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Afghanistan: Herat - Areia Antiqua (II)

2. Suche nach den Wurzeln einer Stadt

Ausgrabungen in Herat

Lage

    
  Herat. Blick auf Kohandaz und den Musallah-Komplex  

Herat liegt am Fuße der Paropamisos-Berge in einer Höhe von 1250 m am nördlichen Ufer des Hari Rud. Hier treffen sich die wichtigsten Verkehrswege zwischen den alten Zentren Irans, Zentralasiens, Afghanistans und Indiens.

Abteilungen:
Eurasien-Abteilung

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Geschichte

    
  Qual´a-e Ekhtyaruddin. Achämenidisches Gefäß.  

Herat wurde bereits im Rgveda (Ende 2. Jt. v. Chr) und in achämenidischen Inschriften seit Dareios als Satrapie erwähnt. Alexander der Große zerstörte Artacoana, die Hauptstadt Areias, und erbaute sie neu. Aus dieser Zeit stammen jedoch nur wenige Streufunde und auch die nachfolgenden Dynastien (Parther, Sassaniden, Kushan, Hephtaliten) sind hauptsächlich aus den schriftlichen Quellen bekannt. Das ändert sich erst unter den Ghaznaviden und Ghoriden. Diese Zeitabschnitte (10.-13. Jh) sind nun durch den Survey im Umland der Stadt gut nachgewiesen: Herat war politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, bekannt für das Metallhandwerk. In den Jahren 1232 (Dschingis Khan) und 1381/5 (Timur) wurde Herat mit seinem Hinterland und den Bewässerungssystemen von den Mongolen zerstört, stieg dann jedoch zu seiner größen Blüte auf: Shah Rukh, der Sohn Timurs, machte Herat 1409 zur Hauptstadt seines Reiches und zur Heimat zahlreicher Künstler. Die Architektur und Quellen aus dieser Zeit bestimmen bis heute das Bild der Stadt, allerdings auch ihre Erforschung. Nach einer wechselhaften Geschichte, die mit zahlreichen Belagerungen und Zerstörungen verbunden ist, wurde Herat 1863 an Afghanistan angegliedert und verlor bald daruf seine strategische Bedeutung. 

Ziele

    
  Kohandaz, Befestigungsanlage  

Im Zentrum des Projekts steht die Suche nach der antiken Stadt. In der kontroversen Diskussion wird diese entweder in Kohandaz, einem umwallten Oval mit zahlreichen Erhebungen im Norden der Zitadelle oder in der Altstadt mit ihrem annähernd quadratischen, regelmäßigen Grundriss angesiedelt. Eine dritte Alternative sucht die Stadt Alexander des Großen in Zendejan, etwa 80 km westlich von Herat. Diese Hypothese hat durch den Survey bisher jedoch keine Bestätigung gefunden.  

Forschungsgeschichte

    
  Panorama der Festung Qal´a-e Ekhtyaruddin.  

Außer philologischen und kulturgeschichtlichen Untersuchungen zur spät-islamischen Zeit gibt es keine nennenswerte Primärforschung zur älteren Stadtgeschichte Herats. Im Rahmen eines UNESCO-Restaurierungsprojekts fand eine kleine Grabung unter Leitung von A. Bruno auf der Zitadelle statt. 

Aktuelle Arbeiten

    
  Qal´a-e Ekhtyaruddin. Blick über Schnitt 1.  

2005 wurden Grabungen in zwei Arealen, Kohandaz und Qala´e Ekhtyaruddin, sowie ein Stadtsurvey durchgeführt.

2006 und 2007 wurden die Untersuchungen auf der Zitadelle fortgesetzt und erheblich erweitert. Das Projekt wird 2008 abgeschlossen werden. 

Ergebnisse

    
  Qala-e Ekhtyaruddin  
    
  Schnitt 3. Nördlicher Außenbereich.  
    
  Schnitt 3. Chinesisches Porzellan und Imitationen, 14.-15. Jh.  
    
  Kohandaz. Schale aus dem Brunnen, 11. Jh.  

Die Grabungen in Kohandaz haben eine massive Befestigungsanlage mit Glacis, Türmen und einem Tor zutage gebracht, welches wahrscheinlich in die timuridische Zeit datiert und später überbaut wurde. Der Friedhof des 15. Jhs., der sich um einen Schrein aus der Timuridenzeit angesiedelt hat, ruht auf massiven Sedimentablagerungen, die mindestens 10 m hoch sind und von intensiver landwirtschaftlicher Bewässerung zeugen. Diese Befunde decken sich mit der historischen Überlieferung, nach der das Areal nördlich der Stadt erst nach dem 10. Jh. mit einer Bazaranlage bebaut wurde. Die Existenz einer prä-islamischen Besiedlung kann zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, sie ist jedoch - wenn vorhanden - unter den Sedimenten nicht erreichbar. Der ovale Grundriss ist somit aber sicherlich nicht antiken Ursprungs.

Auch der Stadtsurvey mit einer Begehung von bis zu 5 m tiefen Baugruben und der Begutachtung von Brunnenbohrungen hat keine Indizien einer Bebauung, die älter ist als ca. 300 Jahre, ergeben. Da offene Areale kaum vorkommen und es keine Hinweise gibt, wo die vor-timuridischen Schichten erreichbar sind, ist das für das kommende Jahr geplante Bohrprogramm die günstigste Prospektionsmethode.

Die fast 20 m hohe Zitadelle, Qala' e Ekhtyaruddin, liegt an der Schnittstelle des Ovals von Kohandaz und der Altstadt. Aufgrund der baulichen Besonderheiten der Wehranlage, die von einem Wassergraben umgeben war, der modernen Nutzung als Kulturzentrum und nicht zuletzt aufgrund noch verminter Bereiche wurde ein Areal im oberen Teil der Festung für weitere Untersuchungen ausgewählt (Trench 1). 2007 wurden zwei weitere Schnitte am nördlichen Fuß der Zitadelle geöffnet ((Trenches 2 und 3).

In Schnitt 1 fanden sich in kompakter Abfolge zahlreiche Bauschichten. Die oberen drei Phasen mit Ziegelarchitektur repräsentieren die jüngere Geschichte der Stadt, als die Belagerung durch die Perser (1837-38, 1857) unter anderem den ersten Britisch-Afghanischen Krieg auslöste.

In den unteren Schichten wurde ein mehrphasiges Lehmmassiv (A-C) freigelegt (paksha, Phasen 5 bis 7). Der obere Teil der Anlage (A) könnte ein Teil der Lehmbefestigung der Stadt sein, die den Quellen zufolge von Timur 1385 zerstört und anschließend von Shah Rukh aus gebrannten Ziegeln wieder aufgebaut wurde. Das Lehmmassiv (Struktur B) wurde aber bereits im 13. Jh. erbaut. Ein ähnlicher Befund wurde in Schnitt 2 vorgefunden. Wie in Kohandaz gründet die Lehmziegelanlage hier auf Feinsedimenten, die weitgehend steril sind.

In Schnitt 3 konnte die alte Toranlage mit zwei vorgelagerten Türmen und einer über den Wassergraben führenden Brücke freigelegt werden. Einer der Türme trägt auf der Außenseite noch Reste eines Ziegelversatzdekors und einen Sandsteinfries. Im Turm verbautes Holz datiert in das frühe 15. Jahrhundert, also in die Zeit des Wiederaufbaus der Stadt unter Shah Rukh. Später wurde der Turm durch eine Ummantelung aus großen Werksteinen verkleidet. Auch das Glacis, welches als Hangbefestigung um die ganze Zitadelle herum verlegt wurde, ist jünger als diese Bauten. Diese eindrucksvollen Bauten werden 2008 vollständig freigelegt und konserviert werden.

Die ältesten Schichten wurden im oberen Hof der Zitadelle, in Schnitt 1, erreicht. Ein Vorgängerbau ( C) des mittelalterlichen Lehmmassivs gründet auf Ascheschichten und Lehmziegelarchitektur, setzt sich unter diesem Fußbodenniveau jedoch noch weiter fort. Die aus den Mauern und Ascheschichten geborgene Keramik datiert bis in die achämenidische Zeit (6. - 4. Jh. v. Chr.) zurück. Dieser Zeitansatz wird durch eine bronzene Pfeilspitze und drei AMS-Datierungen bestätigt. Damit ist erstmals eine antike Besiedlung in Herat nachgewiesen - von Alexander dem Großen jedoch fehlt noch jede Spur.

Die Funde aus diesen Schichten sind auch für die Rekonstruktion der Regionalgeschichte von grundsätzlicher Bedeutung. Ist die ghaznavidische und ghoridische Keramik durch die Grabungen in Lashkari Bazar, Balkh, Ghazna und Kandahar hinlänglich bekannt, so kennt man die nicht-höfische Gebrauchskeramiken und die Keramik des 16.-19./20. Jhds. kaum. Sie bieten ferner wichtige typologische und chronologische Anhaltspunkte für die Zuordnung der Oberflächensammlungen.  

Kooperationen

Ministerium für Information und Kultur, Kabul
Department of Monuments and Sites, Herat
National Institute of Archaeology in Afghanistan
Seminar für Orientalische Kunstgeschichte, Universität Bonn
Délégation archéologique française en Afghanistan (DAFA), Kabul
 

Ansprechpartner

PD Dr. Ute Franke

Telefon: 03018-7711-325
Telefax: 03018-7711-313
Email: ufv@eurasien.dainst.de

externe Ansprechpartner

Roland Besenval, DAFA (www.dafa.org.af)

Förderung

Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland  

Literatur

T. Allen, Timurid Herat. Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Reihe B, Nr. 56 (Wiesbaden 1983).

A. Bruno, The Citadel and Minarets of Herat, Afghanistan (Turin 1976).

U. Franke (Hrsg.) Herat National Museum - Areia Antiqua through Time (Berlin 2008).

M. R. Samizay, Islamic Architecture in Herat. A Study Towards Conservation (Kabul 1981).  

 


 
 

Aktualisiert: 20.03.2008

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