsbestandteile im grundwasserbeeinflussten Bereich ab 2 m Tiefe erwartet werden, die für die Zukunft eine dendrochronologische Datierung der Bauzeit erwarten lassen.
Für Sommer 2007 ist ein neuer Grabungsschnitt im Osten des Gräberfeldes geplant. Hier liegt eine halbinselartige Geländeerhöhung aus sandigem Boden im unmittelbaren Randbereich der Niederung des ehemaligen Kurischen Haffs. Dieser Platz muss sich schon im Frühmittelalter als Siedlungs- und Hafenstandort angeboten haben. C14-Daten aus einer großflächig nachgewiesenen Siedlungsschicht von mind. 90 cm Mächtigkeit sowie Keramikstreufunde legen eine Siedlungsaktivität in der Wikingerzeit nahe.
Zusätzlich zu den Grabungsarbeiten werden an den bisher bekannten Anomalienkonzentrationen weiterhin gezielte Oberflächenbegehungen und Borhungen an einzelnen Anomalien erfolgen. Als neues methodisches Instrument wird die Phosphatkartierung eingesetzt.
|
 |
Results
| |
|
|
| |
Ofenanlage der vorrömischen Eisenzeit in Fläche 1. |
|
| |
|
|
| |
Grabungsfläche 4, weiße Zettel markieren Pfostenstandspuren. |
|
| |
|
|
| |
Ringfibel des 11./12. Jh. n. Chr. aus Grabungsfläche 4. |
|
| |
|
|
| |
Byzantinische Silbermünze (Alexius I, Pre-reform, 1081-1092 n. Chr.) aus Grabungsfläche 4. |
|
| |
|
|
| |
Fragment einer Ringfibel (oben) und Gürtelhagen (unten) des 12./13. Jhs., Streufunde. |
|
Seit Sommer 2005 sind parallel zu den geophysikalischen Messungen auch Ausgrabungen durchgeführt worden. Sie beschränkten sich bisher auf vier besonders auffällige Anomalien.
Grabungsfläche 1 [Abb. 2]
In Grabungsfläche 1 wurde eine Ofenanlage der vorrömischen Eisenzeit freigelegt. Die Funktion konnte nicht geklärt werden. Der Befund deutet erneut an, dass generell mit Objekten nicht frühmittelalterlicher Zeitstellung zu rechnen ist. Dieses für die Gesamteinschätzung der geomagnetischen Prospektion wichtige Ergebnis wurde bereits durch vereinzelte Bestattungen des Neolithikums, der Bronze- und Eisenzeit sowie der Römischen Kaiserzeit erwartet und mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation der Meßbilder.
Grabungsfläche 2
Etwa 100m südlich des Hügelgräberfeldes konnte durch die geomagnetischen Messungen ein frühmittelalterlicher Brunnen freigelegt werden, dessen Schacht trocken aus Feldsteinen gemauert ist und von einer quadratischen, ebenfalls mit Feldsteinen verfüllten Baugrube umgeben wird. In der Verfüllung wurden offenbar entsorgte oder verlorene Siedlungsfunde wie Glasperlenfragmente, Bronzegewichte, Knochengeräte, Messer, Webgewichte, Schlackenreste, Tierknochen und eine große Anzahl von Keramikfragmenten geborgen werden. Durch C14-Datierung konnte die Verfüllung auf die Jahre zwischen 904 und 1023 n. Chr. bestimmt werden. Am Boden des Befundes, der bisher nur etwa zur Hälfte ausgegraben ist, sind hölzerne Konstruktionsbestandteile zu erwarten, die eine dendrochronologische Datierung der Bauzeit erhoffen lassen.
Grabungsfläche 3
Im Uferbereich eines kleinen Baches etwa 800 m nordwestlich des Hügelgräberfeldes in der Nähe der vermuteten ehemaligen Haffküste konnte in Grabungsfläche 3 eine flächige Kulturschicht aus stark humosem, fast schwarzem Erdmaterial mit zahlreichen Keramikfragmenten und Tierknochen dokumentiert werden. Aufgrund einer verkohlten Speiseanhaftung an einer Randscherbe und weiteren Holzkohleproben dürfte die Siedlungsschicht in das 7. bis 10. Jh. n. Chr. zu datieren sein.
Grabungsfläche 4
In einer großen Anomalienkonzentration in den geomagnetischen Meßbildern wurde eine vierte Grabungsfläche angelegt. Sie erbrachte ca. 50 Standspuren vermutlich hölzerner Pfosten, die aber aufgrund des kleinen Grabungsausschnittes keine Rekonstruktion eines Hausgrundrisses erlauben. Neben einigen frühen C14-Daten aus dem 7. bzw. aus dem 8. bis 10. Jh. n. Chr. liegen auch mehrere C14-Daten aus dem 11. und 12. Jh. vor. Zu letzterem Datum passen die zahlreichen Funde aus der Grabungsfläche und die Streufunde in deren Umgebung. Neben einer Ringfibel, einem Kleidungsverschlusshaken und vielen Keramikfragmenten weisen besonders eine Gagatperle und einen byzantinische Silbermünze aus dem Ende des 11. Jh. n. Chr. auf weitreichende Handelsbeziehungen hin.
Das Hügelgräberfeld von Wiskiauten/Mohovoe ist offenbar in eine äußerst dicht mit archäologischen Befunden bedeckte Landschaft eingebettet, die durch die Geomagnetik teilweise sichtbar geworden sind. Nach den vorläufigen Einschätzungen durch Bohrungen und C14-Datierungen in Kombination mit der Auswertung der Funde aus den Oberflächenbegehungen dürfte ein Großteil dieser Befunde frühmittelalterlicher Zeitstellung sein. Damit besteht rein chronologisch ein Zusammenhang mit der Nekropole. Auch die räumliche Entfernung der Siedlungsspuren zu den Bestattungen ist mit bis zu 1000 m so gering, dass von einer Verbindung ausgegangen werden kann.
Erstaunlich ist die Vielzahl von Objekten um das Gräberfeld herum, was entweder auf eine große zusammenhängende Besiedlung oder auf zeitlich unterschiedliche, wandernde Kernsiedlungsbereiche hindeutet. Insbesondere die Siedlungsspuren des 11. und 12. Jh. könnten auch mit einem prussischen Flachgräberfeld im Osten der Hügelgräbernekropole in Zusammenhang stehen.
Trotz der zahlreichen Funde fehlen aber bisher im Gegensatz zu den stark skandinavisch geprägten Beigaben im Hügelgräberfeld Objekte skandinavischer Provenienz im Siedlungsmaterial. Insgesamt ist für die Entstehung des Hügelgräberfeldes, das auch einige einheimische Elemente erkennen lässt, eher eine polyethnische Siedlungsgemeinschaft verantwortlich zu machen. Eine rein skandinavische Handelskolonie ist nach neuestem Kenntnisstand nicht mehr zu erwarten.
Die für das Jahr 2007 im Osten des Gräberfeldes geplante Ausgrabung im Randbereich des ehemaligen Haffs könnte neue Hinweise auf eine Hafenanlage erbringen, die für einen über Wasserwege mit dem wikingerzeitlichen Handelsnetzwerk der Ostsee angebundenen Handelsplatz zu erwarten wäre.
|
 |
Cooperation
Grundlage der Kooperation ist ein Vertrag zwischen dem Archäologischen Landesmuseum Schleswig, Stiftung Schleswig-Holsteinischer Landesmuseen Schloß Gottorf und dem Museum für Geschichte und Kunst Kaliningrad sowie der Baltischen Expedition des Instituts für Archäologie der Akademie der Wissenschaften Moskau. Die geophysikalischen Messungen führt das Institut für Geowissenschaften (Abteilung Geophysik) der Christian-Albrechts-Universität Kiel durch. Als Gra-bungshelfer nehmen Studierende der Staatlichen Universität Kaliningrad sowie des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel teil. Die Finanzierung erfolgt durch die Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts., Frankfurt a. M. Seit dem 1. Januar 2007 werden die Ausgrabungen in Wiskiauten/Mohovoe als Bestandteil des DFG-Projektes "Suzdal und Mohovoe/Wiskiauten - Prospektion und Erforschung frühmittelalterlicher Siedlungskammern im Kaliningrader Gebiet und in Westrußland"
durch erhebliche Sach- und Personalmittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Das DFG-Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau (Leitung Prof. Dr. N. A. Makarov).
|
 |
Contact
Prof. Dr. phil. Friedrich Lüth
Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 069-975818-26
Telefax: 069-975818-40
Email: direktion@rgk.dainst.de
Further Email Addresses: lueth@rgk.dainst.de
|
 |
Further Contact Partners
Prof. Dr. C. von Carnap-Bornheim, Direktor des Archäologischen Landesmuseums Schleswig, Stif-tung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf, 24837 Schleswig (Tel. 04621-813 310.
Prof. Dr. W. Menghin, Museum für Vor- u. Frühgeschichte SMPK, Spandauer Damm 19, 14059 Ber-lin (Tel: 030-326748-10).
T. Ibsen M.A., Archäologisches Landesmuseum Schleswig, Stiftung Schleswig-Holsteinische Lan-desmuseen Schloß Gottorf, 24837 Schleswig (Tel. 04621-813 507).
|
 |
Bibliography
O. Kleemann, Ueber die wikingische Siedlung von Wiskiauten und über die Tiefs in der kurischen Nehrung. Alt-Preussen 4, 1939, 414.
B. von zur Mühlen, Die Kultur der Wikinger in Ostpreußen. Bonner H. Vorgesch. 9 (Bonn 1975).
V.I. Kulakov, Die wikingerzeitliche Siedlung und das Gräberfeld Kaup bei Wiskiauten. Bericht über die Ausgrabungen der Jahre 19562004. Offa 59/60, 2002/2003 (2005), 5579.
Ch. Reich, Archäologie einer vorgeschichtlichen Sammlung, Die Bestände des ehemaligen Prussia-Museums im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte. Arch. Nachrbl. 8 (1), 2003, 1423.
H. Junker / H. Wieder, Das neue Prussia-Fundarchiv in Berlin. Arch. Nachrbl. 8 (1), 2003, 313.
C. von Carnap-Bornheim / T. Ibsen / A. Valujev (Hrsg.), Die Prussia-Sammlung Der Bestand im Museum für Geschichte und Kunst Kaliningrad (Bremen 2005).
Das Projekt besitzt eine eigene Homepage unter www.wiskiauten.eu, auf der eine Projektbeschreibung und eine Zusammenfassung der aktuellen Ergebnisse auf deutsch, englisch und russisch angeboten werden.
|
|