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Russische Föderation: Čiča

Čiča, Westsibirien: eine spätbronze-/früheisenzeitliche befestigte Ansiedlung in der Waldsteppenzone

Untersuchungen an einem der wichtigsten Fundplätze für die Übergangsperiode von der Spätbronze- zur frühen Eisenzeit in der Waldsteppenzone Westsibiriens.

Lage

Die befestigte Ansiedlung von Čiča liegt in der westsibirischen Tiefebene zwischen Omsk und Novosibirsk innerhalb der seenreichen Barabinsker Waldsteppe. Sie befindet sich auf einem schwach ausgeprägten Geländerücken direkt am östlichen Ufer des Kleinen Čiča-Sees unweit des Flusses Kargat.

Abteilungen:
Zentrale Berlin

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Ziele

Der Übergang von der Spätbronzezeit zur frühen Eisenzeit wird in den Steppenregionen Sibiriens im allgemeinen mit einer Aufgabe der seßhaften, auf agrarischer Grundlage beruhender Lebensweise und der Herausbildung einer reiternomadisch geprägten Lebensform verbunden. Čiča bietet durch seine auch im geographischen Sinne Übergangsposition in der Waldsteppenzone die Möglichkeit, diesen Prozeß im Spannungsverhältnis der Einflüsse aus den Waldgebieten im Norden einerseits und aus den Steppen- und Halbwüstengebieten im Süden andererseits zu untersuchen. Mit Hilfe moderner siedlungsarchäologischer Forschungen an diesem Ort soll ein wesentlicher Beitrag zur Klärung der Kulturentwicklung Sibiriens geleistet werden. 

Forschungsgeschichte

Der Kernbereich des Siedlungsplatzes ist seit den späten 70er Jahren bekannt. Bereits 1979 wurde hier von V.I. Molodin eine Voruntersuchung durchgeführt, in deren Rahmen eine Poluzemljanka (ein halbeingetieftes Grubenhaus) ausgegraben werden konnte. Es gehörte der späten Irmen'-Kultur an (ausgehendes 2. Jahrtausend v.Chr.). Seither gilt Čiča als einer der wichtigsten Fundplätze für die Übergangsperiode von der Spätbronze- zur frühen Eisenzeit in der Waldsteppenzone Westsibiriens. 

Bisherige Arbeiten

    
  Magnetogramm  

Zur Vorbereitung der Grabungskampagnen dienten 1999 durchgeführte geophysikalische magnetische Prospektionen (H. Becker, J. Faßbinder), mit deren Hilfe eine ca. 6 ha große befestigte Siedlung stadtartigen Charakters entdeckt werden konnte. Über 100 Häuser finden sich dabei regelhaft und planvoll zu Reihen angeordnet, die ganz offensichtlich auf ein Wegenetz bezug nehmen. Verschiedene Grabenzüge lassen eine differenzierte innere Gliederung der Anlage erkennen. Offensichtlich sind ein eigens befestigter Siedlungsbereich im Westen - wohl eine Art 'Zitadelle' - und eine ihn annähernd halbkreisförmig umgebende Außensiedlung. Von 2000 bis 2003 wurden an verschiedenen Stellen des besiedelten Areals Grabungen durchgeführt, um Klarheit über Stratigraphie, Chronologie und Struktur der Niederlassung zu gewinnen. Mit den Grabungen verbunden waren auch archäobotanische, archäozoologische, pedologische und andere Untersuchungen. Während der Grabungen 2001 gelang es, ein zur Siedlung gehöriges Gräberfeld ausfindig zu machen, das auch in den letzten beiden Jahren weiter erforscht wurde.  

Aktuelle Arbeiten

    
  Probenentnahme für die Phosphatanalyse  

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Grabungen abgeschlossen. Das Projekt befindet sich in der Auswertungsphase, wobei der Koordinierung der beteiligten Forschungseinrichtungen und Wissenschaftszweige eine besondere Bedeutung zukommt. Die Grabungsergebnisse wurden in verschiedenen Artikeln und zwei monographischen Vorberichten bereits vorgelegt, erste Analyseergebnisse sollen schon 2005 zur Publikation gebracht werden. 

Methoden

Das Forschungsprojekt ist interdisziplinär. Für die Prospektionen standen geophysikalische Messungen der Magnetik 1999 (Siedlungsareal) und 2000 (Siedlungsumfeld) im Mittelpunkt. Seit 2000 ist ein Gruppe russischer Geophysiker um A. K. Manstejn bemüht, im Rahmen des Projektes eigene geophysikalische Geräte und Methoden für archäologische Prospektionen zu entwickeln und zu erproben. Die naturwissenschaftliche Arbeitsgruppe des DAI ist mit archäozoologischen und paläobotanischen Untersuchungen sowie mit Radiokarbondatierungen beteiligt. Der Einsatz von EDV-Technik und GIS-Software unterstützt die Grabungsdokumentation und -auswertung. Auf Grundlage einer 2001 auf der Grabungsfläche erfolgten engmaschigen Probenentnahme hilft die Phosphatkartierung bei der Funktionsanalyse der Häuser. Archäometrische Messungen und Analysen organischer und anorganischer Materialien, z. B. von Farb- oder Speiseresten an Keramikscherben, sowie Isotopenanalysen an Knochenmaterial, die speziell der Ernährung der damaligen Bevölkerung nachgehen, ergänzen das Methodenspektrum. 

Ergebnisse

    
  Grabungsfläche im Bereich der Zitadelle  
    
  Tonfigurinen  

Die Besiedlung in Čiča läßt sich in drei Hauptphasen unterteilen. Der älteste Besiedlungshorizont gehörte der spätbronzezeitlichen Irmen'-Kultur an (ca. 13./12. Jahrhundert v. Chr.) und blieb auf die 'Zitadelle' beschränkt. Das Gräberfeld gehört wohl hauptsächlich in diese Phase. Die größte Ausdehnung erreichte die Siedlung am Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. in der Übergangsperiode von der Bronze- zur Eisenzeit. Die gesamte Außensiedlung gehört ausschließlich in diese Zeit. Im Bereich der 'Zitadelle' wurde während eines fortgeschrittenen Stadiums der Sargat-Kultur (1. Jahrhundert v. Chr. - 1. Jahrhundert n. Chr.) noch einmal gesiedelt, woraus die nur hier anzutreffende Dreiphasigkeit resultiert. Am deutlichsten ließen sich die Bauten der Übergangsperiode untersuchen: Es handelt sich hier hauptsächlich um gleichförmige große ein- bis zweiräumige Poluzemljanki von annähernd quadratischen Grundriß, doch ausnahmsweise kommen auch andere Gebäude vor. Im Fundstoff setzt sich die Zitadelle auffallend von der Außensiedlung ab: Nur in der Zitadelle fanden sich zahlreiche Zeugnisse von Menschen- und Tierplastik aus Ton. Während die Keramik in der Zitadelle überwiegend der ersten Besiedlungsphase (Irmen'-Kultur) angehört, lassen sich die Funde der Außensiedlung am ehesten mit der übergangszeitlichen Krasnoozero-Ware vergleichen. Entgegen früherer Annahmen sind die Unterschiede zwischen Zitadelle und Außensiedlung demnach chronologisch zu erklären. 

Kooperationen

Kooperationspartner ist das Institut für Archäologie und Ethnographie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk. Keramikdünnschliffuntersuchungen werden vom Rathgen-Forschungslabor (Prof. Dr. J. Riederer) durchgeführt. Archäometrische Untersuchungen anorganischer Materialien unternimmt eine Forschergruppe am CNRS in Paris (Dr. Ina Reiche). Paläoernährungsforschung auf Grundlage von Isotopenanalysen unternimmt das Research Laboratory for Archaeology and the History of Art der Universität Oxford (Dr. Karen Privat) in Zusammenarbeit mit dem Fossil Fuels and Environmental Geochemistry Postgraduate Institute an der Universität Newcastle-upon-Tyne (Dr. Oliver Craig). 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger

Vor- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-0
Telefax: 01888-7711-190
Email: hp@dainst.de

Dr. Jens Schneeweiß

Ur- und Frühgeschichte
Telefon: 01888-7711-325
Telefax: 01888-7711-313
Email: eurasien@dainst.de
weitere E-Mail Adresse: js@dainst.de

Literatur

(Auswahl)

V.I. Molodin, H. Parzinger u.a., Čiča - gorodisče perechodnogo ot bronzy k zelezu vremeni v Barabinskoj lesostepi. Materialy po Archeologii Sibiri 1 (Novosibirsk 2001)

V.I. Molodin, H. Parzinger u.a., Čiča - eine befestigte Ansiedlung der Übergangsperiode von der Spätbronze- zur Früheisenzeit in der Barabinsker Waldsteppe. Vorbericht der Kampagnen 1999-2001, In: Eurasia Antiqua 8, 2002, 185-236

V.I. Molodin, H. Parzinger u.a., Cica - gorodisče perechodnogo ot bronzy k zelezu vremeni v Barabinskoj lesostepi. Bd. 2. Materialy po Archeologii Sibiri 4 (Novosibirsk - Berlin 2004)

J. Schneeweiß, Die Siedlung Čiča in der westsibirischen Waldsteppe. I. Untersuchungen zur Keramik, Chronologie und kulturellen Stellung in der Spätbronzezeit und der Übergangsperiode zur frühen Eisenzeit. Archäologie in Eurasien 22 (Mainz) im Druck.  

 


 
 

Aktualisiert: 04.08.2008

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