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POLITISCHE RÄUME
Sprecher: O. Dally, R. Haensch, F. Pirson, S. Sievers
Überarbeitete Fassung 11/2007
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Inhalt:
Einleitung
Forschungsfelder und Projekte:
1 Forschungsfeld: Erschließung und Nutzung
2. Forschungsfeld:
Grenzen politischer Räume
3. Forschungsfeld: Urbane Räume
4. Forschungsfeld: Orte der Herrschaft
Literaturliste (PDF)
EINLEITUNG
Das Deutsche Archäologische Institut betreibt und fördert Forschungen zur Deutung und zum Verständnis menschlichen Verhaltens in der Vergangenheit. Dieses Ziel impliziert die Beschäftigung mit den Kategorien Zeit und Raum als konstitutiven Grundlagen von Geschichte überhaupt. Nachdem der Zeit im neuzeitlichen Denken lange eine Vorrangstellung eingeräumt worden war, deutet sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Verschiebung der Interessen an. Fragen nach Räumen und ihrer Funktion als Träger sozialer Praxis gewinnen an Gewicht, so daß mittlerweile gar von einem „spatial turn“ (D. Cosgrove) in den Kulturwissenschaften die Rede ist.
Trotz der Aktualität des Themas ist die Diskussion nicht neu: In der derzeitigen Debatte werden Theoreme weiterentwickelt, die erstmalig um die Wende vom 19. zum 20. Jh. formuliert worden sind. Im damals geführten soziologischen und kulturphilosophischen Diskurs wurde Raum nicht mehr als statische Größe wahrgenommen, sondern als die Art und Weise, wie Räume gestaltet werden. Damit war die Beschreibung von Räumen als Produkte sozialer Interaktion möglich geworden, deren kulturelle Formung erst durch ihre Nutzer und deren Wahrnehmung stattfindet.
Diese Positionen werden momentan wieder aufgegriffen, nachdem Forschungen zu Raumfragen seit der Nachkriegszeit kaum weiterentwickelt worden sind. Eine Ursache dafür war die Bedeutung der Kategorie Raum in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Expansionspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Hinzu kam die Verabsolutierung des Raumbegriffes z.B. in der Kunstwissenschaft der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die den künstlerischen Raum als Strukturmerkmal von Kunstkreisen ansah und ihn infolgedessen zum Ausdruck des `Volkscharakters´ einzelner Ethnien stilisierte. Dieser politisch wie erkenntnistheoretisch gleichermaßen problematischen Verwendung des Raumbegriffs ist es zuzuschreiben, daß die Beschäftigung mit dem Phänomen Raum bis in die 1970er Jahre hinein als ausgesprochen reaktionär angesehen wurde.
Das neue Interesse am Raum in den visuellen und materialorientierten Disziplinen der Kulturwissenschaften, d.h. vor allem in der Kunstgeschichte und der Archäologie, ist ausgesprochen kontextbezogen und strebt insofern nicht nach der Definition struktureller Homologien über Epochengrenzen hinweg. Demgegenüber steht die Frage im Mittelpunkt des Interesses, welchen Beitrag die Kategorie Raum zur Konstruktion sozialer und politischer Wirklichkeit in unterschiedlichen historischen Kontexten leistete. Der methodische Fortschritt gegenüber der bisher üblichen Auseinandersetzung mit räumlichen Gebilden in der archäologischen Forschung liegt darin, daß `Räume´ nicht mehr bloß als materielle Hülsen für menschliches Verhalten angesehen werden (essentialistischer Raumbegriff). Vielmehr wird vorausgesetzt, daß sich Räume erst im Zusammenspiel gebauter Grenzen, festen und beweglichen Inventars, der Nutzung durch Lebewesen und in der Rezeption durch Betrachter konstituieren (dynamischer Raumbegriff). Unter dieser Prämisse, die eine Verbindung des `ästhetischen Raums´ (E. Cassirer) und der Vorstellung von Räumen als Produkten sozialer Interaktion (G. Simmel) darstellt, können Räume als Strukturen analysiert und interpretiert werden, durch die soziale und politische Verhältnisse produziert und reproduziert werden (C. Jöchner mit Bezug auf D. Gregory und J. Ury). In zahlreichen Projekten des DAI, die sich mit Architektur und der Gestaltung von Lebensräumen beschäftigen, kann der dynamische Raum-Begriff zur Anwendung kommen. Innerhalb dieses breiten Spektrums konzentriert sich das Forschungscluster 3 auf solche Projekte, die sich mit politischen Räumen beschäftigen. Darunter werden Räume verstanden, die im Rahmen der Organisation von Gemeinschaften und Gemeinwesen konkrete Funktionen übernehmen. Diese Definition entspricht am ehesten der von H. Arendt entwickelten Vorstellung vom politischen Raum als Handlungssphäre der „vita activa“, wobei das politische Handeln auf eine „freie Gestaltung und Veränderung des Gemeinwesens abzielt“ (W. Köster). Aus Sicht der archäologischen Forschung können Lagerplätze steinzeitlicher Jägergemeinschaften ebenso als politische Räume gelten wie die Agorai griechischer Poleis. Gemeinsame Fragestellung ist, wie Räume zu Trägern politischer Organisation wurden. Letztere umfaßt den Zugriff auf Ressourcen und die Hierarchisierung von Gesellschaften ebenso wie die Ausprägung und Exekution politischer Macht und den Umgang mit symbolischen Formen.
Die Hauptaufgabe der einzelnen Projekte besteht zunächst in der Rekonstruktion der Räume im oben definierten Sinn, wobei sich je nach Epoche und Überlieferungssituation eine sehr unterschiedliche Detailliertheit der Rekonstruktion möglich ist. Während unter idealen Bedingungen, wie z.B. in den Vesuvstädten, die Chance besteht, anhand des archäologischen Befundes den Prozeß der Ausprägung politischer Räume nachzuvollziehen, ihre Ausstattung in die Interpretation mit einzubeziehen und durch die Verteilung beweglichen Inventars oder in Gestalt von Selbstzeugnissen (Wandinschriften u.ä.) sogar die Benutzer faßbar werden, stehen andernorts zunächst nur die Raumhülsen selbst zur Verfügung. Um trotz dieser sehr heterogenen Basis einen vergleichbaren Querschnitt zu erhalten, bietet es sich an, in einem ersten Schritt nach den konstituierenden Elementen der zu analysierenden Räume zu fragen. Ausgehend von der Prämisse, daß vor der Verbreitung der wissenschaftlichen Geographie und der allgemeinen Zugänglichkeit maßstabsgerechter Karten seit der frühen Neuzeit eine natürliche, d.h. lineare und prinzipiell eindimensionale (=hodologische) Orientierung vorherrschte, gilt es nach den markanten Punkten und Strecken zu fragen, anhand derer man sich orientierte und die zugleich die Räume konstituierten. Erst im Anschluß an die Rekonstruktion der jeweiligen hodologischen Schemata kann der Beitrag analysiert werden, den die so gestalteten Räume und Territorien zur Ausprägung politischer Strukturen leisteten.
In einem ersten Workshop im Dezember 2006 wurde die methodische und inhaltliche Ausrichtung des Clusters diskutiert und die Terminologie präzisiert. Weiterhin konnten vier Forschungsfelder definiert werden, denen sich die einzelnen Projekte des Forschungsclusters zugeordnet haben. Dabei können einzelne Projekte in mehreren Forschungsfeldern vertreten sein. Die Forschungsfelder sind folgendermaßen gegliedert:

Forschungsfeld 1: Erschließung und Nutzung
Die im Forschungsfeld „Erschließung und Nutzung von Räumen“ vertretenen Projekte kennzeichnet eine beträchtliche geographische Spannweite. Sie reicht von Mitteleuropa, über Italien, Griechenland, Kleinasien, das nördliche Schwarzmeergebiet, Kaukasien, die arabische Halbinsel, Ägypten bis nach Marokko. Dem entsprechend unterschiedlich stellen sich auch Qualität und Struktur der archäologischen Daten dar, wie z. B. das Verhältnis von Siedlungsfunden zu Grabfunden einschließlich ihrer Auswertung und Veröffentlichung. Zu berücksichtigen ist ferner, dass die Sozialstrukturen in den jeweiligen Untersuchungsgebieten unterschiedlich differenziert sind. Vor diesem Hintergrund ist die Variabilität der sich in archäologischen Daten spiegelnden Vorgänge von Erschließung und Nutzung keine Überraschung. Die Vielfalt eröffnet Möglichkeiten für vergleichende Untersuchungen. Im Zentrum des Interesses steht die Frage, wie stark die verschiedenen Faktoren (Naturraum, Wirtschaftsweise, Land- und Wasserwege, Rohstoffvorkommen, Politische Organisation, Religion) wirken und welche Wechselwirkungen bestanden.
Die meisten Vorhaben betrachten die archäologischen Daten nicht isoliert, sondern aus einer landschaftsarchäologischen Perspektive. Der übereinstimmende Ansatz bietet zudem gute Voraussetzungen für die Diskussion der eingesetzten Methoden. Deren Entwicklung ist in Archäologie und Naturwissenschaften ohne Austausch und Diskussion in wissenschaftlichen Netzwerken nicht zu verfolgen; der im Forschungsfeld 1 begonnene Erfahrungsaustausch markiert einen hoffnungsvollen Auftakt.
Forschungsfeld 2: Grenzen
Räume als Träger der politischen Organisation menschlicher Gesellschaften formen Grenzen. Vor dem Hintergrund allgemeiner und abstrakter Bestimmungsmöglichkeiten von Grenzen mit den semantischen Feldern Begrenzung, Entgrenzung und Grenzüberschreitung in den heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften werden im Forschungsfeld 2 speziellere Verwendungen des Begriffs Grenze als geschichtswissenschaftliche Kategorie diskutiert mit dem Ziel, hinreichend plastische Vorstellungen von kulturellen Grenzen zu entwickeln. Hierzu sind Verbindungen zwischen den konkreten und sichtbaren Interaktionssträngen zu der Metaphorik von kultureller Differenz, Fremdheit und Anderssein aufzuzeigen.
Im ersten Arbeitstreffen ergab sich für die im Forschungsfeld vertretenen Projekte eine Untergliederung in solche, die sich mit Grenzen zwischen ähnlichen, und jenen, die sich mit Grenzen zwischen unterschiedlichen politischen Räumen befassen.
Forschungsfeld 3: Urbane Räume
Urbane Räume sind komplexe Gebilde, die durch die vielschichtigen Bedürfnisse und Verhaltensmuster organisierter Gemeinwesen bestimmt werden. Die Verwirklichung politischer, wirtschaftlicher, religiöser, sozialer und kultureller Anliegen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen führt zu dem Prozeß der Formation urbaner Räume, die in unterschiedlichster Weise gestaltet werden können. Für die Kommunikations- und Interaktionsprozesse sind öffentliche Räume für das gesellschaftliche und politische Leben notwendig. Nicht nur Nutzbauten, Straßen, Plätze und infrastrukturelle Einrichtungen wie die Wasserversorgung formen den urbanen Raum, sondern auch Häuser, Ehrenmonumente und Nekropolen.
Die im Forschungsfeld 3 vertretenen Projekte sind chronologisch und räumlich weit gespannt und reichen von der hethitischen Hochkultur bis hin zu spät- und nachantiken Anlagen, mit einem gewissen Schwerpunkt in der Klassischen Antike im östlichen und westlichen Mittelmeerraum. Den gesellschaftlichen und kulturellen Unterschieden entsprechend vielfältig sind die Lösungen, die in der Gestaltung des urbanen Raumes beobachtet werden können, wobei aber gewisse Einzelkomponenten wie Straßen und Verkehrsflächen, sakrale Anlagen, öffentliche Begegnungsräume sowie Räume der Macht und Machtrepräsentation als solche immer vorhanden sind. Daneben steht der mehr oder minder deutlich abgrenzbare private Bereiche der Häuser und Gräber.
Forschungsfeld 4: Orte der Herrschaft
Wie jedwede Art menschlichen Handelns vollzieht sich Herrschaft im Raum. Sie manifestiert sich an konkreten Stellen, die als „Orte der Herrschaft“ bezeichnet werden können. Herrschaft wird dabei verstanden als zielgerichtete Ausübung konzentrierter Macht zur Ordnung einer oder mehrerer Gesellschaften. Sie ist es, die den politischen Souverän – seien dies Einzelne, Gruppen oder die Gesamtheit – ausmacht. So lassen sich „Orte der Herrschaft“ allgemein definieren als Orte, an denen der politische Souverän im Dienste seiner Herrschaft präsent und/ oder wirksam ist. Die Herrschaft kann tatsächlich ausgeübt, aber auch bloß kommuniziert und inszeniert werden. Beides wiederum kann unmittelbar oder mittelbar erfolgen, ebenso wie die Präsenz des Souveräns unterschiedlicher Natur sein kann: er kann persönlich, durch Vertreter (Statthalter, Soldaten etc.), aber auch durch Symbole (Schriftdokumente, Architektur, Statuen etc.) präsent und wirksam sein.
Von den vielen denkbaren Formen von Herrschaft beschäftigt sich Forschungsfeld 4 – insbesondere auch in Abgrenzung zu Forschungsfeld 3 – mit der räumlichen Präsenz von Herrschaft überregionaler Natur. Methoden- und epochenübergreifend soll erörtert werden, welche Orte sich die jeweiligen Souveräne zur Ausübung und Kommunikation ihrer Herrschaft aussuchten und wie sie diese gestalteten. Vornehmliches Interesse gilt dabei der Frage, wie die verschiedenen Gesellschaften und Herrschaftssysteme bestimmte funktional bedingte Anforderungen in bezug auf Präsenz und Praxis von Herrschaft in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen historischen Horizont umsetzten. Dies soll auf der Basis von archäologischen Befunden und schriftlichen Quellen unterschiedlichster Art (Historiographie, Inschriften, Papyri etc.) diskutiert werden. So vermag z.B. die architektonische Gestaltung von Repräsentationsräumen Einblick in Herrschaftsverständnis und -praxis zu gewähren. Anhand von Schriftquellen lässt sich demgegenüber nachvollziehen, wie an konkreten Orten Herrschaft in Ritualen kommuniziert und von den Betroffenen empfunden und erfahren wurde. Ein solch interkultureller Vergleich der Darstellung von Herrschaft im Raum im Hinblick auf Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede verspricht neue differenzierte Einsichten in das Phänomen Herrschaft.
Am 17./18. Dezember soll die nächste Tagung des Forschungsclusters stattfinden, wobei die Forschungsfelder einzelnen Sektionen entsprechen. Die Moderatoren der vier Forschungsfelder werden bis zu dieser Tagung kurze Informationstexte zu den konkreten Fragestellungen und Zielen der Forschungsfelder erstellen. Weitere Tagungen sollen im Jahresrhythmus stattfinden.
FORSCHUNGSFELDER UND PROJEKTE
1. FORSCHUNGSFELD: Erschließung und Nutzung
Moderatoren: Ingo Motzenbäcker, Knut Rassmann
Taganrog und sein Umland
Ortwin Dally (Zentrale)
Dem Vorhaben zugrunde liegt die Annahme, dass ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Handeln und der Ausgestaltung von Räumen durch gebaute Grenzen besteht. Der gebaute Raum ist ein Resultat sozialer Interaktion; als solcher spiegelt er nicht nur soziale, sondern auch politische Entwicklungen wider. Im Rahmen des Projekts soll anhand von Taganrog und seiner Umgebung (Südrussland) der Zusammenhang zwischen politischen und sozialen Raumveränderungen in einer diachronen Perspektive verfolgt werden.
Als die griechische Kolonisation des Schwarzmeerraumes in der 2. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr einsetzte, gelangten griechische Siedler von der kleinasiatischen Mittelmeerküste auch an die Mündung des Don. Spuren einer frühen griechischen Siedlung haben sich bei Taganrog ca. 10 km westlich der heutigen Mündung des Flusses in das Asovsche Meer erhalten. Die Siedlung dürfte nach Ausweis der bislang bekannten Keramik gemeinsam mit oder kurz vor den Siedlungen von Berezan in der heutigen Ukraine und Histria im heutigen Rumänien noch im 7. Jh. v. Chr. gegründet worden sein. Sie ist in jedem Fall älter als die ersten griechischen Siedlungen und Kolonien am kimmerischen Bosporus, die um 580-60 v. Chr. gegründet worden sind. Die seit 2004 laufenden Bohrungen und Grabungen haben deutlich gemacht, dass die Siedlung mindestens bis zum späten 4./frühen 3. Jh. v. Chr. Bestand hatte. Angesichts der Ausgangslage – die griechischen Kulturschichten liegen 3-5 Meter unter dem heutigen Bodenniveau und z. T. unter dem Sandboden des Asovschen Meeres in der Bucht von Taganrog begraben – ist es nur möglich, wesentliche topographische Eckpunkte der Siedlung zu ermitteln und Aussagen zu der Dauer ihrer Existenz und ihren wirtschaftlichen Grundlagen zu treffen. Aus diesem Grund ist geplant, die Untersuchungen auszudehnen und die Arbeiten in Taganrog in einen größeren Kontext zu stellen.
Zum Zeitpunkt der Gründung von Taganrog waren die angrenzenden Steppengebiete und das Dondelta schon existente Lebens- und Wirtschaftsräume. Bereits in der späten Bronzezeit hatte sich ein System aus Siedlungen, die möglicherweise von halbsesshaften Nomaden nur temporär genutzt worden sind, gebildet. Grabhügel (Kurgane), die im Dondelta bereits seit der frühen bis mittleren Bronzezeit zu beobachten sind, haben das Bild der Landschaft geprägt. In der späten Bronzezeit kam es jedoch zu signifikanten Veränderungen: Parallel zu der Anlage von Siedlungsplätzen wurden größere Grabhügel als sichtbare Exponenten einer neuartigen sozialen Stratifizierung errichtet. Die Kurgane lagen nicht mehr wie noch in der mittleren Bronzezeit unmittelbar in den Flussniederungen, sondern auf Terrassen oberhalb der Flüsse Don und Myus. Zum Zeitpunkt der griechischen Gründung scheinen die meisten der bronzezeitlichen Siedlungsplätze verlassen gewesen zu sein, erst in der Folgezeit, d. h. im 5.-4. Jh. v. Chr., kommt es offenbar zur Neugründung von Siedlungen auf der westlich von Taganrog gelegenen Halbinsel am Myus Liman und im Dondelta selber. Viele, aber offenbar nicht alle bronzezeitlichen Kurgane wurden verstärkt seit dem 5. Jh. v. Chr. für Sekundärbestattungen genutzt.
Die skizzierten Veränderungen sind Zeugnisse für unterschiedliche soziale Gruppen und sich wandelnde politische Verhältnisse. Im Rahmen des Projekts soll aufgrund von Untersuchungen in Taganrog und seiner Chora verfolgt werden, wie unterschiedliche Siedlungsräume demarkiert worden sind. Wie werden sie gegenüber der Steppe be- oder entgrenzt vor und nach der Gründung von Taganrog? Wie wird durch die Kurgane das Umland von Taganrog symbolisch markiert? Welche Kurgane wurden gezielt für Sekundärbestattungen genutzt? Welche Veränderungen lassen sich bei der Anlage der deutlich sichtbaren Grabhügel in Zusammenhang mit den sich ändernden Siedlungsaktivitäten am Myus Liman von der Spätbronzezeit an bis zum 4. Jh. v. Chr. beobachten? Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Zusammenhag nicht nur den Gräbern und Siedlungsplätzen, sondern auch den Verkehrswegen.
Ansprechpartner: PD Dr. Ortwin Dally (E-Mail: od@dainst.de)
Die Siedlung von Castellina Vecchia – Herrensitz oder Vorposten?
Olaf Dräger (Abteilung Rom)
Projektziel ist die Erforschung einer etruskischen Siedlung in ihrem räumlichen Umfeld während des ersten vorchristlichen Jahrtausends.
Der Ort:
Die Wüstung Castellina Vecchia liegt im Chianti, und zwar auf einem Höhenzug im Norden von Siena, der sich nordsüdlich zwischen den Flusstälern der Elsa einerseits und des Arbia beziehungsweise des Ombrone andererseits erstreckt. Die Fundstelle ist mitsamt ihrem näheren Umfeld ein unverbautes und im jüngsten Bebauungsplan der heutigen Gemeinde Castellina in Chianti als denkmalgeschützt ausgewiesenes antikes Habitat, das bisher nur oberflächlich untersucht wurde. Soweit es heute im Gelände erkennbar ist, hat es die Größe von etwa einem halben Hektar. Als befestigter Hügel gleicht es damit einem großen Gehöft oder Herrensitz nach dem Muster der Ansiedlung von Murlo. Es gibt jedoch Hinweise, dass die Bevölkerung schon früh deutlich größeren Umfang hatte, und der Platz kann vermutungsweise als Akropolis angesprochen werden, die zumindest phasenweise den Kern einer größeren Ansiedlung bildete. Der Ort war vermutlich bereits seit archaischer Zeit bewohnt.
Etruskische Siedlungen:
Bisher werden für die Erforschung der materiellen Kultur der Etrusker primär Grabbefunde und fallweise Heiligtumsfunde genutzt. Viele Fragen der Raumordnung und Siedlungstopographie stehen angesichts äußerst spärlicher Sekundärquellen und geringer Befunde oft weitgehend im Raum der Hypothese. Siedlungskundliche Fragestellungen sind vor allem anhand des Sonderfalles der Planstadt Marzabotto und weniger anderer Fundorte diskutiert werden, wobei die gut erforschte Ansiedlung von Murlo für unser Projekt zahlreiche Vergleichspunkte bietet. Die Vorlage des Bandes „Il Chianti senese“ im Rahmen der Carta Archeologica della Provincia di Siena durch Marco Valenti bildet mit seiner mustergültigen Aufarbeitung der archäologischen Befunde im geographischen Umfeld des untersuchten Ortes eine optimale Diskussionsgrundlage.
Der Siedlungsraum von Castellina im Altertum:
Anhand von Funden kann eine frühe etruskische Akkulturierung des Gebietes schon im siebten Jahrhundert vorausgesetzt werden, in der von einer Urbanisierung am Ort noch nicht die Rede ist, sondern die Siedlungen des Chiantigebietes nach der gängigen Arbeitshypothese eher als Fürstensitze mit geringem Aktionsradius zu verstehen sind. Castellina muss in diesem Rahmen eine herausgehobene Bedeutung gehabt haben, wie das monumentale Fürstengrab von Monte Calvario zeigt.
Im Zuge der Genese der etruskischen Kultur im Siedlungsraum änderte sich das ökonomische System der seit der Bronzezeit dort nachweisbaren großräumigen Transhumanzwirtschaft zugunsten einer intensivierten Bodenbewirtschaftung, die ihrerseits erst die Voraussetzung für die Akkumulierung von Macht und Ressourcen in der Aristokratie schuf. Nachgewiesen ist speziell im Gebiet von Castellina anhand von Bodenfunden schon für die etruskische Periode der Weinanbau – sicher belegt bereits im vierten bis dritten Jahrhundert –, dessen Wert als Handelsgut in überregionalem Zusammenhang die Frage nach den Transportwegen aufwirft.
Am Ende des dritten Jahrhunderts, also nach dem Hannibalkrieg, wurden die zahlreichen befestigten etruskischen Höhensiedlungen im Chianti weitgehend aufgegeben. Die Ursachen dafür sind mangels Quellen bisher nicht konkret benennbar, dürften aber mit der Schwächung der raumordnenden Vormacht zusammenhängen. Dass Castellina dennoch als Ansiedlung fortlebte, möglicherweise unter verengten geographischen Horizonten, ist wahrscheinlich, sind doch in seinem Umfeld Nekropolen des späten ersten Jahrhunderts vor Christus nachgewiesen. Aufzuspüren sind archäologische Belege für die Besiedlung im zweiten und ersten Jahrhundert, die gegebenenfalls der Siedlungsstelle eine hohe strategische Relevanz in dieser Epoche vermutlich zurückgehender ländlicher Siedlungsdichte sichern können.
Erst im Hochmittelalter kann wieder sicher von einer Ansiedlung im Gebiet ausgegangen werden, als Markgräfin Matilde von Tuszien mit dem hier befindlichen Lehen Salingolpe im elften Jahrhundert zunächst den Grafen Guidi und später den Herren von Trebbio belehnte. Erst im fünfzehnten Jahrhundert wurde die bis heute bestehende Festung von Castellina in Chianti als florentinischer Vorposten gegen die Republik Siena errichtet.
Fragen und Hypothesen:
In Hinblick auf die archaische Zeit soll der ländliche Raum von Castellina durch den Bezug auf den Herrensitz als im praktischen Sinne strukturiert verstanden werden, und durch den Bezug auf das Fürstengrab im ideellen. Es stellt sich also die Frage nach den Formen räumlicher Sichtbarkeit und Sichtbarmachung der Territorialherrschaft im engen geographischen Gebiet. Dass eine solche Evidenz beabsichtigt war, beweist der monumentale Grabhügel von Monte Calvario, das einzige und weithin sichtbare Monumentalgrab weithin, mit Dimensionen, die denen des Habitats gleichkommen. An einem festen, weithin sichtbaren Punkt in entschiedener Distanz zum Siedlungskern selbst wird somit die Überlegenheit eines lokalen Fürstengeschlechts anschaulich demonstriert, wodurch mithin primär die Dominanz über das Territorium zur Anschauung kommt. Die Relation zwischen dem vermuteten Herrensitz und dem Fürstengrab soll und kann die Diskussion um die Akkumulation von Besitz und Macht auf Seiten der Aristokratie in der Frühzeit der etruskischen Kultur weiterführen.
Eine wichtige Grundfrage betrifft die Erschließung des Gebietes für den Transport, eine wichtige Voraussetzung für die Ressourcennutzung. Die Wegsamkeit ist gerade für diese Zone vermutlich schon in sehr früher Zeit gegeben, da das Hochchianti hier nordsüdlich von einer alten Höhenstraße durchzogen wird, die seit dem Mittelalter als Verbindung zwischen Florenz und Siena dient und in deren Nachfolge in etwa die Trasse der heute sekundären Staatsstraße 222 Chinatigiana steht. Ihre Bedeutung dürfte bereits in der Frühzeit hoch zu veranschlagen sein, als die benachbarten Flusstäler kaum gangbar oder querbar waren.
Für spätere Epochen steht vor allem die Rolle von Castellina im Rahmen von Verbindungen und Grenzziehungen im Vordergrund. Für das vierte und dritte Jahrhundert kann im Hochchianti ein System befestigter Höhensiedlungen, sogenannter Oppida (Cetamura, Poggio La Croce), angenommen werden, das vermutlich von der raumgreifenden übergeordneten Instanz des im Wachsen begriffenen Stadtstaates Faesulae (Fiesole) organisiert wurde. Für diese Periode ist von der Zielsetzung der Erschließung landwirtschaftlicher Ressourcen im Chiantigebiet seitens Fiesoles auszugehen, die sich in Konkurrenz zu Volterra vollzog. Auch in dieser Hinsicht ist der Vergleich mit dem in dieser Zeit bereits aufgelassenen Murlo wichtig, das offenbar außerhalb eines solchen Aktionsradius’ lag. Es wird davon ausgegangen, dass Castellina in dieser Phase die Rolle eines Vorpostens im Rahmen der Territorialordnung von Fiesole spielte.
Von zentraler Bedeutung für die Chronologie und die Entwicklungsgeschichte der Siedlung sind eine Untersuchung der Stadtmauer und die Suche nach einem bisher hypothetisch angenommenen zweiten Mauerring. Zu untersuchen ist, ob das Habitat die Gestalt verstreuter Einzelgehöfte hatte oder ob es eine geschlossene räumliche Form besaß, beziehungsweise wann eine solche entstand und welche Formen der räumlichen Binnenhierarchisierung zur Anwendung kamen.
Vorgehen:
Die seit 2006 im Gange befindliche Aufarbeitung von Archivmaterial, Altfunden, historischer kartographischer Dokumentation und historischen Quellen soll die Voraussetzung für die Untersuchungen im Gelände bilden. Dabei ist vor allem der Frage nach der genauen Lokalisierung des mittelalterlichen Salingolpe nachzugehen, das gegebenenfalls die Befunde der antiken Wüstung gestört haben könnte. Geplant ist nach georeferenzierter kartographischer Aufnahme, die Ausdehnung des Habitat und sein unmittelbares Umfeld sowie die Frage nach einem hypothetischen zweiten Mauerring mittels Surveys zu untersuchen sowie die erhaltenen Reste der rechteckigen Ummauerung des Hügels zu erforschen. Die Ergebnisse werden in einer georeferenzierten Datenbank zusammengeführt.
Kooperationspartner:
Soprintendenza Archeologica della Toscana
Museo Archeologico del Chianti Senese (http://www.museoarcheologicodelchianti.it)
Ansprechpartner: Dr. Olaf Dräger (E-Mail: draeger@rom.dainst.org)
Transformationsprozesse in Oasensiedlungen in Oman
Ricardo Eichmann, Jutta Häser (Orient-Abteilung)
Das Projekt „Transformationsprozesse in Oasensiedlungen in Oman“ wurde 1998 als interdisziplinäres Projekt initiiert. Das Ziel der archäologischen Untersuchungen war es, die historische Tiefe dieser Lebens- und Wirtschaftsform zu ermitteln und Veränderungen im Siedlungsbild zu erforschen.
Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass seit dem Beginn der sesshaften Lebensweise, die im Oman erst am Übergang vom 4. zum 3. Jahrtausend v. Chr. einsetzte, die Oasen die Basis der Wirtschaft liefern. Die naturräumliche Ausstattung ist im Oman so karg – und war es bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. –, dass nur dort, wo das Wasser der äußerst geringen Niederschläge sich in den Sedimentkörpern der Wadis sammelte, und dort wo es Quellen gab, Siedlungen gegründet werden konnten. Die umliegenden Felder und Gärten waren von Anbeginn auf künstliche Bewässerung angewiesen. Bislang gibt es nur ganz wenige Befunde, die etwas über diese bronzezeitlichen Bewässerungssysteme aussagen. Erst für die Eisenzeit – ab etwa 1000 v. Chr. – sind wir besser über das Wassermanagement informiert.
Diese auf ganz wenige Punkte beschränkte Lebensmöglichkeit hat essentielle Auswirkungen auf das politische System, und dies gilt für die gesamte Omanische Halbinsel. Erst in der frühen Neuzeit lassen sich größere politische Gebilde in dieser Region ausmachen, die aber auch dann ganz stammesorientiert und auf die Oasen konzentriert sind.
Im 3. Jahrtausend v. Chr. wird in mesopotamischen Keilschrifttexten der Begriff „Magan“ für diese Region verwendet. Kaufleute pflegten – meist über Dilmun/Bahrain – Handelskontakte mit Magan. Anziehungspunkt waren die dortigen Kupfervorkommen. Es handelte sich bei dem Begriff „Magan“ jedoch um die Bezeichnung einer Region und nicht um die eines Staates. Wir erfahren aus diesen Quellen auch nichts über die Verwaltung, die den Kupferhandel auf der Omanischen Halbinsel organisierte, und es gibt keine Erwähnungen eines irgendwie gearteten politischen Systems.
Am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. oder zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. brach der Kupferhandel zusammen und der Begriff Magan erschien nicht mehr in den schriftlichen Quellen. Ins Licht der Geschichte trat die Region zur Zeit des assyrischen Reiches. In Quellen, die unter Assurbanipal II. entstanden sind, wird ein König Pade im Königreich Qade mit der Hauptstadt I-s/z-k/q-e genannt. Diese Erwähnung findet sich im Zusammenhang mit Tributzahlungen an den assyrischen König. Doch nichts wird zu der Art oder Größe dieses Königreiches gesagt.
Unsere intensiven Geländebegehungen und ältere, vereinzelte Ausgrabungen haben an dem Ort Izki, der mit der genannten Hauptstadt I-s/z-k/q-e geglichen wird, keine Befunde erbracht, die auf eine zentrale Funktion des Ortes hinweisen. Und dieses Ergebnis gilt im Wesentlichen auch für alle Fundplätze des 3. Jahrtausends v. Chr. bis in die frühe Neuzeit. Es finden sich in keiner der Oasen Gebäude, die offensichtlich als Verwaltungszentren gedient haben, keine Paläste und auch keine Tempel. Es wurde trotz der Kontakte zu Mesopotamien einerseits und zur Indus-Kultur andererseits weder ein Schriftsystem entwickelt noch eines übernommen. Das bedeutet, dass selbst der Kupferhandel, der erhebliche Ausmaße hatte, ohne eine größere Verwaltung ausgekommen sein muss.
Die archäologischen Geländeuntersuchungen des Oasenprojektes wurden im letzten Jahr abgeschlossen und die Ergebnisse werden gerade formuliert, weshalb sie hier nur kurz als Thesen erläutert werden sollen.
Die Siedlungsweise im Oman ist aufgrund der besonderen – äußerst kargen – ökologischen Ausstattung punktuell. Siedlungssysteme von zentralen Siedlungen mit abhängigen kleinen Siedlungen sind nicht zu erkennen. Definierte Territorien sind ebenfalls nicht festzustellen. So kann ein Bild gezeichnet werden, das ganz von einer punktuellen Siedlungsweise geprägt ist. Neben dem Anbau von Feldfrüchten und Datteln gehört zur Wirtschaftsweise in einer Oase auch die Tierhaltung. Daraus lässt sich eine Art Territorium erschließen. Es könnte – so wie es traditionell im Oman geregelt ist – durch die Weideradien des Kleinviehs der einzelnen Oasen definiert gewesen sein. Doch wechselt dieses „Territorium“ je nach jahreszeitlichem Bewuchs. Da sich dieser vorwiegend entlang der Wadis erstreckt, ist dieses Territorium auch nicht so sehr flächig als vielmehr linear. Diese Wadis sind es auch, welche die Verbindungswege zu den Quellen und Brunnen in den Wadis selbst, aber auch auf den Hochflächen des Gebirges bilden, die lebenswichtig sind, weil dort das Vieh täglich getränkt werden muss. So scheinen also nicht so sehr die Flächen als vielmehr die Punkte (Siedlungen, Wasserstellen) und Linien (Verbindungswege) das Siedlungsbild und Aktionsschema zu bestimmen. Sie waren es vermutlich, die gegen Fremde verteidigt wurden, nicht das Territorium in ihrer Umgebung. Für die Verteidigung eines größeren Territoriums war auch die Anzahl der Siedler viel zu gering, und ein Zusammenschluss von Siedlungen zu einem größeren politischen, gemeinsam agierenden Gebilde lässt sich, wie gesagt, nicht erkennen.
Bei den Geländebegehungen des Oasenprojektes hat sich ein interessanter Befund abgezeichnet, der einen Hinweis gibt, dass den Wadis eine große Bedeutung beigemessen wurde. An den Zugängen zu den großen Wadis und speziell an solchen, die eine Verbindung zwischen Regionen herstellen, sowie entlang dieser Wadis, aber auch auf den Hochflächen, wo mehrere Wadisysteme zusammentreffen, wurden Gräber des 4./3. Jahrtausends v. Chr. errichtet. Sie sind eindeutig so angelegt, dass sie diese besonderen Geländepunkte markieren. Auch hier ist nicht das Abstecken eines Territoriums, d. h. einer Fläche, sondern vielmehr die Markierung eines Weges, d. h. einer Linie, zu erkennen. Schwierigkeiten ergeben sich allerdings dadurch, dass bis heute nicht geklärt werden konnte, welches Verhältnis zwischen den Erbauern der Gräber und den Bewohnern der Oasensiedlungen bestand. Es besteht noch kein Konsens darüber, ob sie älter als die frühesten Oasensiedlungen sind oder ob sie auch noch errichtet wurden, als die Oasensiedlungen schon bestanden. Die Gräber wurden aber in späteren Zeiten (vor allem in der Eisenzeit) wieder verwendet, und es finden sich auch in direkter Umgebung dieser Gräber eindeutig jüngere Grabanlagen. Dies weist darauf hin, dass auch in späteren Zeiten diese Wege und markanten Punkte von Bedeutung waren.
Trotz keiner erkennbaren siedlungsübergreifenden politischen Organisation sind in den Funden, in der Architektur und auch in den Bestattungssitten große Übereinstimmungen zu erkennen. Damit wird deutlich, dass die Siedlungsweise zwar punktuell war, dass aber dennoch ein reger Austausch von Gütern und Informationen stattgefunden haben muss.
Ohne hier in einen Öko-Determinismus verfallen zu wollen, zeichnet sich die These ab, dass die ökologische Ausstattung auf der Omanischen Halbinsel stets – und zwar bis in die Neuzeit hinein – so karg war und die besiedelbaren Punkte so verstreut und entfernt voneinander lagen, dass sie der Bildung eines größeren politischen Gebildes entgegen wirkten. Dennoch scheint es vor allem im 3. Jahrtausend v. Chr. so etwas wie eine gemeinsame soziale und kulturelle Identität gegeben zu haben, die sich in der materiellen Kultur und den Bestattungssitten widerspiegeln. In späteren Perioden – besonders im 1. Jahrtausend v. Chr. – ist eine größere Diversität vor allem in den Bestattungssitten zu finden, die vielleicht einen Hinweis auf kleinere soziale Gruppen geben.
Die Erwartungen an das Forschungscluster bestehen in der Erweiterung der eigenen Erfahrungen im methodischen und theoretischen Bereich. Dies gilt besonders für Erklärungsmodelle von Siedlungsweisen und Sozialorganisationen in Kulturen, für die keine schriftlichen Quellen vorliegen.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Ricardo Eichmann (E-Mail: re@orient.dainst.de)
Dr. Jutta Häser (E-Mail: gpia@go.com.jo)
Architektonische Ausgestaltung von Prozessionswegen ägyptischer Tempel
Veronica Hinterhuber (Zentrale)
Die Untersuchung basiert auf der Frage, wie sich Veränderungen im Kultbetrieb als Resultat gewandelter machtpolitischer Situationen in der Nutzung und Ausgestaltung von politischen Räumen widerspiegeln können und inwieweit sich in den Zutrittsregelungen zu Räumen gesellschaftliche Hierarchien manifestierten. In diesem Zusammenhang steht auch die Auseinandersetzung mit Ein- und Durchgangsbereichen als Öffnung gebende und zugleich Grenzen schaffende Bestandteile der Architektur, die nicht unbedeutend zur religiösen oder politischen Konnotation eines Raumes beitragen. Es sind gerade jene Bereiche eines Tempels, durch welche eine Differenzierung von „Außen“ und „Innen“, von „Hier“ und „Dort“ und somit eine Scheidung von profanum und fanum ermöglicht wird; die Signifikanz von Schwellenbereichen sollte demnach direkt proportional zu den Werten, die sich dahinter befinden, gesehen werden.
In Ägypten bildeten Feste seit jeher einen äußerst wichtigen Bestandteil des kollektiven, religiösen Geschehens. Aus der starken Abgrenzung zwischen der weltlichen Ebene und der Sphäre des Sakralen resultierte ein streng reglementierter Zugang zu den Heiligtümern. Die einzige Kontaktaufnahme der Bevölkerung mit der Gottheit erfolgte anlässlich des periodischen Auszugs der sichtbaren Manifestation des Gottes – dem Götterbild – aus dem Tempel im Rahmen hoher Feiertage. Für das Volk fand die Religion somit an den Festen statt, im Verlauf derer es entlang der Prozessionsstraßen und vor den monumentalen Tempeltoren auf das Erscheinen der Gottheit wartete, um diese auf ihren Wegen während der Prozession zu begleiten. Die ägyptische Sakralarchitektur spiegelt das Festgeschehen mit einer Fülle an verschiedenen Konstruktionstypen wider, die in den meisten Epochen der ägyptischen Geschichte anzutreffen sind. Eine erstaunliche Emphase des Festkultes kann jedoch in der ägyptischen Spätzeit beobachtet werden, wie eine in diesen Epochen gesteigerte Hinwendung zur Wahl bestimmter, explizit mit dem Prozessionsgeschehen verbundener Architekturformen zeigt.
Das Projekt (Promotionsvorhaben) widmet sich der Untersuchung jener in der späten ägyptischen Zeit verstärkt erbauten Konstruktionstypen, im Besonderen der Ein- und Durchgangsbereiche ägyptischer Heiligtümer, die als architektonische Reflektion eines gewandelten Kultbetriebes – bedingt durch die sich nun veränderte Stellung des Herrschers – gewertet werden sollen.
Der Ursprung dieses Wandels im Kultgeschehen mag in der Regierungszeit jener Könige von Kusch (Nubien) zu suchen sein, die als kuschitische oder 25. Dynastie im ausgehenden 8. und beginnenden 7. Jh. v. Chr. Ägypten regierten. Die Bauaktivität dieser Epoche, die sich in einer außerordentlichen Dominanz von Belegen aus Theben manifestiert, ist entgegen früherer Zeiten charakterisiert durch eine ausschließliche Fokussierung auf architektonische Konstruktionstypen, wie beispielsweise Kiosken oder Kolonnaden, die in der ägyptischen Sakralarchitektur primär mit dem Festgeschehen verbunden waren. Neben den genannten Bauwerken zeigten die Pharaonen der kuschitischen Zeit zudem eine bemerkenswerte Affinität zu Neu- und Umgestaltungen von Tempelpylonen und -toren an den vorderen Räumen der Heiligtümer und entlang der Prozessionsstraßen. Während die restliche Bautätigkeit durchgängig als Festarchitektur im Rahmen einer Reorganisierung thebanischer Tempelfeste nach den Wirren der vorangegangenen Dynastien gedeutet wird, beschränkte sich die klassische Forschungsmeinung darauf, die Baumaßnahmen an den Ein- und Durchgangsbereichen der Heiligtümer lediglich als unsystematische Reparaturen von Zerstörungen der ferneren oder nächsten Vergangenheit zu interpretieren, wodurch eine tiefere Beleuchtung dieses in der Spätzeit Ägyptens zu beobachtenden Phänomens verwehrt wurde. In einer vorhergehenden Untersuchung konnte eine solche Deutung nicht nur widerlegt, sondern vielmehr eine Interpretation der in der 25. Dynastie realisierten Arbeiten an den Toren und Pylonen als ein wichtiger Bestandteil des auf den Festkult ausgerichteten Bauprogrammes der Herrscher verifiziert werden. Die Signifikanz der liminalen Bereiche als Scheidegrenze zwischen der profanen und sakralen Sphäre und ihre daraus resultierende Bedeutung als markierende und gliedernde Elemente von Prozessionswegen wurde aufgezeigt. Dieser Sinngehalt war den Kuschiten deutlich bewusst und wurde, wie es scheint, auch in den nachfolgenden Dynastien und der griechisch-römischen Zeit mit Übergangsbereichen verbunden. Die Beobachtung, dass die Verlagerung der Bauaktivität auf die publikumswirksameren Festprozessionen keine alleinige Erscheinung der kuschitischen Zeit darstellte, sondern nach Ende dieser Dynastie eine Fortführung fand, ist Gegenstand der gegenwärtigen Untersuchung. Anhand einer Beleuchtung der bevorzugt gewählten Architekturformen und der favorisiert gefeierten Feste der nachfolgenden Zeiten, soll in diesem Projekt aufgezeigt werden, dass sich die seit der 25. Dynastie erkennbare Bedeutung des Festes als äußerst wichtiges, wenn nicht sogar primäres Mittel zur Ausübung liturgischer Vorgänge und religiöser Riten in den nachfolgenden Dynastien und dem ptolemäerzeitlichen Ägypten fortsetzte, wie die Tendenz einer besonderen Akzentuierung der vorderen Tempelbereiche und Prozessionswege – im Besonderen durch die Errichtung und Bearbeitung von Tempelein- und -durchgängen – in diesen Epochen zeigt.
Der Hintergrund dieser Fokussierung auf das Fest ist nicht zuletzt in der sich nun ändernden Stellung der häufigen Fremdherrscher der späten ägyptischen Zeit zu suchen, die den Festkult als wichtiges Medium der königlichen Repräsentation aber auch der religiösen Legitimation instrumentalisierten. Aus der Verlagerung des religiösen Geschehens auf die vorderen Tempelbereiche und der Lockerung der Zutrittsbestimmungen zu den Heiligtümern resultierte eine stärkere Einbindung der Bevölkerung in die liturgischen Vorgänge. Durch deren Ausübung konnte der Pharao seine Fähigkeit, als authentischer ägyptischer Pharao zu agieren, zeigen, sich aber auch gleichzeitig neben der weltlichen auf religiöser Ebene legitimieren. Die Idee auf das Medium des Festes zurückzugreifen, um ein derartiges religiös-politisches Programm umzusetzen, war ein faszinierender Schachzug der Herrscher. Architektonisch realisiert wurde dies durch die Festarchitektur, wobei die Durchgangsbereiche der Tempel, wie es scheint, eine nicht unbedeutende Rolle einnahmen.
Ansprechpartner: Veronica Hinterhuber M.A. (E-Mail: vh@dainst.de )
Mogador: ein phönikischer Außenposten und sein afrikanisches Hinterland
Dirce Marzoli (Abteilung Madrid), Josef Eiwanger (KAAK)
Übersicht:
Die Insel Mogador liegt im Atlantik etwa 1000 m vor der Hafenstadt Essaouira (Marokko). Sie ist ca. 600 m lang, 500 m breit und an ihrer höchsten Stelle 28 m hoch. Ihre steil abfallende schroffe Felsküste wird nur an der Südseite durch eine kleine Bucht unterbrochen. Die Insel beherrscht eine große, von Sanddünen umgebene Bucht, in die der Oued Qsob mündet. Die geographischen Gegebenheiten der Insel in der Meeresbucht stellen eine Ausnahme an der vorwiegend geraden marokkanischen Atlantikküste dar: sie bieten Vorteile für eine Besiedlung, für Anlegestellen und Hafenanlagen und schaffen Voraussetzungen für einen außergewöhnlichen Handelsknotenpunkt, wo afrikanische Karawanenwege mit Seerouten zusammentreffen, die bis ins östliche Mittelmeer reichen.
Während das Hinterland von Mogador archäologisch vollkommen unbekannt ist, haben die von A. Jodin zwischen 1956 und 1958 durchgeführten Ausgrabungen auf der Insel eine phönizische „Faktorei“ zum Vorschein gebracht, wohin ab der Mitte des 7. Jhs. v. Chr. Importe aus unterschiedlichsten mediterranen Regionen gelangt waren. Phönizische Keramik aus den südspanischen Zentren, aus Nordafrika ebenso wie solche zyprischer, chiotischer, milesischer und attischer Herkunft geben einen kaleidoskopartigen Eindruck von der Reichweite der Kontakte.
Auffallende Übereinstimmungen mit phönizischen Keramikproduktionen aus Cádiz und seinem Hinterland lassen eine enge Verbindung mit dieser westphönizischen Metropole vermuten. Auffallend sind Graffiti auf Amphoren und vor allem auf Tellerböden, die an der Zahl jeden anderen westphönizischen Fundplatz übertreffen. Einige sind Eigennamen, wobei es sich – soweit erkennbar – durchgehend um Theonyme handelt. Diese Funde sind von außergewöhnlicher Bedeutung, denn sie sind – mit denen von Lixus – die ältesten Schriftzeugnisse an der afrikanischen Atlantikküste. Besonders hoch ist bei der vorrangig „Roten Ware“ der Anteil an Lampen. Tongrundige Ware ist nur durch die zahlreichen Amphoren vertreten, bei denen die Form R1 vorherrscht. Unsicher ist, inwieweit das im Museum von Rabat deponierte Fundmaterial dem ursprünglichen Umfang entspricht, wie stark die Selektion war, wo (bzw. ob) handgemachte Ware und Sonderfunde aufbewahrt werden.
Bauliche Strukturen der phönizischen Besiedlungsphasen wurden bei den Ausgrabungen der 50er Jahre nicht beobachtet. Die Funktion des Platzes bleibt vorerst unbekannt.
Überregionale Bedeutung hatte die Insel auch zur Zeit von Juba II. Eine Villa mit Mosaikfußböden und qualitätsvolle Funde bezeugen es.
Erste Anhaltspunkte:
Erste Ergebnisse von Prospektionen (Februar/März 2005)
- Die Oberflächenbegehung der Insel erbrachte Funde, die mittelpaläolithische Silexgeräte, auffallend wenig phönizische, jedoch zahlreiche republikanisch- bis spätrömische, islamische, rezente und z. Zt. noch unbestimmbare Keramik, zahlreiche Tierknochen (Sonderfunde: Unterkiefer eines Geparden, Hornzapfen eines großen afrikanischen Büffels mit Sägespuren), Muschel und Meeres- wie Festlandsschnecken umfassen. Dabei sind Konzentrationen zu beobachten: römische und phönizische Funde im Südsektor der Insel, islamische im Nordsektor und mittelpaläolithische gemeinsam mit römischen im Nordostsektor. Eine Nekropole, die aus mindestens 24 Gräbern besteht, wurde im Nordsektor dokumentiert. Ihre Datierung ist vorerst unsicher, ihre Zuweisung mit großer Wahrscheinlichkeit islamisch.
- ca. 2/3 der Oberfläche der Insel wurden erstmalig vermessen. Die Arbeit wurde von dem Vermessungstechniker Chr. Hartl-Reiter durchgeführt. Der Plan mit den 1-Meter-Höhenlinien liegt vor. Das fehlende Drittel soll 2007 vermessen werden.
- Im Südsektor der Insel wurden drei für die geophysikalische Untersuchung bestimmte, mit einer dichten Macchia bewachsene Areale gerodet.
- Sieben archäologisch besonders interessant erscheinende Areale der Insel wurden mit Geomagnetik und Georadar prospektiert. Strukturen zeichnen sich in einer Tiefe zwischen 50 und 150 cm vor allem im südlichen Teil der Insel nördlich der natürlichen Hafenbucht ab. Hier könnte es sich um kleinräumige, terrassenförmig angelegte Häuser handeln, eine nähere Interpretation ist noch nicht möglich, der geophysikalische Bericht ist noch in Bearbeitung.
- Erste geomorphologische Untersuchungen wurden von H. Brückner und J. Lucas im Mündungsbereich des Oued Ksob, bei den Sümpfen im Nordosten von Essaouira und auf der Insel durchgeführt. Bereits im Gelände konnte die Verlagerung der Flussmündung festgestellt werden ebenso wie marine Sedimente im Bereich der Sümpfe nordwestlich von Essaouira. Sie bezeugen die – zeitlich freilich noch nicht bestimmbare – Ausdehung der Meeresbucht nach Osten. Spuren des veränderten Meersspiegels wurden u. a. auch an historischen Bauten dokumentiert, so an Borj Baroud, einer Ruine des 18. Jahrhunderts am südlichen Ufer der Bucht.
- Im Hinterland wurden Prospektionen durchgeführt. Die Provinz Essaouira ist ein archäologisches Neuland. Für das Verständnis der historischen Entwicklung, die zur phönizischen Niederlassung auf der Insel Mogador führte, ist die Kenntnis der Besiedlungs- und Landschaftsgeschichte der Region Essaouira ausschlaggebend. Dabei sollte nicht nur das gesamte Holozän Beachtung finden, sondern auch vorangehende Epochen, die durch Oberflächenfunde auf der Insel ab dem Mittelpaläolithikum belegt sind.
In einem Umkreis von ca. 30 km wurden zahlreiche archäologische Fundplätze dokumentiert. Sie lassen Abschnitte der Besiedlungsgeschichte der Region bis in das Epipaläolithikum verfolgen. Neben mehreren Höhlen und den bis ins Epipaläolithikum reichenden Oberflächenfunden in ihrem Umfeld, sind ein möglicherweise bronzezeitlicher Steinkreis (Grabanlage?) sowie große Schlackenhalden bei Ain el-Hajar am Fuß des Jebel el Hadid hevorzuheben. Hier wurden im November des Jahres geomagnetische und geoelektrische Prospektionen durchgeführt, deren Ergebnisse in Bearbeitung sind.
Erste Fragestellungen:
Die erste Kampagne galt Prospektionen, sodass noch keine aussagefähigen Ergebnisse vorliegen. Es können vorerst nur Fragen angeführt und mögliche Richtlinien gesetzt werden. Die kleine Insel ist einerseits ein in sich geschlossener, durch den dominierenden Atlantik scharf begrenzter Raum, anderseits ist sie nicht isoliert, sondern nur als Teil eines Großraumes zu verstehen, zu dem das Hinterland ebenso wie der Atlantik gehörten. Die extreme Lage am Rande der Antiken Welt 1000 km südlich der Säulen des Herakles, ihr offensichtlicher Bezug zu weit reichenden Handelswegen, ihre Funktion als Verbindung zwischen afrikanischen Karawanen- und atlantischen Seerouten lässt im 7. Jahrhundert v. Chr. Verbindungen entstehen, deren äußerste Posten im Vorderen Orient und in Zentralafrika liegen, wobei sich die Apoikía Gadir als westliche Vormacht abzuzeichnen scheint.
Die Insellage stellt für eine phönizische Niederlassung im Westen zwar eine Ausnahme, aber keinen Einzelfall dar, sie lässt sich für dieselbe Zeit u. a. mit Rachgoun (Algerien) und dem Cerro del Villar (Spanien) vergleichen.
Hafenstellen bzw. Anlegeplätze sind sowohl auf der Insel wie auch auf dem Festland ausfindig zu machen. Dafür sind archäologische, geomorphologische und submarine Untersuchungen geplant. Vergleiche mit vorrömischen Handelsplätzen an der westlichen Mittelmeer- und Altantikküste zeigen, dass bauliche Strukturen mit großer Wahrscheinlichkeit auch hier nicht zu erwarten sind. Es geht ausschließlich um den Nachweis von günstigen Anlegeplätzen.
Wie war die Insel gegliedert? Lassen sich unterschiedliche Nutzungsräume erkennen? Befand sich auf der Insel außer der Ansieldung auch eine phönizische Nekropole? Gehören die Häuser, die sich geophysikalisch im Südwesten nachweisen lassen, zu einer geplanten Anlage? Liegen bei den Bauten Einheitsmaße vor, welche auf die Ursprungsregion der Bauherren verweisen und auf die Verteilung des Besitzes schließen lassen?
Mit einem Heiligtum ist zu rechen, unter dessen Schutz sich die Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung abgespielt haben. Ein 1958 ausgegrabener (heute verschollener) Baitylus weist auf einen sakralen Bereich im Südwesten der Insel. Die breitrandigen Teller mit eingeritzten Theonymen, bei denen Astarte und Melqart vorherrschen, könnten hierfür ein weiteres Indiz darstellen.
Die Süßwasserversorgung mit all ihren sozialen und wirtschaftlichen Implikationen stellt eine offene Frage dar. Quellen sind bisher auf der Insel nicht ausfindig gemacht. Die Insel bietet keine Ressourcen. Auch für eine kleine Bevölkerungsgruppe war eine Versorgung von außen notwendig. Die Beschaffung von Getreide, Holz u. a. war über das Festland kontinuierlich zu gewährleisten. Die fischreichen Meeresgründe bieten Handelsgut (in punischer und römischer Zeit durch Garumamphoren belegt), das Salz die dafür notwendigen Konservierungsmittel. Waren die (nach geomorphologischen Kriterien in der Antike wahrscheinlichen) Salinen im Umfeld von Essaouira im Besitz der einheimischen Bevölkerung oder wurden sie von den Phöniziern bewirtschaftet? Verfügte die phönizische Faktorei über ein Territorium oder war sie in eine einheimische Siedlungskammer integriert? Sind hierbei Veränderungen im Laufe der Zeit geschehen? Lag außer der Ansiedlung auf der Insel eine weitere auf dem gegenüberliegenden Festland?
Es müssen die Handelswaren definiert werden, die den Kontakt zwischen den Phöniziern und der einheimischen Bevölkerung so begehrenswert machten. Das weithin verhandelte Elfenbein war sicher nur eine der wertvollen Waren, das bernsteinähnliche Harz der im Umland wachsenden tuya berberiska/citrus nicht das einzige schwer nachweisbare mögliche Exportprodukt. Auf die Bedeutung des Eisens und seiner Verarbeitung weisen Schlacken und Tondüsen, die bei den Ausgrabungen der 50er Jahre in Schichten der Mitte des 7. Jhs. v. Chr. zum Vorschein kamen. Die Untersuchungen der Schlackenhalden bei Ain el-Hajar am Fuß des Jebel el Hadid lassen Ergebnisse zur Herkunft der Erze erwarten, die auf der Insel verarbeitet wurden. Ein Vergleich mit gleichzeitigen phönizischen Niederlassungen im Westen lässt die räumliche Nähe zu Eisenerzvorkommen erkennen, wobei bei der geringen Produktion die Bedeutung der Technologie vorrangig erscheint.
Methoden:
Es handelt sich um ein internationales und interdisziplinäres Projekt, an dem bei der ersten Kampagne außer Archäologen, Geomorphologen (Prof. Helmut Brückner, Julius Lucas, Universität Marburg/Lahn) und Geophysiker (eastern-atlas, Berlin) teilgenommen haben, wobei für die kommenden Kampagnen, die nicht nur Prospektionen, sondern auch Ausgrabungen gelten sollen, auch Bauforschung und naturwissenschaftliche Disziplinen (u. a. Zoologie, Botanik) vertreten sein werden.
Es werden Satelliten- und Luftbilder ausgewertet: Veränderungen im Landschaftsbild und zahlreiche bisher unbekannte Siedlungsplätze sind bereits nach einer ersten Durchsicht zu erkennen.
Eine submarine Prospektion ist geplant, vorbereitende Studien sind im Gang.
Zusammenfassend:
Die Insel und ihr Umland, ihre Genese und Funktion, ihre Gestaltung und Entwicklung, ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung stehen in engem wechselseitigen Bezug zueinander. Ihre Besiedlungs- und Landschaftsgeschichte ist als dynamischer Prozess zu verstehen, der mit dem ersten Auftreten des Menschen in der Region beginnt und in der Neuzeit endet. Unter Berücksichtigung der Gesamtentwicklung wird die „Zeit der Phönizier“ besonders beachtet, weil sich in dieser Epoche durch den ersten direkten Kontakt fremder Kulturen kulturelle Ausprägungen mit besonderer Prägnanz fassen lassen. Sie betreffen u. a. die Nutzung, Gliederung und Gestaltung von Territorien, die Entfaltung gesellschaftlicher und politischer Strukturen, die Ausbeutung von Ressourcen, die Entwicklung von neuen Kommunikations- und Handelsformen.
Bei alldem ist zu beachten, dass es sich bei diesem Raum um ein archäologisches Neuland handelt.
Ansprechpartner:
PD Dr. Dirce Marzoli (E-Mail: marzoli@madrid.dainst.org)
Dr. Josef Eiwanger (E-Mail: eiwanger@kaak.dainst.de)
Landschaftsarchäologie in Südkaukasien:
Grabung und Prospektionen in der bronze-früheisenzeitlichen (16./15. -8.17. Jh. v. Chr.) Siedlung Tachti Perda / Ostgeorgien
Ingo Motzenbäcker (Eurasien-Abteilung)
Kaukasien bildet geographisch eine „Brücke“ und kulturell eine „Drehscheibe“, über die im Altertum Einflüsse zwischen den südlichen altorientalischen Zivilisationen einerseits und den nördlich des Gebirges beheimateten Steppenkulturen Eurasiens andererseits vermittelt wurden. Kaukasien ist geographisch durch das erzreiche große Kaukasusgebirge in eine Nord- und Südhälfte und durch die Flusssysteme von Kuban und Terek im Norden sowie Rioni und Kura im Süden in eine West- und Osthälfte gegliedert. In diesem geographischen Raster nimmt das Gebiet des heutigen Staates Georgien eine gewisse Schlüsselstellung ein. Eingebettet zwischen die Gebirge des Großen (im Norden) und Kleinen (im Süden) Kaukasus, im Westen begrenzt vom Schwarzen Meer, im Osten von den heutigen Grenzen der Republik Azerbajdžan, umfasst das Staatsgebiet der heutigen Republik Georgien jene Landschaften, die in archäologischer und kulturhistorischer Hinsicht als Schlüsselregionen verstanden werden dürfen, bilden diese doch im zweiten (mittlere und späte Bronzezeit) und im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. (ältere Eisenzeit) das nördliche „Hinterland“ zu den altorientalischen Zivilisationen der Hethiter, Mitanni, Assyrer, Urartäer, Meder und Perser.
Von nicht geringerem Interesse sind dabei selbstverständlich auch die Beziehungen zu den damals nördlich des Großen Kaukasus lebenden Stämmen, wie etwa den frühen Reiternomaden, z. B. den Skythen. Eine der Schlüsselregionen, die bezüglich dieser Fragen nach Akkulturationen, Transkulturationen und Migrationen, wie von der bisherigen Forschung postuliert, Auskunft geben kann, ist die östlichste georgische Provinz Kachetien. Diese Region im östlichen Südkaukasien bildet eine Siedlungskammer, die durch die Einzugsgebiete der Flüsse Iori im Süden und Alazani im Norden, die beide in den Kura (Kyros) münden, gegliedert wird. Dadurch ist die Verbindung nach Süden, nach Armenien, Ostanatolien, Azerbajdžan und Nordwestiran, somit in das zuvor erwähnte Siedelgebiet der Hethiter, Mitanni, Assyrer, Urartäer, Meder und Perser gegeben. Eine weitere wesentliche Frage ist die nach der Ausnutzung und Verteilung der in Kaukasien reichlich vorhandenen Rohstoffe, wie etwa Metallerzen und Obsidian, die über weite Strecken verhandelt worden sind.
Bevor jedoch diese Fragen sinnvoll beantwortet werden können, sind in dieser Region noch erhebliche chronologische Probleme zu lösen. Denn trotz der zahlreichen archäologischen Quellen, die gerade in Kachetien besonders reich sprudeln, und trotz jahrzehntelanger intensiver Forschungen bestehen insbesondere für die Chronologie des 2. Jahrtausends v. Chr. in diesem Raum noch erhebliche Unklarheiten. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf Grabfunde, die hier für die genannten Zeitperioden in die Hunderte gehen, während die archäologische Untersuchung von Siedlungen erst nach der welthistorischen Wende 1989/1990, nach dem Ende der Sowjetunion, durch die Beteiligung von ausländischen, besonders deutschen Wissenschaftlern intensiviert wurde. Denn Siedlungen, die über einen langen Zeitraum bewohnt waren, bieten die besten Voraussetzungen für die genaue Altersbestimmung von aufeinander folgenden Kulturphänomenen. Der für die gegenwärtigen Ausgrabungen und Prospektionen ausgewählte mehrschichtige Siedlungsplatz Tachti Perda bei der Stadt Dedopliscqaro in Kachetien erfüllt diese Bedingungen optimal, liegt er doch verkehrstechnisch und strategisch günstig. Von hier ließen sich die Wege nach Westen in Richtung der heutigen Stadt Tbilisi, nach Norden in das Alazani-Tal, nach Süden in das Iori-Tal und schließlich nach Osten zur Širaki-Hochebene kontrollieren. Zudem befindet er sich in Nachbarschaft zu zwei Bergheiligtümern, dem Gochebi-Berg im Norden und dem Elias-Berg im Osten. Die Siedlung besteht aus einem ca. 20 m hoch aufragenden, ca. 200 m breiten trapezförmigen Hügel, der im Norden auf halber Höhe künstlich terrassiert worden ist, sowie aus einem nördlich vorgelagerten, mindestens 10 ha umfassenden Terrain.
Nach vorbereitenden Begehungen, Sondagen und Vermessungen in den Jahren 2002 und 2003 wird diese Siedlung seit Sommer 2004 systematisch ausgegraben. Der Hügel selbst umfasst mehrere mächtige Schichten der älteren Eisenzeit (10.-8./7. Jh. v. Chr.) sowie der späten und mittleren Bronzezeit (17.-1l. Jh. v. Chr.). Der hier bislang wichtigste Befund ist eine spätbronzezeitliche Mauer (ca. 14.-1l. Jh. v. Chr.), die rings um die Hügelkuppe führt. Neben einer Fundamentierung aus großen Kalksteinblöcken zeigt diese etwa vier Meter breite Maueranlage einen komplizierten Aufbau aus Lehm, Holzpfosten, Steinen und Lehmziegeln. Diese Mauer wie auch die Siedlung auf dem Hügel ist wahrscheinlich zum Ende der Bronzezeit Opfer einer verheerenden Brandkatastrophe geworden.
Sowohl diese Maueranlage als auch die imposante Topographie und die Größe des Platzes deuten darauf hin, dass es sich bei dieser Siedlung im Altertum um einen zentralen Ort von möglicherweise überregionaler Bedeutung gehandelt haben dürfte, der in eine befestigte „Ober-“ und „Unterstadt“ gegliedert war. Auch der Fundstoff (Keramiktypen, Bronzen, Obsidiangeräte) aller bislang erfassten Zeitstufen lässt Fernbeziehungen vor allem nach Süden, nach Armenien und Azerbajdžan, möglicherweise auch nach Iran erkennen.
Für derartige landschaftsarchäologische Untersuchungen sind moderne Prospektionsmethoden, wie geophysikalische Bodenwiderstandsmessungen und Erkundungen aus der Luft von besonderer Bedeutung. Deshalb wurden in Kooperation mit Dr. Baoquan Song, Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum, geophysikalische Prospektionen sowie eine erste Befliegung der Region durchgeführt. Mit geomagnetischen Messungen wurde im letzten Jahr der gesamte Siedlungshügel und in diesem Jahr dessen nördliches Umfeld erhellt (bislang insgesamt 7 ha). Die Geomagnetik-Messungen auf dem Terrain nördlich des Hügelfußes von Tachti Perda zeigten Spuren einer vorgelagerten Siedlung mit Öfen sowie Stein- und Lehmbaustrukturen, welche durch Bohrkernanalyse bestätigt wurden. Nordwestlich dieses Areals konnte ein bereits teilweise ausgegrabenes Gräberfeld geomagnetisch untersucht werden. Dort zeigten sich Strukturen, die auf weitere bisher noch unentdeckte Gräber hinweisen. Aufgrund der getätigten Lesefunde, im wesentlichen charakteristische Keramikscherben, dürfte es sich dabei um ältereisenzeitliche Siedlungsreste handeln, die mit den oberen Schichten der „Oberstadt“ sowie den bereits bekannten Grabfunden aus der Nachbarschaft der Siedlung korrelieren. Durch die erste Befliegung konnten zwischen der Širaki-Hochebene, dem Fundort Tachti Perda und der modernen Stadt Sighnaghi auf einem ca. 500 Quadratkilometer großen Areal bereits bekannte Fundstellen aus der Luft dokumentiert werden; aber auch bislang unbekannte Bodendenkmäler wie Höhensiedlungen oder Hügelgräber wurden entdeckt und fotografiert.
Methoden:
- Fortsetzung der Ausgrabung mit Schwerpunkt auf die durch die geomagnetischen Messungen erkannten Strukturen,
- ergänzende geomagnetische Messungen in den noch nicht erfassten Bereichen des Nordterrains,
- eine intensive Befliegung des Geländes um die Siedlung Tachti Perda. Die neuen Luftbilder sowie die älteren, im Luftbildarchiv des „Instituts für Archäologische Forschung“, Tbilisi, vorhandenen, sollen zum Aufbau eines Archäologischen Informationssystems auf der Grundlage eines GIS eingesetzt werden. Im Anschluss daran soll die individuelle Visualisierung ausgewählter Objekte bzw. eine 3D-Modellierung des Arbeitsgebietes (hybride Landschaftsmodellierung) vorgenommen werden, und zwar nicht als medienwirksame Präsentation, sondern als heuristisches Mittel zum Verständnis der Raumbezüge.
Einbindung in Cluster 3:
Da das Ziel der Untersuchungen ist, exemplarisch die natürlichen, ökonomischen und symbolischen Strukturen einer definierten Mikroregion im späten 2. Jt. v. Chr. hinsichtlich Grenzen (ummauerte „Oberstadt“; Tachti als Marke), sozialer Hierarchien (Zentraler Ort) und symbolischer Raumbezüge (Höhenheiligtümer) zu erfassen, erklärt sich sein Bezug zu Forschungsfeld 1 „Erschließung von Räumen“ in Cluster 3, in dem hier spezifische archäologische Objekte in schriftloser Zeit in einer definierten Region, die sich im Spannungsfeld zwischen altorientalischen Zivilisationen einerseits und den Kulturen der eurasischen Steppen andererseits befinden, räumlich zu verorten sind.
Ansprechpartner: Dr. Ingo Motzenbäcker (E-Mail: imo@eurasien.dainst.de)
Der Kerameikos von Athen und seine Straßen: Raum, Verwendung, Entwicklung und Denkmäler
Wolf-Dietrich Niemeier, Ivonne Kaiser, Jutta Stroszeck (Abteilung Athen)
Lage:
Das heute unter dem Namen Kerameikos bekannte Ausgrabungsgelände umfasst nur einen kleinen Teil des antiken Demos Kerameis, der sich von der Agora bis zur ca. 3 km entfernten Akademie erstreckte. Im Ausgrabungsgelände des Kerameikos ist ein Teil der antiken Stadtmauer erhalten, die den „inneren Kerameikos“ vom „äußeren Kerameikos“ teilt. Durch die Mauer führten im Abstand von 40 m zwei Tore, das Heilige Tor und das Dipylon. Die Heilige Straße und die Kerameikos-Straße verbinden den „inneren“ mit dem „äußeren“ Kerameikos.
1. Die Heilige Straße
Die Heilige Straße im Bereich des Heiligen Tores ist eng mit der Geschichte des Heiligen Tores verknüpft. Themistokles ließ das Heilige Tor im Zusammenhang mit der neuen Stadtmauer 479/478 v. Chr. errichten. In diese Zeit fällt auch die durch das Tor vorgegebene architektonische Fassung der Heiligen Straße, auf welcher sich die Prozession vom und zum ca. 20 km entfernten Heiligtum der Demeter in Eleusis bewegte. War das Gebiet des Kerameikos vor den Perserkriegen hauptsächlich Nekropole, so wurde mit dem Bau der Stadtmauer und -tore und der damit einhergehenden Anlage der Straßen der politische Raum der Polis Athen nach Westen erweitert.
Die Grabungen an der Heiligen Straße im Bereich des Heiligen Tores wurden von 2002 bis 2005 durchgeführt, während ihre wissenschaftliche Auswertung noch andauert. Anlass für die Grabungen war zunächst die Klärung von Datierungsfragen zu den Bauphasen des Heiligen Tores für die Publikation desselben durch Dr. Gerhard Kuhn (Marburg). Die bei diesen Grabungen 2002 unter der themistokleischen Straße zutage gekommenen archaischen Skulpturen, u. a. ein Kouros, bestimmten die Fragestellungen der darauf folgenden Kampagnen. Es zeigte sich, dass die Heilige Straße nach Westen hin nicht nur viele Ausbesserungen von Fahrspuren und dergleichen aufwies, sondern auch durch massivere Bauaktivitäten gestört war. So fand sich unmittelbar vor dem Heiligen Tor stadtauswärts, inmitten der Heiligen Straße gelegen, eine unterirdische Wasserreinigungsanlage, aus der durch eine Brunnenöffnung Wasser geschöpft werden konnte. Diese steht wahrscheinlich in Zusammenhang mit einem um 410/400 v. Chr. zu datierenden Altar, der an der Stelle des um 300 v. Chr. erbauten Proteichismas stand. In die Zeit der Erbauung des Proteichismas fallen auch die Verfüllung der Wasseranlage und die Demontage des Altars.
Fragestellungen:
- Die archaischen Skulpturen dienten in ihrer Zweitverwendung zur Befestigung der Furt über den Eridanos. Es bleibt die Frage nach dem ursprünglichen Aufstellungsort der Skulpturen zu klären, die aufgrund ihres Gewichtes nicht von sehr weit transportiert worden sein konnten. Gab es also schon in archaischer Zeit Grabbezirke, wie wir sie sonst erst aus dem 5. und 4. Jh. v. Chr. kennen, in unmittelbarer Umgebung der Heiligen Straße?
- Ist die unterirdische Wasserreinigungsanlage für kultische Handlungen am direkt daneben gelegenen Altar gebaut worden?
- Welche politische Motivation führte dazu, dass der an prominenter Stelle gelegene Altar nicht mehr genutzt wurde und stattdessen das Proteichisma errichtet wurde?
- Wie griff die Brunnenöffnung der Wasserreinigungsanlage inmitten der Heiligen Straße in den Alltag der Straße ein, die zum Transport von Menschen, Wagen und Vieh diente?
- Wie wurden die Denkmäler am Straßenrand wahrgenommen? Bedeuteten diese Denkmäler, dass auf der Straße mehr Aktionsraum für einzelne Gruppen geschaffen wurde? Wie interagierten diese Gruppen, so dass die eigentliche Funktion der Straße als Verkehrsweg bestehen blieb?
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dr. h. c. Wolf-Dietrich Niemeier (E-Mail: niemeier@athen.dainst.org)
Dr. des. Ivonne Kaiser (E-Mail: kaiser@athen.dainst.org)
2. Die Kerameikos-Straße vor dem Dipylon
Begriff:
Der Begriff Kerameikos wird in klassischer Zeit auf das Areal der Straße zwischen Akademie und Agora bezogen, seine Bedeutung ändert sich jedoch im Lauf der Zeit. Die deutschen Ausgrabungen im Kerameikosgelände (gemeint ist hier der neuzeitliche Kerameikos als archäologischer Park) bieten die Möglichkeit, einen Teil dieser antiken Straße zu untersuchen. Zum Gelände gehören das Stadttor, das über der Straße errichtet wurde, sowie ein ca. 150 m langer Abschnitt der Straße vor dem Tor einschließlich der Bebauung entlang des südwestlichen Straßenrandes.
Quellen:
Aus den antiken Quellen ist bekannt, dass entlang dieser Straße und vor dem Dipylon Gräber für Personen angelegt worden sind, deren Handlungen zu Lebzeiten auf ganz unterschiedliche Weise identitätsstiftende Wirkung für die Polis Athen hatten oder die sich sonst um die Stadt verdient gemacht hatten, darunter gefallene Athener, Feldherren, Politiker, Olympiasieger und berühmte Künstler.
Aussehen der Straße:
Die Kerameikosstraße war vor dem Tor mehr als 40 m breit. Das entspricht dem Abstand der Grenzsteine beiderseits des Dipylon vor der Stadtmauer. Diese Breite ist durch die Grabungen von Dieter Ohly auch noch 70 m vor der Toranlage archäologisch nachgewiesen. Im landseitigen Tordurchgang verengte sie sich auf 18 m.
Schon allein diese monumentalen Ausmaße unterscheiden diese Straße von allen anderen bekannten antiken Straßen: Normalerweise waren Straßen 3-5 m breit, seltener 8-10 m. Die große Hauptstraße in Alexandria war 30 m breit. Eine so breite Straße vor dem Haupttor einer Stadt war im Verteidigungsfall von Nachteil. Es müssen daher gewichtige Argumente für den Ausbau der Straße im letzten Viertel des 5. Jhs. gegolten haben.
Funktion der Straße:
Aus der enormen Breite der Straße ist klar, dass es sich hier nicht um eine normale Straße handeln kann, die nur die üblichen Funktionen hatte (Verkehrsweg für Reise und Transport). Verwaltet wurde der antike Kerameikos von der Stadt. Darauf weisen die Stelen mit der Inschrift ΟΡΟΣ ΚΕΡΑΜΕΙΚΟΥ hin, die um 350 v. Chr. entlang der Straßenränder aufgestellt worden sind. Die Polis war damit für alle Belange der Straße und der Bauten entlang der angrenzenden Straßenränder zuständig. Der von der Polis geschaffene und begrenzte Raum vor dem Dipylon stand den Bürgern für verschiedene Nutzungsweisen zur Verfügung:
Zum Beispiel war die Straße in ganzer Länge Veranstaltungsort von Agonen, im Besonderen von Fackelläufen, die unter anderem im Rahmen des Staatskultes der Panathenäen stattfanden und an denen das ganze Volk als Zuschauer beteiligt war. Auch bei anderen Staatskulten spielte die Straße eine Rolle, z. B. bei den Kultfesten für Dionysos Eleuthereus. An den im Lauf der Zeit entlang der Straße errichteten Grabdenkmälern wurden jährliche Gedenkfeiern abgehalten, z. B. fanden regelmäßig Riten am Polyandrion der Athener statt. Durch diese gemeinsam, z. T. auch unter Beteiligung der Frauen, vollzogenen Rituale wurden die Strukturen der athenischen Gesellschaft ausgedrückt und durch die Wiederholung dauerhaft gefestigt.
Archäologische Untersuchungen:
Die Ausgrabungen an der Kerameikosstraße wurden 1914 von Alfred Brueckner begonnen und mit Unterbrechungen, u. a. durch die beiden Weltkriege, bis 1974 fortgesetzt, sie sind aber großenteils unpubliziert geblieben.
Seit 1998 durchgeführte Nachgrabungen ergänzen die vorliegende Dokumentation mit dem Ziel der Publikation. Auf zwei besonders bedeutende Phasen bzw. Abschnitte in der Geschichte der Straße konzentrieren sich die Untersuchungen derzeit:
- Die durch Xenophon, Hellenika 2,4,33 bezeugten und von Alfred Brueckner wiedergefundenen Lakedaimoniergräber, die im Jahr 403 v. Chr. während des athenischen Bürgerkrieges am südwestlichen Straßenrand angelegt wurden. Besonders deutlich lassen sich an diesem Monument in prominenter Lage die Vorgänge in Athen, ein Jahr nach der Niederlage der Stadt gegen Sparta, zeigen, unter anderem
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an den durch die Grabungsphotos dokumentierten Beisetzungsriten sowie
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an den unpublizierten keramischen Bestandteilen eines Opfers, das an dieser Grabanlage dargebracht wurde.
Mit dieser Grabanlage wurde dem vormaligen Gegner aller Athener und aktuellen Bundesgenossen einer Bürgerkriegspartei ein Areal an prominenter Stelle eingeräumt. Dieser Vorgang ist im Einzelnen noch nicht ausreichend untersucht und gewürdigt.
- In der frühen römischen Kaiserzeit entstanden vor dem Dipylon – und, soweit bislang bekannt ist, ausschließlich vor diesem Tor der Stadt – mehrere monumentale Grabbauten in der Art der Grabbauten in Kifissia und Chalandri bzw. des Philopapposmonuments, also eines Grabtypus, der bis dahin in Athen keine Tradition hatte. In der Stadt galten vielmehr seit 317 v. Chr. strenge Auflagen bezüglich der Grabformen, die die Ausbildung aufwendiger Denkmäler verhinderten. Außerdem ist durch die Inschrift auf dem Epistyl eines solchen Grabbaues, die im Kerameikos gefunden wurde, die Bezeichnung „Heroon“ belegt. Die Auswahl des Platzes vor dem Dipylon ist sicher nicht zufällig und ist ohne die besondere Tradition dieser Straße und ohne die Funktionen, die sie – wenn auch verändert – weiterhin für die Bürger der Stadt hatte, nicht erklärbar.
Ansprechpartner: Dr. Jutta Stroszeck (E-Mail: stroszeck@athen.dainst.org)
Skythenzeitliche Eliten
Hermann Parzinger, Anatoli Nagler (Zentrale)
Die eurasische Steppe bietet beträchtliches Potential für Untersuchungen zu Forschungsfeld 1, der Erschließung und Nutzung von Räumen. Eine ideale Modellregion für derartige Betrachtungen ist das im Südosten des heutigen Kazachstan gelegene Siebenstromland, in dem ab 2008 ein umfassendes Forschungsvorhaben beginnen soll. Dabei handelt es sich um einen klar begrenzten Lebensraum mit einer einmaligen Konzentration von Denkmälern vieler Perioden. Im Gegensatz zu den offenen Steppen weiter Teile Eurasiens wird dieses Gebiet von fruchtbaren Flusstälern durchzogen, die eine landwirtschaftliche Entwicklung begünstigten. Das Nebeneinander von Viehzucht und Ackerbau dürfte die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Landschaft von Anfang an geprägt haben, doch ist es noch kaum erforscht, obwohl die naturräumlichen Voraussetzungen ein solches Nebeneinander geradezu bedingten. Hinzu tritt eine bevorzugte verkehrsstrategische Lage, die neben Gütertausch auch intensivere Kulturkontakte ermöglichte, und zwar von den Hochkulturen Chinas aus durch die Dsungarische Pforte und entlang des Ili-Flusses in den Südosten Kazachstans. Dort entstand in skythischer Zeit die sog. sakische Kultur.
Das Siebenstromland gehört zu jenen Regionen des eurasischen Steppengürtels, die in der Zeit des Reiterkriegernomadismus neben Grabanlagen auch Siedlungsstellen liefern und somit ein vielseitigeres Bild der archäologischen Überlieferung bieten als andere Teile der Steppe. Die Niederlassungen treten jedoch erst allmählich zutage und zeigen einmal mehr, dass die von der früheren Forschung skizzierten Bilder nur bedingt tragfähig sind. Es liegt eine kontinuierliche Kultur- und Siedlungsentwicklung besonders seit der Bronzezeit vor. Erst an ihrem Ende vollzieht sich jener tiefgreifende Wandel, den wir in nahezu allen Teilen des eurasischen Steppengürtels fassen: Reiternomadische Kulturverhältnisse entstehen, die ihren Ausdruck in einer teilweise veränderten Wirtschaftsform, besonders aber in einer beispiellosen sozialen Stratifizierung, sichtbar an monumentalen Grabanlagen mit prunkvollen Beigabenausstattungen, sowie in einer aus älteren Wurzeln erwachsenen neuen Kunstform, dem Tierstil, finden.
Die gesteigerte Mobilität der Reiternomaden bewirkte neue Formen des Raumverständnisses sowie der Erschließung und Nutzung von Räumen. Ein tieferes Verständnis davon, wie der Raum in Besitz genommen, strukturiert und genutzt wird, läßt den hinter dem Beginn des Reiternomadentums stehenden kulturellen Wandel besser begreifbar machen. Insbesondere die Verteilung von Kurgan-Gräberfeldern und die Erfassung der inneren Struktur großer, für ihre jeweilige Region zentraler Nekropolen wird wichtige weiterführende Einblicke gestatten, die durch die gezielte Ausgrabung einzelner Kurgane ergänzt werden sollen. Zentrale Frage wird dabei sein, wie sich das Auftreten neuer Eliten in der Gestaltung und Nutzung von Räumen auswirkt.
Ansprechpartner: Prof. Dr. Hermann Parzinger (E-Mail: praesident@dainst.de)
Pergamon: Eine hellenistische Residenzstadt und ihr Umland
Felix Pirson (Abteilung Madrid)
Zusammenfassung:
Die antike Stadt Pergamon an der Westküste Kleinasiens blickt auf eine bewegte Siedlungsgeschichte zurück, die den Wandel von Stadtformen unter wechselnden historischen Rahmenbedingungen anschaulich illustriert (3. Jh. v. Chr. – 14. Jh.). Im Mittelpunkt der aktuellen Arbeiten steht die Rekonstruktion der hellenistischen Stadt als Gesamtorganismus, so dass Genese und Nutzung verschiedenartiger urbaner Räume zukünftig im Rahmen eines übergeordneten Kontextes fassbar werden. Als Zeugnisse herrschaftlichen Machtanspruchs spielen dabei u. a. der Palastbezirk und die Befestigungsanlagen eine herausragende Rolle. Gleichermaßen bedeutend ist die Untersuchung des Straßensystems, der Einbindung von Großbauten wie Gymnasion und Agorai sowie die Nutzung des vorstädtischen Bereiches. Darüber hinaus soll der Blick auch auf das Umland der Metropole gerichtet werden, wo der gestaltende Einfluss der Pergamener in der räumlichen Organisation der Landschaft und der benachbarten Poleis deutlich zutage tritt. In diesem Rahmen sollen in zwei eigenständigen Projekten zunächst die Hafenstadt Elaia und die Landstadt Atarneus mit dem westlichen Kaikos-Tal untersucht werden. Zur Verwaltung des umfangreichen Datenmaterials aus den aktuellen Arbeiten und aus älteren Projekten ist eine komplexe relationale Datenbank entwickelt worden, die zum GIS ausgebaut wird.
Bezüge zum Forschungscluster 3:
Mit der Untersuchung der hellenistischen Polis Pergamon als Gesamtorganismus und von Schlüsselmonumenten, wie z. B. der „Eumenischen“ Stadtbefestigung, dem Gymnasion, den Agorai oder den Palästen, stehen politische Räume im Mittelpunkt des Projektes. Gleiches gilt für die Erforschung des Umlandes von Pergamon, die sich Fragen der symbolischen Markierung des Territoriums durch die Pergamener widmet. In beiden Projekten geht es zunächst um die Genese verschiedenartiger Räume (Territorium, Stadtorganismus, architektonisch definierter Binnenraum) aus Grenzen bzw. gebauten Raumhülsen, fester und beweglicher Ausstattung sowie Verhalten der Nutzer. Bei der Rekonstruktion der Räume spielt die Frage nach Betrachterperspektiven und nach Angeboten zur Orientierung im Raum eine zentrale Rolle. Im Anschluss daran gilt es, die Manifestation politischer Macht, die Etablierung gesellschaftlicher Hierarchien und das Verfügen über wirtschaftliche und militärische Ressourcen als räumliche Praktiken zu analysieren und zu interpretieren.
Aus Sondermitteln zur Förderung multidisziplinärer Grundlagenforschung am DAI wird seit 2006 in Pergamon ein Programm zum Einsatz von Geowissenschaften in der archäologischen Stadtforschung finanziert. Die dabei neu gewonnen Daten und die erweiterten Möglichkeiten ihrer Nutzung kommen Fragestellungen zugute, wie sie im Forschungscluster 3 behandelt werden. So erlaubt die Erstellung eines 3D-Modells unter Einbeziehung aktueller Grabungs- und Prospektionsergebnisse die Beurteilung der Zusammenhänge zwischen Naturraum und architektonischer Gestaltung der Stadt. Die geophysikalischen Prospektionen leisten Grundlagenforschung zum Straßenraster, das seinerseits ein zentrales Element für das Verständnis der räumlichen Gliederung der Stadt ist. Erst auf Basis der gemeinsamen Beurteilung von Topographie und Architektur sowie der Kenntnis städteplanerischer Parameter ist es möglich, nach den Kriterien zu fragen, die bei der Gestaltung politischer Räume in Pergamon zur Anwendung kamen. Durch die Verwendung desselben Geoinformationssystems bei den DFG-finanzierten Surveyprojekten „Elaia“ und „Die Chora von Pergamon“, die im Rahmen der Pergamongrabung durchgeführt werden, besteht in Zukunft die Möglichkeit, räumliche Bezüge zwischen Stadt und Umland dreidimensional darzustellen und diese Darstellungen auch für analytische Zwecke zu nutzen. Dabei könnte es z. B. konkret darum gehen, wie Straßen, Heiligtümer, Stadtbefestigungen oder auch Grabanlagen zur symbolischen Besetzung des Territoriums beigetragen haben.
Ansprechpartner: PD Dr. Felix Pirson (E-Mail: pirson@istanbul.dainst.org)
Spätaugusteische Stadtanlage von Lahnau-Waldgirmes
Gabriele Rasbach (RGK)
Seit 1993 untersucht die Römisch-Germanische Kommission in Waldgirmes eine römische Stadtanlage, die noch während ihrer Gründungsphase wieder aufgegeben wurde. Aufgrund von dendrochronologischen Daten und Münzfunden können die Spuren dieser Siedlung in die Zeit von 4 v. Chr. bis 9 n. Chr. (Niederlage der Römer unter Führung des Varus 9 n. Chr. in der „Schlacht im Teutoburger Wald“) datiert werden und damit in die Zeit römischer Eroberungszüge nach Germanien. Dabei handelt es sich nicht um eine militärische, sondern um eine zivile Anlage von rund 8 ha Größe.
Politische Räume und ihre Grenzzonen / Entwicklung von Herrschaftsstrukturen:
Für die Interpretation der römischen Germanienpolitik ist Waldgirmes in mehrfacher Hinsicht ein Fixpunkt: Zum einen bietet der Ort einen einmaligen Einblick in Vorgänge der Urbanisierung von Gebieten, die neu unter römischer Kontrolle standen, und damit die Einbeziehung der indigenen Bevölkerung in den politischen Raum einer (geplanten) römischen Provinz (Romanisierung). Zum anderen bietet die reiche Auswahl an Funden der einheimischen Bevölkerung Ansatzpunkte weit über das direkte Umfeld hinausreichende Beziehungen der Römer in die Germania magna aufzudecken. In den Jahrhunderten um Christi Geburt kommt es im rechtsrheinischen Mittelgebirgsraum vom Rhein bis zum böhmischen Becken zu Umformungen der eisenzeitlichen Kulturen (zu dynamischen Interaktionen zwischen Kelten, Germanen und Römern), die durch große Mobilität der Bevölkerung (Wanderungen, Kriegszüge) aber auch durch gezieltes römisches Handeln ausgelöst und beeinflusst wurden.
Waldgirmes liegt an einem Kreuzungspunkt mehrerer Wege, die den römischen Eroberern den Raum nach Osten öffneten. Aber auch das direkte Umfeld der römischen Stadt gilt es in den nächsten Jahren in die Untersuchungen einzubeziehen, denn nach Ausweis des Fundmaterials aus der Stadt müssen einheimische Siedlungen zwingend in der Nähe zu suchen sein. Dort wurden vermutlich auch Ressourcen bereitgestellt, die zur Versorgung der ersten Stadtbewohner notwendig waren.
Mit Archäobotanik, Pollenanalysen und Dendrochronologie werden zurzeit Hinweise auf die naturräumlichen Bedingungen um Christi Geburt in diesem Raum zusammengetragen, die nicht nur die landwirtschaftliche Nutzung des Umfeldes, sondern auch weit reichende Handelsbeziehungen zeigen. Die enge Zusammenarbeit der Naturwissenschaften an den Materialien aus Waldgirmes wird möglicherweise auch zu klimageschichtlichen Aussagen führen.
Herrschaftsarchitektur:
Die Baubefunde in Waldgirmes, vor allem das Zentralgebäude (Forum), regen die Diskussion um Militär- und zivile Architektur an. Wann entwickelte sich die Bauform der Principia und wurde zum Standard in römischen Militärlagern? Die Verwandtschaft von Forum und Principia wird am Beispiel von Waldgirmes offensichtlich. Diese in Waldgirmes aufgedeckte Herrschaftsarchitektur und der sich darin ausgedrückte Anspruch (u. a. auch mit mindestens einer lebensgroßen vergoldeten Reiterstatue) muss mit Regionen verglichen werden, in denen die Römer Kolonien errichteten. Wurden die Architekturprogramme aus dem Süden (z. B. Norditalien mit caesarisch-augusteischen Veteranenkolonien) auf den Norden übertragen?
Perspektive:
Der Fundort Waldgirmes trägt Wesentliches zum Verständnis des Übergangs der jüngereisenzeitlichen Kulturen in die ältere römische Kaiserzeit sowie der Ethnogenese der Germanen und damit der Veränderungen des politischen Raums zwischen Rhein und Böhmen bei. Zur methodisch breiten Grundlage tragen auch einschlägige Funddaten von Holland bis nach Böhmen bei, die auf der Grundlage von GIS-fähigen Karten ausgewertet werden. Dafür bieten z. B. die im „Corpus der Römischen Funde im Barbaricum“ zusammengetragenen Funde eine ideale Vorarbeit.
Ansprechpartner: Dr. Gabriele Rasbach (E-Mail: rasbach@rgk.dainst.de)
Siedlungsarchäologische Studien zur Frühbronzezeit am Südwestrand des Slowakischen Erzgebirges.
Untersuchungen zur Entwicklung der Metallurgie im nordwestlichen Karpatenbecken
Knut Rassmann (RGK)
Die Entwicklung der spätfrühbronzezeitlichen Siedlungslandschaft im nordwestlichen Karpatenbecken ist durch die Entstehung zahlreicher befestigter Siedlungen gekennzeichnet. Sie befinden sich in verkehrsgünstiger Lage in Nachbarschaft zu den reichen Erzlagerstätten der Nordwestkarpaten.
Hinweise auf das Aufblühen der frühen Metallurgie liefern Gräberfelder in der Slowakei, deren Metallreichtum innerhalb der europäischen Frühbronzezeit singulär ist.
Konkrete Hinweise auf die frühe Metallurgie liegen trotz zahlreicher Siedlungsgrabungen noch nicht vor. Unklar bleibt auch die Bedeutung der befestigten Siedlungen bei der Organisation der Kupfergewinnung und der Metalldistribution. Um dieser Frage nachzugehen, erfolgen vergleichende Forschungen auf ausgewählten frühbronzezeitlichen Fundplätzen in den benachbarten Fundlandschaften der Flusstäler von Žitava, Gran und Eipel.
In der Vergangenheit konzentrierten sich die slowakische und ungarische Forschung auf die befestigten Siedlungen bzw. Tellsiedlungen, ohne deren Umfeld zu berücksichtigen. Dieses Defizit wird durch die seit 2002 laufenden Geländearbeiten im Umfeld der befestigten Siedlungen ausgeglichen. Damit wird es einerseits möglich, die siedlungsgeschichtlichen Veränderungen in den unterschiedlichen Landschaften zu erfassen, und andererseits, diese Abläufe miteinander zu vergleichen.
Methoden:
Unsere Arbeiten stützen sich auf Untersuchungen ausgewählter Fundplätze und eine umfangreiche Prospektionstätigkeit. Ergänzend finden Sondagegrabungen auf ausgewählten Fundplätzen statt (Rybnik, Vrable). Die Prospektionen (Geländebegehungen, Bohrprogamme, Geophysik) schließen topographische Aufnahmen ausgewählter Siedlungsplätze ein. Umfangreiche geochemisch-bodenphysikalische Untersuchungen werden durch das Geographische Institut der Universität Heidelberg (Verantw. Prof. B. Eitel) durchgeführt.
Die geochemisch-bodenphysikalischen Methoden dienen der Erforschung der Mensch-Umwelt-Beziehungen und sollen insbesondere die anthropogenen Einflüsse auf den Wandel in der Landschaft untersuchen. Erst durch die Verknüpfung der bodengeographischen Untersuchungen mit der GIS-gestützten Auswertung der siedlungsarchäologischen Daten ist ein tiefer gehendes Verständnis der siedlungsgeschichtlichen Prozesse möglich.
Die geochemischen Untersuchungen bieten zugleich die Chance, Hinweise auf die zyklische Nutzung der Erzlagerstätten im Slowakischen Erzgebirge zu erlangen, die sich u. a. in Schwermetallkontamina-tionen in Geoarchiven spiegeln müsste. Um diesem Ziel näher zu kommen, werden potenzielle Geoarchive im engeren Umfeld der Erzlagerstätten von Pukanec nahe Rybnik prospektiert.
Die erhobenen Daten (Naturraum, Ausgrabungen, Prospektionen, naturwiss. Untersuchungen) werden in ein GIS eingearbeitet, verwaltet und mit raumbezogenen statistischen Verfahren ausgewertet.
Allgemeine Aspekte zum Cluster „Politische Räume“:
- Austausch über die eingesetzten Methoden (Prospektionsmethoden, GIS, naturwiss. Methoden).
- Diskussion des Problems der Herausbildung hierarchischer Systeme von Siedlungen (u. a. zentrale Orte, vgl. W. Christaller).
- Untersuchung der Wechselwirkung von Naturraum und Siedlungslandschaft, insbesondere der Bedeutung von Gunstfaktoren wie Bodenschätze, Bodengüte.
- Rekonstruktion von Grenzen in der Landschaft (politische Strukturen, Austauschsysteme, Verbreitungsmuster von Schmuck, Waffen und Werkzeugen).
Ansprechpartner: Dr. Knut Rassmann (E-Mail: rassmann@rgk.dainst.de)
Rekonstruktion der antiken Kulturlandschaften des Sarno-Beckens. Ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt mit Partnern aus Geowissenschaften und Altertumswissenschaften in Italien und Deutschland
Florian Seiler (Zentrale)
Die Ebene des Sarno in Kampanien bildet eine uralte Kulturlandschaft, die wegen ihrer besonderen naturräumlichen Vorzüge (geographische Lage, Wasserreichtum, äußerste Fruchtbarkeit des Bodens, günstige Klimabedingungen) spätestens seit der Bronzezeit von Menschen verschiedener Kulturen intensiv und kontinuierlich besiedelt wurde. Die Landschaft ist durch das häufige Auftreten von Naturereignissen (Vulkantätigkeit, Erdbebentätigkeit, Bradyseismus, hohe Sedimentierung) einem starken Transformationsprozess unterworfen, der durch anthropogene Einwirkungen (Abholzung, Trockenlegung, Landnutzung) noch potenziert wurde, und der zuletzt durch die moderne Urbanisierung der Ebene in dramatischer Weise beschleunigt wird. Die Lebensbedingungen in der Region sind also in besonderer Weise durch den Überfluss an natürlichen Ressourcen einerseits und die andauernde Bedrohung durch die Naturkatastrophen andererseits geprägt. Das Forschungsvorhaben nimmt sich vor, die Lebensverhältnisse des Menschen in der Antike in der Sarno-Ebene unter diesen ambivalenten Umweltbedingungen zu untersuchen und nach dem jeweiligen Siedlungsverhalten der sozialen Gemeinschaften im landschaftlichen Großraum über verschiedene Epochen hin zu fragen. Unter diesen umweltarchäologischen Aspekten werden die verschiedenen Siedlungsaktivitäten großräumlich klassifiziert, die Wechselbeziehungen der Siedlungen untereinander und in ihrer Abhängigkeit von den naturräumlichen Gegebenheiten analysiert. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Fragen der paläoökologischen Genese der Landschaft des Sarno-Beckens, der Siedlungsdynamik , der Nutzung und Verteilung der natürlichen Ressourcen, der ökonomischen Grundlagen, der Bewirtschaftung, der räumlichen Erschließung über Nah- und Fern-Verbindungswege und Wasserwege, der territorialen Abgrenzung, der sozialen und politischen Organisation, der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, der Lage und Beziehung der heiligen Orte zu Siedlungsräumen . Pompeji mit seinem immensen Informationsgehalt an Daten und Fakten der historischen Perioden und die neu ausgegrabene bronze- bis eisenzeitliche Fluss-Niederlassung Longola-Poggiomarino bilden zwar selbstverständlich Schwerpunkte im Rahmen der Untersuchung, doch werden genauso alle übrigen Siedlungsplätze und menschlichen Niederlassungen im Sarno-Becken berücksichtigt.
Diese komplexen fach- und epochenübergreifenden Fragen sind nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen und unter Beteiligung von Wissenschaftlern archäologischer, historisch-philologischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen zu bearbeiten. Die multidisziplinäre Vernetzung des Projekts ist immanent, da die Bearbeitung der geo- und naturwissenschaftlichen Faktoren der naturräumlichen Veränderungen vielfach erst die Voraussetzung für die Auswertung der archäologisch-historischen Fragen bildet. Aufgrund der ständigen Überformung der Landschaft stellen sich hier zudem besondere technisch-methodische Herausforderungen an die geoarchäologischen Untersuchungen. In der Regel liegen die antiken Kulturhorizonte unter meterhohen Tephra-Auflagerungen und Sedimenten verborgen und verlangen den Einsatz spezieller naturwissenschaftlicher Prospektions- und Analyseverfahren, um „sichtbar“ gemacht zu werden. Der Entwicklung und Anwendung geeigneter technischer Untersuchungsmethoden gilt daher ein besonderes Interesse innerhalb des Projekts.
Das Forschungsprojekt, das formell aus Kooperationen mit verschiedenen Institutionen und Wissenschaftlern in Deutschland und Italien besteht, hat das Ziel, die komplexen naturräumlichen und anthropogenen Veränderungsprozesse der Kulturlandschaften in der Sarno-Ebene auf der Grundlage geoarchäologischer Methoden zu untersuchen, die genetischen Vorgänge nach Epochen und Räumen zu beschreiben und die Ergebnisse in digitalen Rekonstruktionen von interpretierten Landschaftsmodellen darzustellen. Im Rahmen des Clusters „Politische Räume“ ergeben sich vielfältige Schnittstellen mit verwandten Projekten, zunächst wird jedoch von einer Mitarbeit im Forschungsfeld „Erschließung und Nutzung“ ein wissenschaftlicher Mehrwert erwartet.
Ansprechpartner: Dr. Florian Seiler (E-Mail fs@dainst.de)
Das „Gadara Region Project“ in Nordjordanien
Dieter Vieweger, Jutta Häser (Orient-Abteilung)
Das „Gadara Region Project“ in Nordjordanien wurde im Jahr 2001 von Prof. Dr. Dr. Dieter Vieweger, Leiter des Biblisch-Archäologischen Instituts in Wuppertal, initiiert. Das Ziel der Forschungen dieses interdisziplinären Projektes ist die Untersuchung der Geschichte der Region um den antiken Ort Gadara. Das Projekt basiert auf einer engen Verzahnung mit den archäologischen Forschungen in Gadara, insbesondere durch das Deutsche Archäologische Institut (A. Hoffmann, G. Schauerte, C. Bührig) und das Deutsche Evangelische Institut (U. Wagner-Lux, K. Vriezen). Nach intensiven Surveys in den südlich von Gadara gelegenen Tälern, dem Wādī el-‘Arab und dem Wādī ez-Zahar, im Jahr 2001 wurde der Tall Zirā‘a für eine Ausgrabung ausgewählt, mit der im Sommer 2003 begonnen wurde. Seit 2004 besteht eine Kooperation zwischen dem Biblisch-Archäologischen Institut in Wuppertal mit dem Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Amman unter der gemeinsamen Leitung der beiden Autoren.
Das Wadi al-‘Arab ist ein Gunstraum der Archäologie. In der Kontaktzone zwischen der Levante und dem syrisch-mesopotamischen Kulturraum gelegen, nimmt es in geopolitischer Hinsicht eine Schlüsselfunktion für Palästina ein. Hier lassen sich kulturelle Entwicklungen und politische Umbrüche – wie sie in Palästina häufig von den Kulturgebieten im Norden angestoßen wurden – besonders gut nachvollziehen.
Das Wadi al-‘Arab diente über Jahrtausende als Handelsweg zwischen Ägypten und dem Mittelmeer im Süden und Westen sowie Syrien und Mesopotamien im Norden und Osten. Es bietet aufgrund seiner Topografie die einzigartige Möglichkeit, den schwierigen Aufstieg vom Jordantal (hier bei 290 m unter dem Meeresspiegel) zum ostjordanischen Hochland (550 m über dem Meeresspiegel) ganz ohne Geländestufen und Engpässe bei drei Prozent durchschnittlicher Steigung in einer Länge von ca. 30 Kilometern zu bewältigen. Dieser Umstand zeichnete das Wadi al-‘Arab über Jahrtausende als bevorzugte Handelsroute aus.
Einer der größten Fundplätze im Wadi al-‘Arab ist der Tall Zirā‘a. Dieser Siedlungshügel war von der frühen Bronzezeit bis in die Neuzeit besiedelt. Er bildete in vielen Perioden das Zentrum des Siedlungsraumes. In hellenistischer und dann besonders in römischer Zeit fand mit der Gründung Gadaras in hellenistischer Zeit trotz der besonders guten strategischen Situation und der guten ökologischen Bedingungen eine Verschiebung des regionalen Siedlungszentrums statt.
Fragestellung im Hinblick auf das Cluster-Thema:
Neben vielseitigen Fragestellungen zu Siedlungsgeschichte, Landschaftswandel und Technik-geschichte wird auch untersucht, wie sich die politische Bedeutung ein und desselben landschaftlichen Raumes, d. h. der Gadara-Region, im Laufe von 5000 Jahren durch die Verlegung von Zentren und Wegesystemen veränderte. Dabei ist noch zu erforschen, welche Gründe es für diese Verlegung gab. Diese können u. a. in den Reaktionen auf Veränderungen der ökologischen aber auch der politischen Verhältnisse gelegen haben.
Interessant ist zudem die Frage nach den territorialen Grenzen, die sich ebenfalls über die Jahrtausende gewandelt haben. Für die Frühzeit der Besiedlung des Untersuchungsraumes dürfte man wohl eher von Einflusszonen als von eigentlichen Grenzen sprechen. Für die späte Bronzezeit und Eisenzeit wissen wir aus schriftlichen Quellen, dass diese Einflusszonen der politischen Gebilde und Zentren häufig wechselten. Sofern keine schriftlichen Quellen vorliegen, können die Einflusszonen nur aus verschiedenen archäologischen Befunden und topografischen Gegebenheiten (s. u.) erschlossen werden.
Methoden:
- Ausgrabung auf dem Tall Zirā‘a. Dabei wird besonderes Augenmerk auf Funde und Befunde gelegt, in denen sich die Siedlungsstruktur, politische Verwaltung und Kontakte zu anderen Räumen manifestieren:
- Siedlungsformen und Architektur (städtisch – dörflich; befestigt – unbefestigt; dichte Bebauung – offene Siedlungsform mit großen, unbebauten Flächen; repräsentative Gebäude; große Vorratseinheiten; kostenintensive Bauformen, überregionale Architekturformen, soziale Hierarchien)
- Wirtschaftsformen (Vorratshaltung, Importe, Tierknochen von unterschiedlichen Haustieren, Jagdwild; botanische Großreste von Nutzpflanzen)
- Technologien (Keramikproduktion, Metallverarbeitung, Technologietransfer)
- Handelssysteme (Wandel der Importe)
- Bezüge zu unterschiedlichen religiösen Vorstellungswelten (Götterfiguren, kultische Geräte, kultische Bauten)
- Verwaltungsstrukturen (Verwaltungsgebäude, Vorratseinrichtungen, Siegel, Schriftzeugnisse)
- Häusliche Inventare (Vorratseinrichtungen, Arbeitsvorrichtungen, Keramik, Steingeräte, Metallgeräte und -gefäße)
- Aufnahme aller Fundplätze (Siedlungen, Wirtschaftseinrichtungen, Bewässerungsanlagen) in der Untersuchungsregion zur Bestimmung ihres Bezuges zum Zentrum
- Geländeforschungen zur Aufnahme alter Wegesysteme
- Studium schriftlicher und archäologischer Quellen zu Nordjordanien, um andere Zentren und ihre gegenseitige Abgrenzung zu erkennen
- Verknüpfung mit den Forschungsergebnissen zur Stadtentwicklung in Gadara des DAI
- Auseinandersetzung mit der theoretischen Literatur zu Siedlungssystemen und Landschaftsarchäologie
Erwartungen an das Forschungscluster:
Von der Mitarbeit im Forschungscluster werden neue methodische Anstöße - besonders im Hinblick auf Erklärungsmodelle für die Veränderung von „Einflusszonen“ in nicht territorial klar umrissenen politischen Systemen - erhofft. Interessant ist zudem der Vergleich mit anderen Regionen, in denen in der hellenistisch-römischen Zeit ebenfalls ein eindeutiger Einschnitt in der Siedlungsstruktur zu erkennen ist.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dr. Dieter Vieweger (E-Mail: vieweger@uni-wuppertal.de)
Dr. Jutta Häser (E-Mail: gpia@go.com.jo)
2. FORSCHUNGSFELD: Grenzen politischer Räume
Moderatoren: Joachim Heiden, Claus-Michael Hüssen, Corinna Rohn
Räume als Träger der politischen Organisation menschlicher Gesellschaften formen Grenzen. Vor dem Hintergrund allgemeiner und abstrakter Bestimmungsmöglichkeiten von Grenzen mit den semantischen Feldern Begrenzung, Entgrenzung und Grenzüberschreitung in den heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften werden im Forschungsfeld 2 speziellere Verwendungen des Begriffs Grenze als geschichtswissenschaftliche Kategorie diskutiert mit dem Ziel, hinreichend plastische Vorstellungen von kulturellen Grenzen zu entwickeln. Hierzu sind Verbindungen zwischen den konkreten und sichtbaren Interaktionssträngen zu der Metaphorik von kultureller Differenz, Fremdheit und Anderssein aufzuzeigen .
Im ersten Arbeitstreffen ergab sich für die im Forschungsfeld vertretenen Projekte eine Untergliederung in solche, die sich mit Grenzen zwischen ähnlichen, und jenen, die sich mit Grenzen zwischen unterschiedlichen politischen Räumen befassen.
Gamzigrad (Teilaspekt: Umfassungsmauern)
Gerda von Bülow (RGK)
Siehe auch die allgemeine Darstellung zum Projekt Gamzigrad-Romuliana im 4. Forschungsfeld!
Fragestellung:
Die äußere Umfassungsmauer des ca. 200 x 200 m großen, um 300 n. Chr. entstandenen Kaiserpalastes von Gamzigrad ist ziemlich gut erhalten und wirkt auch heute noch sehr wehrhaft. Sie ist 3,60 m dick und mit 20 weit nach außen vorspringenden und relativ eng beieinander stehenden polygonalen Türmen besetzt. In der Mitte der Ost- und der Westseite befindet sich je ein Tor. Vor der torlosen Südseite der Anlage ist ein etwa 1,80 m tiefer Graben festgestellt worden, der nach stratigraphischen Beobachtungen zeitgleich mit der Mauer anzusetzen ist. In einem gewissen Gegensatz zu der wehrhaften Fernwirkung der Anlage steht ihr Erscheinungsbild bei näherer Betrachtung: Die Außenseiten der beiden Tore wirkten durch Nischen und reich gegliederte Scheinarkaden sowie reliefierte Bauglieder auf den Betrachter eher wie repräsentative Ehrenbögen denn wie verteidigungsfähige Festungstore. Durch archäologische Untersuchungen konnte in dem Turm südlich des Westtores eine mehrschichtige, nachpalastzeitliche Siedlungstätigkeit nachgewiesen werden. Diese widersprüchlichen Befunde werfen die Frage nach der tatsächlichen Funktion der monumentalen Umfassung des Palastes auf.
Methoden und Zielstellung:
Im Kontext von spätantiken Militäranlagen und von römischer und spätantiker Herrschaftsarchitektur aus verschiedenen Provinzen des römischen Reiches soll die Position von Romuliana bestimmt werden. In die notwendigen Untersuchungen muss auch eine detaillierte Analyse der älteren Umfassungsmauer einbezogen werden, die sowohl durch die Form der Türme wie auch in ihrer Gesamtkonzeption sich wesentlich von der heute noch sichtbaren Mauer unterscheidet.
Ansprechpartner: Dr. Gerda von Bülow (E-Mail: |