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Selinunt (italiano)

Selinunt/Sizilien. Untersuchungen zur Urbanistik der antiken Stadt; Ausgrabung der Agora

Erforschung der urbanen Strukturen und der Entwicklungsgeschichte der Stadt mit besonderem Schwergewicht auf der systematischen Erforschung des zivilen Zentrums durch teilweise Ausgrabung; Mitwirkung an Restaurierungen und Musealisierung

Lage

Selinunt (gr. Selinous, ital. Selinunte) liegt im fruchtbaren, leicht hügeligen Südwesten Siziliens am Afrikanischen Meer und ist die am weitesten nach Westen vorgeschobene griechische Kolonialstadt. Sie nahm einen flachen Hügelzug ein, der sich von einer steil ins Meer stürzenden Kuppe nach Norden hin erweitert und von heute verlandeten Hafenbuchten und Bachläufen umschlossen wird. Im Osten und Westen säumten große extraurbane Heiligtümer die Stadt.

Abteilungen:
Abteilung Rom

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Geschichte

    
   

Die große Agrarkolonie wurde von der ein Jahrhundert zuvor an der Ostküste Siziliens angelegten dorischen Stadt Megara Hyblaea um 628 v. Chr. (nach Thukydides) gegründet und florierte bis zu ihrer gewaltsamen Zerstörung durch die Karthager im Jahre 409 v.Chr. Danach diente der Ort, mal unter Puniern, mal unter Griechen, vor allem als Festung, während sich seit der Mitte des 4. Jhs.v.Chr. bis zur Aufgabe des Ortes um 250 v.Chr. eine Siedlung von vorwiegend punischer Bevölkerung in den Ruinen einrichtete. 

Ziele

1971 mit dem ersten Ziel, die Befestigungen auf dem Akropolishügel zu untersuchen, begonnen, erweiterte sich die Aufgabe seit 1985 auf die Untersuchung des ganzen Stadtgefüges. Neben der Untersuchung und Kartierung der wesentlichen Komponenten des nach Prinzipien der Rechtwinkligkeit angelegten Straßen- und Insulaplanes der Planstadt wird durch systematische archäologische Ausgrabung beispielhafter Ausschnitte - gegenwärtig von Teilen der Agora - versucht, einen Einblick in das Leben und die Entwicklungsgeschichte der griechischen Großstadt zu gewinnen. Durch Einbeziehung anderer Wissenschaften wie der Paläontologie, der Geologie und Geophysik ergibt sich dabei ein sehr komplexes Bild.  

Forschungsgeschichte

    
   

Die Stadt ist bisher vor allem durch ihre monumentalen dorischen Tempel berühmt. Vom Wohngebiet sind nur kleine Ausschnitte im Bereich der sog. Akropolis, des durch die hellenistischen Festungsmauern umgebenen Südhügels, seit den Grabungen des 19. Jhs. bekannt. Erst durch gezielte Untersuchungen einer 1971 von V. Tusa berufenen Gruppe von Forschern, R. Martin, J. de la Genière und A. Rallo, ist gesichert, daß sich die archaisch-klassische Stadt weit über die heute auf der Akropolis sichtbaren Mauern hinaus ausdehnte. An diese Untersuchungen schließt sich die aktuelle an und erweitert sie mit modernen Methoden. 

Bisherige Arbeiten

Nach der systematischen bauforscherischen Aufnahme und Untersuchung der spätklassisch-hellenistischen Festungen auf der Akropolis wurden die archaischen Mauern in den den Stadthügel umschließenden Tälern gefunden und teilweise ausgegraben. Gleichzeitig wurde die Topographie und Urbanistik der ganzen Stadt auf der Grundlage eines ganz neu erstellten Planes in ihren wesentlichen Eigenschaften untersucht und das Ganze in einer Publikation (s.u.) dargestellt. Daneben wurden in enger Zusammenarbeit mit der Soprintendenz Maßnahmen zur Sicherung und Erschließung der Monumente durchgeführt.  

Aktuelle Arbeiten

Seit 1996 gilt die Aufmerksamkeit des DAI und der Soprintendenz vor allem der Agora im Zentrum des Stadtgefüges. Durch teilweise Ausgrabung der den weiten Platz im Osten flankierenden Insula, die nach ihrer Lage von besonderer Wichtigkeit für das Leben auf und an der Agora zu sein versprach, wird ein repräsentativer Einblick in die Entwicklung der Stadt und ihres wichtigsten zivilen Platzes gewonnen. Gleichzeitig ist eine eigene Arbeit (S. Helas) der Wohnkultur der Stadt in punischer Zeit, vor allem der Siedlung auf der Akropolis, gewidmet. 

Methoden

Die archäologische Ausgrabung selbst folgt den inzwischen in Italien verbindlichen Methoden der modernen Schichtgrabung. EDV-gesteuerte Datenverarbeitung garantiert eine optimale Auswertung der Funde in ihrem Kontext. Neben den Funden aus Stein, Keramik und Metallen geben organische Reste wichtige Aufschlüsse. - Die neben der Grabung fortlaufenden Untersuchungen des gesamten Stadtgefüges erfahren gegenwärtig durch geophysikalische Methoden neue Impulse. Im übrigen, besonders bei der Erforschung der Stadt in punischer Zeit, bewähren sich auch die Methoden der archäologischen Bauforschung. 

Ergebnisse

In der Insula an der Agora läßt sich die Entwicklung der Stadt von ihren Anfängen im späten 7. Jh. v.Chr. über die tiefgreifende Zerstörung von 409 v.Chr. bis zu ihrer Aufgabe um 250 v.Chr. anschaulich verfolgen und darstellen. Besonders wichtig sind die Erkenntnisse zur ersten Besiedlung, der Absteckung und Ausweisung der streng gleichen quadratischen Baulose von ca. 220 qm Größe, sowie zur zunehmenden baulichen Verdichtung innerhalb der Hausstellen. Dabei zeugt eine Reihe von direkt auf die Agora gehenden Räumen, wohl Läden, auch dank reicher Funde von intensiver Handelstätigkeit der jungen und bald prosperierenden Kolonialstadt. Ab der Mitte des 6. Jhs. werden einige Grundstücke zu öffentlicher Nutzung umgewidmet und mit Bauten aus großen Quadern, etwa einem Bankettsaal, besetzt. Ebenso wurde die ganze Fassade der Insula zur Agora hin aufwendig neu errichtet. Nach tiefgreifender Zerstörung entstanden vor allem an beiden Enden, wo die Insula durch große fortbestehende Straßen gesäumt wurde, wieder Häuser und Lagerstätten der Siedlung, die nun vor allem punisches Gepräge hat. Deren Eigenschaften werden auch durch die gleichzeitige Untersuchung der punischen Wohnstadt auf dem Akropolishügel bestimmbar. 

Kooperationen

Soprintendenza ai BB.CC.AA. della Provincia di Trapani; Universität Kiel, Institut für Geophysik; TU München, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung; TU München, Institut für Baugeschichte; Universität Köln, Archäologisches Institut; DAI Berlin, Eurasienabteilung; Università Roma II 

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft; Gerda Henkel Stiftung; Leopold Werner Stiftung  

Literatur

D. Mertens, RM 96, 1989, 87 ff.; D. Mertens, RM 104, 1997, 301 ff.; D. Mertens u.a., Selinus I, Die Stadt und ihre Mauern (2003); S. Helas, Selinus II, Die punische Wohnstadt (Arbeitstitel), in Druckvorbereitung  

 


 
 

Aktualisiert: 24.02.2009

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