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Bajo Río Grande (Andentranssekt 2)

Siedlungsdynamik zwischen Meeresküste und Altiplano (Andentranssekt 2): Geoarchäologisch-multidisziplinäre Untersuchungen im Rahmen des Projecto Arqueológico Bajo Río Grande (PABRiG). Die seit Sommer 2006 in der Region Ica laufenden Untersuchungen sollen zum besseren Verständnis der Siedlungsgeschichte der südperuanischen Küstenwüste beitragen. Besonderes Augenmerk gilt den hier schlecht erforschten, frühen Stadien kultureller Entwicklung sowie der Rekonstruktion unterschiedlicher Subsistenzformen in einer sich über die Zeiten wandelnden Umwelt.

Neue Forschungen zur Siedlungsgeschichte der südperuanischen Küstenwüste in der Region Ica.

Lage

    
  Abb.1: Das Untersuchungsgebiet am Unterlauf des Río Grande  

Das Untersuchungsgebiet liegt zwischen der Pazifikküste und dem Andenfuß (Abb. 1). Es folgt dem etwa 60 km langen Canyon-artigen Unterlauf des Río Grande, der aus Flussoasen, Talweitungen und engen Schluchten besteht. Es erstreckt sich von der Einmündung des Río Ingenio bis zur Mündung in den Pazifik. Der ganzjährig, wenn auch mit saisonal unterschiedlichem Abfluss Wasser führende Río Grande ist über weite Strecken in erdgeschichtlich rezente Sedimente eingeschnitten, die punktuell bis auf über 600 m über Meereshöhe reichen (Abb. 2). Außerhalb des Tals erstreckt sich beiderseits an den Berghängen und auf den Hochflächen Vollwüste. Die Erhaltung gerade organischer Reste ist wegen des hyperariden Milieus exzellent. Die auf fünf Kampagnen ausgelegte Unternehmung schließt räumlich unmittelbar südlich an die KAAK-Konzession des Nasca-Palpa-Projektes an und ergänzt die dort seit 1997 unter der Leitung von M. Reindel und J. Isla durchgeführten Forschungen (Andentranssekt 1).

Abteilungen:
Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (KAAK) Bonn

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

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Geschichte

    
  Abb.2: Canyon-artiger Einschnitt im südlichen Río Grande-Tal  

Nach bisherigem Kenntnisstand wurden in vorspanischer Zeit lediglich die Strandbereiche der Küstenwüste und die Flussoasen des Río Ica und des Río Grande besiedelt. An den pazifischen Flussmündungen und anderen naturräumlich begünstigten Plätzen entstanden spätestens ab dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. punktuell akeramische Muschelhaufen zunächst mit einfachen Holzhütten, später auch mit fester Steinarchitektur. In der Formativzeit (Initialzeit 1800-800 v. Chr. und Paracas-Kultur 800-200 v. Chr.) scheint sich die Besiedelung deutlich in die Flussoasen ausgedehnt zu haben, wobei die auf einfachste Bewässerungstechniken gestützte Landwirtschaft die Lebensgrundlage bildete. Mit der Frühen Zwischenperiode (200 v. Chr. - 600 n. Chr.) erfasste die Siedlungstätigkeit der Nasca-Kultur die gesamte Ausdehnung der Flussoasen, bezog durch die Anlegung von Geoglyphen aber auch Teilbereiche der Hochflächen mit ein. Während des Zeitraums des Mittleren Horizonts (600-1000 n. Chr.) erfolgte ein drastischer Rückgang der Siedlungstätigkeit, von der sich die Region während der Späten Zwischenperiode (1000-1400 n. Chr.) nur leicht erholen konnte. Seit der Herrschaft der Inka (ab ca. 1400) spielten die Oasen an den Unterläufen von Río Ica und Río Grande und die unmittelbaren Küstenbereiche bis heute als Lebens- und Wirtschaftsraum eine nur untergeordnete Rolle. 

Ziele

Ziel der archäologischen Begehungen und Kartierungen der Kampagne 2006 war es, entlang des Flussabschnittes von der Einmündung des Río Nazca bis zur Ortschaft Coyungo alle vorkolonialzeitlichen Kulturreste systematisch zu erfassen und funktional wie auch chronologisch approximativ zu bestimmen. Damit wird die Auswahl von Fundplätzen vor allem der Frühzeit für zukünftige Sondagen und Grabungen vorbereitet, die für Lithik, Biofakte und Gebrauchskeramik Referenzsammlungen für die südperuanische Küstenregion liefern sollen. 

Forschungsgeschichte

Der Unterlauf des Río Grande hat, obwohl verkehrstechnisch gut erreichbar, seit Beginn archäologischer Forschung in Peru nur wenig Aufmerksamkeit in Fachkreisen gefunden. Vormalige Untersuchungen (Strong 1957; Engel 1963; Carmichael 1991; Orefici/Drusini 2002) können eher als kurze und punktuelle Besuche gelten, deren Ergebnisse nur teilweise veröffentlicht sind. Eine Ausnahme bilden die amerikanischen Prospektionen von 1998 (Proulx 1999; n.d.), die als "vorläufig" eingestuft wurden, seitdem aber keine Fortsetzung erfahren haben. Dabei wurden innerhalb des bislang von der PABRiG-Expedition 2006 untersuchten Areales 19 vorspanische Fundplätze erfasst, die sich fast ausschließlich im unmittelbaren Uferrandbereich befinden. Die Großzahl dieser Plätze erwies sich als mehrphasig belegt, ihre Erstbesiedlung reichte bisweilen in die Zeit des Frühen Horizonts (Paracas), häufiger in die Frühphase der Frühen Zwischenzeit zurück (Nasca 1 bis 3). Nachbesiedlungen datieren vornehmlich in die Zeit des Mittleren Horizontes und der Späten Zwischenzeit. Unter den einphasig genutzten Fundplätzen sind späte Besiedlungen und Nutzungen (nach 600 n. Chr.) vergleichsweise selten.

Trotz der heute nur sehr dünnen Besiedlung sind Zerstörungen der Fundplätze durch Erdbewegungsarbeiten, vor allem aber durch massive Plünderungen weit über die Uferbereiche hinaus allgegenwärtig.  

Aktuelle Arbeiten

Während der ersten Projektphase 2006 konzentrierten sich die Oberflächenbegehungen auf die Schlucht unmittelbar südlich der Einmündung des Río Nazca und auf das Ostufer des nördlichen Coyungo-Tales. Der prospektierte Abschnitt ist 8 km lang; über die Uferrandbereiche hinaus wurde auf beiden Flussseiten jeweils ein 2 - 2,5 km breiter Streifen auf den angrenzenden Bergen und Hochflächen in die Untersuchungen einbezogen. Grundlage der Kartierung waren lokal erhältliche Karten, Luftaufnahmen und georeferenzierte Satellitenbilder (Quickbird). Die Fundorte wurden mit GPS-Empfängern in Fläche und Ausrichtung eingemessen. Häufig - wenn auch nicht ausschließlich - erfolgte ihre Lokalisierung über die großflächig verteilten Trichter der Raubgräber. Wo vorhanden, sammelte die Expedition repräsentatives Oberflächenmaterial. 

Ergebnisse

    
  Abb.3: Prospektionsareal von 2006  
    
  Abb.4: Akeramischer Steinhaufen  
    
  Abb.5: Akeramische Hüttengrundrisse  
    
  Abb.6: Schlagplatz  
    
  Abb.7: Quarzitminen, Pingenbau  
    
  Abb.8: Mahl- und Ambosssteine  
    
  Abb.9: Abri südlich von Coyungo  
    
  Abb.10: Auswahl lithischer Fabrikate  
    
  Abb.11: Uferrand-Siedlung südlich der Río Nazca-Einmündung  
    
  Abb.12: Quadratischer Grabschacht  
    
  Abb.13: Monumentalplattform  
    
  Abb.14: Austritt einer Sickergalerie (puquio) am Hang  
    
  Abb.15: Geoglyphen  
    
  Abb.16: Kolonialzeitliche Keramik mit Kolonialstraße im Hintergrund  

In dem nur sehr kleinen Untersuchungsareal der Kampagne von 2006 wurden insgesamt 148 Fundplätze lokalisiert, deren Verteilung sich von den Uferterrassen bis in die Randbereiche der Hochflächen (Abb. 3) erstreckt.

Akeramische und lithische Fundplätze

Erstmals in dieser Region wurden in größerer Zahl lithische und akeramische Fundplätze entdeckt. Zu diesen gehören zahlreiche einzelne oder gruppenweise auftretende Steinstrukturen (Abb. 4-5). Sie finden sich meist in den höheren Hanglagen, in den Randbereichen der Hochflächen oder in kleineren, witterungsgeschützten Erosionsrinnen fernab vom Fluss. Es handelt sich dabei um kurze gekrümmte Mauern, Steinhaufen unterschiedlicher Form und um im Grundriss rund-ovale oder annähernd rechteckige Fundamentkonstruktionen aus Geröll und Bruchstein. Die Funktion dieser Reste ist unklar. Auffällig ist aber, dass in der Regel keine Keramik anzutreffen war und die Strukturen auch für Plünderungen uninteressant waren. Wiederholt ließen sich diesen Strukturen Schlagplatzbereiche unterschiedlicher Größe zuordnen (Abb. 6).

Ähnliche Strukturen traten auch im Kontext mit drei Quarzit-Minen auf: An den Rändern der Hochflächen lagen Konzentrationen kleinerer Senken (Abb. 7), in denen die kiesige Deckschicht von Menschenhand entfernt worden war. Der darunter abgebaute Rohstoff war vor Ort durch Spalten auf seine Qualität geprüft und dann zur Weiterverarbeitung zu Werkzeugen ins Tal transportiert worden.

Ebenfalls ungewöhnlich sind drei Fundplätze, die lediglich aus größeren Gruppen von Ambosssteinen und dazugehörigen facettierten Stößeln bestehen (Abb. 8). Sie liegen ausnahmslos in Erosionsrinnen außerhalb des Haupttales fernab von jeder Siedlung. Ihr Verwendungszweck bleibt unklar, wenngleich die Verarbeitung von Mineralen (Salz ?) die wahrscheinlichste Erklärung ist.

Eine der wichtigsten Entdeckungen der Geländeprospektionen stellt ein Felsüberhang im südlichen Coyungo-Tal (Abb. 9) dar. Der Boden des Abris ist auf der gesamten Länge durch eine Sanddüne verdeckt, auf der vereinzelt Reibsteine und Stößel herumliegen. An der Rückwand finden sich Reste anthropomorpher Felsgravuren, die vorläufig als Paracas-zeitlich einzustufen sind. Auf einem natürlichen, regalartigen Vorsprung sind - anscheinend sortiert und offen zugängig - größere Mengen unvollendeter Steingeräte abgelegt.

Von zahlreichen Fundplätzen konnte lithisches Material einschließlich Halbfabrikaten gesammelt werden (Abb. 10). Bevorzugte Rohstoffe waren Basalte und Quarzite; Silizes wie auch Obsidian waren grundsätzlich selten. Gesammelt wurden Kerne, gezähnte, gekerbte, schaberartig und umlaufend retuschierte Abschläge, Kernkratzer, chopper und chopping-tools, Beile und 'Hacken', Schlagsteine, bifazial retuschierte Spitzen aus Obsidian und Chalzedon sowie ein Bohrer aus fossilem Holz.

Die akeramischen, lithischen Fundplätze scheinen im Befund insgesamt unterrepräsentiert, vor allem was die unmittelbaren Uferrandbereiche betrifft. Hier haben spätere Besiedlungen ältere Schlagplätze und Werkstattbereiche überprägt. Zahlreiche lithische Artefakte (so etwa die gezähnten Stücke) weisen eine starke typologische Verwandtschaft zum nordperuanischen Paijan-Horizont auf. Die Übertragbarkeit der damit verbundenen frühen Datierungen (vor 1800 v. Chr.) auf die peruanische Südküste bleibt aber mangels stratifizierten Referenzmaterials noch ungewiss. Gleichermaßen ungeklärt ist das eventuelle Fortleben der Steinbearbeitungstechniken bis in die Keramik führenden Fundhorizonte.


Siedlungen und Gräber

Die meisten Fundplätze sind in den Uferrandbereichen (Abb. 11) und auf künstlich terrassierten Steilhängen gelegene Siedlungen, die manchmal sekundär als Friedhöfe genutzt wurden (Fig. 12). Steinerne Wohnarchitektur konnte wegen der Plünderungen selten festgestellt werden und war dann meist der Späten Zwischenzeit zuzuordnen. Es sind dies vereinzelt Gebäude, in deren Nähe hohe Konzentrationen von Schlacke die Existenz von Werkstattbereichen andeuten. Immer wieder finden sich auch Reste von kleinteiliger Pfosten- und Rohrgeflechtarchitektur, sei es in Form von Grundrissen, sei es als verstreutes Oberflächenmaterial. Daneben wurden für Wohn- und Grabarchitektur auch Bruch- und Geröllsteine sowie ungebrannte Lehmziegeln konischer, quaderförmiger und plankonvexer Form verwendet.

Lediglich die Siedlung BRiG 2105 weist Ansätze einer räumlichen Planung auf. Angelegt auf einem Sporn, befindet sich im Osten ein Mauerriegel, der das Gelände von einem dahinter liegenden Berghang trennt und somit eine fortifikatorische Funktion hatte. Innerhalb der Siedlungsfläche zeigen sich deutliche Spuren von Terrassierungen sowie eine pyramidale, möglicherweise dreifach gestufte Monumentalplattform aus Flussgeröllen (Abb. 13).

Nach Ausweis der Oberflächenkeramik datierten die meisten Siedlungen im Uferrandbereich in die Paracas- (800-200 v. Chr.) und Nasca-Zeit (200 v. Chr.-600 n. Chr.).


Wasserversorgung

Zwei verschiedene Arten von unterirdischen Sickergalerien (puquios) konnten festgestellt werden, nämlich jene, die ihr Wasser aus dem Uferfiltrat und dem Bett des Río Grande beziehen, zum anderen solche, die im mittleren Hangbereich wasserführende Schichten im Sedimentgestein anzapfen (Abb. 14). Woher das Grundwasser des letztgenannten Puquio-Typs in dieser niederschlagsarmen Region stammt, müssen zukünftige hydrogeologische Untersuchungen klären. Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass einzelne Puquio-Konstruktionen chronologisch bis in die späte Paracas-Zeit zurückreichen.


Geoglyphen

Innerhalb des Untersuchungsgebietes wurden zahlreiche Geoglyphen auf verschiedenen Uferterrassen (Abb. 15), auf mittleren Hanglagen und Spornen unterhalb der Hochflächen sowie in parallel zum Fluss verlaufenden Hochtälern lokalisiert. Es handelt sich ausschließlich um Bodenzeichnungen geometrischer Form (Trapeze, Rechtecke und Linien). Figürliche Darstellungen konnten bisher nicht beobachtet werden. Die Befundsituation am Unterlauf des Río Grande unterscheidet sich deutlich von jener im Raum Palpa, denn hier ist die Geländeoberfläche nicht von dunkel patinierten Steinen und Geröll überzogen, sondern eher von einem hellen kleinkörnigen Schotter, der anthropogene Interventionen an der Oberfläche nur schwer erkennen lässt.


Kolonialstraßen

Bemerkenswert war vielerorts die Entdeckung kolonialzeitlicher Keramik. In der Regel sind es Streufunde von einzelnen großen, scheibengedrehten Vorratsgefäßen, die vorsätzlich zerschlagen und als Geländemarkierung genutzt worden waren (Fig. 16). Die Fundlage der auffällig ziegelroten Keramikfragmente folgt einem linearen Muster, häufig in Sichtweite zur nächsten Fundlage. Aus ihrem Verteilungsmuster lässt sich der Verlauf von mindestens zwei markierten kolonialzeitlichen Straßen ablesen, die den Unterlauf des Río Grande einmal mit dem Raum Palpa, zum anderen mit der Umgebung von Nasca verbanden. Die Verteilung nahe gelegener vorspanischer Fundplätze macht es allerdings sehr wahrscheinlich, dass die kolonialzeitlichen Straßen dem Verlauf älterer Verkehrswege folgen.

 

Kooperationen

Pontificia Universidad Católica del Perú, Lima (P. Kaulicke) 

Ansprechpartner

Dr. phil. Burkhard Vogt

Vorderasiatische Altertumskunde
Telefon: +49-(0)1888-7712-12
Telefax: +49-(0)1888-7712- 49
Email: vogt@kaak.dainst.de

Förderung

Die Forschungen wurden aus Zusatzmitteln des Deutschen Archäologischen Instituts finanziert.  

Literatur

Carmichael, Patrick 1991
Prehistoric Settlement of the Ica-Grande Littoral, Southern Peru. Research Report to the Social Science and Humanities Council of Canada.

Engel, Frédéric 1963
Notes relatives a des explorations archéologiques á Paracas et sur la côte sud du Pérou. Travaux de l'Institut Français d'Etudes Andines 9. Paris/Lima.

Orefici, Giuseppe - Andrea Drusini 1993
Nasca: hipótesis y evidencias de su desarrollo cultural. Documentos e Investigaciones 2. Brescia.

Proulx, Donald 1999
Settlement Patterns and Society in South Coastal Peru: Report on a Survey of the Lower Río Nasca and Río Grande, 1998. http://www-unix.oit.umass.edu/~proulx/

Proulx, Donald n.d.
Nasca Valley Survey 1996-1998. http://www-unix.oit.umass.edu/~proulx/

Strong, William D. 1957
Paracas, Nazca, and Tiahuanacoid Cultural Relationships in South Coastal Peru. Memoirs of the Society for American Archaeology 13, The Society for American Archaeology, Salt Lake City, Utah.  

 


 
 

Aktualisiert: 30.07.2008

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