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Russische Föderation / Tuva: Arzhan

Arzhan - Eine skythische Fürstennekropole in Tuva, Südsibirien

Vollständige Freilegung des Kurgans Arzhan 2 mit einem unberaubten Fürstengrab (spätes 7. Jh. v. Chr.).

Lage

Im nördlichen Tuva, am Südfuß des Westlichen Sajan, erstreckt sich entlang des Ujuk, eines aus Osten kommenden Enisej-Zuflusses, ein westöstlich orientiertes Tal, das bei dem Ort Arzhan, Rajon Turan, eine größere Ebene ausbildet. Hunderte von großen Grabhügeln finden sich dort zu mehreren parallelen Ketten angeordnet.

Abteilungen:
Zentrale Berlin

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Ziele

Eines der drängendsten Probleme der eurasischen Archäologie ist der Beginn der skythischen Sachkultur in Innerasien. Von besonderer Bedeutung scheint dabei auch die Frage nach der Rolle südlicher Einflüsse bei der Herausbildung der neuen Kulturverhältnisse der frühen Reiternomaden in der sibirischen Steppe. Arzhan ist bekannt dafür, dass dort mit die ältesten skythischen Funde Eurasiens zum Vorschein kamen (sog. Kurgan Arzhan 1). Darüber hinaus lag diese Nekropole an alten Fernwegen von Nordchina und der Mongolei aus über den Sajan bis ins Minusinsker Becken. 

Forschungsgeschichte

M. P. Grjaznov untersuchte hier in den siebziger Jahren einen Kurgan (Arzhan 1) von über 100 m Durchmesser, der aufgrund seiner eigentümlichen Holzkonstruktion ebenso wie durch die noch erhaltenen Beifunde großes Aufsehen erregte und half, einen ganzen frühestskythenzeitlichen Horizont zu definieren, der in das späte 9. bzw. beginnende 8. Jh. v. Chr. datierte und mit spätestbronzezeitlichen Fundverbänden in Westsibirien und in der nordpontischen Steppe verbunden werden konnte. Damit war klar, dass die Nekropole von Arzhan für die Lösung dieser Fragen eine zentrale Rolle spielte, doch fanden seither keine Grabungen mehr statt. Es ist daher das Ziel des Projektes, die Forschungen von Grjaznov fortzusetzen.  

Bisherige Arbeiten

Eine erste Grabung fand 1997 statt (Kurgan Arzhan-Tarlag). Von 1998-2003 konzentrierten sich die Arbeiten auf den skythischen Fürstengrabhügel Arzhan 2, wo zunächst geomagnetische Prospektionen durchgeführt wurden (1998). Vorbereitende Grabungen setzten 2000 ein, von 2001-2003 wurde der Kurgan vollständig freigelegt.
Sämtliche Kurgane in Arzhan sind zu langen Ketten angeordnet, die die gesamte Hochebene durchziehen. 1997 wurde ein Grabhügel aus einer dieser Ketten westlich von Arzhan untersucht (sog. Kurgan Arzhan-Tarlag). Der von einem Steinpanzer bedeckte Erdhügel von ca. 28 m Durchmesser enthielt eine aus mächtigen Lärchenbohlen gezimmerte Grabkammer; die Beigaben, darunter vogelartige Kleidungsbesatzstücke aus Goldblech, verweisen die Anlage in das 5. Jh. v. Chr. Im Jahre 1998 führten wir zur Vorbereitung späterer Ausgrabungen geomagnetische Prospektionen (Dr. H. Becker und Dr. J. Faßbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München) an Kurgan Arzhan 2 durch, die im Bereich der Steinschüttung des Kurgans keine Ergebnisse erbrachten, doch mehrere Reihen von Steinkreisen verifizierten, die die Grabanlage auf nahezu allen Seiten umgaben. Bei den Grabungen stellte sich heraus, dass es sich bei diesen Steinkreisen offenbar um Brandopferplätze handelte, jedenfalls lieferten sie Asche, Holzkohlereste, sehr kleine kalzinierte Knochenfragmente sowie kleine Bruchstücke von Objekten aus Bronze- und Goldblech.  

Aktuelle Arbeiten

Die Ausgrabungen des Kurgans Arzhan 2 sind seit 2003 abgeschlossen. Derzeit befindet sich das Fundgut in der Restaurierung und wissenschaftlichen Bearbeitung. 

Ergebnisse

   Arzhan 2, Blick auf den Kurgan und die ihn umgebenden Steinkreise mit Opferplätzen  
  Arzhan 2, Blick auf den Kurgan und die ihn umgebenden Steinkreise mit Opferplätzen  
   Arzhan 2, Innenansicht der Kammer des skythischen Doppelgrabes 5  
  Arzhan 2, Innenansicht der Kammer des skythischen Doppelgrabes 5  
   Arzhan 2, goldener Köcher mit Pfeilen und goldenem Riemenzubehör  
  Arzhan 2, goldener Köcher mit Pfeilen und goldenem Riemenzubehör  
   Arzhan 2, goldene Tierstilplatte in Form eines geflügelten Pferdes  
  Arzhan 2, goldene Tierstilplatte in Form eines geflügelten Pferdes  

Bei Kurgan Arzhan 2 handelte es sich ähnlich wie bei dem seinerzeit von Grjaznov freigelegten um eine aus Steinen aufgeschichtete Plattform, die wir - aufgrund der Ergebnisse Grjaznovs - als typisch für die frühskythische Zeit betrachteten.
Der Grabhügel hatte einen Durchmesser von fast 80 m und erreichte über 2 m Höhe; er war damit etwas kleiner als Arzhan 1. Im seinem Umfeld befanden sich über 200 größere und kleinere Steinkreise, die ihn in 20-50 m Entfernung in drei bis vier Reihen umgaben. Offenbar gehörten solche Steinsetzungen zu derartigen Großkurganen, denn auch bei Arzhan 1 kamen sie vor, wobei es sich dort allerdings um Steinhaufen handelte.
Erste Untersuchungen des Jahres 2000 ergaben, dass sich im Inneren der Steinsetzungen um den Kurgan Arzhan 2 dünne Brandschichten mit geringen Resten von Asche, Holzkohle und kalzinierten Tierknochen (von Schaf/Ziege, Rind und Pferd) erstreckten. Gelegentlich stießen wir auch auf verschmolzene Reste von Goldblech sowie auf Bronzefragmente. Damit kann kein Zweifel bestehen, dass es sich bei den Steinkreisen um Brandopferplätze handelte, die mit einem mit der Grabanlage verbundenen Memorialkult in Zusammenhang standen.
Die Ausgrabung des Kurgans Arzhan 2 begann im Jahre 2001 und legte etwas mehr als ein Viertel seiner Gesamtfläche frei. Da südwestlich des Hügelzentrums ein großer Beraubungstrichter zu sehen war, sparten wir dieses Areal zunächst aus und öffneten statt dessen drei Sektoren in seiner Umgebung, einen in der Mitte der Südhälfte und zwei weitere im Norden und Nordwesten. Nur in zwei Sektoren stießen wir auf skythenzeitliche Bestattungen, im Norden auf Grab 2 und im Nordwesten auf Grab 5.
Bei Grab 2 handelte es sich um eine kleine Holzbalkenkonstruktion mit einer Steinplattenabdeckung, die als symbolische Bestattung eines Pferdes anzusprechen ist. Als Beigaben fanden sich Holzreste vom Sattel sowie goldene Zierstücke vom Schmuck eines Pferdes. Dabei ist ein Konus aus dünnem, leicht beschädigtem und verdrücktem Goldblech hervorzuheben, der von einem Raubvogelkopf bekrönt war. An drei Seiten waren daran aus dickem Goldblech geschnittene Fische befestigt. Wesentlich größere, in Einzelheiten der Darstellung aber durchaus ähnliche Fische kamen in Eiskurganen des Altaj-Gebirges zum Vorschein, so z. B. in Ak-Alacha, Kurgan 1, wo sie aus Filz geschnitten und am Sattel der mitbestatteten Pferde befestigt waren; damit wiederholt sich auch hier die Verbindung von Fisch und Pferd bzw. Sattelbereich.
Etwa 10 m südwestlich von Grab 2 befand sich Bestattung 5, das Fürstengrab. Die Verfüllung des leicht rechteckigen, etwa 5,00 x 4,50 m großen und mit seiner Längsseite ungefähr Nordwest-Südost ausgerichteten Schachtes mit dem ursprünglichen Lehmaushub war ungestört. In ca. 3 m Tiefe stießen wir auf die Balkenabdeckung der Grabkammer, die unberührt und nur am südlichen Fußende aufgrund des Gewichts der Verfüllung leicht eingebrochen war. Die Freilegung ergab, dass unter der ersten Balkenabdeckung noch eine zweite aus mächtigeren Stämmen folgte, die quer zur oberen verlief. Es handelte sich also um zwei ineinander gestellte Kammern. Die innere Grabkammer hatte man dabei aus wesentlich dickeren Lärchenbalken erbaut, die an den Innenseiten flach abgearbeitet waren. Die Innenmaße der Grabkammer betrugen 2,60 x 2,40 m. Die vier Innenwände waren ursprünglich mit rotem Filzstoff drapiert, der nicht erhalten blieb, von dem aber noch geringe Reste an nahe der Wand gelegenen Objekten hafteten. Der Kammerboden war mit einer schwarzen Filzdecke ausgelegt.
Auf dem Boden der Grabkammer fanden sich ein 40-45jähriger Mann im Nordosten und eine etwa 30-35 Jahre alte Frau im Südwesten. Sämtliche Grabbeigaben, die beiden Bronzespiegel links neben den Köpfen der Toten ausgenommen, hingen ursprünglich an den Kammerwänden. Die Verstorbenen lagen mit leicht angezogenen Knien auf ihrer linken Seite, die linke Hand entlang des Körpers ausgestreckt, die rechte auf dem Becken ruhend. Die Köpfe waren etwas nach hinten bzw. zur Seite gerollt; offenbar ruhten sie ursprünglich auf Kissen aus organischem Material.
Der Mann trug einen ca. 1,5 kg schweren, massiven Halsring aus Gold, der mit einem spiralartig umlaufenden Tierfries verziert war, das Panther, Steinböcke, Kamele und andere Tiere aufwies. Auf seiner vierkantig verbreiterten Schauseite wurden unzählige kleine Pantherfigürchen aufgelötet. Beim Schädel fanden sich fünf tierförmige Platten, vier Pferde mit untergeschlagenen Läufen und Ösen auf der Rückseite sowie ein röhrender Hirsch, der auf einer flügelartig gestalteten Standplatte befestigt war. Sie alle sind aus dickem Goldblech geschnitten und weisen tropfenförmige Emaileinlagen auf. Zweifellos waren diese Objekte am Kopfputz des Verstorbenen befestigt, die vier Pferde, von denen zwei nach links und zwei nach rechts blicken, wohl an den beiden Seiten, während der Hirsch aufgrund seiner leicht gebogenen Standfläche auf dem Kopf fixiert gewesen sein dürfte.
Das Obergewand, wahrscheinlich ein etwa bis zur Hüfte reichender Umhang, war mit über 2.500 kleinen goldenen Pantherfiguren verziert. Sie sind aus Gold gegossen und weisen auf ihrer Rückseite jeweils drei winzige Befestigungsösen auf. Sie wirken völlig gleichartig, lassen sich aber dennoch in zwei Grundformen unterscheiden: die einen schreiten nach links, die anderen nach rechts. Diese Pantherfiguren lagen in Schichten im Oberkörperbereich, deren Lage exakt dokumentiert wurde. Die Rekonstruktion des Gewands ist noch nicht abgeschlossen, doch scheint offensichtlich, dass die Verteilung der Panther auf dem Gewand nicht zufällig war, sondern einem ganz bestimmten kurvolinearen Muster folgte, wobei die Verteilung auf dem Umhang wie ein Gefieder erscheint.
Vom Beinkleid des Mannes waren keine organischen Reste erhalten. Es dürfte sich um eine Hose aus Filz oder Leder gehandelt haben, die mit Tausenden winziger Goldperlchen (Dm. ca. 1 mm) bestickt war. Die Hose steckte in Stiefeln, die wohl ebenfalls aus Filz oder Leder bestanden und bis knapp unterhalb der Knie reichten, wo sie in goldenen Stulpen endeten.
An seiner rechten Hüfte trug der Mann einen eisernen Dolch in einer Holzscheide. Bei der Restaurierung des stark korrodierten Stücks in der Eremitage zeigte sich, dass neben dem Dolch auch noch zwei eiserne Ringgriffmesser in der Scheide steckten. Alle drei Objekte waren am Griff mit reichen Goldinkrustationen verziert, der Dolch sogar im Bereich der Klinge, wobei erneut Pantherfiguren und spiral- bzw. flügelartige Motive vorkommen. Die Scheide war mittels eines Riemens am Gürtel befestigt, der weitere gegossene Zierstücke aus Gold aufwies.
Die übrige Bewaffnung des Mannes lag nicht neben ihm, sondern in der Nordecke der Grabkammer. Dabei handelt es sich um einen Pfeilköcher mit Bogen, also einen Goryth, eine Reitpeitsche und einen Streitpickel. Ursprünglich waren diese Gegenstände an der nordöstlichen Kammerwand befestigt gewesen. Der Köcher enthielt zahlreiche Pfeile, deren hölzerne Schäfte erhalten geblieben sind und vereinzelt sogar noch Spuren abwechselnd in rot und schwarz ausgeführter gebänderter Bemalung aufweisen. Die stark korrodierten dreiflügeligen Pfeilspitzen bestehen aus Eisen und lassen in Gold und Silber ausgeführte Inkrustationen erkennen, die Tierdarstellungen sowie Spiralmotive wiedergeben. Eine Längsseite des Köchers sowie dessen Boden bestanden aus dickem Goldblech mit Fischschuppenmuster. Die Kontur der gegenüberliegenden Seite des wahrscheinlich aus Holz gefertigten Goryths wurde durch goldene Eberfigürchen markiert; weitere Eberappliken zierten den Köcher an anderen Stellen. Unter dem Köcher kamen Reste des Bogens zum Vorschein, der in einem eigenen Futteral offenbar von hinten in den Goryth gesteckt wurde. Überaus reich war der goldene Riemenschmuck vom Tragegurt des Köchers, ebenfalls massiv gegossen und überwiegend spiralförmige Motive aufweisend. Dieser Gurt verlief quer über den Oberkörper und um die Hüfte, wobei die Schauseite auf dem Bauch des Trägers durch sehr eng gesetzte Zierstücke besonders hervorgehoben war. Als Verschlussstück diente eine runde Schließe aus massivem Gold, die in zwei Raubvogelköpfen endet.
Zwischen dem Goryth und der nordöstlichen Kammerwand lag ein Streitpickel, der ursprünglich ebenfalls aufgehängt war. Sein hölzerner Schaft blieb erhalten, und der Pickel selbst besteht aus Eisen, das zwar stark korrodiert ist, aber erneut Spuren von Vergoldung aufweist. Zwischen Köcher und Streitpickel stießen wir noch auf eine Reitpeitsche, von der allerdings nur mehr der ca. 40 cm lange und mit goldenen Blechhülsen verzierte Griff erhalten geblieben ist.
Die in der Kammer bestattete Frau wies in ihrer Trachtausstattung etliche Übereinstimmungen mit dem Mann auf. Wieder fanden sich im Kopfbereich vier goldene Platten vom Kopfputz: zwei durchbrochen gearbeitete Pferdefiguren mit untergeschlagenen Läufen, eine ebenfalls durchbrochene, flügelförmige Applike sowie eine kleine Pantherfigur. Hinzu trat ein Paar goldener Nadeln, zwei Meisterwerke, 35 cm und 30 cm lang, die Schäfte ringsherum mit tief eingeschnittenen Tierdarstellungen verziert und im einen Fall von einer vorzüglich gearbeiteten Hirschfigur, im anderen von einem Flügelornament bekrönt. Oberhalb des Schädels fanden sich ferner Reste goldener Bänder. Offenbar gehörten diese Stücke zu einem hochaufragenden, säulenartigen Kopfputz, wie er in Frauengräbern der Eiskurgane des Altaj-Gebirges nachgewiesen ist.
Auch die Frau trug einen Umhang, der mit unzähligen goldenen Pantherfiguren verziert war, wobei es sich in diesem Fall allerdings um aus Goldblech getriebene Stücke handelt, die alle waren nach links gewandt sind. Erneut war ihr Arrangement nicht zufällig, sondern unterlag einer ganz bestimmten Anordnung, die auch hier ein kurvolineares, offenbar flammen- oder gefiederartiges Muster wiederzugeben scheint. Die Lage einiger Pantherfigürchen im Halsbereich deutet ferner auf einen Stehkragen hin, doch die genaue Rekonstruktion des Gewands ist noch nicht abgeschlossen. Im Brustbereich fanden sich noch zahllose Perlen unterschiedlicher Form aus Granat, Malachit, Gold, Türkis, Karneol und Glaspaste. Hinzu traten zwei goldene Ohrringe mit Granulation und tropfenförmigen Emaileinlagen.
Das Beinkleid der Frau blieb nicht erhalten. Oberhalb der Knie stießen wir jedoch auf eine Konzentration von zahllosen winzigen Perlen und anderen Materialien; möglicherweise zierten sie als breiteres Band den unteren Saum eines bis zum Knie reichenden Rockes. Im Fußbereich häuften sich erneut Hunderte von millimetergroßen Goldperlchen sowie zwei Goldbänder mit Granulation und tropfenförmigen Emaileinlagen, die auf einem vermutlich aus Leder oder Filz bestehenden kniehohen Schuhwerk aufgenäht waren. An der rechten Hüfte der Frau hing ein eisernes Ringgriffmesser, dessen Griffbereich mit Gold inkrustiert war und das mit vorzüglich gearbeitetem, tierstilverziertem Riemenbesatz aus Gold kombiniert war. Am Gürtel war außerdem ein kleiner, mit mehreren ineinandergeschachtelten Tierdarstellungen verzierter Miniaturkessel aus Gold befestigt.
Rechts oberhalb der Frau, nahe der Westecke der Kammer, befanden sich große Bernsteinperlen, eine qualitätvoll gearbeitete Holztasse mit einem goldenen Griff in Form eines Tierfußes, ein goldener Kamm mit hölzernen Zähnen, steinerne Räucherschalen, ein kleines Bronzegefäß in einer Ledertasche sowie ein tierstilverziertes Goldpektorale, das zweifellos zur Frau gehörte, selbst wenn sie es nicht angelegt hatte. Alle diese Objekte fanden sich in einem Haufen aus botanischen Überresten, deren Bearbeitung noch nicht abgeschlossen ist, doch scheinen wilde Kirschen (syn. Cerasus fructicosa Pall.), wilde Möhren (cf. Daucus carota L.) und Erdmandeln (Cyperus esculentus L.) gesichert. Bemerkenswert dabei ist, dass alle diese Arten in Tuva und unmittelbar angrenzenden Gebieten nicht heimisch sind, sondern eher ins nördliche Mittelasien weisen. Diese Früchte waren in mehreren mit Holzstopfen verschlossenen Ledersäcken aufbewahrt, die teilweise noch erhalten sind und ursprünglich an der Wand in der Westecke der Kammer hingen.
Bei der Demontage der Grabkammern kamen in der Verfüllung zwischen der äußeren Kammerwand und dem Grubenrand schließlich noch zwei bronzene Kessel zum Vorschein. Ein vollständiger Überblick über das reiche Fundinventar dieses Fürstengrabes wird jedoch erst nach erfolgter Restaurierung zu geben sein. Insgesamt enthielt die Doppelbestattung etwa 9.300 Objekte (ohne Perlen), von denen über 5.700 aus Gold bestanden. Grab 5 aus dem Kurgan Arzhan 2 ist damit nicht nur das reichste skythenzeitliche Grab in Sibirien, sondern stellt einen der herausragenden Komplexe dieser Zeit überhaupt dar, ein Glücksfall für die eurasische Archäologie.
Die Arbeiten der folgenden Jahre 2002 und 2003 hatten das Ziel, den gesamten übrigen Kurganbereich freizulegen. Unmittelbar westlich des Hügelmittelpunkts wies ein mächtiger, durch nachrutschendes Erdreich und Steinplatten verfüllter Trichter auf einen alten Beraubungsversuch hin. An dieser zentralen Stelle vermuteten wir das eigentliche, beraubte Zentralgrab. Bei den Grabungen stießen wir jedoch nur auf zwei leere Gruben, die auch von den Raubgräbern erreicht worden sind. Sie waren fast quadratisch, die östliche maß 5,50 x 5,00 m, die westliche war mit 4 x 4 m etwas kleiner. Aufgrund ihre Größe hätten sie also durchaus Gräber aufnehmen können. Sie erbrachten jedoch nicht die geringsten Hinterlassenschaften, weder Fundstücke noch Knochen noch Teile einer Grabkonstruktion, weshalb als sicher gelten darf, dass beide Gruben niemals Bestattungen enthalten hatten. Sie waren offenbar gar nicht zur Aufnahme von Gräbern gedacht gewesen.
Über ihre Funktion lässt sich derzeit nur spekulieren. Der Gedanke, es handelte sich um sog. Scheingräber, die mögliche Grabräuber, die ja stets im Zentrum der Kurgane ansetzten, zum Schutze der eigentlichen Hauptbestattung in Grab 5 weiter im Nordwesten in die Irre leiten sollten, liegt nahe, zumal es auch tatsächlich so geschah. Dennoch stellt sich die Frage, ob man nicht auch an andere Erklärungsmöglichkeiten wird denken müssen. Vielleicht standen die beiden Gruben 9 und 10 mit kultischen Handlungen in Zusammenhang, die sich hier vor der Errichtung der Steinplattform abspielten. Diesen Fragen wird die weitere Auswertung des Grabungsbefundes nachzugehen haben.
Bis zum Ende der Arbeiten wurden insgesamt 26 Gräber freigelegt, von denen die meisten skythenzeitlich sind und damit zu diesem Kurgan gehören. Insgesamt neun weitere Bestattungen wurden wesentlich später zu Beginn des Frühmittelalters in die Steinplattform eingetieft und haben mit der Anlage selbst nichts mehr zu tun. Bei den meisten skythenzeitlichen Bestattungen, die gemeinsam mit Fürstengrab 5 angelegt wurden, handelt es sich um Steinkisten mit jeweils einem Verstorbenen. In den Gräbern 14 und 20 hatte man zwei erwachsene Männer beerdigt, in Grab 13 sogar drei Frauen. Soweit sich die Skelette noch in ihrer originalen Position befanden, ruhten sie allesamt in linker Hockerposition mit unterschiedlich stark angezogenen Beinen, wobei die Köpfe überwiegend in nordwestliche Richtung wiesen. Die in Fürstengrab 5 belegte Ausrichtung und Bettungsform war demnach auch für die übrigen Bestattungen des Kurgans ausschlaggebend.
Die Verteilung der skythenzeitlichen Bestattungen ist nicht willkürlich, sondern es fällt auf, dass sie sich entweder unterhalb des die Anlage umgebenden Steinkreises befinden oder ungefähr im Bereich einer Südwest-Nordost verlaufenden Achse quer durch das Zentrum des Kurgans liegen. Die anthropologischen Bestimmungen weisen die Verstorbenen der Bestattungen 7, 12, 13A, 13B und 22 als Frauen im Alter von 16-18 bis 45-50 Jahren aus, die Toten der Gräber 8, 14, 20, 24, 25 und 26 dagegen als erwachsene Männer von 20-25 bis 45-50 Jahren. Bei einer Kartierung zeigt sich, dass sämtliche Frauengräber in der südwestlichen Hälfte angelegt wurden; im Südwesten lag auch die Frau des Fürstenpaares in Grab 5. Dagegen war der Nordosten, bereits im Fürstengrab 5 als die Seite des Mannes ausgewiesen, auch auf den gesamten Kurgan übertragen der den Männern vorbehaltene Bereich. Eine Ausnahme bilden nur die Männergräber 24 und 26 im Süden des Kurgans. Diese Beobachtungen machen deutlich, dass nichts an diesem Kurgan zufällig war.
Im Südosten des Hügels kam zuletzt noch Pferdegrab 16 zum Vorschein. Es war ca. 8 m lang und 3 m breit und enthielt 14 Pferde, die bäuchlings mit untergeschlagenen Beinen nebeneinander gebettet waren, wobei ihre Köpfe einheitlich nach Westen wiesen. Das bronzene Pferdegeschirr sowie der ebenfalls bronzene Riemenschmuck der Tiere waren weitgehend identisch. Bei jedem Pferd fanden sich ferner zwei Platten aus gebogenem Goldblech, von denen eine immer den Schweifansatz, die andere die Mähne zierte. Im Unterschied zu sämtlichen skythenzeitlichen Bestattungen des Kurgans, die vor der Errichtung des Hügels angelegt wurden, kamen die 14 Pferde aus Grab 16 zu einem späteren Zeitpunkt in den Boden. Die Steinplattform wurde an dieser Stelle nachträglich geöffnet, um die Tiere einzubringen. Diese Öffnung verschloss man anschließend derart, dass diese Stelle nicht mehr zu erkennen war und selbst zum Zeitpunkt der Ausgrabung zunächst nicht auffiel. Diese Sorgfalt bei der Wiederherstellung des Hügels unterstreicht, dass die Pferdebestattung zur Gesamtanlage gehörte und mit ihr in einem inhaltlichen Zusammenhang stand, der sich uns vorerst aber noch nicht näher erschließen lässt.
Am Ostrand des Kurgans waren 15 Steinplatten nebeneinander aufgestellt, jede von ihnen mit figuralen Darstellungen versehen, die nach Osten bzw. Südosten wiesen. Diese Petroglyphen zeigen einerseits jene Tiere, die auch auf den tierstilverzierten Objekten begegnen (Hirsche, Eber, Kamele, Pferde), andererseits menschliche Figuren, zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern oder Holzschilde. Die Verbindung dieser Darstellungen mit einem fortgeschrittenen Abschnitt der frühskythischen Kunst ist offensichtlich. Die Konzentration der Petroglyphen am Ostrand des Kurgans dürfte mit der Topographie des Kurgans und seiner Umgebung zusammenhängen. Kommt man nämlich von Osten aus - der einzige bequeme natürliche Zugang - in die Ebene von Arzhan, so trifft man nach Überwinden einer letzten Anhöhe zunächst auf Kurgan Arzhan 2 und nähert sich ihm dabei genau von jener Seite, an der diese Galerie von Petroglyphen aufgestellt war.
Die skythenzeitlichen Gräber des Kurgans Arzhan 2 dürfen als gleichzeitig gelten. Dafür sprechen zum einen zahlreiche typologische Querverbindungen, zum anderen wird dies durch die Tatsache bekräftigt, dass sämtliche Bestattungen in den Boden kamen und danach erst die Steinplattform über ihnen errichtet wurde, Pferdebestattung 16 ausgenommen. Im Vergleich der Kurgane Arzhan 1 und Arzan 2 kann kein Zweifel bestehen, dass Arzhan 2 erheblich jünger ist und keinesfalls mehr mit der frühen Etappe der frühskythischen Kultur Tuvas zu verknüpfen ist, die dem späten 9. und 8. Jh. v. Chr. angehört. Die Tierstilzeugnisse aus Arzhan 2 besitzen gute Vergleiche in der Aldy Bel'-Stufe Tuvas, die dort einen jüngeren Abschnitt der frühskythischen Periode im 7./6. Jh. v. Chr. umschreibt. Mit Hilfe der Dendrochronologie ließ sich das Datum des Fürstengrabes 5 inzwischen präzisieren: Die zur Errichtung der Grabkammer benötigten Lärchenbalken wurden ungefähr zwischen 619 und 608 v. Chr. gefällt, was einen Ansatz in das ausgehende 7. Jh. v. Chr. ergibt. Diese vorläufigen Ausführungen lassen noch viele Fragen offen, die erst nach Abschluss einer detaillierten Befundauswertung zu beantworten sein werden. Dennoch sind bereits jetzt einige beachtenswerte Beobachtungen möglich: Dazu gehören erstens das nachträglich eingetiefte Pferdegrab 16, zweitens die beiden leeren Gruben 9 und 10 im Zentrum, und drittens die Südwest-Nordost verlaufende Achse quer durch den Kurgan mit - entsprechend dem Befund des Fürstengabes 5 - allen Frauengräbern im Südwesten und den Männerbestattungen im Nordosten. Diese Befunde weisen darauf hin, dass es sich bei diesem Kurgan nicht nur um einen reinen Bestattungsplatz handelte, sondern dass sich hier in Verbindung mit der Beerdigung des Fürstenpaares in Grab 5 eine regelrechte Inszenierung damit zusammenhängender kultischer Vorgänge abgespielt haben dürfte. Die Grenzen zwischen Bestattungs- und Kultplatz verschwimmen dabei, beides lässt sich nicht eindeutig voneinander trennen. 

Kooperationen

Die Ausgrabungen waren eine Kooperation des DAI (Prof. Dr. H. Parzinger, Dr. A. Nagler) und der Eremitage in St. Petersburg (K. Čugunov).  

Ansprechpartner

Dr. phil. Anatoli Nagler

Vor- und Frühgeschichte Zentralasiens und Sibiriens
Telefon: +49(0)30/83008314
Telefax: +49(0)30/83008313
Email: an@dainst.de

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-0
Telefax: 01888-7711-190
Email: hp@dainst.de

Literatur

K. Čugunov/A. Nagler/H. Parzinger, Issledovanie kurgana na daroge Arzhan-Tarlag v Tuve. Archeologičeskie otkritija 1997 goda (1999) 331 ff.

K. Čugunov/H. Parzinger/A. Nagler, Der Fürst von Arzhan. Ausgrabungen im skythischen Fürstengrabhügel Arzhan 2 in der südsibirischen Republik Tuva. Antike Welt 32 (6), 2001, 607-614.

K. Čugunov/H. Parzinger/A. Nagler, Der skythische Fürstengrabhügel von Arzhan 2 in Tuva. Vorbericht der russisch-deutschen Ausgrabungen 2000-2002. Eurasia Antiqua 9, 2003, 113-162.

K. Čugunov/H. Parzinger/A. Nagler, Arzhan 2: la tombe d'un prince scythe en Sibérie du Sud. Rapport préliminaire des fouilles russo-allemandes de 2000-2002. Arts Asiatiques 59, 2004, 5-29.  

 


 
 

Aktualisiert: 20.03.2008

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