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Forschungsplan und Forschungscluster des Deutschen Archäologischen Instituts

Vorbemerkung Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5
Von der Sesshaftigkeit zur komplexen Gesellschaft: Siedlung, Wirtschaft, Umwelt Innovationen: technisch, sozial Politische Räume Heiligtümer.
Gestalt und Ritual. Kontinuität und Veränderung.
Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts im 20. Jahrhundert

Cluster 4: Heiligtümer.
Gestalt und Ritual. Kontinuität und Veränderung.

Sprecher: Hans-Joachim Gehrke, W.-D. Niemeier, D. Raue, R. Senff, Iris Gerlach

Zusammenfassung
Einleitung
Ziele und Vorgehensweise
Veranstaltungen
Ergebnisse - Berichte - Publikationen

Forschungscluster 4 [DE] (PDF)

Research Cluster 4 [EN] (PDF)

Zusammenfassung

Die Beschäftigung mit dem Heiligen führt zu einer anthropologischen Grundkonstante, denn das Verhältnis zum Heiligen ist integraler Teil des Menschseins. Die Vielfalt der antiken Antworten ist im Zeitalter der Globalisierung und dem damit verbundenen Zusammentreffen moderner Antworten von besonderem Interesse und sollte unbedingt in die aktuelle Diskussion einbezogen werden.

Die Arbeit des Forschungsclusters zielt darauf, die religiösen Konzepte von Heiligtümern unterschiedlicher Kulturregionen in wesentlichen Punkten miteinander zu vergleichen. Mehrere Dutzend Kultplätze werden weltweit durch Projekte des DAI untersucht. Der Forschungscluster kann damit auf eine umfangreiche und sehr gut zugängliche Materialbasis zu zentralen Themen hinsichtlich der Stellung von Glauben und Religion in früheren Gesellschaften zurückgreifen, um jenseits der eigentlichen archäologischen Arbeit, der Dokumentation und objektkundlichen Auswertung, zu übergreifenden Fragestellungen vorzustoßen und die Ergebnisse sowohl der Fachwelt als auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Einleitung

Die Fähigkeit zum Glauben an höhere Mächte ist ein wesentliches Merkmal des Menschen und läßt sich bis in die Frühzeit der Menschheitsentwicklung zurückverfolgen. Erste Nachweise für spirituelles Handeln fanden sich bereits im Zusammenhang mit paläolithischen Bestattungen vor ca. 80 000 - 100 000 Jahren.

Der Glaube an eine gemeinsame Götterwelt, an einen Gott oder zumindest eine übergeordnete religiöse Vorstellung bleibt jedoch nicht auf den Einzelnen beschränkt, sondern bildet eine der Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Gemeinschaft. Die Mitglieder kleinerer oder größerer Gemeinwesen finden sich an heiligen Orten zu ritualisierten Handlungen zusammen. Auch in einer säkularisierten Gesellschaft wie der unsrigen spielen diese Vorstellungen und Handlungen eine weit größere Rolle als vielfach angenommen - etwa in der Auseinandersetzung mit benachbarten Kulturen und Gesellschaften, denen die Trennung von Politik und Religion fremd ist oder als Relikte einer nur noch auf wenige Feiertage beschränkten und ihrer ursprünglichen Bedeutung weitgehend entleerten, ehemals umfassenderen religiösen Praxis.

Die Mitglieder jeder Religionsgemeinschaft sind bestrebt, ihre Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen und sei es nur an den ihnen allein zugänglichen Orten. In den durch große Anhängerschaften oder Mehrheiten getragenen Religionen geschieht dies aber in der Regel öffentlich und an einer möglichst prominenten Stelle, an der sich das Wirken des Göttlichen in besonderer Weise manifestiert.

Die heiligen Stätten sind meist besonders hervorgehoben: durch natürliche Gegebenheiten, durch ein Bauwerk, aus dem im Lauf der Zeit ein umfangreicher Komplexe entstehen kann. Sie sind damit Ausdruck einer Gesellschaft oder Kultur und ihres gestalterischen Vermögens. Als Symbole der religiösen Überzeugungen verkörpern sie deren historische Dimension und überliefern sie der Nachwelt.

In den meisten Fällen zeichnen sich solche Orte durch hohe Investitionen der jeweiligen Gesellschaft und einen großen gestalterischen Aufwand aus. Nach außen wird dies von den Bauherren und Stiftern mit dem Respekt vor der Gottheit begründet. Tatsächlich spielt kompetitives Verhalten innerhalb einer Kultur wie auch gegenüber benachbarten Gesellschaften aber eine ebenso große Rolle. Der Schutz der Bauten und Votive, in den Augen der Gläubigen durch die höheren Mächte und praktisch durch das Gemeinwesen, von dem das Heiligtum getragen wird, lassen im Laufe der Zeit ein unvergleichliches Reservoir von historischen Dokumenten entstehen.

Dieser Aufwand ist es, der Orte mit spiritueller Bedeutung für vergleichende Betrachtungen von Kulturen besonders geeignet macht. Fast immer sind derartige Stätten archäologisch nachweisbar, sowohl in prähistorischen wie in historischen Epochen.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit heiligen Orten gehört zu den ältesten Themen der Archäologie. Dennoch ist es bisher nur selten zu vergleichenden Studien der verschiedenen Bereiche der antiken Welt gekommen. Grund hierfür war lange der heterogene Kenntnisstand der materiellen Hinterlassenschaften, insbesondere in Regionen, denen sich die Forschung erst in letzter Zeit zuwenden konnte.

Die äußere Erscheinung der Heiligtümer führt eine stabile und unveränderbare Weltordnung vor und weist dem Besucher einen festen Platz im Verhältnis zur verehrten übersinnlichen Welt zu. Diese Relation betont auch das religiöse Ritual mit seinen festgelegten Verhaltensregeln. Da sich an den heiligen Stätten oft lediglich Spuren der Kulthandlungen erhalten haben, die von der Archäologie mühsam und meist nur lückenhaft rekonstruiert werden können, ist die Zuhilfenahme anderer Informationsquellen, schriftlicher Nachrichten in verschiedenen Formen wie Beschreibungen, liturgischen Texten oder Inschriften besonders wichtig, um das kultische Geschehen möglichst vollständig zu rekonstruieren. Die Zusammenarbeit mit anderen Nachbardisziplinen der Altertumswissenschaften, der Anthropologie und Religionswissenschaft ist an dieser Stelle in höchstem Maße notwendig.

Die Chancen stehen heute gut, mit einem übergreifenden Vergleich derartiger Stätten zu einem tieferen Verständnis der untersuchten Gesellschaften und zu einer Standortbestimmung unserer eigenen Kultur zu kommen.

Ziele und Vorgehensweise

Seit seiner Gründung befaßt sich das DAI mit der Erforschung derartiger Komplexe und kann daher auf eine große Vielfalt eigener Forschungsergebnisse zu diesem Thema zurückgreifen. Die Materialgrundlage des angestrebten Vergleichs liefern eine repräsentative Anzahl wissenschaftlich gut untersuchter Heiligtümer.

Diese Heiligtümer sollen unter thematischen Schwerpunkten, die sich aus der zeitlichen Dimension ergeben, der Genese, der Kontinuität und dem Wandel während ihres Bestehens und schließlich dem Ende der Religionsausübung und dem Funktionsverlust des Ortes betrachtet und verglichen werden. Die Untersuchung des kultischen Geschehens, das den Ort, seine Ausgestaltung und die Kultteilnehmer zu einem Ganzen verbindet, ist ein weiteres übergreifendes Thema, für das ebenfalls die Frage nach seinem Wandel im Laufe der Zeit von grundlegender Bedeutung ist.

Jeder Kult und auch jeder Kultort erhält seine Bedeutung erst durch die Gemeinschaft, die für die Entstehung und die Ausbreitung der Religion verantwortlich ist. Die wenigsten Kultorte behalten ihren Charakter gleichbleibend während ihrer gesamten Existenz bei. Und kein Kult dauert ewig - häufig heißt es: "fortan schweigt der Gott", wie man angeblich in Delphi gesagt haben soll.

Der Cluster versucht, heilige Stätten als Stationen und Ergebnisse von Prozessen zu sehen, d.h. die Etappen des Geschehens in den unterschiedlichen Gesellschaften zu definieren und vergleichenden Studien zu unterziehen.

Veranstaltungen

2006

29.3.-18.6.2006

Ausstellung im Deutschen Hirtenmuseum "Der heilige Mammas- Schutzpatron der Hirten und Herden"
(Kooperation Jutta Stroszeck, Deutsches Hirtenmuseum, Volker Scheunert, M.A.)

2007

Sommer 2006 bis Sommer 2007

Inhaltliche Präzisierung des Forschungsprogramms innerhalb der aktiv teilnehmenden Unternehmungen. Ausrichtung laufender Feldforschungen auf die Fragestellungen des Clusters.

26.-27. März 2007

Konstituierendes Kolloquium des Forschungsclusters
Ort: Deutsches Archäologisches Institut Athen
(Ansprechpartner: Margarete van Ess, Wolf-Dietrich Niemeier, Dietrich Raue, Reinhard Senff)

8. Juni 2007

Arbeitstreffen des Forschungsfeldes 2 "Ende und Neubeginn"
Ort: Institut für Klassische Altertumswissenschaften (Robertinum) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
(Ansprechpartner: Stefan Lehmann)

22. Juni 2007

Arbeitstreffen des Forschungsfelds 4 "Votiv und Ritual"
Ort: Deutschen Archäologischen Institut Berlin, Wiegandhaus - Gartensaal
(Ansprechpartner: Gunvor Lindström, Dietrich Raue, Thomas Schattner)

2008

12. Januar 2008

Arbeitstreffen des Forschungsfelds 3 "Gestalteter Raum"
Ort: Deutsches Archäologisches Institut Berlin - Orientabteilung
(Ansprechpartner: Nils Hellner)

29. September - 2. Oktober 2008

Beteiligung Forschungsfeld 4-4 an der Konferenz "Ritual Dynamics and the Science of Ritual" in Heidelberg

Zweite Hälfte November 2008

Tagung des Clusters 4.2 "Spolisierung und Spolienverwendung in Kultorten"

Die Tagung stellt "Spolisierung und Spolienverwendung" als archäologisch und historisch zu untersuchendes antikes Phänomen in den Mittelpunkt. Neuere Forschungen zu Umnutzung, Weiterverwendung und Zerstörung traditioneller Bauten und Weihgeschenke haben auf die große Bedeutung von Spolien und Spolisierung für das bessere Verständnis von Ende und Nachleben in der Antike aufmerksam gemacht. Zwischen der planvollen Umnutzung von Bauten und dem bloßen Recycling antiker Baumaterialien gibt es eine Fülle von Zwischenformen, in denen Werke der antiken Architektur als Ganzes oder in Teilen überdauerten oder vernichtet wurden. Bedeutete solch ein Umgang mit traditionellen Monumenten prima facie zwar Zerstörung, zumindest der durch sie gestifteten Funktionen und der gestalteten öffentlichen Räume, so bot die Weiterverwendung und Umnutzung solcher identitätsrelevanter Bauten doch auch Bewahrungschancen und neue Gestaltungsmöglichkeiten, wurden die betroffenen Gebäude der zerstörerischen Verwertung doch entzogen. So überdauerten etwa Tempel als Verwaltungsbauten und später auch Kirchen oder Heiligtümer als Domänen. Dieses vor allem für die Spätantike geläufige, historisch bedeutsame und folgenreiche archäologische Überlieferungsproblem wurde noch nicht übergreifend behandelt. Daher sollen in der 'kleinen Tagung' mit etwa 10-12 Referenten typische Verläufe der Überführung und Verwertung des traditionellen antiken Erbes für die Zeit zwischen dem 4. Jh. v. Chr und 7. Jh. n. Chr. exemplarisch behandelt und diskutiert werden.

Ort: Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik, Amalienstraße 73b, 80799 München

Ansprechpartner und Anmeldung: PD Dr. Stefan Lehmann, Prof. Dr. Rudolf Haensch

2009

2. Treffen des Forschungsclusters
"Heiligtümer: Gestalt und Ritual, Kontinuität und Veränderung"
am DAI Kairo, 16.01.-19.01.2009

Im Rahmen dieser Tagung wird ein öffentlicher Vortrag stattfinden:
Prof. Dr. Stephan J. Seidlmayer, Sacred Spaces in Ancient Egypt
Freitag, 16.01.2009, 19.00 Uhr

Programm (PDF, 1.92 MB)

Ergebnisse - Berichte - Publikationen

Andreas Effland, Beschriftete Keramik, in: Ute Effland, Funde aus dem Mittleren Reich bis zur Mamlukenzeit aus Umm el-Qaab, in: MDAIK 62, 2006, S. 138-140.

Andreas Effland, Zwei Skarabäen mit Maximen, in: G. Dreyer et al., Umm el-Qaab. Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof, 16./17./18. Vorbericht, in: MDAIK 62, 2006, S. 126 f.

Andreas Effland, Iuwelot der Libyer - Zwei neue Belege für den thebanischen Hohepriester des Amun aus der 22. Dynastie und ein ungewöhnliches Personendeterminativ, in: E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, S. 59-70.

A. Effland und U. Effland, Mittler zwischen den Welten, in: epoc. Spektrum der Wissenschaft 6/2009, 12-19

Ute Effland, Funde aus dem Mittleren Reich bis zur Mamlukenzeit aus Umm el-Qaab, in: MDAIK 62, 2006, S. 131-150.

Ute Effland, Funde späterer Nutzungsphasen, in: G. Dreyer et al., Umm el-Qaab. Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof, 16./17./18. Vorbericht, in: MDAIK 62, 2006, S. 123-126.

Ute Effland, Das Gottesgrab. Der Gott Osiris in Umm el-Qaab/Abydos, in: Sokar 16, 2008, S. 6-17.

Ute Effland, "Grabe im Zentrum des erstbesten Grabes" - Mittelalterliche Schatzsucher in Abydos, in: E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, S. 71-82.

Irene Forstner-Müller und Dietrich Raue, "Elephantine und Levante", in:E.-M. Engel, V. Müller, U. Hartung (Hgg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, Menes 5, 2008, 127-148.

Peter Kopp und Dietrich Raue, "Reinheit, Verborgenheit, Wirksamkeit - Innen-, An- und Außensichten eines ägyptischen Sanktuars jenseits der zentralen Residenzkulte", in: Archiv für Religionsgeschichte 10, 2008, 25-43.

P. KOPP, Ein Sistrum aus dem Satettempel von Elephantine, in: E.-M. Engel/V. Müller/ U. Hartung (Hrsg.), Zeichen aus dem Sand. Streiflichter aus Ägyptens Geschichte zu Ehren von Günter Dreyer, S. 413-419.

Th. Marksteiner - B. Stark - M. Wörrle - B. Yener-Marksteiner, Der Yalak Başi auf dem Bonda Tepesi in Ostlykien. Eine dörfliche Siedlung und ein ländlicher Kultplatz im Umland von Limyra, Chiron 37 (2007) 243-293.

U. Rummel, Grab oder Tempel? Die funeräre Anlage des Hohenpriesters des Amun Amenophis in Dra' Abu el-Naga (Theben-West), in: D. Kessler et al. (Hrsg.), Texte - Theben - Tonfragmente. Festschrift für Günter Burkard, Ägypten und Altes Testament Bd. 76, Wiesbaden 2009, S. 348-360

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Aktualisiert: 30.11.2009

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