 |
Slawen an der unteren Mittelelbe
|
 |
|
Slawen an der unteren Mittelelbe - Untersuchungen zur ländlichen Besiedlung, zum Burgenbau und zu Besiedlungsstrukturen an der Nordgrenze des linonischen Siedlungsgebietes
Slawen an der unteren Mittelelbe - Ausgrabungen auf dem slawischen Burgwall von Friedrichsruhe
Location
Die Landschaft des südwestlichen Teils Mecklenburgs wird durch flache Altmoränen geprägt, die in der letzten Eiszeit durch Schmelzwassersande überformt worden sind. Zwischen ihnen verläuft eine Vielzahl von annähernd parallel von Nordnordost- nach Südsüdwest verlaufenden Niederungsgebieten, die ursprünglich als Schmelzwasserrinnen entstanden sind. Der Burgwall von Friedrichsruhe - etwa 8 km nordwestlich von Parchim gelegen - liegt innerhalb der Klinker-Raduhner-Niederung, auf einer flachen sandig-kiesigen Anhöhe, die sich inselartig aus der Niederungslandschaft heraushebt. Es handelt sich bei diesen Sandinseln um Reste der wartheeiszeitlichen Altmoränen, die beim Abschmelzen der weichseleiszeitlichen Gletscher vom Wasser umspült wurden und als inselartige Horste im Moor stehen geblieben sind.
|
|
 |
Objectives
| |
|
|
| |
|
|
Das Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes ist es, neue Erkenntnisse zur slawischen Besiedlungsgeschichte und zur Herausbildung der sozialen Differenzierung bei den Slawen im südlichen Teil Mecklenburgs zwischen Elbe, Elde, Warnow und der mecklenburgisch-brandenburgischen Landesgrenze zu gewinnen. Im südlichen Mecklenburg hat sich eine Konzentration slawischer Burgen erhalten, aus deren Umfeld zahlreiche, durch Oberflächenfunde zu erschließende zeitgleiche Siedlungsplätze bekannt sind. Burgen und Siedlungen können somit als Elemente abgegrenzter Siedlungsräume oder -kammern gedeutet werden. Folgt man den wenigen zeitgenössischen Schriftquellen des 9. Jahrhunderts, so gehörte der Untersuchungsraum zum nordelbischen Siedlungsgebiet der Linonen und bildeten somit das Grenzgebiet zum karolingisch-fränkischen Reich.
Von besonderer Bedeutung ist dabei der Burgwall von Friedrichsruhe, Lkr. Parchim, der ausgezeichnete Voraussetzungen zur Gewinnung umfassender Erkenntnisse zum Burgenbau und zum Umfeld der Befestigung bietet, da ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen für organisches Material zu erwarten sind. Darüber hinaus sind aus dessen Umfeld mehrere; offensichtlich unbefestigte slawische Siedlungsplätze durch Oberflächenfunde bekannt.
|
 |
History of Research
Bei dem Burgwall handelt es sich um eine im Grundriss ursprünglich wohl runde bis ovale Niederungsburg mit einer erhaltenen Grundfläche von ca. 100 x 80 m. Östlich der Burg ist eine ca. 120 m im Durchmesser große Vorburgsiedlung vorgelagert. Der nördliche Teil der Anlage wurde in den 20er Jahren des 19. Jh. durch den ansässigen Bauern abgetragen, so dass nur noch ca. 70% des Burgwalles erhalten sind. Innerhalb der Burginnenfläche ist die Kulturschicht noch bis zu einer Mächtigkeit von 2 m erhalten.
Systematische Oberflächenabsammlungen im Bereich der Vorburgsiedlung erbrachten umfangreiches Fundmaterial, das aus einer großen Anzahl von Keramikscherben (ca. 70% Menkendorfer Ware) aber auch Tierknochen, eisernen Gegenständen, Wetzsteinen, Spinnwirteln und Eisenschlacken bestand. Des Weiteren konnten westlich der Burg am Mühlenbach Holzbohlenfragmente und Pfähle geborgen werden, die als Hinweise auf eine den Mühlenbach querende Brücke zu sehen sind. Drei Hölzer konnten dendrochronologisch datiert werden (Kernsplintgrenze) und belegen Bauphasen im späten 9. und 10. Jh. Aus dem Mühlenbach konnte weiterhin bei Baggerarbeiten ein Schwert des Typs Petersen M (9./10. Jh.) geborgen werden.
Im dem unmittelbarem Nahbereich der Anlage sind fünf frühmittelalterliche Fundplätze bekannt, die als Hinweise einer dichten Besiedlung im Umfeld der Burg angesehen werden können.
|
 |
Current Work
Die im Herbst 2004 begonnenen Untersuchungen im Rahmen des "Friedrichsruhe-Projektes" folgen einem interdisziplinären Forschungsansatz, der die Auswertung von Luftbildern und die Durchführung von Feldbegehungen sowie großflächiger geophysikalischer Prospektionsarbeiten ebenso so beinhaltet, wie paläobotanische, archäozoogische und vegetationsgeschichtliche Untersuchungen an Proben aus dem Burgbereich und an mehreren Mooren und Niederungsbereichen des unmittelbaren Umfelds. Für diese Untersuchungen konnten neben den Mitarbeitern des paläobotanischen Teilprojektes auch Experten des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und des Instituts für Haustierkunde der Univer¬sität Kiel gewonnen werden. Ergänzende bodenkundliche Untersuchungen werden in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Bodenkunde der Universität Hamburg durchgeführt.
|
 |
Methods
Die interdisziplinäre Untersuchung dieser Anlage und ihres Umfeldes bildet einen Schwerpunkt des Projektes. Es ist vorgesehen, sowohl die Burginnenfläche als auch den Wall und die Vorburg partiell auszugraben sowie ländliche, unbefestigte Siedlungsplätze im Nahbereich der Burg durch Begehungen und Suchschnitte teilweise zu untersuchen. Die archäologischen Arbeiten werden durch geophysikalische, archäobotanische, archäozoologische sowie palynologische und bodenkundliche Untersuchungen unterstützt, um somit eine sichere Basis für eine Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte und Topographie zu schaffen
|
 |
Results
| |
|
|
| |
|
|
In zwei geophysikalischen Messkampagnen ist es seit Projektbeginn gelungen, Burg und Vorburgsiedlung von Friedrichsruhe vollständig geophysikalisch zu prospektieren. Die Ergebnisse dieser vom Kieler Institut für Geowissenschaften, Abt. Geophysik, durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass auch die Vorburgsiedlung vollständig von einem Wall umgeben war. Darüber hinaus verweisen die Prospektionsergebnisse auf min¬destens eine Toranlage, durch die ein Weg von Osten in die Vorburgsiedlung hineinführte. Bei den bislang durchgeführten archäologischen Arbeiten konnten sowohl Abschnitte des Walls der Burg als auch Teile der Befestigung und der Siedlungsfläche der Vorburgsiedlung untersucht werden.
Aus der Unterkonstruktion des Walles und der Befestigung der Vorburg konnten zahlreiche Holzproben für dendrochronologische Untersuchungen geborgen werden. Die bereits vom Hamburger Institut für Holzbiologie erarbeiteten Datierungen belegen, dass die Burg in den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts errichtet und im Verlauf dieses Jahrhunderts mehrfach erneuert wurde. Da die Wallkonstruktion des Burgwalls auf sekundär verlagerten Althölzern gegründet worden ist, die überwiegend in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und um 800 geschlagen worden sind, ist mit einer eventuell unbefestigten Vorgängersiedlung an dieser Stelle zu rechnen.
In den flächendeckend erhaltenen Kulturschichten konnte bereits umfangreiches Fundmaterial geborgen werden, das in erster Linie aus früh- und mittelslawischer Keramikware und anderen typischen Siedlungsabfällen besteht, jedoch auch Überreste handwerklicher Tätigkeiten in Form von Glasglasschmelzresten, Kammmacherabfällen und Schlacken beinhaltet.
|
 |
Cooperation
Die Arbeiten der Römisch-Germanischen Kommission und des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sind eng mit den Untersuchungen des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege Wünsdorf und der Universität Göttingen in den südlich anschließenden elbnahen Gebieten Brandenburgs und Niedersachsens verknüpft, um so die Basis für eine gemeinsame raumbezogene Auswertung durch die drei Arbeitsstellen zu bilden.
|
 |
Contact
Dipl. prähist. Sebastian Messal
Ur- und Frühgeschichte
Telefon: 0385 5214562
Email: forschung@kulturerbe-mv.de
|
 |
Sponsors
Deutsche Forschungsgemeinschaft
|
 |
Bibliography
J. Brandt/W. Krempien/W. Zessin, Siedlungsgeschichtliche aussagefähige Funde vom Friedrichsruher Burgwall. Informationen des Bezirksarbeitskreises für Ur- u. Frühgeschichte Schwerin 19, 1979, 38-52.
J. Herrmann/K.-U. Heußner, Dendrochronologie, Archäologie und Frühgeschichte vom 6. bis 12. J. in den Gebieten zwischen Saale, Elbe und Oder. Ausgrabungen und Funde 36, 255-290.
A. Hollnagel, Zwei frühmittelalterliche Schwerter aus dem Kreis Parchim. Ausgrabungen und Funde 13, 1968, 222-225.
H. Jöns/S. Messal, "Slawen an der Mittelelbe." Die slawische Burg von Friedrichsruhe, Lkr. Parchim, und ihr Umfeld - das Teilprojekt Südwestmecklenburg. Archäologisches Nachrichtenblatt. Im Druck.
D. Paddenberg, Die spätslawische Marktsiedlung von Parchim-Löddigsee (11./12. Jahrhundert n. Chr.). In: A. Wieczorek u. H.-M. Hinz (Hrsg.), Europas Mitte um 1000. Beiträge zur Geschichte, Kunst und Archäologie (Stuttgart 2000) 727-729.
|
|