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Totenbrauchtum italischer Kulturen im 8. bis 5. Jh. v. Chr.

Das Totenbrauchtum italischer Kulturen Süditaliens und Siziliens unter den Einflüssen griechischer Kolonien. Eine thanatoarchäologische Untersuchung zur Konstituierung von Identitäten anhand exemplarisch ausgewählter Nekropolen.

Im Rahmen des Forschungsvorhabens gilt es, die Konstituierung von Identitäten vor dem Hintergrund des Fremdkontaktes zu untersuchen. Vorrangig sollen Akkulturations- und Segregationserscheinungen anhand des Totenbrauchtums analysiert werden.

Lage

    
   

Das Arbeitsgebiet des Forschungsvorhabens umfasst die antike Magna Graecia einschließlich Siziliens. Im Zentrum des Interesses steht jedoch nicht das Küstengebiet mit den griechischen Kolonien, sondern das von den italischen Völkern besiedelte Binnenland. Bei der Größe des Arbeitsgebietes müssen regionale Schwerpunkte gesetzt werden, auch um den unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen besser gerecht zu werden. Als Pilotstudie soll das indigene Totenbrauchtum Südostsiziliens anhand exemplarisch ausgewählter Nekropolen untersucht werden.

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Geschichte

Seit dem Ende der Bronzezeit formierten sich verschiedene italische kulturelle Gruppierungen, deren genaue geographische Abgrenzungen trotz Angaben in antiken Schriftquellen nach dem derzeitigen Forschungsstand nicht rekonstruiert werden können. Prägend für Untersuchungszeitraum war die "große griechische Kolonisation", die in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts vor Christus einsetzte und in unterschiedlicher Intensität bis 500 vor Christus andauerte. Der Einfluss der apoikíai auf die italischen Kulturen bestand weiterhin. Im 5. Jahrhundert ist jedoch ein Erstarken letzterer zu verzeichnen. 

Ziele

    
   

Ziel ist es, vorrangig anhand der Grabbefunde ein kulturgeschichtliches Entwicklungsmodell zu erarbeiten. Die Veränderungen der sich im Totenritual manifestierenden kulturellen und sozialen Identitäten der indigenen Bestattungsgemeinschaften - z. B. Alter und gender - sollen vor dem Hintergrund des Kontaktes mit Fremden, den Griechen, nachvollzogen werden. Dabei spielt die Frage nach Akkulturations- und Segregrationserscheinungen eine wichtige Rolle. Als grundlegendes Problem erweist sich die Bestimmung der ethnischen Herkunft der Bestatteten bzw. Bestattenden, da diese von zahlreichen anderen Identitäten und Interessen überlagert und nur in Ausnahmefällen als monolithische Identitäten allesbestimmend sind. So ist eine Unterscheidung "indigener" und "griechischer" Gräber in Süditalien und auf Sizilien aufgrund der zu beobachtenden Tendenzen, gegenseitig - allerdings in unterschiedlichem Umfange - Kulturelemente zu übernehmen, nicht einfach möglich. Hier gilt es, Möglichkeiten und Grenzen am Befund aufzuzeigen.
Die geplante Gegenüberstellung der Veränderungen im Totenritual und im Siedlungswesen der Italiker könnte weitere Aufschlüsse über die eventuell durch Fremdkontakt ausgelösten Entwicklungen ergeben. Bestehen Zusammenhänge zwischen Bestattungswesen und den Siedlungsformen? Geht mit den eisenzeitlichen Zentralisierungsprozessen im Rahmen der griechischen Kolonisation zwangsläufig auch eine Zunahme des Grabluxus einher? Dies sind Fragen, die derzeit auch für früheisenzeitliche Kulturen anderer europäischer Regionen untersucht werden. Ihre Analyse kann im interkulturellen Vergleich zum besseren Verständnis der beobachteten Akkumulations- und Zentralisierungsprozesse in der Mitte des ersten Jahrtausends beitragen, unter anderem auch im südlichen Mitteleuropa und in Teilen Westeuropas. 

Forschungsgeschichte

Die Anzahl der ausgegrabenen griechischen und indigenen Nekropolen Süditaliens und Siziliens ist groß. Zahlreiche Materialeditionen und Arbeiten zu chronologischen Fragestellungen liegen vor. Für einzelne Regionen gibt es bereits Untersuchungen, die den Einfluss der Griechen auf die Grabkultur der indigenen Bevölkerung thematisieren. Es fehlt bislang jedoch an kulturgeschichtlichen Entwicklungsmodellen, die die komplexe Thematik der Konstituierung von Identitäten im Totenritual unter Berücksichtigung der mentalitätsgeschichtlichen Frage nach den Einstellungen der Menschen zum Tod und zu ihren Toten einschließen. 

Methoden

Die vorhandenen Materialeditionen und lokalen Studien sollen überregional auf das Phänomen Akkulturation und Konstitution von Identitäten mit Hilfe des thanatoarchäologischen Forschungsansatzes zu untersuchen. Eine Materialvorlage bislang unpublizierter Befunde und Funde oder eigene Feldforschungen werden nicht angestrebt. Für die Analyse des Totenbrauchtums werden die Erkenntnisse der Ritualistik herangezogen. Mit ihrer Hilfe kann aus dem statischen archäologischen Befund, der durch verschiedene Transformations- und Selektionsmechanismen entstanden ist, besser auf einstige Handlungsabläufe zurück geschlossen werden. Aus semiotischer Perspektive werden die Gräber und die Bestattungsplätze als "kulturelle Texte" beschrieben. Fünf, miteinander in Beziehung stehende und sich ergänzende semiotische Bedeutungsebenen werden dabei vergleichend für die einzelnen Nekropolen betrachtet: 1) Lage des Bestattungsplatzes, 2) innere Struktur des Bestattungsplatzes, 3) Bestattungsform und Grabbau, 4) Grabausstattung unter Berücksichtung des Zustands und der Lage und 5) die Gestalt der Artefakte - Form, Farbe und Verzierung - im Grab. Bei der Analyse der räumlichen Organisation soll die emische Perspektive der historischen Ökologie berücksichtigt werden. Bestattungsform und Grabbau werden nach vereinheitlichten Kriterien der bereits in Grundzügen entworfenen Gräbertypographie aufgenommen. Die Grabausstattung soll vor allem nach ihrer Funktion im Rahmen des Totenbrauchtums untersucht werden. Insbesondere die unterschiedliche Verwendung von verschiedenen Keramiken im Grabkontext scheint für die Identität von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Bei der fünften semiotischen Dimension sollen vor allem ikonographische Aspekte behandelt werden. 

Ansprechpartner

Dr. Kerstin P.  Hofmann M. A.

Prähistorische Archäologie
Telefon: 0039-06-48881461
Telefax: 0039-06-4884973
Email: hofmann@rom.dainst.org
weitere E-Mail Adresse: kerstin_p_hofmann@gmx.de

Förderung

Auslandsstipendium des Deutschen Archäologischen Instituts  

Literatur

- R. M. Albanese Procelli, Sicani, Siculi, Elimi. Forme di identità, modi di contatto e processi di trasformazione (Milano 2003).
- Th. Bargatzky, Die Rolle des Fremden beim Kulturwandel. Hamburger Schr. Kultur- u. Sprachwiss. 12 (Hamburg 1978).
- Ch. Bell, Ritual Theory, Ritual Practice (Oxford 1992).
- S. Brather, Ethnische Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen, Ergbd. RGA 42 (Berlin 2004).
- W. Enninger - Ch. Schwens, Friedhöfe als kulturelle Texte, Zeitschr. Semiotik 11, 1989, 135-181. - R. Leighton, Sicily before history. An archaeological survey from the palaeolithic to the iron age (Ithaca 1999).  

 


 
 

Aktualisiert: 23.10.2007

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