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GESCHICHTE
DES DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS
IM 20. JAHRHUNDERT
Sprecher:
O. Dally, C. Jansen, M. Linder
Stand: 3/2008
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Cluster 5
1. Einleitung und Ziele
2. Wichtige Literatur zur Geschichte des DAI im 20.
Jahrhundert
3. Einzelne
Projekte
3. 1.
Uta Dirschedl (DAI-Archiv)/Monika Linder
(DAI-Bibliothek):
Erfassung
und Erschließung der Bestände des
DAI-Archivs
3. 2. Christian Jansen:
Archäologie und Politik.
Das Deutsche
Archäologische Institut
zwischen Wissenschaft, Zeitgeist
und
auswärtiger Kulturpolitik 1900–1980
3. 3.
Frederick Jagust: Die Zentrale des DAI in Berlin –
Entscheidungsprozesse und
Finanzstrukturen von
der Zwischen- zur Nachkriegszeit
(1929–1979)
3. 4. Marie Vigener:
Archäologie und Öffentlichkeit –
Das
Deutsche Archäologische Institut in der
ersten
Hälfte des 20.
Jahrhunderts (1929–1979)
3. 5. Susanne Voss: Geschichte des
DAI-Kairo von 1907–1979
4. Weitere, mit Cluster 5 verbundene Projekte
Cluster 5 unterscheidet sich in mancher Hinsicht von den
übrigen Forschungsclustern: Er ist vom finanziellen Einsatz
und von der Zahl
der beteiligten ForscherInnen der kleinste Cluster. Ein weiteres
Spezifikum ist
die Zusammenarbeit von Archäologen und Zeithistorikern.
Schließlich hat er eine
gestaffelte Struktur: im Zentrum steht ein kleiner,
wissenschaftsgeschichtlicher Forschungsverbund in Berlin, der eng mit
den
Erschließungsarbeiten im Archiv zusammenarbeitet und mit
den diversen Cluster 5-Projekten in den
Abteilungen locker kooperiert.
1.
Einleitung und Ziele
Fragen nach der NS-Vergangenheit heute hoch angesehener
Institutionen werden in der Öffentlichkeit mit
großer Aufmerksamkeit und nicht
nachlassendem Interesse verfolgt. Das Institut ist sich der Tatsache
bewusst,
dass seine Geschichte während der NS-Zeit trotz einiger
Studien (z. B. von
Klaus Junker) noch nicht in befriedigendem Maße aufgearbeitet
ist, was
verschiedene Gründe hat. Das für die Zeit bedeutsame
Archivmaterial ist noch
keinesfalls vollständig ausgewertet, ja nicht einmal erfasst.
Wichtige, bislang
nicht gesichtete Akten sind im Archiv des Auswärtigen Amts, im
Bundesarchiv
Berlin, im Landesarchiv Berlin und anderen Archiven zu erwarten. Auch
die
Bestände des DAI-Archivs sind noch keineswegs systematisch
erfasst, geschweige
denn ausgewertet. Außerdem gibt es Hinweise auf heute in
Russland befindliche
Dokumente aus dem Bestand des DAI, die offenbar nach Ende des Krieges
dorthin
verbracht wurden.
Während die Geschichte des DAI bisher, meist im Zusammenhang
mit Institutsjubiläen, von wissenschaftsgeschichtlich
engagierten Archäologen
geschrieben wurde, wurde die Federführung bei der Untersuchung
der Geschichte
des DAI im 20. Jahrhundert im Rahmen von Cluster 5 mit Prof. Dr.
Christian
Jansen einem wissenschafts- und universitätsgeschichtlich
ausgewiesenen
Neuhistoriker übertragen und auch weitere
Forschungsaufträge in erster Linie an
Zeit- und Wissenschaftshistoriker vergeben. Dies geschah aus zweierlei
Gründen:
Erstens verfügen nur Fachhistoriker über die
nötigen Spezialkenntnisse, die für
den kompetenten Umgang mit der schwierigen Akten- und Quellensituation
unerlässlich sind. Zweitens muss eine Gesamtdarstellung der
Institutsgeschichte
im Kontext der Politik-, Wissenschafts-, Institutionen-, Rechts-,
Ideen-,
Mentalitäts- und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts
geschrieben werden.
Auch wenn das Ausgangsinteresse für die Beschäftigung
mit
der Geschichte des DAI die NS-Zeit betreffen mag, empfiehlt es sich aus
verschiedenen Gründen, den Fokus der Erforschung zu weiten.
Dabei scheint der
Zeitraum vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis etwa 1980 sinnvoll. Die
Studie
sollte also in der ausgehenden Kaiserzeit beginnen und mit der
150-Jahr-Feier
und der damit verbundenen Gründung der Kommission für
Allgemeine und
Vergleichende Archäologie in Bonn (heute Kommission
für Archäologie Außereuropäischer
Kulturen) im Jahre 1979 enden, die für die Arbeit des
Instituts den letzten
Schritt hin zu einer globalen, weltumspannenden
archäologischen Forschung
bedeutete. Diese Ausweitung des Betrachtungszeitraums ist notwendig,
weil die
aktuelle Zeitgeschichts- und insbesondere NS-Forschung keine Stunde
Null mehr
kennt. Sie ordnet vielmehr – mit hohem wissenschaftlichem
Ertrag – das Dritte
Reich in die Kontinuität der deutschen Geschichte des 20.
Jahrhunderts ein und
kann gerade dadurch sowohl die unbestreitbaren Brüche als auch
Kontinuitäten
präziser herausarbeiten. Insofern sollte auch in Bezug auf das
DAI die NS-Zeit
nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr gilt es, die Arbeit des DAI
in die
längerfristigen politischen Entwicklungen und Trends der
Forschung einzuordnen
und vor dem Hintergrund des wissenschaftlichen und politischen
Kontextes zu
analysieren.
Angestrebt wird eine von einem Zeithistoriker verfasste
integrierte Gesamtdarstellung der Institutsgeschichte von
1900–1979, die etwa
2010 abgeschlossen sein soll, und von zwei Dissertationen zu speziellen
Aspekten sowie von diversen Projekten zur Geschichte der
Auslandsabteilungen
flankiert werden wird (s. u. „Einzelne Projekte“).
Weitere Aspekte lassen sich
in begleitenden Workshops und Kolloquien vertiefen, die
anschließend ebenfalls
veröffentlicht werden könnten.
Ein Vorbild für die Untersuchung der Geschichte des DAI im
20. Jahrhundert kann die im Auftrag der Max Planck-Gesellschaft
durchgeführte
und abgeschlossene Untersuchung zur Geschichte der Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft
im Dritten Reich sein (vgl. http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/publications.htm).
Auch die DFG lässt seit einigen Jahren ihre Geschichte
zwischen 1920 und 1970
von unabhängigen Wissenschaftshistorikern erarbeiten, die ihre
Forschungspolitik während der NS-Zeit in die
längerfristigen Trends von
allgemeiner Politik und Forschung einordnen soll (vgl.
http://www.histsem.uni-freiburg.de/DFG-Geschichte/).
Ähnlich angelegte Vorhaben wurden in jüngster Zeit
begonnen. So ist auf
Beschluss des Akademischen Senats der Humboldt-Universität
2002 eine
Arbeitsgruppe beauftragt worden, sich mit der Rolle der Berliner
Universität in
der NS-Zeit zu befassen (vgl. http://ns-zeit.geschichte.hu-berlin.de/).
Und nicht zuletzt sei hier erwähnt, dass das
Auswärtige Amt, zu dessen
Geschäftsbereich das DAI gehört, eine
Historikerkommission eingesetzt hat, um
seine Geschichte während des Dritten Reichs entsprechend zu
untersuchen (vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/Geschichte/Historikerkommission.html).
Eine entsprechende Studie über das DAI wäre also
nicht nur um der Sache selbst
willen wünschenswert und könnte auf starkes Interesse
stoßen, sondern die
Entwicklungen innerhalb des Archäologischen Instituts lassen
sich mit Hilfe der
vielfältigen neueren Forschung besonders präzise
historisch einordnen.
Allerdings hat das Cluster 5-Projekt finanziell und personell einen
weit
bescheideneren Zuschnitt als die anderen genannten Forschungsvorhaben.
Alle Cluster 5-Projekte sollen in enger Abstimmung mit einem
Beirat aus Zeithistorikern und forschungsgeschichtlich arbeitenden
Archäologen
durchgeführt werden. Diesem wissenschaftlichen Beirat zum
Projekt „Geschichte
des DAI im 20. Jahrhundert“ gehören folgende
Archäologen und Zeithistoriker an:
A. Borbein, G. Brands, R. vom Bruch, O. Dally, N. Frei, S.
Hansen, H. Hassmann, C. Jansen, K. Junker, M. Maischberger, H.
Parzinger
(Vorsitz) und S. von Schnurbein.
2.
Literatur
- Altekamp,
Stefan: Klassische Archäologie und Nationalsozialismus, in:
Elvert, Jürgen (Hg.): Kulturwissenschaften
und Archäologie, Stuttgart:
Erscheinen nicht absehbar; Volltext unter: http://edoc.hu-berlin.de/oa/bookchapters/reD5IMz1lbPVM/PDF/291OSMHgfjGYo.pdf
- Bittel,
Kurt u. a. (Hg.): Beiträge
zur Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts 1929
bis 1979, Teil
1. Mainz
1979.
Dieser Band behandelt die Auslandsabteilungen des DAI; ein geplanter
zweiter
Band über die Zentrale ist nie erschienen.
- Dally,
Ortwin: Geschichte und Entwicklung des Deutschen
Archäologischen
Instituts, in: Mitteilungen des Deutschen
Archäologen-Verbandes
36 (2005), S. 39–51.
- Jansen,
Christian: The German Archaeological Institute (DAI) between
Transnational Scholarship and Foreign Cultural Policy, in: Fragmenta 2 (2008).
- Junker,
Klaus: Das Archäologische
Institut des Deutschen Reiches zwischen Forschung und Politik. Die
Jahre 1929
bis 1945. Mainz
1997.
- Meyer,
Hans: Der Rechtsstatus des Deutschen Archäologischen
Instituts.
Rechtsgutachten, in: Archäologischer
Anzeiger 2004/2, S. 155–220.
- Parzinger,
Hermann: Die Staatlichen Museen zu Berlin und das
Deutsche
Archäologische Institut. Rückblick und
Ausblick, in: Andrea Bärnreuther/Peter-Klaus Schuster (Hg.): Freistätte
für Kunst und
Wissenschaft. Die
Staatlichen Museen zu Berlin als Forschungseinrichtung.
Berlin 2007, S. 36–43.
- Rieche,
Anita (Hg.): Die Satzungen
des Deutschen Archäologischen Instituts 1828-1972. Mainz
1979.
3.
Einzelne Projekte
3.
1.
Uta
Dirschedl (DAI-Archiv)/Monika Linder (DAI-Bibliothek)
Erfassung
und Erschließung der Bestände des DAI-Archivs
Grundlage für
die
geplante neue Aufarbeitung der Geschichte des DAI im 20. Jh. im Rahmen
des
Clusters 5 sind die außerordentlich umfangreichen und
vielfältigen Materialien
in den Archiven der Zentrale sowie den Abteilungen und Kommissionen des
DAI.
Das zum 100.
Institutsjubiläum im Jahre 1929 als „Archiv zur
Geschichte der Archäologie“
gegründete, besonders bedeutende Archiv der Zentrale
beinhaltet ca. 250
Nachlässe von Altertumsforschern (Klassischen und
Vorderasiatischen
Archäologen, Prähistorikern, Bauforschern und
Ägyptologen) im Umfang von ca.
850 Archivkästen/150 lfm. mit mehr als 25 000
Gelehrtenbriefen, Tagebüchern, Manuskripten,
Zeichnungen, Photos etc. (vgl. Zentrale Berlin – Archiv:
‚Beständeübersicht’),
spezifische Materialien zur Institutsgeschichte, ihren Statuten,
Jubiläen und
Kongressen, die umfangreiche Altregistratur (Akten) des Instituts im
Umfang von
ca. 100 lfm. (wegen Kriegsverlusten erst seit den 40er Jahren
vollständig)
sowie eine Biographica-Sammlung zu Mitgliedern und Reisestipendiaten
des
Instituts.
Die
wissenschaftlichen Nachlässe mit dem Schwerpunkt Autographen
standen wegen
ihrer kaum zu überschätzenden Bedeutung für
die Wissenschafts-, Grabungs- und
Personengeschichte der Altertumswissenschaften seit fast achtzig Jahren
im
Mittelpunkt des Interesses und sind in großen Teilen
vergleichsweise gut
erschlossen, d. h. zu älteren Nachlässen liegen
maschinenschriftliche
Verzeichnisse verschiedener Erschließungstiefe vor, zu in
jüngerer Zeit
hinzugekommenen Nachlässen gibt es elektronisch verwaltete
Verzeichnisse/Findbücher. Ein großer Teil der
Gelehrtenbriefe ist durch ein von
Hertha Simon verfasstes, 1973 erschienenes gedrucktes Briefverzeichnis
erfasst
und Tausende der Briefe sind in sog. Regesten sogar inhaltlich grob
erschlossen.
Gänzlich
unerschlossen waren dagegen bislang die so umfang- wie
aufschlussreichen Akten
der Altregistratur, die für die Erforschung der Geschichte des
Instituts im
Rahmen von Cluster 5 eine außerordentlich wichtige Rolle
spielen und
eingehender Sichtungs- und Erschließungsarbeiten
bedürfen, um einen Überblick
über die Fülle der Akten zu bekommen, einen gezielten
Zugriff auf die für die
Forschungsarbeiten relevanten Akten zu ermöglichen und eine
möglichst
vollständige Auswertung gewährleisten zu
können.
Das Hauptaugenmerk
der laufenden Arbeiten im Archiv bei der Bearbeitung der bislang noch
gänzlich
unerschlossenen Bestände der
‚Altregistratur’ liegt auf den ca. 15 lfm.
umfassenden, kriegsbedingt z. T. stark beschädigten
(Granatsplitterdurchschüsse) und aufgrund von schlechter
Papierqualität und
Alter gefährdeten (versäuerten und
verbräunten) Akten der NS-Zeit. Zumal bei
der Beschäftigung mit der Institutsgeschichte des 20. Jhs.
diese Zeitspanne von
besonderem Interesse ist, auf der auch in den beiden Dissertationen von
F. Jagust
und M. Vigener sowie in dem biographisch angelegten Publikationsprojekt
von M.
Maischberger und G. Brands ein Schwerpunkt liegt. Im Mittelpunkt stehen
hierbei
Materialien des Präsidialbüros, Korrespondenzen mit
den Abteilungen und
Kommissionen, Protokolle der ZD und Sitzungsberichte, die vor allem in
die Zeit
der Präsidentschaft von Theodor Wiegand (1932–1936)
und Martin Schede
(1937–1945) fallen.
Betreut und beraten
werden bei ihren Recherchen im Archiv der Zentrale sowohl die
Historiker und
die Mitarbeiter des Clusters 5 in den Auslandsabteilungen (z. B. Rom,
Kairo,
Madrid) als auch die Autoren des Projekts
„Lebensbilder“ durch die Referentin
des Archivs, U. Dirschedl. Diese koordiniert auch die beiden dem
Historikerteam
mit Ordnungs-, Sichtungs-, Kopier- und Scann-Arbeiten zuarbeitenden
studentischen Hilfskräfte, S. Oaie und P. Wodtke.
Neben der
listenmäßigen Erfassung der relevanten Akten, der
Zusammenstellung von
Personenverzeichnissen mit bei der Recherche ständig
benötigten biographischen
Daten sowie dem elektronischen Erfassen
der bislang nur maschinenschriftlich vorliegenden Regesten
zu den
Gelehrtenbriefen in den Nachlässen (z. B. Wiegand) sowie diverser Verzeichnisse wird
derzeit ein in Zusammenarbeit mit allen
Beteiligten erarbeitetes Konzept zur
möglichst raschen und unkomplizierten elektronischen
Kurzerfassung der
Aktenbestände erprobt und umgesetzt. Die dafür
unerlässliche Definition von
‚Kernfeldern’ für diese Datenerfassung
wurde im größeren Rahmen diskutiert.
Die
Tätigkeiten im
Archiv der Zentrale für Cluster 5 reihen sich in die Arbeiten
bezüglich der
Bestandaufnahme, Aufarbeitung und Erfassung sämtlicher Archive
des DAI ein, die
vom Referat Bibliotheken und Archive (M. Linder) koordiniert werden.
Für die
Bestandsaufnahme wurden Aufstellungen der Archivmaterialien der
einzelnen
Abteilungen erarbeitet, die sich grob in drei Segmente aufteilen
lassen:
Nachlässe und Autographen, Altregistraturen und
Grabungsarchive. Vor allem die
beiden ersten Segmente enthalten nach einer ersten Durchsicht
interessante
Materialien für Cluster 5, die z. T. von den einzelnen
Abteilungen bearbeitet
werden und für die Erschließungsdaten partiell
vorliegen, meist in hand- oder
maschinenschriftlicher Form. Ziel ist für das gesamte DAI die
einheitliche, den spezifischen
alltäglichen Erfordernissen
der DAI-Archive entsprechende, nachhaltige elektronische
Erschließung
der Archivdaten sowie, soweit sinnvoll und möglich, die
Verknüpfung mit anderen
Daten des Instituts. Hierfür laufen derzeit Tests und
Evaluierungen. Darüber
hinaus wird ein Konzept für die dringend notwendige
Bestandserhaltung
erarbeitet.
Durch die
intensivierte Arbeit mit den Archivmaterialien kommt die Fülle
der darin
enthaltenen Informationen mehr denn je zur Geltung. Dies wird
verstärkt durch
den kontinuierlichen Austausch an Informationen unter den
Wissenschaftlern, die
in Cluster 5 oder den angrenzenden Projekten mitarbeiten, so dass der
Wissenstransfer auf diesem Gebiet ständig wächst.
3.
2.
Christian Jansen
Archäologie
und Politik. Das Deutsche
Archäologische Institut zwischen
Wissenschaft, Zeitgeist und auswärtiger Kulturpolitik
1900–1980
Im Mittelpunkt der Darstellung sollen zwei Aspekte stehen:
(1) die Entwicklung des DAI als transnationale und
transdisziplinäre
Institution und (2) die Politik des Instituts unter den wechselnden
politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland. Dabei
soll zwar
ein besonderes Gewicht auf die NS-Zeit gelegt, diese jedoch nicht
isoliert
werden. Die institutionelle Entwicklung des DAI und die Politik seiner
Führungsgremien sollen vielmehr im Laufe des ganzen 20.
Jahrhunderts (bis 1979)
kontinuierlich und vor dem Hintergrund ihres wissenschaftlichen und
politischen
Kontextes untersucht werden.
ad (1): Angesichts
der allgemeinen Ausdifferenzierung der Wissenschaften im 20.
Jahrhundert ist es
ein bemerkenswertes Spezifikum der institutionellen Entwicklung des
DAI, dass
es sich trotz der Ausdifferenzierung, die auch in den
archäologischen
Wissenschaften zu beobachten ist, als außerordentlich
integrativ erwiesen hat.
Um dies zu erforschen, sollen die Erweiterung der
Zuständigkeit des DAI von der
klassischen Archäologie bis heute zu weltweiter
archäologischer Forschung sowie
die immer größere räumliche und inhaltliche
Spannweite der Auslandsabteilungen
und Außenstellen einen Erzählstrang in dem geplanten
Buch bilden. Besonderes
Augenmerk wird dabei auf die Gründungsgeschichte
der verschiedenen Abteilungen gerichtet.
Das von seiner Gründung in Rom (1829) über die
Gründung der
ersten Auslandsabteilung in Athen (1874) ganz auf klassische
Archäologie
ausgerichtete Institut besetzte zu Beginn
des 20. Jahrhunderts
mit der Gründung der
„Römisch-Germanischen Kommission“
in Frankfurt/M. auch das Feld der „vaterländischen
Archäologie“, das bis dahin die Domäne von
Amateuren gewesen war und auf dem
die RGK nun wissenschaftliche Standards durchsetzen sollte. Zwar wurde
mit der
provinzialrömischen Archäologie zunächst nur
das der klassischen am nächsten
stehende Feld der „vaterländischen
Archäologie“ in den Forschungsbereich
des DAI integriert, und es entbrannte ein heftiger
Streit zwischen den „wahren“, meist
völkisch ausgerichteten Germanenforschern
und den „Römlingen“, wie die Mitarbeiter
der RGK in Anlehnung an
zeitgenössische, antikatholische Ressentiments genannt wurden.
Dennoch wurde
mit der RGK-Gründung 1902 der erste Schritt in eine Richtung
gemacht, die dann
in der Weimarer
Republik mit
einem
ersten großen Erweiterungsschub fortgesetzt wurde: 1925
weitete die RGK ihr
Tätigkeitsfeld auf ganz Deutschland aus und kam damit dem
großen öffentlichen
Interesse entgegen, das die Germanenforschung erregt hatte (bzw. trat
der politisierten
Germanenforschung entgegen – das wäre im Einzelnen
zu untersuchen). 1929 – zum
100. Gründungsjubiläum – wurde mit der
Aufwertung der 1907 unabhängig vom DAI
entstandenen Kairener
Abteilung zur dritten und der
türkischen Grabungskommission zur vierten Auslandsabteilung
ein Schritt zur
Erweiterung der Auslandsaktivitäten vorgenommen, der parallel
zur Aufwertung
der „deutschen Vorgeschichte“ eine institutionelle
Stärkung der orientalischen
Archäologie bedeutete. Mit diesem ersten
Erweiterungsschub erweist sich
die Zeit der Weimarer Republik als ungemein dynamische Phase in der
Geschichte
des DAI. Am Ende der Zwanziger Jahre integrierte das DAI die drei
damals
wichtigsten Zweige der archäologischen Forschung in
Deutschland: die Ur- und
Frühgeschichte, die orientalische und die klassische
Archäologie, die weiter
den Schwerpunkt der Institutsarbeit bildete.
Im Dritten
Reich
kam es zu heftigen Konflikten mit der nun institutionell stark
aufgewerteten
und von Teilen der NSDAP geförderten, völkisch
ausgerichteten Vorgeschichtsforschung.
Wie das Deutsche
Archäologische Institut
durch diese schwierige Zeit weitgehend unbeschädigt hindurch
kam, ist ein
Schwerpunkt des zweiten Untersuchungsstranges, der der Politik des
Instituts
gewidmet sein soll. Mit Blick auf die Transnationalität des
Instituts ist vor allem
die Gründungsgeschichte
der Abteilung Madrid im Jahre 1943 interessant, die in einem sehr
offensichtlichen Zusammenhang mit der Unterstützung des Reichs
für Franco im
Spanischen Bürgerkrieg und sein Regime nach dessen Sieg, insb.
mit den
Bemühungen zur Bildung einer kulturellen faschistischen
Internationale, zu
stehen scheint. Mit Blick auf die Transdisziplinarität des DAI
ist insbesondere
zu untersuchen, wie weit die Ausweitung der Institutsarbeit im Bereich
der Germanenforschung,
etwa im Zuständigkeitsbereich der Abteilung Rom, gegangen ist.
Allerdings ist
diese wohl nicht nur als Anpassung an den Zeitgeist zu interpretieren,
sondern
auch als eine erneute Erweiterung der Forschungsfelder unter dem immer
breiteren
Dach des Deutschen Archäologischen Instituts.
In der Nachkriegszeit setzte sich nach einer Krisen- und
Konsolidierungsphase seit den Wirtschaftswunderjahren der
Expansionskurs fort:
1955 wurde die Auslandsabteilung in Bagdad gegründet, 1961
eine weitere in
Teheran. Damit wurde nicht nur der orientalische Zweig in Richtung auf
eine
Gesamtschau der eurasischen Prähistorie ausgebaut, sondern es
wurden erneut
auch Marksteine in der deutschen auswärtigen Kulturpolitik
gesetzt, die nicht
allein archäologisch, sondern auch politisch-strategisch zu
verstehen sind.
Denn nach dem totalen Ansehensverlust Deutschlands in der
internationalen
Gemeinschaft schienen der kulturelle und wissenschaftliche Bereich am
besten
geeignet, allmählich das Ansehen Deutschlands in der Welt
wieder zu verbessern.
Dabei war die auswärtige Kulturpolitik als Teil der
Außenpolitik der
Bundesrepublik von Anfang an in die strategischen Planungen des
westlichen
Bündnisses integriert, zu deren Kernzielen die
Eindämmung des kommunistischen
Einflussbereichs (containment
policy)
gehörte. Hierbei galten Irak und
Iran als wichtige Regionalmächte, die im antikommunistischen
Sinne stabilisiert
werden sollten. Hinzu kam von deutscher Seite die Hallsteindoktrin, die
die
internationale Anerkennung des zweiten deutschen Staates
möglichst verhindern
sollte. 1967 wurde die 1951 gegründete Kommission für
Alte Geschichte und
Epigraphik (München) in das Institut integriert. 1978 wurde
eine „Station“ des
DAI in Sanaa (Jemen) gegründet. Den Endpunkt der in dem
geplanten Buch zu
untersuchenden Entwicklung des Instituts markiert die Bildung der
Kommission
für außereuropäische vergleichende
Archäologie (KAVA; heute KAAK = Kommission
für Archäologie Außereuropäischer
Kulturen) im Jahre 1979, die die weltweite
Zuständigkeit des Deutschen Archäologischen Instituts
für Grabungen deklariert.
Auch die datenschutzrechtlichen Restriktionen und Sperrfristen der
Archive
sprechen für ein Ende des Untersuchungszeitraums in den
späten 1970er Jahren.
Die Transnationalität und Transdisziplinarität des
Instituts
sowie die Gewichtung der verschiedenen Bereiche und Abteilungen lassen
sich
nicht zuletzt auch auf der Ebene der jeweiligen Etats, der finanziellen
und
personellen Ausstattung gewichten.
ad (2): Um die Politik des Deutschen
Archäologischen
Instituts zu untersuchen, erscheint es sinnvoll, sich nicht allein auf
die
Aktivitäten der hauptamtlichen Institutsbeamten zu
beschränken, sondern auch
die Zentraldirektion (ZD) als kollegiales Leitungsgremium und
Kontrollorgan in
den Blick zu nehmen, das schon im Namen einen Führungsanspruch
trägt und in dem
die universitäre Archäologie ihren Einfluss auf das
DAI ausübte. Dabei soll
einerseits in einem prosopographischen Zugriff die personelle
Zusammensetzung
hinsichtlich der wissenschaftlichen und politischen Ausrichtung der
ZD-Mitglieder sowie des Führungspersonals im
Längsschnitt untersucht werden. Andererseits
wird es um die Macht- und Einflussverteilung zwischen den verschiedenen
Instanzen im Laufe des 20. Jahrhunderts gehen: Welche Auswirkungen
hatte etwa
die Einführung des nationalsozialistischen
„Führerprinzips“? Kam es nach 1945
zu einer Demokratisierung der Führungsstrukturen?
Einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt bildet die
eigentliche Politik des Instituts, also sein Verhältnis zu den
jeweiligen
Regierungen und das Ausmaß der Politisierung von
Forschungsvorhaben und
Außendarstellung. Hier sind besonders die Reaktionen auf die
im 20. Jahrhundert
in Deutschland zahlreichen Umbrüche des politischen Systems
interessant, also
Anpassung und Resistenz gegenüber dem jeweiligen politischen
Zeitgeist. Dies
gilt vor
allem
für die
Zeit des Dritten Reichs
und Fragen, wie die Ausschaltung „nicht-arischer“
Institutsangehöriger oder
ZD-Mitglieder, die Kollaboration bzw. die Konflikte mit dem
SS-Ahnenerbe, dem
Amt Rosenberg und dem Kampfbund für Deutsche Kultur, die
Bereitschaft der
Institution bzw. ihrer Exponenten, „dem Führer
zuzuarbeiten“ (Kershaw) oder die
unterschiedliche antiliberale und autoritäre Ausrichtung von
DVP-Mitgliedern
über Deutsch-Nationale und Sympathisanten des Faschismus bis
hin zu Völkischen
oder Nationalsozialisten. Mit Blick auf die Auslandsabteilungen ist die
Zusammenarbeit mit der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) besonders
interessant –
mindestens in Rom und Athen waren die stellvertretenden Direktoren zugleich
AO-Funktionäre.
Für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die
Bundesrepublik sollen die Beziehungen zwischen der DAI-Führung
und der
Kulturabteilung im Auswärtigen Amt genau untersucht werden.
Einflussnahme bzw. Anpassung
haben in diesen „normalen“ Zeiten wohl nicht so
spektakuläre Formen angenommen
wie im Nationalsozialismus, aber das DAI wird sich dennoch
häufig an
strategischen Interessen seines Hauptgeldgebers orientiert und diese
auch in
manchen Aspekten mitgeprägt haben. In der Weimarer Republik,
nach der
Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem als
„Schmach“ empfundenen Versailler
Vertrag, scheint das DAI in einer sich selbst ausgrenzenden deutschen
Universitätslandschaft als transnationales Institut sich
maßgeblich um die
Aufrechterhaltung internationaler wissenschaftlicher Kontakte
bemüht zu haben –
nicht ohne dies dem Auswärtigen Amt gegenüber im
Kontext einer Revision des
Versailler Vertrags schmackhaft zu machen (z.B.
„Stärkung der Stellung
Deutschlands im Ausland gegen die französische Dominanz in der
Archäologie“).
Besonders stark dürften die Indienstnahme für
politische
Ziele des Reichs wie auch die Anpassungsbereitschaft seitens der
führenden
DAI-Archäologen während der beiden Weltkriege gewesen
sein. Im Zeichen des
„Burgfriedens“ und der Kulturpropaganda gegen die
„Feinde“ hat sich auch das
DAI mit populärwissenschaftlichen
Schriften
und anderen politischen Aktivitäten funktionalisieren lassen.
Als Indikatoren für den jeweiligen Zeitgeist und für
das
Ausmaß der Politisierung des DAI unter verschiedenen
Regierungsformen können,
frei nach der allgemein gültigen Erkenntnis, dass die
Begründung
wissenschaftlicher Vorhaben sich immer sehr stark an den (vermuteten)
Interessen der Geldgeber ausrichtet, die unterschiedlichsten Dokumente
der
Institutsarbeit herangezogen werden: etwa Forschungsanträge
des Instituts,
seine Verlautbarungen über spektakuläre Funde oder
abgeschlossene Projekte, die
Öffentlichkeitsarbeit zu langfristigen Kampagnen, aber auch
die von den
Empfängern der Reisestipendien nach ihrer Rückkehr
verfassten, ausführlichen
Berichte. Alle diese Textsorten dürften Anhaltspunkte
für das wechselhafte
Verhältnis zwischen politisch-gesellschaftlichem Zeitgeist und
der Begründung
archäologischer Projekte und der Präsentation der
Ergebnisse liefern.
3.
3.
Frederick
Jagust
Die
Zentrale des DAI in Berlin – Entscheidungsprozesse
und Finanzstrukturen von der Zwischen- zur Nachkriegszeit
(1929–1979)
Einleitung
Die Geschichte wissenschaftlicher Institutionen zu
erarbeiten ist in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Arbeitsgebiet
der
historischen Forschung geworden. Sei es die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft
als
Vorläuferin der Max-Planck-Institute oder die Deutsche
Forschungsgesellschaft. Einrichtungen
der Forschung und Forschungsförderung haben verstärkt
begonnen, sich mit der
kritischen Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit zu
beschäftigen.
Das Deutsche Archäologische Institut steht hier nicht
abseits und hat eine Reihe von Projekten auf den Weg gebracht, deren
Ziel es
ist, die Geschichte dieser altehrwürdigen Einrichtung der
deutschen
Wissenschaft näher zu beleuchten.
Dies fällt zusammen mit Bestrebungen im Bereich der
Archäologie, sich intensiv mit der Entwicklung dieser
akademischen Disziplin
und ihrer Rolle innerhalb der wechselnden politisch-gesellschaftlichen
Systeme
in Deutschland und Europa zu beschäftigen.
Fragestellung
Mit dem Deutschen Archäologischen Institut verfügte
und
verfügt Deutschland über einen in dieser Form wohl
einzigartigen kommunikativen
und administrativen wissenschaftlichen Nexus, welcher die Geschicke der
Archäologie maßgeblich beeinflusst und
geprägt hat. Diese kommunikative
Funktion schlägt sich hierbei in mehreren Ebenen nieder, und
zwar:
als Kommunikation innerhalb der Archäologenschaft,
als Kommunikation zwischen Wissenschaft und Staat,
als Kommunikation zwischen Archäologie und
Öffentlichkeit
sowie als Kommunikation mit der internationalen Forschung.
Das Dissertationsprojekt widmet sich der Erforschung der
beiden erstgenannten Ebenen, d. h. es untersucht die Rolle des DAI als
Vermittler sowohl zwischen den Fachgenossen als auch zwischen der
archäologischen Wissenschaft und den politischen
Entscheidungsträgern im
Wechsel der deutschen Gesellschaftssysteme im 20. Jahrhundert.
Als roter Faden dient hierbei das Aufspüren und
Nachverfolgen der Finanzströme, ohne welche die Arbeit des
Instituts nicht
möglich gewesen wäre. Im Hintergrund steht hier die
Frage, ob und, wenn ja, wie
der staatliche Geldgeber versucht hat, durch gezielte Vergabe von
Finanzmitteln
Einfluss auf die archäologische Forschung zu nehmen, inwieweit
sich das DAI
diesem Druck gebeugt, ihn aufgefangen oder möglicherweise
weitergegeben hat.
In diesem Zusammenhang soll auch eine „kleine
Sozialgeschichte der Archäologie“ erstellt werden.
Eng damit zusammen hängt die Frage, wie innerhalb des
Instituts Entscheidungen getroffen und umgesetzt wurden, etwa
über Vergabe und
Einsatz von finanziellen und personellen Ressourcen, aber auch
über die
Verwendung von „weichem“ politischen Kapital.
Schwerpunkte
und Zeitspanne der
Untersuchung
Der Zeitraum der Untersuchung soll sich von der späten
Weimarer Republik bis in die 1970er Jahre spannen. Die Analyse nicht
früher
einsetzen zu lassen ist der Überlieferungssituation
geschuldet; der angepeilte
Endpunkt im 150. Jubiläumsjahr, 1979, mit seinen
organisatorischen Neuerungen
bietet sich nicht zuletzt an, um die Quantität des zu
sichtenden
Quellenmaterials nicht „explodieren“ zu lassen.
Der Schwerpunkt der Arbeit soll und wird hierbei auf den
30er, 40er und 50er Jahren liegen, so dass die Kontinuitäten
und Brüche über
die vermeintlichen Zäsuren von 1933 und 1945 hinweg in ihrem
Kontext beleuchtet
werden können.
Quellengrundlage
Grundlage der Analyse bilden die im Bezug auf die Geschichte
des DAI noch weitgehend unaufgearbeiteten Bestände diverser
Archive. Vor allem
zu nennen sind hier das Bundesarchiv mit seinen Abteilungen in Berlin
und
Koblenz sowie das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes.
Besondere Bedeutung kommt allerdings den Archiven des DAI
selber zu, und zwar sowohl den Quellenbeständen in den
einzelnen Auslandsabteilungen
des Instituts als auch ganz besonders dem Zentralarchiv in Berlin mit
seinen
umfangreichen Aktenbeständen und Briefnachlässen.
3.
4.
Marie
Vigener
Archäologie
und Öffentlichkeit – Das Deutsche
Archäologische Institut in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts (1929–1979)
Einleitung
Wissenschaft goes
public:
Unter dieser Formel wird
in
den letzten Jahren verstärkt öffentlichkeitswirksam
auf wissenschaftliche
Forschung aufmerksam gemacht. Veranstaltungen wie die Lange Nacht der
Wissenschaften oder der Wissenschaftssommer ziehen ein großes
Publikum an. Auch
das Deutsche Archäologische Institut ist bei solchen
Gelegenheiten vertreten
und stellt sich und seine Arbeit vor. Public ist
Archäologie aber nicht
erst in den letzten Jahren geworden: Bernd Sösemann hat
gezeigt, dass
öffentliche Darstellung der Institutsarbeit schon bei der
ersten
Olympia-Grabung ein bedeutender Aspekt war. Zudem stand das Institut
als wichtiger
Teil der deutschen Kulturpolitik und als eine der ältesten
wissenschaftlichen
Institutionen des Reiches gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts im
Rampenlicht.
Fragestellung
Die Vermittlung von Wissenschaft als Forschungsthema hat im
angelsächsischen Raum schon eine längere Tradition.
In Deutschland haben das
Andreas Daum und Angela Schwarz aufgegriffen. Die Vermittlung von
Wissensbeständen und Wissenschaft kann man als soziale Praxis
verstehen, bei
der um Deutungshoheit gerungen wird (Ulrike Felt) – ein
Prozess, an dem
verschiedene Gruppen beteiligt sind. Ich möchte daher anhand
der öffentlichen
Darstellung des Instituts und seiner Arbeit den vielfältigen
Verbindungen
zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit nachgehen,
wie sie unter
verschiedenen politischen Systemen bestanden. Besonders spannend sind
dabei
entstehende Kontinuitäten und Brüche im politischen
und gesellschaftlichen
Wandel.
Das Untersuchungsgebiet umfasst die Selbstdarstellung des
Instituts und die Vermittlung seiner Grabungen und Forschungsergebnisse
anhand
ausgewählter Beispiele. Welche Interessen und Konstellationen
standen hinter
der Suche nach öffentlicher Wahrnehmung, welche
Deutungsangebote machte das
Institut? Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch politische
Hintergründe und
die Reaktion der Öffentlichkeit.
Die Außendarstellung des Instituts und die
öffentliche
Wahrnehmung von Archäologie am Beispiel des Instituts zu
untersuchen, ist ein
wissenschaftsgeschichtliches Forschungsdesiderat. Erstens gibt es
bislang keine
Studien zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und
Öffentlichkeit im Dritten
Reich und der Bundesrepublik. Zweitens schließt die Frage
nach der öffentlichen
Rolle wissenschaftlicher Institutionen im Dritten Reich die wichtige
„geistige
Mobilmachung“ und die Selbstindienstnahme im Sinne des
Regimes ein.
Schwerpunkte
und Zeitspanne der
Untersuchung
Das Institut hatte und hat verschiedene Möglichkeiten, sich
und seine Arbeit bekannt zu machen. Dazu gehörten
Vorträge, Exkursionen,
Zeitungsartikel, populär gehaltene Publikationen und
Ausstellungen. Aufgrund dieser
Fülle des Materials und des langen Untersuchungszeitraumes ist
es wichtig,
inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Das sind zum einen wichtige
Ereignisse, bei
denen das Institut repräsentativ auftrat und die ein breites
Echo fanden.
Solche Ereignisse sind etwa die 100-Jahr-Feier 1929, der Internationale
Archäologen-Kongress 1939 und die 150-Jahr-Feier 1979.
Auf der anderen Seite lässt sich die Vermittlung von Wissen
und die Annahme von Deutungsangeboten am besten anhand konkreter
Grabungen
verfolgen. Besonders interessant ist dabei die Olympia-Grabung, die
über einen
langen Zeitraum fortgeführt wurde und ein enormes Echo fand.
Aufgrund der Fragestellung und der Archivbestände werde ich
den Zeitraum zwischen 1929 und 1979 näher untersuchen, dessen
Eckpunkte die
100- bzw. 150-Jahr-Feiern des Instituts bilden.
Quellengrundlage
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Vielzahl bisher
wenig berücksichtigter Quellenmaterialen. Wichtige
Bestände zur Geschichte der
Archäologie finden sich natürlich vor allem im Archiv
der Zentrale des
Deutschen Archäologischen Instituts und in den Archiven der
Zweigstellen. Von
den Zweigstellenarchiven sind vor allem Frankfurt, Rom, Athen, Madrid
und
Istanbul interessant, da die übrigen Zweigstellen erst
später gegründet wurden
bzw. die Bestände nicht zugänglich sind (Kairo).
Außerhalb der Bestände des DAI befinden sich viele
Unterlagen der Zeit vor 1934 im Politischen Archiv des
Auswärtigen Amtes.
Daneben sind vor allem Materialien im Bundesarchiv von Interesse. Zum
einen ist
das die Abteilung R (Deutsches Reich) in Berlin-Lichterfelde. Hier
lagern Akten
des Reichserziehungsministeriums, des Innenministeriums und teilweise
Akten des
Auswärtigen Amtes. Zu allen drei Behörden
gehörte das Institut. Aus der Zeit
nach 1945 sind größere Bestände im
Bundesarchiv Koblenz zu erwarten. Einzelne
Bestände zur Nachkriegszeit dürften noch im
Landesarchiv Berlin zu finden sein.
3.
5. Susanne Voss
Geschichte
des DAI-Kairo von 1907–1979
Die Gründung der Abteilung Kairo
des DAI ist mit dem Namen des Amarna-Ausgräbers und
Nofretete-Entdeckers Ludwig
Borchardt (1863–1938) verbunden. 1907 wurde er zum Direktor
des aus staatlichen
Mitteln geförderten „Kaiserlich Deutschen Instituts
für ägyptische Alterthumskunde“
berufen, das er in seiner Privatvilla auf der Kairener Nilinsel Zamalek
einrichtete. Offiziell unterstand die Institution dem
Auswärtigen Amt, war
jedoch auf private Zuwendungen durch Mäzene und den Kaiser
selbst angewiesen,
der als Vorsitzender der Deutschen Orientgesellschaft
beträchtliche Mittel aus
dem kaiserlichen Dispositionsfonds beisteuerte. Ein wissenschaftlicher
Beirat,
der sich aus Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften und der
Berliner
Wörterbuchkommission zusammensetzte, bildete den fachlichen
Vorsitz, dem
Borchardt als Institutsdirektor berichtspflichtig war. Anhand von
Borchardts in
Kairo erhaltenem, unveröffentlichten Nachlass sowie
zahlreicher Akten in
bundesdeutschen und ägyptischen Staatsarchiven lässt
sich ein bemerkenswertes
Bild von der gesellschaftlichen und politischen Relevanz der deutschen
Altertumswissenschaft im Ausland während der späten
Kaiserzeit und der Weimarer
Republik nachzeichnen. An ihnen zeigt sich, dass die
Archäologie dieser Zeit
als eine Art außenpolitischer Einsatz zur Gewinnung von
Vorteilen für die
eigene Nation verstanden wurde. Regelrechte Wettkämpfe
zwischen den jeweiligen
archäologisch tätigen Landesvertretern waren die
Folge, die unter dem Einfluss
des 1. Weltkrieges sogar in Spionage-Affären gipfelten.
Nach der Pensionierung
Borchardts, 1929, wurde das ehemalige Kaiserliche Institut dem
Deutschen
Archäologischen Institut (DAI) angegliedert, wodurch die
Forschungseinrichtung
aus ihrer bisherigen Rolle, als einer vom Kaiser persönlich
geförderten Einrichtung,
zu einer regulär budgetierten Unterabteilung des
Auswärtigen Amtes promovierte.
Wie das einstige Kaiserliche Institut, das von der
Persönlichkeit ihres
national gesinnten Direktors Borchardt geprägt war,
entwickelte sich das Haus
nach dem Wechsel gemäß dem Stil seines Nachfolgers
Hermann Junker (1877–1962).
Junker, der als angesehener Philologe auch auf eine 20jährige
archäologische
Erfahrung als Ausgräber des Mastaba-Feldes von Giza
zurückblicken konnte,
versammelte als ehemaliger Priester zahlreiche Theologen und Vertreter
verwandter Wissenschaften im Kairener Institut. Gleichzeitig zeichnete
sich
unter seiner Führung nach der Machtübernahme durch
die Nationalsozialisten,
1933, eine zunehmende Politisierung der Forschungseinrichtung im Sinne
des in
Deutschland herrschenden Regimes ab. Die zahlreichen Dokumente, die die
Ära
Junker in Kairo dokumentieren, sind jedoch noch nicht gesichtet und
aufgearbeitet worden, und bilden somit den Kern der Untersuchung.
Mit dem Ausbruch des 2.
Weltkrieges, 1939, geriet das Institut unter den Einfluss der
politischen
Verhältnisse der Nachkriegszeit, die erst 1957, mit der
Neueinrichtung des
durch den Krieg verlorenen Hauses unter der Leitung von Hanns Stock
(1908–1966),
zukunftsweisend ausgeglichen werden konnten.
Ziel des Forschungsvorhabens ist
es somit, eine Dokumentation der Geschichte der Abteilung Kairo
vorzulegen, die
ausgehend von der NS-Zeit die Etappen vor und nach diesem Zeitraum von
1907 bis
1979 beleuchtet und der Öffentlichkeit zugänglich
macht. Systematisch empfiehlt
es sich dabei, eine leitungsorientierte Untersuchung vorzunehmen, da
die
Institutsgeschicke maßgeblich von den
Persönlichkeiten der jeweiligen
Direktoren Borchardt, Junker und dem liberalen Gelehrten Stock
gekennzeichnet waren.
4.
Weitere, mit Cluster 5 verbundene Projekte
Im Zusammenhang mit der Erforschung der Institutsgeschichte
sollen nach Möglichkeit weitere, nach Kriegsende an andere
Orte verbrachte
Unterlagen aus den Beständen des Deutschen
Archäologischen Instituts (z. B. in
der Eremitage St. Petersburg) ermittelt und ausgewertet werden.
Darüber hinaus soll ein Netzwerk von WissenschaftlerInnen
(Archäologen und Zeithistorikern) im In- und Ausland aufgebaut
werden, die auf
dem Gebiet der Geschichte der Archäologie und der
Wissenschaftsgeschichte des
20. Jahrhunderts tätig sind.
Diesem Zweck dienten u. a. zwei Workshops:
- „Bedeutende
Archäologen im
Umfeld
des DAI während des Dritten Reichs (1920–1960)
– Biographische Annäherungen“ am
27./28. Oktober 2006 unter Leitung von G. Brands (Halle) und M.
Maischberger
(Berlin). Die Tagung diente auch der Vorbereitung eines Buches
„Lebensbilder –
Klassische ArchäologInnen in Zeiten von Nationalsozialismus
und Faschismus“ mit
Biographien von ausgewählten deutschen Archäologen
des 20. Jahrhunderts.
- „Politische
Ziele und Deutungen
archäologischer Grabungen im späten 19. und
frühen 20. Jahrhundert im europäischen
Vergleich“ am 1./2. Dezember 2006 unter Leitung von C. Jansen
(Berlin).
Ferner sind Untersuchungen der Abteilung Rom (T. Fröhlich,
S. Diebner) zur Rezeptionsgeschichte archäologischer Funde
während des
Faschismus in Italien mit Cluster 5 verbunden.
Auch die Abteilung Madrid widmet sich, angestoßen durch die
Einrichtung von Cluster 5, der Institutsgeschichte. Eine erste Tagung
fand am 28. Juni 2007 statt
unter
dem Titel „La recepción de la escuela
arqueológica alemana y la fundación del
Instituto“, eine weitere am 24. Januar 2008 zum Thema
„Sus investigaciones y la
recepción de la arqueología y la prehistoria
alemana (1954-2004)“. Die Ergebnisse sollen
demnächst veröffentlicht werden.
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