Start   DAI   Forschung   Recherche   Kontakt   Infos   Aktuell   Jahresbericht 
English   

Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Cluster 1

Unbenanntes Dokument

Vorbemerkungen Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5

 

VON DER SESSHAFTIGKEIT ZUR KOMPLEXEN GESELLSCHAFT:
SIEDLUNG, WIRTSCHAFT, UMWELT

Sprecher: N. Benecke, H. Parzinger, M. Reindel

Überarbeitete Fassung 01/2007
Download Cluster 1

Inhalt:

Einleitung
Aufgabenstellung
Projekte

 

EINLEITUNG

Die Seßhaftwerdung ursprünglich wildbeuterisch lebender Gemeinschaften in Verbindung mit der Domestikation von Pflanzen und Tieren markiert einen der folgenreichsten Entwicklungsschritte der Menschheit auf dem Weg zur Entstehung komplexer Gesellschaften. Verlauf und Intensität dieses Prozesses wurden oftmals von den naturräumlichen Rahmenbedingungen beeinflußt. Siedlung, Wirtschaft und Umwelt sind deshalb die entscheidenden Faktoren, die die Dynamik und die Richtung dieser Entwicklung bestimmen. Vor dem Hintergrund altweltlicher Kulturverhältnisse wird das Phänomen der Seßhaftwerdung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Übergang von aneignender zu produzierender Wirtschaftsweise (Ackerbau und Viehzucht) bei gleichzeitigem Auftreten von ersten gebrannten Tongefäßen (Keramik) und geschliffenen Steingeräten gesehen. Der Prozeß, an dessen Ende diese Kernmerkmale (das sog. neolithische ‚Bündel’) stehen, wird gemeinhin als „Neolithisierung“ bezeichnet. Die Einzelheiten dieser Entwicklung sind jedoch noch weitgehend unbekannt und bedürfen dringend näherer Klärung.

Früheste Formen permanenter Ansiedlungen und die Anfänge der Domestikation von Pflanzen und Tieren sind aus dem Vorderen Orient (dem sog. fruchtbaren Halbmond) seit dem 10. Jt. v. Chr. bekannt. Von dort breitete sich diese frühbäuerliche Lebens- und Wirtschaftsweise ab dem 7. Jt. v. Chr. aus, wobei die Forschung von vier ‚klassischen’ Richtungen ausgeht: erstens von der Levante über Zypern und Anatolien nach Griechenland und über Balkan und Karpatenbecken bis Mittel- und Nordeuropa, zweitens vom ostmediterranen Raum aus entlang der Mittelmeerküste über Süditalien und Südfrankreich bis Spanien und Nordwestafrika, drittens über Ostanatolien und Transkaukasien in die osteuropäische Steppe sowie – etwas weiter östlich – über Nordiran nach Mittelasien und viertens über Ägypten nach Nordafrika.

Die Ursachen und Mechanismen dieser Ausbreitung werden seit langem kontrovers diskutiert. Die Standpunkte gehen dabei von einer unterschiedlichen Bewertung der Phänomene Migration, Kommunikation und Autochthonie aus. Die Frage, ob Migration oder autochthone Entwicklung den Beginn von Seßhaftigkeit und Landwirtschaft auslösten, stand dabei von Anfang an im Vordergrund. Unter dem Einfluß von prozessualer Archäologie und Systemtheorie verfolgte man später vermehrt ökologische Ansätze zur Erklärung dieses Phänomens. Als Folge postprozessualer Strömungen richtete sich das Augenmerk dann eher auf soziale Aspekte. Die Modelle und Hypothesen wurden dadurch immer komplexer und vielschichtiger. Sie spiegeln die vorherrschenden theoretischen Ansätze ihrer jeweiligen Entstehungszeit wider, aber das Ergebnis blieb weitgehend unverändert: Noch heute geht es im Kern um die Frage, ob Migration oder Klimawandel und Bevölkerungsdruck die Neolithisierung weiter Teile der Alten Welt bewirkten. Außer Frage steht inzwischen, daß die Umweltbedingungen entscheidenden Einfluß auf diesen Prozeß hatten; doch das Ausmaß der ökologischen Determiniertheit ist noch immer schwer abzuschätzen. Insofern bleibt auch offen, wie prägend der Zusammenhang zwischen den zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen und den Anfängen seßhaften Lebens tatsächlich war.


AUFGABENSTELLUNG

Mit dem Schritt weg von einer ausschließlich auf den Vorderen Orient und Alteuropa gerichteten Forschungsperspektive und hin zu einer Einbeziehung anderer Teile der Welt – ein Schritt, den das DAI bereits vor Jahrzehnten vollzogen hat – wurde deutlich, daß Überlegungen, die von mehreren vom fruchtbaren Halbmond ausgehenden Neolithisierungswellen ausgehen, nicht überall anwendbar sind. Weitere Entstehungszentren zumindest einiger der genannten Kernmerkmale frühbäuerlichen Lebens und Wirtschaftens lassen sich in Ostasien, in der Zentralsahara, in Südamerika und anderswo lokalisieren und scheinen teilweise vergleichbar früh einzusetzen, wenngleich eine tragfähige chronologische Grundlage für eine komparative Betrachtung dieses Phänomens im globalen Maßstab erst noch zu erarbeiten ist.

Die jüngsten Ausgrabungen am Göbekli Tepe in Südostanatolien mit dem Nachweis religiöser Monumentalarchitektur in einem noch wildbeuterisch geprägten Umfeld haben der Forschung um die frühe Seßhaftwerdung und die Anfänge landwirtschaftlicher Produktion neue Impulse gegeben, die bislang nicht gestellte Fragen zum Übergang von Jäger- und Sammlergemeinschaften zu bäuerlichen Kulturen aufwerfen. In den Waldgebieten Nordosteuropas kommt es dagegen zu der in Göbekli Tepe noch unbekannten Keramikherstellung, ohne daß jedoch feste Siedlungen gegründet sind und produzierend gewirtschaftet wird. Im Hinterland der marokkanischen Küste scheinen anfangs seßhafte Gruppen wieder zu wildbeuterischem Leben übergegangen zu sein. Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, daß die Anfänge von Seßhaftwerdung und der Beginn produzierenden Wirtschaftens nicht immer zusammenfielen, auch konnte die Entwicklung in unterschiedliche Richtungen führen. Selbst in den schon früh von vollneolithischen Kulturverhältnissen geprägten Gebieten Vorderasiens sowie Süd- und Mitteleuropas vollzog sich dieser Prozeß komplexer als bislang vielfach angenommen.

Neue Forschungsergebnisse von Unternehmungen des DAI in verschiedenen Teilen der Alten Welt zeigen, daß eine allzu starre Anwendung des Begriffs ‚Neolithikum’ den tatsächlichen in Verbindung mit der Seßhaftwerdung des Menschen verbundenen Entwicklungen nicht mehr ganz gerecht wird. Beziehen wir archäologische Befunde der Neuen Welt ein, wird dieses Dilemma noch deutlicher. So kam es an den Küsten Nord- und Südamerikas aufgrund reichhaltiger Nahrungsressourcen schon früh zur Ausbildung dauerhafter Siedlungen, allerdings ohne Anzeichen von Bodenbau und Keramikproduktion. Ebenso existierten im Andenraum stadtähnliche Siedlungen mit Monumentalarchitektur, die jedoch noch keine Keramik kannten. Dies erinnert zwar an Entwicklungen, wie sie der Göbekli Tepe zum Ausdruck bringt, und dennoch haben beide Phänomene wenig gemeinsam. Diese Vorgänge jedoch ausschließlich unter dem Begriff der Neolithisierung in seiner altweltlichen Bedeutung zu betrachten, d. h. vom Standpunkt wirtschaftlicher Neuerungen, speziell des Bodenbaus und der Viehzucht, aus, hieße, die Perspektive beträchtlich einzuengen.

Der entscheidende und nachhaltigste Schritt, den der Mensch in sehr verschiedenartigen Natur- und Kulturräumen unter teilweise stark voneinander abweichenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen vollzog, war die Seßhaftwerdung, die vielfach dem Übergang von aneignendem zu produzierendem Wirtschaften voranging. Die Seßhaftigkeit bewirkte neue Formen des Zusammenlebens, was die bis dahin bestehenden sozialen Strukturen aufbrach und neue entstehen ließ, wie Siedlungsformen und diverse Hinweise auf gesellschaftliche Hierarchien und Arbeitsteilung etc. erkennen lassen. Die Konzentration der Betrachtung auf den Entstehungsprozeß permanenter Niederlassungen besitzt zudem den Vorteil, daß das Untersuchungsobjekt im archäologischen Befund klarer faßbar und dadurch weltweit besser vergleichbar wird. Sind früheste Siedlungen lokalisiert, so lassen sich die Faktoren, die dafür ausschlaggebend waren, gezielt untersuchen. Dabei wird vermutlich deutlich werden, daß Seßhaftwerdung unter unterschiedlichsten Vorzeichen und Einflüssen stattfand, wobei Nahrungsgrundlagen, Zugang zu Ressourcen, Standortfaktoren, Klimaeinflüsse u. v. m. gleichermaßen von Bedeutung waren. Doch unabhängig von dem jeweiligen Natur- und Kulturraum, der hinter der Seßhaftwerdung stehende Wandel war – einmal in Gang gesetzt – nirgendwo statisch, sondern ausgesprochen dynamisch und führte in der Folgezeit zur Entstehung komplexer Gesellschaften.

Inhaltliche Aspekte

Der Bedarf, das Umfeld und die Rahmenbedingungen der Seßhaftwerdung des Menschen in den unterschiedlichsten Natur- und Kulturräumen der Alten wie Neuen Welt vergleichend zu untersuchen – das vordringliche Ziel dieses Forschungsclusters –, ist enorm und könnte auch die Diskussion zu den Anfängen des Neolithikums in Vorderasien und Alteuropa durch neue Betrachtungsansätze entscheidend beleben und zu einer kritischen Neubewertung bisheriger Modelle und Hypothesen beitragen. Nur so ist zu wirklich weiterführenden Einsichten zu gelangen. Etliche in verschiedenen Teilen der Alten wie der Neuen Welt durchgeführte Ausgrabungsprojekte des DAI gehen von ähnlichen Fragestellungen aus und bieten deshalb geradezu ideale Voraussetzungen für ein solches Vorhaben.

Die Fragen, die sich alle mit diesem Cluster verbundenen Projekte zu stellen haben, sind dabei klar: Wie stark war der ökologische Einfluß auf die kulturelle Entwicklung des Menschen tatsächlich, gerade im Hinblick auf Seßhaftwerdung und den Übergang zu produzierender Wirtschaftsweise? Was führte den Menschen dazu, das jahrtausendelang praktizierte Jäger- und Sammlertum zugunsten einer arbeitsintensiveren und letztlich auch risikoreicheren, weil stärker vom Klima abhängigen Landwirtschaft aufzugeben? Waren die Formen menschlichen Zusammenlebens und Wirtschaftens in der Tat in erster Linie von den natürlichen Rahmenbedingungen abhängig, oder kommt auch bestimmten kulturellen Faktoren eine vielleicht ähnliche wichtige Rolle zu, was möglicherweise sogar zu einer Relativierung der ökologischen Determiniertheit führen könnte? Immerhin griff der Mensch nach der Seßhaftwerdung und nach dem Übergang zur Landwirtschaft auch nachhaltig in seine Umwelt ein und formte sie vielfach um, was wiederum Rückwirkungen auf ihn selbst haben konnte. Daraus folgt die Frage, wie der Mensch die Nutzung der zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen im Umfeld permanenter Siedlungen organisierte, um auch – was für ihn überlebenswichtig war – ihren Fortbestand zu sichern. Lassen sich aus den zu diesem Cluster zusammengeschlossenen Projekten nur Modelle für ganz spezifische historische Einzelsituationen entwickeln, oder sind Mechanismen zu erkennen, die unter bestimmten Voraussetzungen einer gewissen Gesetzmäßigkeit, ja Zwangsläufigkeit unterliegen und dadurch generalisierbar sind?

Interdisziplinäre Aspekte

Die enge Vernetzung solcher Forschungen mit modernen archäo-naturwissenschaftlichen Methoden, wie sie bereits in nahezu allen an diesem Cluster beteiligten Projekten erfolgreich praktiziert wird, ist dabei unerläßliche Voraussetzung. Dabei muß es das vordringliche Ziel sein, diese interdisziplinäre Kooperation noch weiter zu intensivieren und gleichzeitig auf die Entwicklung neuer naturwissenschaftlicher Verfahren hinzuwirken. Dies betrifft z. B. den Einsatz von exakten Datierungsmethoden (Radiokarbonmethode, Dendrochronologie, Termolumineszenz u. a.) als Grundlage einer komparativen Betrachtung unterschiedlichster Kulturräume, die Nutzung bekannter und die Entwicklung neuer geophysikalischer Prospektionsverfahren zur Erfassung von Siedlungsgrößen, Siedlungsstrukturen und landwirtschaftlichen Nutzflächen, archäozoologische und archäobotanische Forschungen zur Rekonstruktion von Wirtschaftsgrundlagen und Ernährungsgewohnheiten, geowissenschaftliche Disziplinen zur Klima- und Landschaftsgeschichte, Materialanalysen an Keramik, Stein u. a., paläopathologische Untersuchungen an menschlichem Skelettmaterial zur Feststellung von Mangelernährung und Krankheitsbildern seßhaft gewordener Bevölkerungen im Vergleich zu Wildbeutern, Isotopenanalysen zur Quantifizierung der Mobilität von Mensch und Tier u. v. m. Dabei ergeben sich in besonderer Weise Verknüpfungsmöglichkeiten mit dem Förderschwerpunkt „Neue naturwissenschaftliche Methoden und Technologien in den Geisteswissenschaften“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Regionale Aspekte

Die durch diesen Forschungscluster vernetzten Projekte des DAI werden in ganz unterschiedlichen Teilen der Alten wie Neuen Welt durchgeführt, wobei insgesamt vier Großräume zu unterscheiden sind. Die Unternehmungen am südostanatolischen Göbekli Tepe und im mittleren Orontes-Tal liegen gewissermaßen im Entstehungsgebiet von Seßhaftwerdung und produzierendem Wirtschaften im Bereich des sog. fruchtbaren Halbmonds und zielen auch auf eine Erforschung der Anfänge dieses Prozesses ab. Aruchlo, Kırklareli und Okolište befinden sich dagegen in einem primären Ausbreitungsgebiet, wobei im transkaukasischen Aruchlo die Verbindungen von Vorderasien über den Kaukasus-Hauptkamm hinweg nach Norden untersucht werden, während in Kırklareli Fragen der Einflüsse Anatoliens auf die Balkanhalbinsel im Vordergrund stehen, und in Okolište werden wiederum die Kontakte zwischen Adriaküste und zentralbalkanischem Hinterland untersucht. Mit einem sekundären Ausbreitungsgebiet befassen sich die Projekte in Ambrona auf der Kastilischen Hochebene, im Hinterland der marokkanischen Küstenzone sowie in den Waldregionen Nordosteuropas; die Anfänge und der Verlauf der Seßhaftwerdung unterschieden sich dort bereits erheblich von den Entstehungs- und primären Ausbreitungsgebieten. Die globale Perspektive ermöglichen schließlich weit außerhalb des Vorderen Orients und Alteuropas gelegene Räume mit gänzlich unabhängigen Eigenentwicklungen, zu denen die Vorhaben im südperuanischen Palpa und Montegrande sowie im ostbolivianischen Llanos de Moxos gehören.

 

PROJEKTE

Im folgenden werden die einzelnen an diesem Cluster teilhabenden Forschungsprojekte noch einmal kurz beschrieben, insbesondere hinsichtlich der hier im Vordergrund stehenden Fragestellung. Weitere Informationen zu den Unternehmungen, insbesondere zu den in- und ausländischen Kooperationspartnern usw., sind den Ausführungen im Forschungsplan zu entnehmen, in dem die Vorhaben im Rahmen der Forschungsziele der jeweiligen Abteilung bzw. Kommission erläutert werden.


Göbekli Tepe, Südostanatolien
(K. Schmidt, Orient-Abteilung)

Der mit 15 m Schichtmächtigkeit gewaltige, rein steinzeitliche Siedlungshügel von Göbekli Tepe bei Urfa wird seit 1995 systematisch erforscht. Herausragend sind die monumentalen, mit Skulpturen und Reliefs ausgestatteten Kreisanlagen aus der Zeit um 9000 v. Chr. Sie kennzeichnen den Göbekli Tepe als rituelles Zentrum und als Kommunikationsplattform für eine offenbar großräumig vernetzte jägerische Bevölkerung. Diese Monumente stellen damit eine weltweit einzigartige Quelle zur Geschichte des Umbruchs von jägerischen Gesellschaften zum Bauerntum dar und lassen diesen Wandel in gänzlich neuem Licht erscheinen. Der Göbekli Tepe belegt, wie andere zeitgleiche Plätze der Region auch, daß Seßhaftigkeit und Ortsbindung nicht zwangsläufig mit produzierendem Wirtschaften zusammengehen müssen. Da sich östlich von Göbekli aber die Vulkanlandschaft Karacadağ erstreckt, die mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen als Heimat später kultivierter Getreidearten bestimmt werden konnte, stellt sich u. a. auch die Frage, ob die in erster Linie jägerisch geprägte Kultgemeinschaft des Göbekli Tepe nicht doch die Kultivierung von Wildgetreide initiiert haben könnte; jedenfalls gehört dieser Problemkreis zu den zentralen Fragen, die die Forschungen an diesem Ort verfolgen.


Orontes-Tal, Syrien
(K. Bartl, Orient-Abteilung, Außenstelle Damaskus)

Das Projekt befaßt sich mit der Entstehung und Entwicklung des Neolithikums (10000-6000 v. Chr.) im zentralen Bereich des sog. Levantinischen Korridors. Die Arbeiten gehen dabei von der allgemein akzeptierten These aus, daß der durch Jordan-Tal, Beqa’a-Ebene und Orontes-Tal gebildete Grabenbruch eine zentrale Rolle innerhalb der Neolithisierungsprozesse im Vorderen Orient gespielt haben muß. Von der Existenz permanent genutzter Ansiedlungen ist möglicherweise schon seit dem Epipaläolithikum (12000-10000 v. Chr.), sicher aber ab dem Frühneolithikum (10000-7000 v. Chr.) auszugehen, doch bleiben entsprechende Belege bislang spärlich und nur auf das Spätneolithikum beschränkt. Das Untersuchungsgebiet am mittleren Orontes, das derzeit erstmals intensiven Prospektionen unterzogen wird, bildet aufgrund seiner naturräumlichen Voraussetzungen eine Region, die optimale Bedingungen für Seßhaftigkeit und produzierendes Wirtschaften bietet. Die bisherigen Surveys bestätigten das große Potential dieser Region hinsichtlich einer eingehenderen Erforschung des Frühneolithikums. Dabei stieß man mehrfach auf Plätze (Tell Karzali, Tell Ahmar), die sich für eine Ausgrabung zur Gewinnung stratifizierter frühneolithischer Fundkomplexe eignen.


Aruchlo, Transkaukasien

(S. Hansen, Eurasien-Abteilung)

Die Ausbreitung der bäuerlichen Wirtschafts- und Lebensweise aus dem Fruchtbaren Halbmond in die nördlich angrenzenden Gebiete des Kaukasus ist noch unzureichend erforscht. Zwar sind Siedlungen des frühen Neolithikums in diesem Großraum seit längerem bekannt und einige auch durch kleine Grabungen sondiert, doch fehlt es bislang an detaillierten Angaben zu Chronologie, Wirtschaftsweise, Hausbau, Siedlungsstruktur u. a. m. Um diese Kenntnislücke zu füllen, werden seit 2005 Ausgrabungen auf dem frühneolithischen Siedlungshügel Aruchlo I unweit von Tiblissi durchgeführt. Vordergründige Ziele des Projektes sind die Bereitstellung von Basisdaten zur Siedlungs- und Lebensweise sowie zu den Umweltverhältnissen, der Aufbau einer Chronologie der Siedlungshorizonte sowie die Klärung des Verhältnisses zu den benachbarten Tell-Siedlungen. Daneben wird die Rolle Aruchlos im Obsidianhandel eine wichtige Rolle spielen. An der komplexen Erforschung des Platzes und seines Umfeldes sind verschiedene archäologische und naturwissenschaftliche Disziplinen beteiligt. Das Projekt Aruchlo verspricht neue Erkenntnisse zum Prozeß der Neolithisierung in der Kaukasusregion. Langfristig sind weitere Ausgrabungen an frühneolithischen Siedlungen in benachbarten Regionen von Azerbajdjan, Iran und Turkmenistan geplant. Damit ergibt sich die Möglichkeit eines Vergleichs von Anpassungsstrategien früher Bauern an ganz unterschiedliche Umweltbedingungen.

 

Anatolisches Neolithikum
(U.-D. Schoop, Abteilung Istanbul)

Bis vor nicht allzu langer Zeit war das Neolithikum des anatolischen Hochplateaus eine der am wenigsten erforschten Regionen der Alten Welt. Die Nachweise beschränkten sich im wesentlichen auf die drei „klassischen“ Fundorte Çatal Hüyük, Can Hasan und Hacılar. Intensive Ausgrabungstätigkeit hat dieses Bild in den letzten Jahren stark verändert. Es zeigt sich, daß diese landschaftlich heterogene Region keineswegs einer einheitlichen Entwicklungslinie gefolgt ist, sondern geradezu ein Mikrokosmos ganz verschiedener „Neolithisierungen“ gewesen ist. Im Süden scheint die zentralanatolische Steppe landschaftlich, chronologisch und kulturell noch Bestandteil des „vorderasiatischen Modells“ des Frühneolithikums (M. Özdoğan) gewesen zu sein, gekennzeichnet von einer unvollkommenen Ausübung der produzierenden Wirtschaftsweise bei gleichzeitig hoher sozialer Komplexität. Nach Westen und Norden hin ist die Annahme der produzierenden Wirtschaftsweise mit beträchtlicher Verzögerung (ab ca. 6500 v. Chr.) erfolgt. Diese „neuen“ Gebiete weisen auch untereinander teils gravierende landschaftliche Unterschiede auf, welche die Art und den Zeitpunkt der Übernahme der produzierenden Wirtschaftsweise stark beeinflußt haben. Es liegt auf der Hand, daß die hier – an der Schnittstelle zwischen dem Vorderen Orient und Südosteuropa – notwendige Flexibilität der Strategien von großer Bedeutung für die weitere Ausbreitung dieser Wirtschaftsweise nach Westen gewesen ist. Ziel des Projektes ist es, die ungleichen Rahmenbedingungen für den Beginn des Neolithikums in den anatolischen Regionen näher zu bestimmen und die dadurch bedingten Unterschiede im weiteren Entwicklungsgang herauszustellen. Ein besonderer Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei auf dem nordanatolischen Bergland, einer bislang noch kaum erforschten Region. Dieses ursprüngliche Waldgebiet scheint (anders als die Nachbarregionen) keine epipaläolithische Landnutzung gesehen zu haben und erst spät von einsickernden Pionierfarmern in Besitz genommen worden zu sein (ab ca. 6000 v. Chr). Bei den frühen Fundplätzen handelt es sich stets um kurzlebige Weiler in Höhenlagen, Siedlungshügel fehlen. Auch das Artefaktspektrum zeigt für das anatolische Umfeld atypische Merkmale. Ein Ausgrabungsprojekt in Canlıbel Tarlası, einem solchen Ort in der Umgebung von Boğazköy, soll nähere Informationen zu den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen dieser besonderen Adaptionsform erbringen, sowie bessere Anhaltspunkte zur relativen und absoluten Chronologie liefern.

 

Kırklareli, Türkisch-Thrakien
(H. Parzinger, Zentrale)

Der türkische Teil Thrakiens zwischen Istrandža-Gebirge im Norden, Marmara-Meer im Süden, Rhodopen im Westen und Schwarzem Meer im Osten spielte eine entscheidende Rolle bei der Verknüpfung prähistorischer Kulturentwicklungen Anatoliens, der Ägäis und der Balkanhalbinsel, ganz besonders hinsichtlich der Ausbreitung neolithischer Lebens- und Wirtschaftsformen. Die Bedeutung dieser Region als Brückenkopf unterstrichen die Ausgrabungen in Hoca Çeşme zu Beginn der 90er Jahre, die die bislang ältesten frühneolithischen Siedlungsreste in diesem Teil Südosteuropas erbrachten. Hoca Çeşme darf dabei als ‚Außenposten’ einer frühneolithischen Kultur von gänzlich anatolischem Gepräge gelten. Dies stellt erneut die Frage nach der Rolle Anatoliens für den Beginn von Seßhaftigkeit und produzierendem Wirtschaften auf dem Balkan, die sich nun auf soliderer Grundlage stellen läßt. Ausgrabungen der letzten Jahre im neolithischen Tell von Aşaği Pınar bei Kırklareli im Inneren Türkisch-Thrakiens haben umfassende Einblicke in die mittel- und spätneolithische Entwicklung dieses Raumes geliefert, wobei sich Veränderungen in der Siedlungsstruktur, in der Architektur, im Fundmaterial und in der Wirtschaftsweise abzeichneten, die unsere Kenntnis dieser Periode erheblich erweiterten. Dabei war
u. a. festzustellen, daß dieses Gebiet ab dem Mittelneolithikum zusammen mit heute in Bulgarien gelegenen Orten der Stufen Karanovo III und IV eine kulturelle Einheit bildete, die deutlich von gleichzeitigen Kulturen Anatoliens unterschieden ist. Die künftigen Untersuchungen in Aşaği Pınar werden sich auf die Erforschung der vorzüglich erhaltenen frühneolithischen Schichten konzentrieren, um auch das Verhältnis von den stark anatolisch geprägten Orten der Marmara-Küste (z. B. Hoca Çeşme) zur Entwicklung im Inneren Türkisch-Thrakiens (Aşaği Pınar) während des 7./6. Jt. v. Chr. zu klären, eine Frage, die von zentraler Bedeutung für die Neolithisierung Südosteuropas ist.


Okolište, Zentralbosnien
(K. Rassmann, RGK)

Das Gebiet von Zentralbosnien spielte im Neolithikum eine wichtige Rolle als Mittler zwischen den Siedlungsgebieten an der Adriaküste und dem zentralen Balkan. Entlang der Flüsse Neretva und Bosna erstreckt sich eine verkehrsgeographisch begünstigte Landschaft, über die beide Großräume miteinander verbunden sind. Moderne archäologische Untersuchungen fehlen in Zentralbosnien, doch seit 2002 werden kleinere Grabungen und geophysikalische Prospektionen am großen Siedlungshügel Okolište im Visoko-Becken durchgeführt. Als erstes Ergebnis dieser Aktivitäten liegt der geomagnetische Plan einer 5 ha großen Siedlung mit Häuserzeilen und Befestigungssystemen vor. Vorzüglich erhaltene Siedlungsbefunde sowie typologische, radiometrische, archäozoologische und botanische Analysen an Fundmaterialien der bisherigen Grabungen weisen auf ein großes wissenschaftliches Potential des in das Spätneolithikum gehörenden Platzes hin. In weiteren Grabungskampagnen soll zum einen die innere Struktur der Siedlung erforscht werden. Durch Freilegung ausgewählter Flächen lassen sich einzelne Haushalte, siedlungsinterne Verkehrsverhältnisse und die Befestigung der Siedlungsanlage rekonstruieren. Begleitende bauarchäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen sollen sich der Architekturgeschichte und der Wirtschafts- und Sozialverhältnisse am Platz widmen. Zum anderen können die zentralörtliche Funktion von Okolište und das Netzwerk der Kleinregion Visoko im späten Neolithikum über Sondagen bereits prospektierter Siedlungshügel der Umgebung näher untersucht werden. Das Projekt Okolište verspricht neue Erkenntnisse zum spätneolithischen Siedlungswesen in einer naturräumlich gut abgegrenzten Siedlungskammer.


Ambrona, Kastilisches Hochland
(M. Kunst, Abteilung Madrid)

Bis vor wenigen Jahren ging die Forschung davon aus, daß die Anfänge des frühesten Neolithikums auf der Iberischen Halbinsel mit Siedlern zusammenhingen, die aus dem ostmediterranen Raum stammten. Diese sollten sich an der Ostküste Spaniens niedergelassen und die entlang der Küsten des Mittelmeeres weit verbreitete Cardialkeramik mitgebracht haben. In einem Akkulturationsprozeß hätten die Einheimischen dann die neolithische Lebensweise übernommen und aus der Cardialkeramik das sog. Epicardial entwickelt. Im Inneren der Iberischen Halbinsel waren beide Keramikstile lange Zeit unbekannt, und man nahm an, daß seßhafte Lebensweise und produzierendes Wirtschaften dort erst erheblich später mit dem Beginn der Megalithkultur Einzug hielten. In den letzten Jahrzehnten wurden jedoch vermehrt Funde eines sog. Meseta-Neolithikums bekannt, die eine gänzlich andere Entwicklung denkbar erscheinen ließen, bislang aber noch nicht verläßlich datiert werden konnten. Die vor einigen Jahren durchgeführten Ausgrabungen an Fundstellen im kastilischen Hochland im Raum Ambrona verfolgten das Ziel, diese Spuren eines frühesten, vom Cardial-Bereich offenbar unabhängigen Neolithikums näher zu erforschen. Dabei gelang es, für die zweite Hälfte des 6. Jt. v. Chr. ein vollausgebildetes Frühneolithikum mit Tierhaltung und Pflanzenanbau nachzuweisen, das die Anfänge von seßhaftem Leben und produzierendem Wirtschaften auf der Meseta nun in anderem Licht erscheinen läßt.


Marokkanisches Küstenland
(J. Eiwanger, KAAK)

Das Thema „Neolithisierungstendenzen im marokkanischen Küstenland“ steht im Mittelpunkt eines multidisziplinären Kooperationsprojekts, das für eine weitgehend unerforschte Region des westlichen Maghreb ein möglichst vollständiges Bild der Kulturfolge von den Anfängen menschlicher Besiedlung bis in die geschichtliche Zeit schaffen soll. Die unterschiedlichen Lebensräume des Arbeitsgebietes, die montane Zone des Rif, der Küstenstreifen, die Moulouya-Stromoase und die östlichen Gebirgsausläufer, werden exemplarisch prospektiert, und an ausgewählten Fundstellen folgen ergänzende Grabungen. Die bisherigen Forschungen lassen annehmen, daß nach einer primären altneolithischen Besiedlung des Küstenraumes durch Träger der mediterranen Cardialkeramik eine fortschreitende Aufsiedlung des Hinterlandes erfolgte. Dort blieb jedoch weiterhin eine epipaläolithische Wirtschaftsweise prägend, und es entwickelte sich ein Jäger-Hirten-Komplex ohne wesentliche agrikulturelle Züge. Dies entspricht einer Tendenz in weiten Teilen Afrikas, wo seßhafte Fischer-Hirten-Kulturen den gesamten Südsahararaum besiedelten. Erklärbar sind diese Kontinuitäten vor allem dadurch, daß die afrikanische Tierwelt an der Wende vom Glazial zum Holozän keinem Wandel unterworfen war. Diese Lebens- und Wirtschaftsform reichte im Maghreb bis ins Spätneolithikum, führte u. a. zu Zentralheiligtümern wie dem Cromlech von M'sora im westlichen Rif, wandelte sich dann jedoch im fortgeschrittenen 3. Jt. v. Chr. zu einer teils vollnomadischen, teils transhumanen Hirtenkultur (Felsbilder des Atlas u. a.). Die Gründe dafür sind noch weitgehend unbekannt und wohl spezifisch afrikanisch, weil sich auf der benachbarten Iberischen Halbinsel zur selben Zeit eine absolut gegenläufige Entwicklung vollzog, die schließlich zu frühmetallzeitlichen Großsiedlungen mit Befestigungen usw. führte.


Nordosteuropäisches Waldgebiet
(H. Piezonka, Zentrale)

In der Waldzone Nordosteuropas existierte seit dem 6. und teilweise bis ins 2. Jt. v. Chr. hinein ein als ‚neolithisch’ bezeichneter Kulturkomplex, der durch eine spezifische kamm- und grübchenverzierte Keramik gekennzeichnet wird. Vom mittel- und südeuropäischen Neolithikum unterscheidet er sich insbesondere dadurch, daß trotz des Auftretens von Keramik weiterhin eine im Grunde noch mesolithisch geprägte aneignende Wirtschaftsweise die Lebensgrundlage seiner Träger bildete. Auch von Ortsfestigkeit und permanent genutzten Siedlungen kann wohl nur bedingt ausgegangen werden, vielmehr dürften saisonale Wanderbewegungen vorgeherrscht haben. Dieses sog. Waldneolithikum soll in einer vergleichenden Gesamtbetrachtung (Promotionsvorhaben) neu bewertet werden, wobei insbesondere die regionale und chronologische Gliederung sowie die Lebens- und Wirtschaftsformen im Vordergrund stehen werden. Entscheidende Bedeutung nimmt dabei u. a. die Frage ein, ob der Anstoß zu dieser Entwicklung aus dem Bereich der bereits vollneolithischen Kulturen Mittel- und Südosteuropas kam, oder ob die Keramik erzeugenden Wildbeuter Nordosteuropas eine davon gänzlich unabhängige Tradition vertreten.


Palpa, Südperu
(M. Reindel, KAAK)

Das Forschungsvorhaben mit dem Thema „Andentranssekt – Siedlungsdynamik zwischen Meeresküste und Altiplano der Anden“ wird im Süden Perus durchgeführt. Die zentralen Anden sind ein Hochgebirge in den Tropen. Zwischen der Küstenwüste im Westen und den gletscherbedeckten Berggipfeln im Osten finden sich die unterschiedlichsten ökologischen Zonen, die im Laufe der Zeit einem klimatischen, landschaftlichen und kulturellen Wandel unterworfen waren. Das Untersuchungsgebiet umfaßt das Flußsystem der Täler von Palpa, einen geographisch scharf gegen die nördlich und südlich angrenzende Wüste definierten Raum mit Hunderten archäologischer Siedlungen. In den vier Hauptregionen Küste, Andenfuß, Täler und Hochgebirge haben sich Menschen im Laufe der Jahrtausende in verschiedenster Weise mit wechselnden Wirtschaftsformen an die Umwelt angepaßt. Unterschiedliche Kulturstufen sind durch jeweils abweichende Siedlungsstandorte und Siedlungsformen geprägt. Im Rahmen dieses Projektes soll exemplarisch der Prozeß der Seßhaftwerdung und Siedlungsentwicklung in Südamerika von ersten akeramischen Fischersiedlungen über frühen Bodenbau, Bewässerungswirtschaft bis hin zu komplexen Gesellschaftsformen untersucht werden. Bisherige Untersuchungen haben sich auf die Region am Andenfuß konzentriert. Durch eine Ausweitung in die Bergregionen und die Vernetzung mit dem Projekt „Montegrande“ (s. u.) soll das gesamte Landschaftsprofil von der Meeresküste bis zu den Anden erforscht werden.


Montegrande, Südperu
(B. Vogt, KAAK)

Der Reichtum an marinen Ressourcen hat an den Meeresküsten des amerikanischen Kontinents zur Seßhaftwerdung ohne die gleichzeitige Entwicklung der Landwirtschaft geführt. Ackerbau entstand dort als sekundäre Wirtschaftsform zunächst in den feuchten Flußuferzonen und später – in Verbindung mit künstlicher Bewässerung – in den gesamten kultivierbaren Auen von Taloasen. Das in der Küstenwüste Südperus gelegene Mündungsgebiet des Rio Grande weist zwei benachbarte, aber deutlich abgrenzbare Naturräume auf: einerseits das eigentliche Mündungsgebiet, in dem Prospektionen Anzeichen für eine präkeramische Besiedlung und Muschelhaufen aus der Zeit um 4000 v. Chr. lieferten, und andererseits eine Talweitung etwa 3 km flußaufwärts, die für Bewässerungslandwirtschaft geeignet war und Siedlungsreste aus der Paracaszeit (800-200 v. Chr.) und nachfolgenden Perioden erbrachte. An diesen beiden Schlüsselstellen lassen sich früheste Wirtschaftsformen und deren Einfluß auf die Siedlungsentwicklung erforschen.


Llanos de Moxos, Ostbolivien
(H. Prümers, KAAK)

Das Projekt Llanos de Moxos widmet sich Siedlungsprozessen in einer Überschwemmungssavanne des südlichen Amazonasbeckens. Tropische Regenwälder galten bislang als natürliche, d. h. durch den Menschen nicht oder kaum veränderte geographische Großräume. Diese Lehrmeinung ist seit den 80er Jahren zunehmend ins Wanken geraten. Für das Amazonasgebiet wird gegenwärtig zu klären versucht, wie stark der Mensch dort die Umwelt gestaltet hatte. Zur Aufsiedlung des Amazonasbeckens und den darauf folgenden Kulturentwicklungen liegen bisher jedoch kaum archäologische Daten vor. Im Zentrum der Forschungen steht ein Randgebiet des Amazonasbeckens, die Llanos de Moxos. In dieser ca. 110.000 km 2 großen Überschwemmungssavanne finden sich zahlreiche Reste von Kanälen, Dämmen, Wasserreservoirs und Hügelbeet-Komplexen. Allein das Ausmaß dieser Anlagen läßt auf die Existenz komplexer Kulturen mit seßhafter bäuerlicher Lebensweise in einer Region schließen, die heute auf Grund schlechter Böden als untauglich für Landwirtschaft gilt. Unklar bleibt ferner, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Voraussetzungen die „Kultur von Moxos“ entstanden ist, doch auch ihre weitere Entwicklung und die Gründe für ihr Ende entziehen sich genauerer Kenntnis. Eine verläßliche Beantwortung dieser Fragen würde unsere Kenntnis der Siedlungsprozesse und Kulturentwicklungen im vorspanischen Amazonien erheblich verbessern.

Seite drucken
 

 
 

Aktualisiert: 11.03.2008

Copyright 2002-2008 Deutsches Archäologisches Institut | Impressum & Disclaimer  Sitemap